Von RSS, Robotern und neuen Kanälen

Unter Bloggern ist RSS ein alter Hut. Der durchschnittliche Internetnutzer dürfte es hingegen durch Internet Explorer 7 und Windows Vista dieser Tage vielfach das erste Mal entdecken. Ich habe mit „Schockwellenreiter“ Jörg Kantel gesprochen, der gerade ein Buch zu RSS und dem Schwesterformat Atom geschrieben hat. Eins wird dabei klar: Die Möglichkeiten von RSS sind noch lange nicht ausgereizt.

Wie würden Sie erklären, was RSS ist?

Da bin ich durch mein Buch zu RSS und Atom gerade sehr gut drauf. Also: RSS ist ein Format, das es erlaubt, Nachrichten maschinenlesbar ins Netz zu stellen. Wichtig zu verstehen: Menschen lesen keinen RSS-Feed, Maschinen tun das. Anders gesagt: Roboter stellen es rein, Roboter lesen es wieder aus.

Und ein „Feedreader“?

Der Feedreader schaut nach, was es Neues gibt. Wenn er etwas Neues gefunden hat, wird es dargestellt, zum Beispiel fett hervorgehoben. Der Feedreader übersetzt den Inhalt des RSS-Feeds für Menschen.

Wo sehen Sie die großen Vorteile dieses Formats?

RSS ist Information pur, ohne jegliche Layoutinformation und ohne Schnick-Schnack. Roboter interessieren sich nicht für Layout. Dabei ist RSS inzwischen über seine ursprüngliche Bedeutung hinausgewachsen. Eigentlich war es nur zum Syndizieren von Nachrichten gedacht. Zuerst waren es sogar nur die Headlines, jetzt sind auch Übersichten und volle Texte zu finden und nicht zuletzt eingebettete Objekte wie beispielsweise die MP3-Datei einer Podcast-Episode. Und das ist noch längst nicht alles, was man damit anstellen kann: Newsletter, Preisinformationen, Updates – das könnte man alles über RSS syndizieren.

Das klingt spannend. Was wäre noch möglich?

Man könnte einen Feedreader mit Filter versehen… Das wäre dann eine Art positiver Spam-Filter: Was mich interessiert, sucht er raus. Wenn Preisinformationen im Netz via RSS publiziert würden, könnte ein Bot das günstigste Angebot leicht suchen und zurückliefern. Ein komplett computergenerierter Marktplatz wäre damit denkbar. Es ist wie immer: Werkzeuge haben einen ursprünglichen Zweck und über diesen Zweck wachsen sie hinaus.

Das wäre dann praktisch ein Verbreitungsweg von Informationen neben Webseiten, die man mit einem Browser besucht?

Ja, und das ist heute schon so. Bei Audio- und Video-Podcasts wird die Website gar nicht mehr gebraucht. RSS wird hier als eigener Publikationskanal genutzt. Programme wie iTunes oder Democracy stellen das unabhängig von einem Browser dar.

Ist die Integration von RSS in den modernen Browsern also sinnvoll?

Nur teilweise. Die RSS-Darstellung im Safari und im Firefox zeigt nur einen Feed zur Zeit. Der große Überblick fehlt. Wenn es Publikationen gibt, die nur noch als RSS verfügbar gemacht werden, ist das natürlich nützlich. Dann geht es nicht anders, außer man installiert sich nur dafür einen eigenen Feedreader.

Vielnutzer brauchen also doch einen Reader. Was ist da besser: webbasiert oder als Software?

Desktop- oder Online-Reader sind aus meiner Sicht im Prinzip äquivalent. Der Google Reader funktioniert zum Beispiel für mich gut, auch wenn ich für die Alltagsarbeit noch einen Desktop-Reader nutze.

Über Jörg Kantel

Jörg Kantel, Jahrgang 1953, hat Mathematik, Philosophie und Informatik studiert und ist seit Mai 1994 EDV-Leiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Unter Bloggern ist er besser bekannt als Schockwellenreiter. Mehr über sich, seine zahlreichen Interessen, Aktivitäten und Berufe verrät er auf dieser Seite. Ende März 2007 erscheint im O’Reilly-Verlag sein Buch „RSS & Atom – kurz & gut„.

Artikel vom 28. Februar 2007