Nachlese zum Thema Blogverbund

Der Artikel „Netz im Netz: Zukunftsmodell Blogverbund“ hat eine interessante Resonanz gefunden. Wie es scheint, liegt da etwas in der Luft. Nachdem viele Spaß am Bloggen gefunden haben, wollen sie jetzt mehr. Welches Modell aber funktioniert? Wie bleibt man dabei seiner Bloggerseele treu? Und: Wer macht’s? Ich habe mal versucht, die interessantesten Meinungen, Fragen und Ideen in einem Artikel zusammenzufassen.

Die Idee des „gemeinsam sind wir stark“ passt zu Weblogs, wie mir scheint. Natürlich gibt es hier und da Befürchtungen, alles könnte in eine Profi-Ecke abdriften und in ein paar Jahren sind die vernetzten Blogs so langweilig und angepasst wie viele alteingesessenen Medienprodukte heute. Auch darf die Dynamik einer Gruppe nicht unterschätzt werden. Aber ich bin mir sicher: Die Zeit für Experimente mit Blognetzwerken verschiedenster Art ist einfach reif. Möglich sind diverse Modelle:

  • Loses Netzwerk: Man kennt sich, man verlinkt sich. So funktionieren Weblogs heute schon meistens. Vorteil: Jeder behält voll und ganz seine Autonomie. Nachteil: Für den Otto-Normalsurfer bleibt es unübersichtlich und mühsam.
  • Strafferes Netzwerk: Man gibt sich einen gemeinsamen Namen samt Logo, vielleicht auch eine Grundaussage und erklärt auf einer zentralen Seite, worum es geht. Vorteil: Auch hier behält jeder seine Autonomie, zugleich stoßen die Leser eher auf die anderen Blogs, von denen sie eine ähnliche Qualität oder thematische Ausrichtung erwarten können. Nachteil: Blogger grenzen sich von anderen Bloggern ab und schaffen sich ihr eigenes Netz. Es gibt eine Spaltung, eine Grüppchenbildung.
  • Blogplattform: Unter einer gemeinsamen Domain stellt man für jeden Autor ein Blog zur Verfügung. Vorteil: Man kann beinahe tun und lassen was man will, die Nutzer wechseln auch mal zwischen den Blogs, sofern die Plattform entsprechend gut gemacht ist. Ein ähnliches Layout erleichtert die Navigation. Nachteil: Die Individualität der einzelnen Blogs könnte leiden, evtl. reicht es dem einen oder anderen erfolgreichen Mitglied nicht mehr, nur ein Teil der Plattform zu sein. Die Grüppchenbildung ist hier natürlich noch stärker.
  • Gemeinschaftsblog: Mehrere Blogger arbeiten gemeinsam an einem einzelnen Blog. Vorteil: Eine Seite, ein Thema, ein Layout, viele Inhalte, viele Stimmen, viel Bewegung. Nachteil: Die einzelne Stimme könnte untergehen oder sich eingeengt fühlen. Ich glaube persönlich, dass es noch sehr viel mehr Gemeinschaftsblogs geben wird. Zum einen macht es einfach Spaß, mit mehreren Leuten an einem Projekt zu arbeiten, zum anderen kann man sich auch mal vier Wochen zurücknehmen und das Blog läuft trotzdem weiter. Probleme sehe ich in der Verteilung von Einnahmen und ähnlichen Fragen. Hier braucht die Gruppe eine wirklich stabile Basis und klare Grundaussagen, was man von den einzelnen Mitgliedern will und was nicht.
  • Blogverbund: mein persönlicher Favorit. Die Blogs der Mitglieder bleiben unverändert bestehen, zugleich arbeitet man gemeinsam an einer zentralen Infoseite rund ums Thema, die auch die interessantesten neuen Artikel der teilnehmenden Blogs sammelt und präsentiert.

Eine schöne Zusammenfassung meines Artikels hat Timo von Vanity Care geschrieben:

Kern eines solchen freiwilligen Netzwerks wäre eine Seite mit griffigem Namen, Logo, nicht bloß automatisch zusammengestellten Postings der Verbundmitglieder und thematischer Einordnung. Diese Seite soll “Aushängeschild” des Verbunds sein und Leser zu den Weblogs führen, die parallel unverändert von ihren Autoren weiter geführt werden. Der Verbund könnte dann arbeitsteilig Themenspecials erstellen, durch Nichtbehandlung bei einzelnen Bloggern bestehende Inhaltslücken schließen, die Diskussion unter den Mitgliedern forcieren, gemeinsame Newsletter herausgeben, aktive Presse- und Blogarbeit und und und

Viele Fragezeichen sind bei Peter von Netzausfall in seinem Artikel „Die Idee vom Blogverbund„. Eine Frage ist beispielsweise, wer die Artikel auswählt, die auf dem Portal erscheinen. Nach meiner Meinung könnte das im Wechsel passieren. Die Arbeit ist natürlich nicht zu unterschätzen, hängt aber von der Größe des Verbundes und der Art der Portalseite zusammen. Wichtig wäre es natürlich, sich hier passende Tools zu schaffen, die beispielsweise die RSS-Feeds der Teilnehmer aufbereiten und in einem Content Management System zur weiteren Bearbeitung anbieten. Der zuständige Blogger schaut drüber, wählt aus, schreibt vielleicht noch einen eigenen Anreißer und das war’s.

Es geht ja um einen besseren Einstieg für den Durchschnittsnutzer. Er soll eine Seite bekommen, die die Themen für ihn aufbereitet. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass sich Blogger mit ihren Ideen gegenseitig motivieren und inspirieren.

Peter fragt weiter:

Oder steckt mehr hinter dieser Idee? Soll hier professionalisiert werden? Der Keim für ein redaktionelles Onlinemagazin gelegt werden? Der Vorschlag, zehn Alternativen zu Microsoft Word veröffentlichen, die von zehn Autoren für dieses Portal geschrieben werden, obwohl ein solches Posting im Kontext des eigenen Blogs kaum einen Sinn machen würde, geht doch genau in diese Richtung.

Sicher könnte so ein aktiv geführter Verbund der Keim für ein Online-Magazin sein. Das wäre aus meiner Sicht nicht wirklich schlimm. Und zu dem Beispiel mit den zehn Alternativen zu Microsoft Word: Natürlich könnte ein solcher Artikel sinnvoll sein. Eine gut beschriebene Alternative wäre ja trotzdem interessant zu lesen. Könnte man dann noch auf die neun anderen in den befreundeten Blogs hinweisen, wäre es noch schicker. Ich sehe da kein großes Problem. Man betreibt regelmäßig Ideenfindung, sucht sich Partner im Verbund und setzt es dann um.

Eine andere Frage ist, was mit mehreren Artikeln zu einem Thema passiert, die zufällig so entstanden sind. Auch das finde ich persönlich nicht problematisch. Blogs leben ja gerade davon, dass jeder Blogger die Themen ein wenig anders angeht. Es soll ja gerade keine Gleichschaltung á la Printmagazin entstehen. Von daher: Wenn zugleich mehrere Artikel entstehen, warum nicht? Auf dem Portal könnte ja wunderbar ein Artikel stehen, der die zentralen Aussagen aus diesen zusammenfasst und auf sie verweist.

Eine andere Frage ist „duplicated content“, also mehrfach verwendete Inhalte. In meiner Idee ist es auch nicht so gemeint, dass die ausgewählten Artikeln aus den teilnehmenden Blogs komplett in das Portal übernommen werden. Ich stelle mir eher Anreißer und Zusammenfassungen vor, die letztlich auf den Beitrag verweisen. Für den Nutzer ist das nicht ganz ideal, weil sich die Blogs in ihrem Layout und in ihrer Nutzerführung unterscheiden werden. Aber damit würde ich leben wollen. Als Ausgleich könnte man beispielsweise einen schmalen Balken über allen Blogs einführen, der den Leser auf jeden Fall zur Portalseite zurückführt und auch für Werbung in eigener Sache genutzt werden könnte. Alles ganz dezent, klar.

Eine andere Frage von Peter: „Warum macht man also nicht gleich ein gemeinsames Blog?“ Stimmt, mir gefällt ein Gemeinschaftsblog auch gut. Aber im Gegensatz zum Blogverbund gibt hier jeder Autor mehr Individualität auf. Er muss auch viel direkter mit dem leben können, was die anderen Blogger so treiben. Im Verbund behält er sein Blog und seine (gefühlte) Freiheit ist größer.

Einen wichtigen Punkt spricht Peter auch noch an:

Irgendwann müssten sich die beteiligten Blogger fragen: Wo liegt mein Schwerpunkt? Im eigenen Blog oder im Portal? Und an solchen Fragen habe ich schon viel zu viele Gruppen zerbrechen sehen.

In seinem Artikel „Blogolution“ setzt sich Ogee eher kritisch damit auseinander, ob man nun wirklich einen Verbund oder ein Netzwerk braucht, kommt aber in den Kommentaren zu dem Schluss: „Die Regeln eines Blognetzwerkes bestimmen den Rahmen und so kann es sicherlich nützlich sein, Inhalte zu einem bestimmten Thema dort zu bündeln…“

„Regeln“ ist sicher ein ungeliebtes Stichwort. Aber bei vielen Netzwerken wird man darum tatsächlich nicht herumkommen. Oder man sieht es sportlich: Es läuft, solang es läuft.

In „Mehr Relevanz durch Konzentration“ fasst Timo vor allem die Ergebnisse der Blogstudie 2007 zusammen, die zeigt, dass Weblogs schon heute in Deutschland ein erstaunliches Gewicht haben – oder haben könnten. Sie werden viel und gern gelesen. Aber: Man findet sie schwer. Timo schreibt:

Ein Grund dafür dürfte die mangelnde Orientierung in der Blogosphäre sein. Blog-Nichtnutzer bemängeln, keinen Überblick über Blogs zu haben. Knapp jeder zweite gibt das an, von jedem Dritten ist zu hören, er wisse nicht, wo die interessanten Blogs zu finden sind.

Einen interessanten Einwand gegen Blognetzwerke generell formuliert Timo so:

Allerdings würde solch ein Verbund, so er populär wird, einen Konzentrationsschub für die Blogosphäre bedeuten. (…) Der Spalt zwischen Altbloggern und Neueinsteigern würde größer. Außerdem liefen die Verbundmitglieder Gefahr, aufgrund ihrer Popularität mittel- bis langfristig zu professionalisierten “Etablierten” zu werden. Es käme sicher dann der Ruf nach alternativen Netzwerken zu den alternativen Netzwerken entstehen.

Und zum Schluss kann man in den Kommentaren zu diesem Beitrag sehr schön die ersten Gedanken, Ideen, Schwierigkeiten und Hürden auf dem Weg zu mehr Zusammenarbeit und Vernetzung nachlesen. Zitat: „Wenn jetzt noch an 3 Orten darüber diskutiert wird, welche Technik zum Diskutieren am besten wäre, geht nach meiner Erfahrung viel Anfangselan verloren. Das wäre schade!“

Fazit

Der Artikel hier ist sicher kein Paradebeispiel für Vernetzung, aber er zeigt vielleicht, in welche Richtung es gehen könnte. Es stecken eine Menge lesenswerte Informationen in den vielen, vielen Weblogs, die aber nur schwer gefunden werden. Schade, denn die Internetnutzer sind auf der Suche nach alternativen Meinungen und Angeboten.

Welches Modell nun wirklich am besten funktioniert, weiß keiner. Vielleicht funktionieren sie sogar alle, nur nicht für alle Themen und nicht für alle Arten von Gruppen. In fünf Jahren sind wir sicher schlauer. Heute hilft nur ausprobieren.

Besonders schwierig dürfte es beim Thema „Geschäftsmodell“ werden, denn Geld und Freundschaft gehen selten gut zusammen. Dann braucht es Regeln, am Ende gar Verträge und das schöne Freizeitbloggen wird zur Pflicht.

Die eigentliche Herausforderung dürfte es sein, die Grenze von Blogs in Richtung Professionalisierung zu erweitern, ohne dabei den Kern des Bloggens aus dem Blick zu verlieren: Spaß am Schreiben, am Veröffentlichen, am Vernetzen, am Diskutieren.

Wer probiert’s aus?

Artikel vom 03. März 2007