Was fehlt: Ein Redaktionssystem für digitale Magazine

So etwas wie das UPLOAD Magazin auf die Beine zu stellen ist heute mit wenig finanziellem Aufwand möglich – die Werkzeuge sind an sich alle da. Allerdings arbeiten sie in der Regel nicht zusammen und bieten zudem nicht alle Funktionen, die ein wirklich gutes Tool ausmachen würden. Dieser Artikel erklärt, wie ein Redaktionssystem aussehen müsste, mit dem man digitale Magazine erstellt und das zugleich spannend wäre für Newswebsites, Blogs und andere Angebote.

(Foto: © Photocreo Bednarek – Fotolia.com)

(Foto: © Photocreo Bednarek – Fotolia.com)

Was ist ein „digitales Magazin“ überhaupt?

Wenn ich über ein digitales Magazin spreche, dann geht es mir in erster Linie um die Inhalte – wie sie geplant und umgesetzt werden. Hier spielt auch das Design eine Rolle, aber ein „magaziniges Layout“ macht noch kein Magazin.

In der Printwelt unterscheiden sich Magazine von Zeitungen, indem sie eher die großen Zusammenhänge darstellen und beleuchten. Sie können nicht tagesaktuell sein, da sie wöchentlich, 14-täglich, monatlich oder noch seltener erscheinen. Diesen Nachteil nutzen sie bewusst als Vorteil, sich länger und intensiver mit ihren Inhalten beschäftigen zu können.

Das wirkt sich aus…

  • …auf die Themenfindung. Ein Magazin „setzt Themen“ auch ganz unabhängig vom aktuellen Geschehen, weil die Macher es selbst wichtig und relevant finden. Dadurch werden sie zugleich zu Quellen, auf die sich andere beziehen.
  • …auf die inhaltliche Umsetzung. Eine Magazin-Redaktion hat mehr Zeit und nicht selten auch mehr Personal pro Artikel zur Verfügung als beispielsweise eine Zeitung. Hier wird in stärkerem Umfang selbst recherchiert und in Teams zusammengearbeitet.
  • …auf die gestalterische Umsetzung. Es gibt mehr Zeit und Ressourcen, um die Inhalte optisch ansprechend und einzigartig umzusetzen.

Und wie stellt sich das im Digitalen dar? Schauen wir doch einmal auf andere journalistische, nachrichtliche und generell Informationen vermittelnde Angebote im Netz und versuchen uns an einer Abgrenzung.

Ein Blog beispielsweise ist nach klassischer Ansicht eine Seite, die stark von der Persönlichkeit oder den Persönlichkeiten hinter den Kulissen lebt. Es geht um das Fachwissen, die Interessen und die spezielle Sichtweise der Schreibenden. Natürlich kann es auch eine Art Redaktionsplan geben oder mehrere Posts gehören zu einer Serie etc. Das Wesen des Blogs ist aber aus meiner Sicht eher das Ungeplante und Spontane, das direkt aus dem Mitteilungsdrang der Bloggerin oder des Bloggers entsteht.

Eine Newswebsite wiederum ist ein auf Nachrichten spezialisiertes Angebot, hinter dem oftmals eine Redaktion steht. Der Schwerpunkt liegt hier auf Aktualität.

Ein digitales Magazin würde ich deshalb wie folgt beschreiben: Ein Angebot, das Themenschwerpunkte setzt und vorausplant, im Team erstellt und mehr Wert auf Tiefgang denn auf Schnelligkeit und Aktualität legt.

Natürlich kann man alle diese Einordnungen in Frage stellen, sowie Grenzfälle und Gegenbeispiele finden. Es geht mir hier um den überwiegenden Charakter einer Publikation. Natürlich ist so manches Blog einer Newswebsite ähnlich oder wandelt sich vom einen zum anderen im Laufe der Zeit. Oder eine Newswebsite hat neben aktuellen Berichten auch „magazinige“ Inhalte, die vorgeplant, umfangreich und tiefgehend sind.

Es dürfte niemanden überraschen, dass ich das UPLOAD Magazin als digitales Magazin ansehe. Zwar sind wir stark von den persönlichen Ansichten und Einsichten der Autorinnen und Autoren getrieben, aber es steht nicht wie bei einem Blog im Vordergrund. Und zwar haben wir auch Inhalte mit aktuellem Bezug, wir sind aber beim besten Willen keine Newswebsite und wollen das auch gar nicht werden.

Wie erstellen wir das UPLOAD Magazin heute?

Für die Website ist bei uns das allseits beliebte WordPress zuständig.

Für die Website ist bei uns das allseits beliebte WordPress zuständig.

Das UPLOAD Magazin mag nach außen hin als ein einziges Angebot erscheinen, ist hinter den Kulissen aber ein Verbund verschiedener Tools, die teilweise nichts miteinander zu tun haben.

  1. Unsere Website betreiben wir mit WordPress. Das ist bekanntlich ein feines System, um Inhalte im Netz zu publizieren, aber es ist kein Redaktionssystem. Sprich, es gibt von Haus aus keine Möglichkeit, Workflows anzulegen. Dazu gleich noch mehr.
  2. Unsere Apps (iOS, Android) entstehen mit TypeEngine. Das ist ein Anbieter aus den USA, bei dem man gegen eine einmalige Gebühr sowie weitere monatliche Gebühren seine Apps erstellen lassen kann. Hier gibt es ein eigenes Backend, um die Inhalte einzugeben, das aber in keiner Weise mit unserem WordPress-Backend zusammenhängt. Sprich: Hier ist manuelles Copy & Paste angesagt.
  3. Unsere E-Book-Versionen (PDF, MOBI, EPUB) entstehen in Zusammenarbeit mit buch&netz aus der Schweiz. Hier haben wir unser drittes Backend, in diesem Fall wiederum auf Basis von WordPress. Aber auch hier gibt es keine direkte Verbindung, auch hier produzieren wir die jeweiligen Ausgaben per Copy & Paste.

Theoretisch ließe sich das mit entsprechendem Aufwand von Zeit, Geld und Energie in ein simpleres System zusammenführen, bei dem wir sowohl die Apps als auch die E-Book-Versionen selbst in der Hand haben. Dann würden wir uns zwar viel Copy & Paste sparen, aber wir wären trotzdem noch nicht da, wo ich mit einem Redaktionssystem für digitale Magazine gern wäre.

Was ist ein Redaktionssystem?

Übersicht unserer App-Ausgaben (Android, iOS) bei TypeEngine. Es hat keine direkte Verbindung zur Website.

Übersicht unserer App-Ausgaben (Android, iOS) bei TypeEngine. Es hat keine direkte Verbindung zur Website.

WordPress ist einerseits ein System, um Inhalte zu erfassen und zu publizieren, aber es fehlen andererseits von Haus aus wichtige Funktionen eines Redaktionssystems. Wie weiter oben erwähnt, gehören dazu beispielsweise Workflows. Was ich damit meine: In einer Redaktion gibt es Zuständigkeiten, Berechtigungen und einen definierten Arbeitsablauf von der Artikelidee bis hin zum veröffentlichten Beitrag. In einem Redaktionssystem kann man solche Abläufe und Zwischenschritte definieren, Artikel einer Person zuweisen etc. Das gibt es bei WordPress standardmäßig in dieser Form nicht und das macht die Arbeit im Team generell ziemlich unhandlich.

Ehrlich gesagt wundere ich mich immer, dass es hier nicht mehr Aktivität bei WordPress gibt, solche Funktionen aufzunehmen. Schließlich werden Berechtigungen und definierte Workflows nicht nur von Redaktionen gebraucht, sondern auch bei Unternehmen und anderen Institutionen, die eine Website damit betreiben.

Was müsste nun ein Redaktionssystem für digitale Magazine leisten?

Kommen wir nun zum eigentlichen Kern meines Artikels: der Wunschliste für ein Redaktionssystem, das sich speziell an digitale Magazine richtet.

Workflows

Wie weiter oben schon beschrieben, braucht man dringend die Möglichkeit, Arbeitsabläufe abzubilden. Deshalb müsste man für Inhalte Zustände definieren können – von „Idee“ über „Entwurf“ bis „Erste Fassung“, „Fertig zum Publizieren“ bis „Veröffentlicht“ und mehr. Dazu braucht man Rollen und möglichst fein granulierte Zuständigkeiten und Berechtigungen. Das alles sollte einfach zu verstehen und übersichtlich direkt im Backend abgebildet werden.

Ich persönlich würde sogar soweit gehen, schon bei der Ideenfindung und der Planung der Inhalte anzufangen. Also so, dass man mögliche Artikel und Autoren bereits im Backend festhält und dann von dort aus bei Bedarf weiter bearbeitet – bis hin zur fertigen Ausgabe. Aktuell organisieren wir uns hier mit Evernote für die Planung, Slack für interne Absprachen und die gute alte E-Mail für die Kommunikation mit den Autorinnen und Autoren. Zumindest teilweise würde ich das schon sehr gern in ein zentrales System auslagern.

Auf jeden Fall muss das so flexibel gestaltet sein, dass jede Redaktion und jedes Team sich dort seine Abläufe zusammenbauen kann – vom losen Teamblog bis hin zum Magazinverlag.

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Multiplattform

Kein mir bekanntes Redaktionssystem hat bislang auf dem Zettel, dass digitale Welten vielseitig sind. Wir hier bei UPLOAD erscheinen auf der Website, in zwei Apps und in drei E-Book-Formaten. Und wer weiß, was die Zukunft noch bringt. Warum sollte man beispielsweise nicht auch unseren Newsletter gleich mit einbeziehen oder das direkte Publizieren auf Facebook via „Instant Articles“ oder in Apple News?

Das bedeutet einerseits, dass die Plattform im Zentrum so modular und flexibel sein muss, dass es seine Inhalte an verschiedenste Ausgabemedien weitergeben kann. Und das bedeutet andererseits, dass die Macher hinter den Kulissen viele Einflussmöglichkeiten brauchen. Denn es reicht beispielsweise nicht, die exakt gleichen Inhalte einfach in jede verfügbare Plattform zu kippen.

Ein Beispiel sind unsere E-Book-Ausgaben: Hier entfernen wir in der Regel solche Bilder, die nicht direkt fürs Verständnis des Inhalts zuständig sind. Auf der Website und in der App gibt es hingegen Bilder, die illustrativen Zwecken dienen oder den Artikel schlichtweg ansprechender machen sollen. Im E-Book stören Bilder aber oftmals das Layout und damit den Lesefluss. Zudem machen sie die Datei größer. Videos wiederum, die wir auf der Website und in den Apps direkt einbetten können, müssen wir in den E-Book-Versionen verlinken.

Man kann sich jetzt sicherlich darüber streiten, ob diese konkreten Maßnahmen tatsächlich notwendig sind. Aber man kann sich nicht darüber streiten, dass solche und ähnliche Eingriffe auf jeden Fall möglich sein müssen.

Also: Die Inhalte werden zentral erstellt und erfasst. Danach muss man sie anpassen können, um sie auf so vielen Wegen, in so vielen Formaten und so vielen Plattformen wie möglich verteilen zu können. Das Ganze sollte flexibel und modular aufgebaut sein.

Layout

Wie weiter oben beschrieben, gehört bei vielen Magazinen die Verbindung aus Inhalten und ihrer Darstellung direkt zusammen. Das Layout unterstützt idealerweise den Beitrag. Hier bräuchte es bei einem Redaktionssystem eine einfache Möglichkeit, beispielsweise mehr als ein Standardlayout zu haben, Layouts flexibel zu halten und einer zuständigen Person den schnellen Zugriff darauf zu geben.

So wird es bei der Webversion beispielsweise sicherlich den Wunsch geben, „Multimedia-Reportagen“ zu erstellen. „Scrollytelling“ wird das ja auch gern genannt. Zumindest aber sollte es möglich sein, das Aussehen einzelner Geschichten anzupassen. Für die Autoren wäre es dabei perfekt, ihre Inhalte direkt in diesem Layout zu erstellen und nicht in einem abstrakten Backend. Auch hier hat WordPress aus meiner Sicht Nachholbedarf: Das Schreiben macht auf Medium.com auch deshalb so viel Spaß, weil der Artikel direkt entsteht. Man sieht sofort, was man tut und wie es wirkt.

Nutzerverwaltung

Von vornherein vorsehen sollte ein solches Redaktionssystem auch die Rolle der Leserinnen und Leser. So werden manche Redaktionen beispielsweise Kommentare nur nach vorheriger Anmeldung zulassen wollen. Oder statt eines einfachen Kommentarsystems soll die Diskussion mit und unter den Lesern über ein Forum zusätzlich gefördert werden. Nicht zuletzt ist so eine Nutzerverwaltung auch notwendig, um beispielsweise exklusive Inhalte anzubieten oder eine Bezahlschranke einzurichten.

Während gedruckte Magazine allein durch den Verlag und seine Mitarbeiter entstehen, sind bei einem digitalen Magazin die Leserinnen und Leser potenziell Teil des Ganzen. Das sollte bedacht werden.

Bezahlsystem

Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei, dass wir für journalistische Inhalte weitere Einnahmemodelle jenseits der klassischen Bannerreklame im Netz finden. Qualitativ hochwertige Inhalte für eine spitze Zielgruppe lassen sich andernfalls nicht refinanzieren. Insofern werden Sponsormodelle und auch bezahlte Inhalte sowie digitale Abos sicherlich eine Rolle spielen.

Ein Redaktionssystem für digitale Magazine sollte das von vornherein im Blick haben und entsprechende Integrationen anbieten. Wir hatten neulich beispielsweise das Münchner Startup plenigo im Interview vorgestellt: Die bieten eine umfassende Lösung für Bezahlschranken und bezahlte Inhalte an.

Auf diese Weise könnten Redaktion und Verlag schnell und einfach entscheiden, ob sie bestimmte Inhalte nur gegen eine Einmalgebühr anbieten, nur Abonnenten zur Verfügung stellen, für eine bestimmte Zeit kostenpflichtig machen wollen o.ä.

Zielgruppen für ein solches System

Wer bräuchte nun ein solches System? Viele, und ich glaube, es werden in den nächsten Jahren noch deutlich mehr. Wie im Text bereits angedeutet, ist der Begriff des „digitalen Magazins“ fließend und viele genannte Funktionen sind auch für andere Projekte interessant. Jedes ambitionierte Teamblog würde sich beispielsweise über solche Features freuen.

Zur Zielgruppe gehören außerdem natürlich generell alle, die auf einem professionellen Niveau online publizieren wollen. Und das wiederum sind nicht mehr nur Verlage, sondern zunehmend auch Unternehmen. Dem Thema „Digitales Corporate Publishing“ haben wir nicht umsonst eine ganze Ausgabe gewidmet. Firmen publizieren heute teils aufwändige Websites mit aktuellen, lesenswerten und anspruchsvollen Inhalten. Und natürlich brauchen die ein Werkzeug, um sich zu organisieren und wollen über Berechtigungen und eine Hierarchie für saubere Abläufe sorgen. Auch Multi-Plattform Publishing im Web, in Apps und andernorts wird für sie immer wichtiger.

Insofern: Aus meiner Sicht gibt es hier eine spannende Marktlücke mit großem Potenzial.

Ein Kandidat: Press-Room

Das Latterly Magazine wird mit Press-Room erstellt, das wiederum im Kern auf WordPress setzt.

Das Latterly Magazine wird mit Press-Room erstellt, das wiederum im Kern auf WordPress setzt.

An sich sollte es dabei möglich sein, mit WordPress im Kern etwas in dieser Art umzusetzen. Wir beobachten beispielsweise die Entwicklungen bei Press-Room. Das Plugin verspricht, es in ein „multi-channel publishing environment“ zu verwandeln. Aktuell kann man damit seine Inhalte in WordPress erfassen und dann als statisches HTML sowie in eine iOS-App ausgeben. Weitere Zielplattformen sind geplant. Das Projekt teilt sich in eine frei erhältliche Version sowie eine kostenpflichtige SaaS-Variante mit weiteren Funktionen. Laut Roadmap sind hier bis Jahresende beispielsweise auch eine Bezahlschranke und der Einzelverkauf von Ausgaben vorgesehen.

Eingesetzt wird das heute schon beispielsweise vom Latterly Magazine. Wir haben auf unserer To-Do-Liste, uns Press-Room einmal genauer anzusehen sowie mit dessen Machern und dem „Latterly“-Herausgeber Kontakt aufzunehmen. Größter Nachteil aus meiner persönlichen Sicht ist allerdings, dass das Projekt nur auf wenigen Schultern ruht und auch kein Investorengeld zur Verfügung zu haben scheint. Sprich: langsame Entwicklung und ungewisse Zukunft.

Fazit

Wer aktuell ein digitales Magazin auf die Beine stellen will, hat dazu zwar an sich alle Möglichkeiten an der Hand – aber das artet in ein Sammelsurium diverser Tools aus, die auch dann noch nicht alle Wünsche und Bedürfnisse abdecken. Hier ist momentan viel Bastelei und manuelle Arbeit hinter den Kulissen notwendig.

Das hier beschriebene Publikationssystem hingegen könnte sowohl Redaktionen und Blogteams ein nützliches Werkzeug an die Hand geben, als auch neue Magazin-Experimente auslösen.

WordPress könnte eine Basis dafür sein. Das britische Projekt Press Room versucht offenbar etwas in dieser Art zu entwickeln. Das geht schon in die richtige Richtung. Dank des Plugin-Systems kann man die Funktionalität und Erscheinung von WordPress sehr weitgehend anpassen.

Das daraus reslutierende System wäre dabei aus meiner Sicht längst nicht nur für digitale Magazine interessant, sondern könnte sich ebenso für Newswebsites und ambitionierte Blogs eignen.

P.S.: Wir freuen uns sehr über Hinweise auf Lösungen, die den hier beschriebenen Anforderungen entsprechen, ihnen nahekommen oder passend erweitert werden können!

Artikel vom 28. September 2015