Tipps aus der Praxis: Live-Videos ohne Teleprompter-Rhetorik 

Unternehmen, Verbände, Messeveranstalter und Konferenz-Anbieter vergeben viel zu oft gute Möglichkeiten, wenn es um die Video-Kommunikation geht. Dabei bieten gerade Live-Videos eine gute Chance, seine Botschaft zu vermitteln. Gunnar Sohn hat in diesem Artikel einige wesentliche Tipps aus der Praxis für Sie parat. Eine Anleitung mit vielen Anregungen für die ersten Gehversuche.

(Foto: Sergio Alejandro Ortiz, Unsplash)

(Foto: Sergio Alejandro Ortiz, Unsplash)

Mit Livestreaming-Diensten wie Periscope lassen sich kinderleicht Videos produzieren und das ohne großen technischen, finanziellen, zeitlichen und organisatorischen Aufwand: Man startet mit dem Smartphone die App, drückt auf „Senden“ und schon geht die Übertragung los. In der Regel liegen die Aufnahmen danach direkt als Konserve vor, ohne die eigene Mediathek in Anspruch zu nehmen und wertvollen Speicherplatz auf den mobilen Geräten zu blockieren. Zudem muss man diese Videos dann auch nicht mehr hochladen.

Der Charme solcher Spontan-TV-Applikationen liegt somit in der Schnelligkeit. Sie bieten außerdem Echtzeitkommunikation mit der Chance zur Interaktion: live, ungeschminkt, ohne Teleprompter und aufwändige Postproduktionen.

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YouTube Live und Hangout on Air

Wer Konferenzschaltungen mit Livestreaming-Diensten übertragen möchte, also beispielsweise Roundtable-Gespräche mit Experten an unterschiedlichen Standorten, ist mit dem Google-Dienst Hangout on Air nach wie vor gut versorgt. Inzwischen ist diese Technologie nicht mehr an die Plattform Google+ gekoppelt. Jetzt muss man das stattdessen über den eigenen YouTube-Kanal organisieren: Auf die Funktion Video-Manager gehen, auf der linken Seite den Reiter „Livestreaming“ auswählen, dann auf „Events“ drücken und auf der rechten Seite den Button „Neuer Livestream“ aktivieren.

Dann erscheint, wie früher, der YouTube-Webplayer mit Titelzeile, Kalender zur Vorplanung, Beschreibungsmöglichkeit des Events und Keywords/Tags zur Suchmaschinen-Optimierung. Allerdings darf man nicht vergessen, unter „Typ“ die Rubrik „Schnell  per Google Hangouts On Air“ auszuwählen.

Vorteil gegenüber YouTube Live in der Standardversion: Man braucht keine externe Codierungssoftware. Einige dieser Programme kosten bis zu 500 Euro. Das Produkt Open Broadcaster Software ist zwar kostenlos, benötigt aber ein wenig Übung, um gute Live-Übertragungen hinzubekommen. So muss man an den Einstellungen feilen, um bei der Signalbearbeitung die Lippensynchronisation hinzubekommen.

Generell sind die Livestreaming-Apps auf Smartphones und Tablets für spontane Stimmungsberichte, schnelle Sendekritik wie bei heute+ oder Making-of-Einblicke exzellent einsetzbar. Hangouts on Air und YouTube Live punkten bei der nachhaltigen Wirkung von Ereignissen – linear gesendet mit einem Live-on-Tape-Effekt, da beim Start des Livestreams sofort der virtuelle Rekorder auf YouTube anspringt und die Konserve schon während der Ausstrahlung angelegt wird. Wer als Zuschauer einen Hangout verspätet anklickt, kann zurückspulen und danach wieder in den Live-Modus zappen.

Mit einem Laptop, vernünftigen USB-Mikrofonen oder einem Audio-Interface wie das Scarlett 2i2 von Focusrite (Affiliate-Link) für XLR-Mikrofone, einer externen Webcam, guter Beleuchtung und schnellem Internet ist das Livestreaming- Studio für unterwegs innerhalb von zehn Minuten aufgebaut.

Facebook Live

Als unschlagbare Interaktionsmaschine erweist sich mittlerweile der Livestreaming-Dienst von Facebook. Für Mark Zuckerbergs Unternehmen ist das ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg hin zum Echtzeit-Netzwerk.

Die Möglichkeit, live Fragen und Meinungen abzugeben und direkt Antworten zu bekommen, sorgt für ein Vielfaches an Kommentaren. Die Zuschauer bleiben im Schnitt dreimal so lange im Film wie bei aufgezeichneten Videos. Zudem werden die Live-Videos häufiger bildschirmfüllend und mit Ton angesehen. Entsteht dadurch ein digitales Panoptikum an Banalitäten, wie es Gizmodo-Autorin Ashley Feinberg behauptet? Sie meint damit Alltagsgeschichten wie die Lachattacke von Candace Payne aus Dallas, die in ihrem Auto den Kauf eines Star-Wars-Fanartikels im Livestream abfeiert. Sie setzt sich eine Chewbacca-Maske mit dem typischen Brüllgeräusch des wuscheligen Kinohelden auf und betört die Zuschauer mit Freudentränen und einem minutenlangen Lachanfall. 160 Millionen Aufrufe machten das Stück zu einem Renner auf Facebook. Ist das profan, belanglos, überflüssig, nervig und eine Aufforderung zum Wegklicken? Weit gefehlt. Es ist der Ausdruck purer Lebensfreude – ohne Teleprompter-Regie und auswechselbare Marketingbotschaften aus einer anonymen Schreibfabrik.

Lesetipp: Johannes Lenz vergleicht in seinem Artikel die wesentlichen Video-Plattformen im Social Web und erklärt Ihnen die jeweiligen Stärken und Schwächen von YouTube, Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat.

Inhalte und Erfahrungen

Wie unterschiedlich YouTube und Facebook funktionieren, erlebte ich in der Meistermacher Morningshow, die ich während der Fußball-Europameisterschaft fast täglich live übertragen habe – im ersten Teil via Facebook Live, im zweiten Teil über Hangout on Air. Die Reaktionen auf Facebook sind in ihrer Intensität nicht zu überbieten. Ist auch kein Wunder: Das Livestreaming-Geschehen spielt sich in der eigenen Timeline ab und erreicht schneller die Facebook-Community. Nutzt man während der Übertragung ein zweites Gerät, kann man neben der Videoübertragung außerdem schriftlich auf Kommentare reagieren, Hinweise posten und auf andere Seiten verlinken.

Wer auf Mitmachkultur setzt, kommt aus meiner Sicht an Facebook Live nicht vorbei.

Wer auf Mitmachkultur setzt, kommt aus meiner Sicht an Facebook Live nicht vorbei. So konnte ich bei einem Facebook-Workshop der Deutschen Rheuma-Liga in Frankfurt von meinen noch sehr frischen Erfahrungen mit der Morningshow berichten und mit den ehrenamtlich tätigen Redakteuren der Facebook-Seite einige Experimente mit Live-Videos wagen. Was wir da aus dem Stehgreif produzierten, hat meine eigenen Erwartungen übertroffen. Mitmachkultur, Berichte von Betroffenen, Fragen zur Selbsthilfe, Hinweise auf Kontaktbörsen, Ernährungstipps, Therapiemöglichkeiten, Aufklärung über die Dimension der Rheumaerkrankungen, Rentenfragen, Hinweise auf die große Zahl an Patienten im Kindes- und Jugendalter, Schwierigkeiten bei der Diagnose – all das löste die Livestreaming-Session in den Kommentaren aus. Das lief ohne Ankündigung, ohne werbliches Gemurmel und ohne strategische Vorplanung. Der direkte Dialog mit Menschen zählt, unterstützt von unschlagbaren Netzwerk-Effekten.

Reizvoll ist eben besonders das Unperfekte beim Livestreaming – ohne teures Profi-Equipment. Es gleicht der Improvisationskunst von Jazz-Musikern, schreibt Umberto Eco. Es werden Bilder erzeugt und zur Ansicht gebracht ohne die Möglichkeit der Wiederholung. Als Operator stürzt man sich in ein Gestaltungsabenteuer. Es geht um Zufall, Handlung und Überraschungen, wie beim Social-TV-Konzept, das ich für den Kundenkongress „IBM BusinessConnect“ realisiert habe. Wenn dort etwa brandeins-Autor Wolf Lotter Empfehlungen für das Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft gibt, die sich deutlich abheben von den Digitalisierungsstrategien der Unternehmen. Klar und unverblümt äußerten sich Sascha Pallenberg von Mobile Geeks und der Analyst Axel Oppermann zur Allianz von IBM und Apple. So etwas bekommt man nicht hin, wenn ausschließlich mit Drehbüchern und gebauten Beiträgen gearbeitet wird.

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Wesentliche Praxistipps

  • Jeder Stream braucht eine packende Beschreibung dessen, was die Zuschauer erwartet.
  • Wer von unterwegs filmt, sollte im 4G-Netz sein.
  • Wenn während der Übertragung Kommentare eingehen: Am besten noch während der Sendung darauf reagieren – und die Kommentatoren mit Namen ansprechen. In jeder Sendung darauf hinweisen, um das Publikum aufzubauen.
  • Live-Videos sollten mindestens zehn Minuten lang sein – und je länger sie auf Sendung sind, desto mehr Publikum können sie anziehen – die Höchstdauer beträgt 90 Minuten.
  • Übertragungen sollten nicht einfach abrupt enden, sondern ein sauberes Ende haben: Jede Übertragung mit einem klaren Schlusssatz beenden und dann einen Augenblick warten, bevor der Stoppknopf gedrückt wird.
  • So oft wie möglich live gehen und mit verschiedenen Formatideen experimentieren – so bleibt der Kanal für die Zielgruppe spannend.

Siemens hat das in einem Doppel-Livestream mit Periscope und Facebook Live ausprobiert – sozusagen auf den Spuren der Meistermacher Morningshow. Allerdings viel zu kurz und ohne Interaktion. Dann kann man so etwas auch aufzeichnen.

Typische Fehler vermeiden

Seine Livestreaming-Aktivitäten muss man dabei auch auf die unterschiedlichen Dienste anpassen. Und hier gilt es einige typische Fehler zu vermeiden:

Kaum in Formaten denken

Die Zuschauer brauchen einen roten Faden, der immer wieder erkennbar sein muss. Wenn Sie Tutorials und Reportagen und Interviews machen, dann sprechen Sie jeweils eine andere Klientel an. So etwas sollte besser auseinander gezogen werden. In den Formattiteln muss außerdem die Programmatik der Live-Übertragungen ablesbar sein. Beispiele: „XY-Experten-Roundtable“, „Tech-Talk – Wir stellen unsere neuen Produkte vor“, „#FragdenVorstandschef“, „Messegeschehen live“, „Neues aus dem vernetzten Kuhstall – Tipps für Landwirte“, „Die virtuelle Bierprobe“.

Vorankündigung vernachlässigen

Bei Ereignissen, die Sie im Voraus planen können, sollte Sie die Zeit für Ankündigungen nutzen. YouTube und mittlerweile auch Facebook bieten die Option, einen Livestream eine Woche vorher einzurichten. Mit dem Link zum Livestream und dem so genannten iFrame-Code zum Einbetten des Webplayers auf anderen Websites oder Blogs gibt es sinnvolle Instrumente, um die Aufmerksamkeit auf die Videoübertragungen zu steigern. Via Hangout on Air kann man übrigens Sendungen einige Monate vorher schon aufsetzen – etwa Jahreskongresse, Messeauftritte oder Workshops. Bei den Spontan-Übertragungen mit mobilen Apps empfiehlt sich der Einsatz eines Teasers für Vorankündigungen, auch wenn die Vorlaufzeit knapper bemessen ist.

Netzwerk-Effekte links liegen lassen

Bei einer Fachrunde mit mehreren Experten sollten Sie die Netzwerkstärke jedes Teilnehmers nutzen. Für die Käsekuchen-Diskurse vom Netzökonomie-Campus formulieren wir im Vorfeld Thesenpapiere, berichten über die Thesen in Blogs, auf Facebook, Medium.com, LinkedIn Pulse, überlegen Hashtags für Twitter, kuratieren Fragen und Debattenbeiträge für die Moderation, erläutern für den Sendetermin die Möglichkeiten für Interaktionen und begleiten die Liveübertragungen mit Tweets und Facebook-Postings. Je früher und intensiver das praktiziert wird, um so besser laufen die Videobeiträge.

Liveübertragungen sollten auch Live-Charakter haben

Wer mit vorgefertigten Fragen arbeitet, Antworten nach Drehbuch präsentiert und sogar die Begrüßung vom Teleprompter abliest, kann meiner Meinung nach auf Livestreaming verzichten. Live-TV im Netz lebt von der Spontanität. Glattgebügelte Video-Beiträge gibt es schon genug. Thematisch sollte der Anbieter von Livestreaming-Formaten gut vorbereitet sein. Aber beim Briefing der Teilnehmer darf es nicht zum Autorisierungswahn kommen. Regel: Es gilt das gesprochene Wort.

Weitere typische Fehler in aller Kürze:

  • Nachrichtenwert nicht vorhanden.
  • Der Kontext des Einsatzes von Livestreaming-Diensten wird nicht bedacht.
  • Interaktionen bei mobilen Apps bleiben auf der Strecke.
  • Nachberichte erfolgen nicht zeitnah zum Event.
  • Es gibt keine Selbstläufer-Wirkung im Netzwerk.
  • Andere greifen das Geschehen nicht auf, da das Ganze zu werblich gestrickt wird.

Zum Schluss einige Technik-Tipps

Ausreichende Beleuchtung

Ein wichtiger Aspekt ist die Beleuchtung. Selbst mit guten Leuchten kommt man nicht gegen direktes Sonnenlicht an, das den Protagonisten durch ein Fenster von hinten bescheint. Damit sind nahezu alle Kameras überfordert. Besser ist es, sich um neunzig Grad zu drehen und sich die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Aber auch das ist suboptimal, sollte sich sehr schnell eine dicke Gewitterwolke vor den „kostenlosen Scheinwerfer“ schieben. Optimal ist es, sich mindestens zwei Softboxen anzuschaffen, die den Teilnehmer von schräg links und rechts ordentlich ausleuchten. Bei den Softboxen ist darauf zu achten, dass sie Licht im Bereich des natürlichen Tageslichtes erzeugen. Das liegt zwischen 5300 und 6500 Kelvin, so der Rat von Hannes Schleeh, mit dem ich die Sendung Bloggercamp.tv produzierte.

Guter Ton

Bei Liveübertragungen von Vorträgen oder Diskussionsrunden via Laptop bewährt sich der Einsatz eines Audio-Interface, um leistungsstarke Mikrofone anschließen zu können. Je größer die Runde ist, desto mehr Anschlüsse benötige ich am Audio-Interface. In der Regel reichen zwei bis vier Zugänge für XLR-Mikrofone. Läuft die Übertragung über einen Verstärker, gibt es Adapter, die sich mit dem Laptop verbinden lassen, um den Ton direkt vom Verstärker zu beziehen.

Für mobile Einsätze mit dem Smartphone gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Mikrofonen, die sich direkt an das Gerät anschließen lassen. Bei einer Selfie-Aufnahme reicht ein Headset, um störende Geräusche in der Umgebung zu unterdrücken.

Kamera mit USB-Schnittstelle

Wer die Liveübertragungen über den Laptop organisiert, sollte sich eine externe Webcam mit USB-Anschluss in Full-HD-Qualität zulegen. Die gibt es schon für 50 Euro.

Insgesamt liegen die Investitionen für die von mir vorgeschlagene Livestreaming-Ausrüstung bei unter 500 Euro. Meine Faustregel: Es sollte alles in einen Rucksack passen. Wer High-End-Qualität anstrebt, erhöht die Fehlerquote beim Bedienen der Geräte und schießt mit Kanonen auf Spatzen. Das Ganze sollte alltagstauglich und schnell einsetzbar sein. Bei besonderen Anlässen, wie der Übertragung einer Hauptversammlung, empfiehlt sich die Beauftragung eines externen Dienstleisters.

Die richtige Ausrüstung finden

In einem UPLOAD-Artikel von Martin Glanert erfahren Sie übrigens noch mehr über die technische Seite des Mobile Livestreaming. Darin finden Sie auch einen kostenlosen Download mit Tipps zur richtigen Ausrüstung.

Artikel vom 16. Dezember 2016