Praktische Tipps zum Leben als „Digitalnomade“

Neue Berufsbilder und die Digitalisierung in vielen Branchen machen einen neuen Lebensstil möglich: „digitale Nomaden“. Sie leben dort, wo es ihnen gerade am besten gefällt. Das klingt nach der ultimativen Freiheit. Kathrin Folkendt erklärt in diesem Artikel, wie ein solches Modell funktionieren kann – und welche Fragen man vorab beantwortet haben sollte.

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(Alle Fotos: Kathrin Folkendt)

Heute vor einem Jahr habe ich in einem Coffee Shop im nordthailändischen Chiang Mai gesessen, habe Iced Americano getrunken und vermutlich gerade Blogposts oder Social Media Posts für europäische Kunden geschrieben. Ich war gerade vor wenigen Monaten nach Südostasien gezogen, hatte den ersten “Visa-Run” inklusive Abenteuerurlaub in Laos hinter mich gebracht und auch erste Freundschaften geknüpft. Ich hatte eine Idee, die mich seit der re:publica 2014 verfolgt hatte, in die Tat umgesetzt und die ersten Schritte in ein „Digital Nomad Leben“ in Südostasien gemacht.

Digital Nomad. Der Begriff ist mittlerweile beinahe in aller Munde. Doch was ist das eigentlich? Wer ist das eigentlich? Bemüht man Wikipedia, so bekommt man folgende Antwort:

„Ein Digitaler Nomade (auch: Internet-Nomade; englisch digital nomad, teilweise auch urban nomad) ist ein Unternehmer oder auch Arbeitnehmer, der fast ausschließlich digitale Technologien anwendet, um seine Arbeit zu verrichten und der einen Lebensstil führt, der eher als nicht sesshaft, ortsunabhängig oder multilokal zu bezeichnen ist.“

Okay. Alles klar. Ein Online-Arbeiter also. Die Medien, die mittlerweile immer mal wieder gerne über das verhältnismäßig neue Phänomen dieser Ortsunabhägigen berichten, schreiben oft von Aussteigern, von Goldgräberstimmung und vom Streben nach einem Leben jenseits von „nine to five“. Ein Fünkchen Wahrheit ist da schon dran. Die Motivationen für den Ausstieg oder Umstieg sind vielfältig. Einige suchen das große Geld, andere mehr Lebensqualität und viele einfach nur das große Abenteuer. Ich wollte Inspiration, Abstand vom stressigen Freelancer-Dasein in meiner Heimat Wien, Asien bereisen und nebenbei eben arbeiten. Nicht nur für Kunden, sondern auch mal an Dingen, die mir Spaß machen. Ich wollte schreiben, lernen, neue Ideen haben und auch umsetzen. Und nach mehr als einem Jahr kann ich sagen: Mission Accomplished.

Anschluss finden

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Ich habe das vergangene Jahr hauptsächlich in Chiang Mai verbracht, dem Mekka für Digital Nomads. Viele beginnen ihre Reise, ihr neues Leben, hier. Die Lebenshaltunskosten sind niedrig, viele der unangenehmen Dinge im Leben lassen sich outsourcen, es ist sicher, politisch recht stabil und es gibt eine große Community, die mit Rat und Tat zur Seite steht. Der erste Platz, den Chiang Mai regelmäßig auf Nomad List belegt, ist also durchaus gerechtfertigt. Mehr dazu auch in diesem Artikel bei Spartan Travel. Als weitere populäre „Einsteigerdestinationen“ sind Ubud auf Bali und Ho Chi Min City in Vietnam erwähnenswert. Auch hier haben sich mittlerweile recht aktive Communities herausgebildet, die sich, wie in Chiang Mai auch, um die lokalen Coworking Spaces organisieren. Ist man alleine unterwegs und hat so wie ich gerne Menschen um sich, macht es Sinn, sich gleich zu Beginn in einen solchen einzumieten, um Anschluss zu finden.

Das Thema Freundschaft ist trotzdem manchmal ein schwieriges. Menschen kommen, bleiben eine Weile und ziehen dann weiter zum nächsten Ort – wie es sich für Nomaden eben gehört. Manche trifft man wieder, andere bleiben einem nur per Facebook als Freunde erhalten. Vor allem in den ersten Wochen und Monaten fand ich die ständigen Abschiede schwierig, aber man gewöhnt sich daran. Genau wie an die Hitze, die Klimaanlagen und das thailändische Essen, das für viele europäische Mägen in den ersten Wochen etwas gewöhnungsbedürftig sein kann…

Passives Einkommen oder nicht?

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Als ich mich nach Thailand aufgemacht habe, war ich auf der Suche nach Abenteuer. Ich wollte nochmal im Ausland leben, neu anfangen, sehen wie es ist, verstehen was hinter dem Lifestyle-Porn der Digital Nomads steckte, der mir immer mal wieder in die Timeline gespült worden war. Womit ich mein Geld verdienen würde, war für mich eher nebensächlich, meine Motivation war nicht der Reichtum. Trotzdem habe ich zugegebenermaßen schon immer mal wieder recht interessiert den Ausführungen meiner Freundinnen und Freunde gelauscht, um zu verstehen, woran sie arbeiten und wie diese Business Modelle, von denen es unendlich viele zu geben scheint, funktionieren. Für die meisten heißt das erklärte Ziel „Passive Income“, also ein Geschäftsmodell, das idealerweise ein Selbstläufer ist.

Dafür gibt es einige Beispiele:

Dropshipping

Dropshipping ist eine spezielle Form des E-Commerce, bei der man sich nur um den Verkauf kümmert, die Bestellung dann allerdings direkt vom Produzenten abgewickelt wird. Man ist quasi nur Mittelmann. Ein populärer Kurs ist „Dropship Lifestyle“, der einige die ich kenne, unter anderem Johnny, zum Erfolg geführt hat. Verkauft wird, was nachgefragt wird. Von Kronleuchtern über Küchengeräten bis hin zu Tischtennisplatten war alles dabei.

Affiliate Marketing

Stunden um Stunden hat mein Freund Nick in unserem Coworking Space gesessen und hat Banner für Datingseiten gebaut um am Traffic bzw. dem Umsatz, der daraus entsteht, mitzuverdienen. Mit Erfolg. Gelernt hat er sein Handwerk aus dem „Stack That Money“ Forum. Geld verdienen? Ja. Für sein Business brennen? Eher nein.

Amazon FBA

FBA steht für „Fulfilled by Amazon“. Man lässt die verschiedensten Dinge in China produzieren. Diese werden in Folge direkt an ein Amazon Warenlager geliefert und stehen danach auf der Plattform zum Verkauf. Schritt-für-Schritt-Anleitung gefällig? Hier entlang! Zugegeben: Der Name „Amazing Selling Machine“ ist etwas kitschig, aber der Kurs funktioniert. Während sich viele auf Massenware konzentrieren (Stichwort: Selfie-Stick), fangen andere irgendwann darüber hinaus an, Dinge zu produzieren, die sie schon immer haben wollten. TreeTribe, zum Beispiel, ist genauso entstanden.

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Kindle Publishing

Hat man einmal das Business Modell hinter Kindle Publishing verstanden, so wird man mindestens zwei Mal über jeden neuen Buchkauf nachdenken. Im Prinzip geht es hier darum, zu verstehen, nach welchen Titeln Nachfrage besteht, diese billig produzieren zu lassen und erst nach ersten Erfolgen (Verkäufen) die Qualität des Geschriebenen zu verbessern. Die meisten Bücher werden also von Menschen verfasst, die sich tatsächlich das Wissen um die Nische erst aneignen müssen und so nicht unbedingt Experten in den entsprechenden Bereichen sind. Quantität vor Qualität heißt hier die Devise, denn erst nach einer gewissen Anzahl an gelisteten Titeln wird dieses Business finanziell interessant.

Blogging

Ja, auch die (Travel Blogger) sollen hier nicht unerwähnt bleiben. Conny Biesalski, die mich in ihrem Vortrag auf der re:publica 2014 zum Digitalen Nomadentum inspirierte lebt seit Jahren von ihrem Blog „Planet Backpack“ (Stichwort Affiliate Links) und hat mittlerweile auch einen Kurs am Markt, der den Einstieg in die Materie ermöglicht.

Dazu passt auch dieses Interview mit Sebastian Canaves hier im UPLOAD Magazin. Der Reiseblogger hat mit Connie Biesalski den Vermarkter Transit Media gegründet.

Online Kurse

Frei nach der Devise: Jeder ist Experte in irgendwas, finden sich viele Nomaden als Lehrende auf Udemy wieder, wo sich relativ einfach Kurse zu den verschiedensten Themen erstellen und vermarkten lassen. Beziehungstipps geben, Networking lehren oder Grundkenntnisse im Programmieren vermitteln? Alles ist möglich!

Freelance

Ja, in dieser Kategorie habe ich mich wiedergefunden. Mein Background liegt im Marketing und ich habe mich dafür entschieden, diesen auch im Ausland zu nutzen. Die Freelancer, die ich kennenlernen durfte, arbeiten in den unterschiedlichsten Bereichen: Programmieren, Übersetzen, Schreiben, Editieren, Design, Marketing… Während viele weiter für ihre heimischen Kunden arbeiten, bietet sich für Einsteiger auch Upwork als Plattform an, um an erste Jobs zu kommen.

Remote Work

Es sind zwar noch nicht besonders viele, aber immer mehr Firmen sind bereit, Mitarbeiter unabhängig von ihrem Standort einzustellen. Alle, die also trotz Digital Nomad Lifestyle, nicht auf die Sicherheit einer Anstellung verzichten wollen, sollten Jobbörsen wie RemoteOK oder We Work Remotely im Auge behalten.

Neben diesen populären „Nomad-Jobs“ gibt es natürlich noch einige andere Möglichkeiten. So durfte ich zum Beispiel Mario kennenlernen, der seinen Lebensunterhalt mit Online-Poker bestreitet oder Lydia, die per Chat auf einer Pornoseite ihr Geld verdient.

10 Fragen für „Digital Nomads To Be“

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Vorbereitung ist alles und ich habe daher ein paar Fragen zusammengestellt, die helfen, sich einerseits über die eigenen Wünsche und Pläne klar zu werden, aber auch einige organisatorische Dinge behandeln, die einem den Umstieg in ein Nomadendasein so einfach und angenehm wie möglich machen:

  1. Wo will ich hin? Gibt es eine Traumdestination? Einen Ort, wo Sie schon immer hinwollten? Was ist Ihnen wichtig? Was ist leistbar? Neben NomadList verschafft auch die Lektüre entsprechender einschlägiger Blogs einen guten Einblick in das tägliche Leben an den verschiedenen Destinationen.
  2. Wie lange will ich weg? Ist es ein Abschied auf Zeit? Ein Gap-Year? Oder will ich langfristig so leben?
  3. Wie will ich Geld verdienen? Wie bereits beschrieben, gibt es verschiedenste Möglichkeiten, sich das Leben als Digital Nomad zu finanzieren. Hier ist es meiner Meinung nach wichtig, dran zu bleiben, vor allem, wenn man sich für ein „Passiv Income Business“ entscheidet. Einige werden von den vielen Möglichkeiten überwältigt sein, dann ein bisschen dies probieren, ein bisschen das und im Endeffekt wird nichts davon erfolgreich. Deshalb: Entscheidung treffen, dranbleiben und sich in der Community Hilfe suchen. Dann gibt es auch eine gute Chance, dass es mit der eigenen Unternehmung klappt.
  4. Wie werde ich Anschluss finden? Ich bin eine Verfechterin der Arbeit in Coworking Spaces, verstehe aber auch jene, die die eigenen vier Wände oder Coffee Shops bevorzugen. Wer sich zur letzteren Kategorie zählt, sollte einen Blick in die „Digital Nomad Facebookgruppen“ der verschiedenen Destinationen werfen, um sich über Veranstaltungen zu informieren. Auch auf Meetup.com lassen sich in den größeren Städten immer mal wieder interessante Events finden.
  5. Wo werde ich wohnen? Die Wohnungssuche ist eines der meistgefürchteten Themen vieler, die sich zum ersten Mal auf die Reise machen. Hier kann ich Entwarnung geben: Ja, es ist tatsächlich so einfach, wie es in vielen Blogs beschrieben wird, eine Wohnung zu einem günstigen Preis zu finden. Guest House für die ersten Tage suchen und dann direkt vor Ort umsehen klappt nach meiner Erfahrung wunderbar.
  6. Wie will ich mich fortbewegen? Was wäre Südostasien ohne Scooter? Für mich persönlich unvorstellbar. Empfehlenswert für alle, die das ähnlich sehen, ist es, sich bereits vor Ankunft einen internationalen Führerschein zu besorgen um vor Ort Unannehmlichkeiten zu vermeiden.
  7. Bin ich versichert? Je nachdem, wie die Arbeitssituation aussehen wird, sollte man auch überlegen, wie man es mit dem Versicherungsschutz im Ausland halten möchte. Was deckt die Versicherung ab? Was nicht? In welchen Ländern bin ich versichert?
  8. Brauche ich ein Visum? Es macht durchaus Sinn, sich bereits vor Abreise mit den Visumsbestimmungen im Land der Wahl auseinanderzusetzen um abzuklären, ob Sie noch im Heimatland ein Visum beantragen müssen oder sollten.
  9. Was passiert mit meinem „alten Leben“? Wollen Sie Ihre Wohnung auflösen? Oder doch lieber mal erst nur untervermieten? Verkaufen Sie Ihr Auto? Die Möbel? Oder wollen Sie vorerst doch zur Sicherheit alles einlagern? Ich denke hier kommt es wiederum auch darauf an, wie lange Sie im Ausland bleiben wollen.
  10. Und zu guter Letzt – die meiner Ansicht nach wichtigste Frage: Was sind meine Ziele? Wollen Sie viel Geld verdienen? Abenteuer erleben? Im Job kürzer treten? Reisen? Überlegen Sie sich, was Sie wollen und was Sie sich von der Erfahrung erhoffen. Schreiben Sie es auf und arbeiten darauf hin. Lassen Sie aber auch genug Platz, einfach mal spontan zu sein. Denn oftmals kommt dann doch alles ein wenig anders, als man denkt! Und das ist, wenn ich ehrlich bin, meistens auch gut so.

Artikel vom 28. Dezember 2015