Gedruckt, gesammelt, gesichert: Blogs als Zeitungen, Magazine, Bücher

Laut Technorati werden jeden Tag knapp eine Million Blogposts veröffentlicht. Viele davon sind sicher nur für einen kleinen Leserkreis von Interesse – wenn überhaupt. Manches Lesenswerte wiederum wird bereits von Zehntausenden gelesen. Dazwischen aber gibt es eine weitere Gruppe: Interessant und wertvoll und doch davon bedroht, in diesem schier grenzenlosen Informationsstrom unterzugehen. Eigentlich logisch, dass jemand die schönsten Stücke herausschöpft und irgendwie bewahren will – ob nun in einer digitalen „Blogbibliothek“ oder als gedrucktes Werk. Es gibt bereits einige spannende Beispiele. Demnächst gibt es in den USA gar gedruckte Blogs als Tageszeitung.

Blogposts in der digitalen Bibliothek: Blogbibliothek.ch

Screenshot der Blogbibliothek

Es gibt Blog-Einträge, die mit sprachlicher Sorgfalt bis hin zu literarischem Können geschrieben sind: man möchte seine Nase in sie stecken wie in ein aufgeschlagenes Buch, das einladend in einer Bibliothek liegt. Solche Texte sollen für dieses Portal gefunden und vorgestellt werden.

So erklärt die neueröffnete Blogbibliothek aus der Schweiz sich selbst. In den Rubriken Meinung, Erzählung, Reflexion und Humor gibt es hier eine Menge zu entdecken. „Dieses Portal soll nicht zuletzt jene Blogs unterstützen, in denen die BetreiberInnen ihre Energie in nichts Anderes so sehr stecken wie in den einzelnen Text, mit Sorgfalt zum jeweiligen Thema, aber auch zur Sprache“, ist unter dem Punkt „Philosophie“ nachzulesen.

Ein toller Ansatz, den ich voll und ganz unterstützen möchte. Denn entgegen der durch wenig Fachkenntnis getrübten Meinungen der Internet- und Blog-Skeptiker gibt es in der Blogosphäre viel Gutes zu entdecken, gerade auch für Leute, die auf sprachliche Gewandtheit wert legen.

Die Schweizer Blogbibliothekare sagen außerdem, dass sie sich dabei nicht scheuen, „uns hier veröffentlichte Texte auch zwischen Buchdeckeln vorstellen zu können, oder als Beiträge einer öffentlichen Bloglesung“.

Was zum nächsten Thema überleitet: gedruckte Blogs.

Blogposts als Magazin: „analog“

Screenshot der Website des analog magazins

Ein spannendes Beispiel war vor fast einem Jahr die erste Ausgabe des „analog-Magazins„. In einem gelungenen Layout gibt es unter dem Thema „privat“ eine Menge spannender Texte, Kommentare und auch Interviews rund um das Thema Privatsphäre zu lesen. Ich hatte das Magazin gerade wieder in Händen und bin von der ganzen Aufmachung noch immer begeistert. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich erfuhr, dass es bei der einen Ausgabe nicht bleiben soll. Ich hoffe sehr, dass alle Beteiligten die Zeit dafür finden – und Unterstützer, die mit Rat, Tat und vor allem Geld zur Seite stehen. Ich drücke die Daumen.

Denn auch wenn man denkt: Ist doch alles online, wozu auf Papier drucken? Muss man sagen, dass ein professionell gestaltetes Magazin einfach etwas anderes ist als eine Sammlung von Links. Natürlich könnte man die abgedruckten Beiträge auch einfach im Netz lesen. Klar. Aber das hat aus meiner Sicht nicht den gleichen Effekt.

Das Magazin ist nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich gestaltet. Die Artikel sind handverlesen und es gibt eine innere Dramaturgie. Hinzu kommt die Anmutung des Papiers, die in diesem Fall sehr gut eingesetzt wurde.

Inwiefern ein solches doch sehr intellektuelles Magazin eine Chance auf dem Markt hat, muss man sehen. Da kann man angesichts der Lage in der Wirtschaft und in der Medienbranche durchaus skeptisch sein. Andererseits sehe ich es vor allem als ein Beispiel dafür, was man machen kann. Ähnliches ließe sich auch mit ganz anderen Themen umsetzen.

Exkurs: MagCloud, Print-Magazin selber machen

MagCloud: How to Make a Magazine

Interessant ist, dass mit MagCloud vor einiger Zeit ein interessanter Dienstleister aufgetaucht ist – leider zunächst nur in den USA. Über ihn kann man sich tatsächlich sein Magazin drucken lassen. Da das Digitaldruckverfahren genutzt wird, bleibt man dabei nicht auf einer Auflage von mehreren tausend Stück sitzen, die man eventuell auch noch lagern und verschicken muss. Es werden nur kleine Stückzahlen gedruckt, je nach Bedarf, und von MagCloud auch verschickt.

Nachteil der Geschichte ist, dass der Druck in dieser Form pro Stück erheblich teurer ist, als wenn ich es auf herkömmlichen Weg drucken lasse. Allerdings sollte man nicht die reinen Stückzahlkosten vergleichen, sondern die Gesamtkosten. Gerade bei kleinen Projekten könnte MagCloud da eine interessante Spielwiese werden.

MagCloud hatte ich mir schonmal angesehen und bei UPLOAD darüber geschrieben: „MagCloud: In sieben Schritten zum eigenen Print-Magazin„. Darin rechne ich auch vor, was ein so gedrucktes Magazin für die Leser kostet und was man als Macher dabei einnimmt.

Blogposts als Zeitung: „The Printed Blog“, „Things Our Friends Have Written“

Screenshot der Website des Projekts "The Printed Blog"

Joshua Karp hat viele Experten des Medenbusiness mit seinem Projekt „The Printed Blog“ überrascht. Entstehen soll hier eine jeden zweiten Tag kostenlos erscheinende, gedruckte Lokalzeitung. Die Inhalte kommen aus lokalen Blogs. Finanziert wird das „hyperlokale“ Projekt durch Werbung. Erste Kunden soll es bereits geben. Zunächst wird die Zeitung in Chicago und San Francisco erscheinen. New York steht als nächstes auf der Liste. Mehr Informationen dazu hier bei Wired. Bezahlt werden die Blogger übrigens nicht und die Zeitung wird wohl auch gerade einmal sechs Seiten haben. 

Einen eher spielerischen Ansatz hatten Ben Terrett und Russell Davies. Sie haben Texte und Bilder aus Blogs genommen und sie in einer Auflage von 1.000 Stück im Format einer Zeitung veröffentlicht. Gestoßen bin ich darauf über Nerdcore. Hier kann man den Druck sehen:

the most fun Ben’s had all year from russelldavies on Vimeo.

In einem Artikel erklärt Ben, wie das alles entstanden ist, welche Hürden es zu überwinden gab und er zeigt Fotos von der Blog-Zeitung. Weitere Bilder gibt es auf Flickr. Hier erkennt man sofort: Die Texte bekommen eine andere Anmutung, sie stehen in einem neuen Zusammenhang. Das ist ein Effekt, den sich Künstler wie Marcel Duchamp ebenfalls zunutze gemacht haben, um uns alltäglich scheinende Dinge in neuem Licht zu zeigen. Es funktioniert.

Diese Zeitung ist ein spannendes Experiment und soll es vorerst auch bleiben. Ob man wohl eine meinetwegen wöchentliche Zeitung mit den wichtigsten, interessantesten und einflussreichsten Blogposts der vergangenen Tage kaufen oder gar abonnieren würde? Warum sollten die teils hochkarätigen Beiträge aus dem meistverlinkten Blog der Welt „Huffintgon Post“ nicht beispielsweise gedruckt erscheinen?

Mir persönlich würde das gefallen, seltsamerweise. Und das, obwohl ich doch bekanntlich ein solcher Internet-Freak bin.

Andere Beispiele sind das Heft „Balkon & Garten“ aus Berlin oder die Regionalzeitung „myHeimat„, die jeweils nicht explizit aus Blogs entstehen, aber aus Inhalten der Leser und im Fall von myHeimat direkt aus den Inhalten der Website. Mehr zu myHeimat in diesem UPLOAD-Artikel aus dem September 2007. Sie beide zeigen zumindest beispielhaft, dass es einen gangbaren Weg von digital zu analog gibt.

Blogposts als Buch: „mindestenshaltbar“, „Lifehacker“ und andere

Blogtexte als Buch zu veröffentlichen, ist vielleicht noch die naheliegendste Idee. Ich habe das selbst schon gemacht, wenn auch ohne kommerziellen Gedanken dahinter. Es war ein „Best of“ meines ersten Blogs „about:jati“. Ich wollte den Digitaldruck und das Printing on Demand gern ausprobieren. 2004 ist das gewesen. Andere Beispiele sind mindesthaltbar oder Lifehacker. Gerade bei Lifehacker finde ich das Buch eine logische Idee, weil man die Tipps dann und wann wieder zur Hand nehmen will, ohne sich an den Computer setzen zu müssen und weil sie auch für Leute interessant sind, die mit dem Lesen am Bildschirm nichts am Hut haben.

Wie man vom Blog zum Buch kommt, war hier bei UPLOAD bereits Thema einer dreiteiligen Serie.

Blogposts als PDF: „Blog To Mag“-Projekt von trendschau

Sebastian Schürmanns hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen nach Möglichkeiten umgesehen, wie man aus einem Blog möglichst weitgehend automatisiert ein Magazin im PDF-Format herstellt. FeedJournal und Tabbloid sind dabei seine Favoriten. Seine bisherigen Erkenntnisse hat er hier auf trendschau zusammengefasst.

Fazit

Es mag erst einmal widersinnig erscheinen, Inhalte aus dem Netz noch einmal zu verwenden – sei es nun als Buch, Magazin, Zeitung oder PDF. Wozu soll ich die Beiträge dort lesen (und vielleicht sogar bezahlen!), wenn ich sie doch auch online lesen kann?

Das hängt ganz von den Inhalten und dem Geschick des Machers ab. Es gibt Inhalte, die auch für Leser interessant sind, die das Internet lediglich benutzen, um mal ihre E-Mails zu checken oder eine Bahnfahrkarte zu kaufen. Und davon gibt es eine Menge. Ein weiterer, nicht unbedeutender Teil der Bevölkerung ist noch immer nicht online – erst recht wenn man einmal über den eigenen Tellerrand in Mitteleuropa hinausschaut.

Es gibt zugleich genügend Blogs zu allgemein interessanten Themen. Garten, Hausbau, Handarbeiten, Kinder: Alles das wird heute schon in Blogs behandelt und es spricht einiges dafür, dass solche Inhalte noch zunehmen werden. Nicht jeder interessierte Leser findet aber diese Inhalte im Netz. Nicht jeder mag sie selbst zusammensuchen. Genügend Menschen wollen Informationen „mundgerecht“ aufbereitet bekommen.

Da erscheint es durchaus sinnvoll, eine Essenz der wichtigste Inhalte neu zusammenzustellen.

Natürlich funktioniert Print für viele Inhalte nicht. Das brauche ich hier sicherlich niemandem zu erklären. Wesentliche Nachteile: Ich kann nicht darauf verlinken, ich kann nicht suchen, ich kann die Texte nicht herauskopieren, es gibt keine Videos und keinen Ton und es gibt keine Verknüpfung zu anderen Inhalten. Nicht zu vergessen: Der Platz ist beschränkt und es gibt Kosten für Druck und Vertrieb, die deutlich über dem liegen, was ein Server samt Datenverkehr kostet. Ja, das Internet ist Printmedien in vielerlei Hinsicht überlegen. Aber eben nicht jeder.

Ob das ein Geschäftsmodell ist? Das weiß ich nicht, ich bin kein BWLer. Aber rein vom Standpunkt des Machenden und des potenziellen Lesers finde ich diese Entwicklungen und Möglichkeiten sehr spannend.

Artikel vom 18. Januar 2009