Fakt oder Fake? Wie man Falschmeldungen im Netz entlarvt

Noch nie ging Kommunikation so schnell wie im Internet. Ganz besonders in den sozialen Netzwerken. Der Reiz, eine vermeintliche aufregende, exklusive oder empörende Nachricht eben mal schnell zu teilen, ist groß. Die Gefahr, dabei auf einen Hoax oder einen Fake hereinzufallen aber auch. Das hat sich beispielsweise zuletzt bei den Terror-Anschlägen in Paris gezeigt. Wie Sie es vermeiden können, auf Hoaxes und Fakes hereinzufallen, erklärt dieser Beitrag.

Einige der Accounts, die man auf Twitter bei der Suche nach „Angela Merkel“ findet. Keiner davon ist echt.

Einige der Accounts, die man auf Twitter bei der Suche nach „Angela Merkel“ findet. Keiner davon ist echt.

Pro Minute werden 300 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Dazu kommen hunderttausende Fotos, Tweets, Facebook-Posts und tausende Blogposts. Alles pro Minute. Wie das Universum dehnt sich auch die Content-Galaxie beständig aus. Mit der Schnelligkeit der Publikation steigt aber zugleich die Fehleranfälligkeit. Es gibt genügend Beispiele von Fälschungen, Hacks oder falsche Verdächtigungen. Das war im März 2015 so, im Fall des Germanwings-Piloten Andreas L., als einige Medien das Foto eines gleichnamigen, aber völlig unbeteiligten Mannes veröffentlichten, zum Teil sogar unverpixelt. Das war im November 2015 so, als im Zuge der Anschläge in Paris zahlreiche Falschmeldungen kursierten, auf die wir noch eingehen werden.

Hoaxes und Fakes fallen meist in zwei grundsätzliche Kategorien: falsche Identitäten und falsche Inhalte.

1. Falsche Identitäten

Ein geschmackloser Tweet der FDP? Nein, eine Fälschung.

Ein geschmackloser Tweet der FDP? Nein, eine Fälschung.

Im Netz, speziell auf sozialen Netzwerken, ist es ein Kinderspiel, sich als jemand auszugeben, der man nicht ist. Ein Foto ist schnell geklaut, der Nutzername auch, fertig ist der Fake-Account. Gerade bei prominenten Personen ist das häufig der Fall. So gibt es auf Twitter mehr als hundert Angela Merkels, aber keine einzige davon ist die echte.

Am Tag der Anschläge in Paris twitterte der (inzwischen gesperrte) Account „FDPBundestag“: „#Merkels Willkommenskultur wird heute in Paris beerdigt. Und das ist gut so.“ Als Accountbild war ein FDP-Logo zu sehen. Der Tweet wurde schnell über ein dutzend Mal geteilt und geliked und rief natürlich Empörung hervor. Dabei hätte man anhand eines Klicks auf das Profil leicht sehen können, dass eine Privatperson den Account betreibt. Außerdem fehlte das Logo für einen verifizierten Account: An einem weißen Haken auf blauem Grund ist erkennbar, dass es sich tatsächlich um den Account der prominenten Person oder Institution handelt. So etwas gibt es auch bei Facebook. Die beiden Netzwerke haben in diesem Fall selbst die Identität überprüft. Leider lässt sich das nicht beantragen, Facebook und Twitter machen das nach eigenem Gutdünken. Wenn dieser weiße Haken fehlt, heißt das aber noch nicht automatisch, dass es sich um ein Fake-Profil handelt. Es gibt auch echte Profile, die eben noch nicht von den Netzwerken verifiziert wurden. Manchmal kann eine einfache Google-Suche nach Berichten über einen Fake-Account schon helfen.

Doch es gibt noch weitere Wege, Original und Kopie voneinander zu unterscheiden:

  • Der Nutzername kann ein erstes Indiz liefern: Wenn er erkennbar ironisch ist oder eine hohe Zahl wie „Angela Merkel 23“ hat, ist oft schon klar, dass hier ein Spaßvogel am Werk ist.
  • Das gleiche gilt für unvorteilhafte Profilfotos. Die PR-Berater von Promis achten immer auf ansehnliche, gut inszenierte (Profil-)Fotos.
  • Die Selbstbeschreibung eines Profils kann verräterisch sein, aber auch ganz sachlich.

Selbst der Link entlarvt einen Fake-Account noch nicht eindeutig. Ein falscher Account kann ja immer noch den Link zur richtigen Website setzen. Hier lohnt der umgekehrte Check: Gibt es auf der Website von www.bundesregierung.de einen Link zum entsprechenden Social-Media-Profil? Aber selbst eine Website kann man fälschen. Falls es hier Zweifel gibt, lohnt eine „Who-Is“-Abfrage, d.h. eine Auskunft, wer eine Website registriert hat. Für .de-Domains ist www.denic.de zuständig. Für andere Domains gibt es internationale Who-Is-Anbieter wie www.whois.net. „Who-Is“-Abfragen sind besonders sinnvoll bei Top-Level-Domains, die keinerlei Rückschlüsse auf das Ursprungsland zulassen wie etwa .com.

Solche Anfragen lohnen vor allem dann, wenn die Webadresse bzw. die Länderkennung (Top Level Domain) verdächtig ist. Wenn etwa eine Seite über deutsche Waffen nicht hierzulande, sondern in Mittelamerika gehostet ist, wirft das Fragen auf. Ein prominentes Beispiel ist die Emotions-Nachrichtenseite www.heftig.co. .co ist zwar die TLD für Kolumbien, kann jedoch auch für kommerzielle internationale Seiten genutzt werden – wie im Falle von heftig.co. Hier kam erst nach wochenlanger Recherche heraus, dass zwei Deutsche hinter der urheberrechtlich problematischen Seite stecken.

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2. Falsche Inhalte

Es gibt natürlich auch Fälle, in denen nicht die Prominenz des Absenders im Mittelpunkt steht, sondern der Inhalt brisant oder interessant ist. Wie erkenne ich nun, ob der Absender eine vertrauenswürdige Quelle ist und die Inhalte stimmen? Auch hier lohnt ein Blick auf die Profilinformationen. Jede weitere Information über den Absender ist wertvoll:

  • Hat er eine eigene Website, ein Blog, Profile in sozialen Netzwerken?
  • Wer steht dort jeweils im Impressum?
  • Steckt eine Organisation oder eine Lobby dahinter? Wenn ja, welche?
  • Geben diese Präsenzen ein stimmiges Gesamtbild, sprich: Ist ein inhaltlicher Schwerpunkt und eventuell eine Expertise erkennbar?

Wenn ein Post nach einer breaking news klingt, thematisch aber gar nichts mit dem sonstigen Schwerpunkten zu tun hat, ist Vorsicht geboten. Das gleiche gilt, wenn ein Profil sehr jung ist und gleich mit Insider-Informationen aufwartet. Hier liegt der Verdacht nahe, dass das Profil eigens geschaffen wurde, um Falschinformationen zu verbreiten.

Aufschlussreich kann ein Blick auf die Gefolgschaft des Accounts im jeweiligen sozialen Netzwerk sein. Hat er sehr viele oder sehr wenige Follower? Noch wichtiger: Folgen ihm bekannte und verifizierte Accounts? Natürlich ist das keine Garantie, aber es ist doch unwahrscheinlich, dass gleich mehrere arrivierte Accounts einem unseriösen Account folgen.

Manche Menschen nutzen bei ihren Posts die Geolokalisierungs-Funktion, das heißt, es ist sichtbar, von wo der Post abgesetzt wurde. Wenn nun jemand in einem Tweet behauptet, er sei Augenzeuge einer Demonstration in Köln gewesen, der Tweet aber aus Dresden kommt, kann was nicht stimmen. Auch über Angaben zur (Uhr-)Zeit und zum Wetter kann man gegebenenfalls auf Ungereimtheiten stoßen.

Dann gibt es immer wieder Beispiele für die Kategorie „Klingt zu schräg, um wahr zu sein“. Anfang November machte eine App namens „Rumblr“ die Runde, mit der man sich angeblich zu Straßenschlägereien verabreden konnte, die dann für geneigte Zuschauer auf einer Karte angezeigt wurden. Zahlreiche US-Medien berichteten darüber. In einem solchen Fall ist gesundes Misstrauen angeraten. Wer sich nicht die Mühe machen will oder kann, das selbst zu hinterfragen, sollte zumindest nicht dem Reiz erliegen, solche Nachrichten sofort zu teilen. Manchmal hilft schon eine Suche nach dem Thema und dem Zusatz „Hoax“ oder „Fake“. Oder man fragt seine Timeline, ob es schon Hinweise auf Hoax-Alarm gibt – die im Fall „Rumblr“ dann auch schnell kamen: Das Ganze entpuppte sich als Marketing-Gag.

rumblr-fake

Auf Rumblr für Straßenkämpfe verabreden? Klingt zu abgefahren, um wahr zu sein. War auch nicht wahr.

Gefälschte Bilder und Videos

Hand in Hand mit „Klingt zu schräg, um wahr zu sein“-Fällen gehen gefälschte Bilder und Videos. Fotos sagt man eine hohe Beweiskraft nach, obwohl jeder, der Photoshop kennt, weiß, wie leicht sich Bilder manipulieren lassen. Schon Josef Stalin ließ seinen Rivalen Leo Trotzki aus Bildern weg retuschieren. Im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung gibt es noch ungleich mehr Möglichkeiten. Wir können hier nicht in die Foto- und Videoforensik einsteigen, in der Regel wird man nach Manipulationsspuren suchen wie etwa Verpixelungen, Retuschierungen, unnatürlich wirkenden Schnitten oder Licht-Schatten-Ungereimtheiten.

Manchmal kommt es vor, dass zwar Fotos und Videos echt sind, aber an einen anderen Ort oder in einen anderen Zusammenhang verlagert werden. Im vergangenen Jahr veröffentlichten pro-russische Separatisten aus der ukrainischen Donbass-Region das Foto eines weinenden Mädchens, das vor einer verletzten, möglicherweise toten, Frau liegt. Titel: „Stop killing Donbass people“. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Foto aus dem Spielfilm „Sturm auf Festung Brest“ stammte.

Bei den Pariser Terroranschlägen wurden Bilder aus dem Konzert der Eagles of Death Metal im Bataclan-Theater gepostet, die tatsächlich aber aus dem Konzert der Band ein paar Tage zuvor in Dublin stammten. Zudem kursierten Bilder und Vine-Videos vom Eiffelturm, dessen Beleuchtung angeblich in Gedenken der Opfer ausgeschaltet worden sei. Die Bilder waren aber vom Januar, als dies im Zuge der Attentate auf das Satiremagazin Charlie Hebdo geschah. Außerdem wird die Beleuchtung des Eiffelturms jede Nacht um 1 Uhr ausgeschaltet.

Wenn man bei solchen Bildern Zweifel hat, empfiehlt sich eine umgekehrte Bildersuche, mit der sich ermitteln lässt, wer ein bestimmtes Bild zuerst hochgeladen hat. Tools hierfür sind Google Reverse Image Search oder Tin Eye.

Es kann jedoch auch passieren, dass ein richtiger Account eine gefälschte Meldung absetzt – falls er gehackt wurde. Das ist einmal der Nachrichtenagentur AP passiert. Der offizielle Twitter-Account @AP schrieb im März 2013: „Breaking: Two Explosions in the White House and Barack Obama is injured“. Die Falschmeldung sorgte für einen Kurssturz des Dow Jones, ehe AP innerhalb von Minuten klarstellte, dass der eigene Twitter-Account gehackt worden war. Auch das Weiße Haus dementierte umgehend.

Bitte nicht unreflektiert teilen!

Natürlich ist nicht jede Falschmeldung gleich leicht zu entlarven. Mit wenigen Klicks lassen sich jedoch zumindest Plausibilitätschecks anstellen: Wer ist der Absender, gab es das Bild schon mal, können Zeit und Ort stimmen? Die wichtigste Frage ist immer die nach der ursprünglichen Quelle. Drum sollten Sie vor jedem Teilen überlegen, ob der Inhalt wirklich plausibel ist. Auch und gerade, wenn es eine neue, akute und unübersichtliche Nachrichtenlage gibt, sollten Sie nicht der Verlockung des schnellen, unreflektierten Klicks auf den Share-Button erliegen. Das gleiche gilt bei besonders skurrilen Meldungen, die zu schräg klingen, um wahr zu sein. Meistens sind sie es nicht. Mit gesundem Menschenverstand kann man es oft vermeiden, auf Fakes hereinzufallen. Die dafür benötigte Zeit ist gut investiert, wenn man einer Blamage vorbeugen möchte.

Weiterführende Links:

Artikel vom 11. Januar 2016