Alles über Augmented Reality fürs digitale Publizieren

Die Augmented-Reality-App „WorkSnug“ von Plantronics zeigt anschaulich, wo sich der moderne mobile Arbeiter von heute mit seinem Laptop niederlassen kann. Foto: Plantronics Germany. Lizenz: CC BY-ND 2.0

Augmented Reality (AR), zu Deutsch erweiterte Realität – das klingt nach Drogenkonsum oder Science Fiction oder beidem. Vereinfacht gesagt geht es darum, ein Abbild der Wirklichkeit um Daten zu erweitern. Oftmals stammen diese aus dem Internet und können Informationen wie Erklärungen, Zahlen oder auch Bilder und Videos sein.

Klingt harmlos? Vielleicht sogar sinnlos? Eine Spielerei? Tatsächlich ist Augmented Reality die nächste Evolutionsstufe des Internets und digitaler Medien. Dieser Artikel zeigt, warum das so ist.

Dabei müssen wir gar nicht in die Zukunft schweifen. Fürs digitale Publizieren gibt es schon heute zwei interessante Ansatzpunkte. Zum einen kann man gedruckte Produkte wie Bücher, Magazine und Zeitungen per AR erweitern und so neue Nutzungsszenarien und Darstellungsformen schaffen. Oder aber man stellt seine Informationen im Rahmen einer AR-Anwendung zur Verfügung und ermöglicht damit ganz neue Erlebniswelten.

Dieser Artikel erklärt Augmented Reality, zeigt den heutigen Stand, wirft einen Blick in die Zukunft und gibt Anregungen für praktische Umsetzungen.

Was ist Augmented Reality?

Der Mensch hat seine Sinne zur Verfügung, um seine unmittelbare Umgebung wahrzunehmen und noch nie haben sich die Menschen damit zufrieden gegeben. Wenn man so will, ist schon die Entwicklung der Sprache eine Form von Augmented Reality, weil sie das reine Abbild der Wirklichkeit um zusätzliche Informationen wie beschreibende Begriffe erweitert.

Auch Medien wie Zeitungen, Radio, Fernsehen könnte man als eine frühe Form der Augmented Reality ansehen, zumindest aber als Vorläufer dessen, was in ein, zwei Generationen zu unserem Alltag gehören wird. Sie erweitern schließlich unsere Wahrnehmungsmöglichkeit, um Bilder und Töne, die wir selbst nicht wahrnehmen konnten.

Ziel bei der Augmented Reality nach dem heutigen Verständnis ist es, die Grenzen zwischen der durch die Sinne wahrnehmbaren Realität und den zusätzlichen Informationen so weit wie nur irgend möglich aufzuheben. Im Idealfall verschmilzt beides miteinander. Das, was wir selbst wahrnehmen können und das, was aus digitalen Quellen hinzukommt, ergibt dann ein neues Bild der Wirklichkeit um uns herum.

Wie sieht sie heute aus?

Solange die Technik uns noch keinen direkten Zugriff auf das menschliche Sehzentrum gewährt, wird die Augmented Reality immer Zusatzgeräte benötigen, die ein Abbild der Wirklichkeit nehmen und erweitern. Ein simples Beispiel werden die meisten kennen: Wenn bei der Fußballübertragung nicht klar ist, ob es Abseits war oder nicht, wird ein Standbild der entsprechenden Situation genommen und ein Strich auf dem Feld eingeblendet. Das ist eine Erweiterung der Realität.

Daneben setzen AR-Anwendungen heute in irgendeiner Form eine Kamera, einen Computer und einen Bildschirm voraus. Alles drei findet sich beispielsweise in modernen Smartphones. So gibt es für iPhone  & Co. Programme, die ein durch die Kamera aufgenommenes Live-Video um weitere Informationen ergänzen. So kann ich mein Smartphone beispielsweise in die Höhe halten und sehe dabei nicht nur ein Abbild der Umgebung, sondern je nach Anwendung auch, wo es das nächste Restaurant, die nächste U-Bahn-Station oder den nächsten Geldautomaten gibt. Weiter unten illustrieren das einige Fotos und Videos.

Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist eine Ausgabe des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Betrachtete man bestimmte Seiten durch das iPhone, konnte man zusätzlich zum Magazin auf dem Display ein Video sehen, eine 3D-Grafik oder weitere Informationen.

Eine andere heute gebräuchliche Variante der Augmented Reality funktioniert so, dass man einen Gegenstand wie beispielsweise ein Buch, ein Blatt Papier oder eine Verpackung in eine Kamera hält und auf dem Bildschirm sieht man zusätzlich zum reinen Abbild die entsprechenden digitalen Inhalte. Lego experimentiert z.B. damit, dass man einen Karton in die Kamera zeigt und dann auf dem Bildschirm zugleich das Spielzeug sehen kann, das sich darin verbirgt. Dreht und kippt man den Karton, dreht und kippt man zugleich das Modell auf dem Bildschirm. Ähnliches bietet sich auch für Lehr- und Sachbücher an.

Fotos: Augmented Reality heute

Augmented Reality mit Webcam: In diesem Beispiel hält jemand ein Blatt Papier ins Bild, das mit einem Marker versehen ist. Der Computer erkennt den Marker und dessen Lage im Raum und projiziert das Modell eines Hauses darauf. Foto: Moisturizing Tranquilizers. Lizenz: CC BY 2.0

In der iPhone-App Junaio finden sich verschiedene Channels mit Inhalten, die in das Livebild eingeblendet werden können.

Die iPhone-App ubique blendet Orte wie Bars und Restaurants, Fotos von Panoramio und Informationen aus der Wikipedia ins Bild ein. Dazu kommt ein Stadtplan der unmittelbaren Umgebung.

Eine Ausgabe des Magazins der Süddeutschen Zeitung experimentierte mit Augmented Reality. Hier konnte man sich beispielsweise die 3D-Fassung einer Illustration von allen Seiten anschauen.

Ein anderes Features dieser Ausgabe des SZ-Magazins: Sprechblasen zu Fotos von Lena Meyer-Landrut. Der Mehrwert geht gegen Null, aber es zeigt, was technisch möglich wäre und noch wird.

Videos: die erweitere Realität im Bewegtbild

Das Magazin Esquire experimentiert mit AR:

Das erwähnte Lego-Beispiel:

Auch eine Visitenkarte kann „erweitert“ werden:

Eine iPhone-AR-App, die die nächsten U-Bahnstationen anzeigt:

Was könnte morgen passieren?

Klar ist, dass die Grenze zwischen der Wirklichkeit und den zusätzlichen Inhalten immer mehr verwischen soll und wird. Eine Idee, um das zu erreichen, sind Brillen oder Kontaktlinsen, die Zusatzinhalte ins Blickfeld einspiegeln. Wer weiß, was man sich noch einfallen lassen wird. Hinzu kommt, das das Internet tatsächlich bald (wie schon seit vielen Jahren propagiert) ubiquitär verfügbar sein wird. Es ist abzusehen, dass man künftig so selbstverständlich von einer ständigen Verbindung ins Netz ausgeht, wie man heute schon von einer stetigen Verfügbarkeit von Strom und Steckdosen, Licht, fließend Wasser und Heizung ausgeht – was vor noch gar nicht so vielen Generationen überhaupt nicht selbstverständlich gewesen ist.

Abzusehen ist der Punkt, wo es vollkommen selbstverständlich ist, dass unser Bild der Wirklichkeit um weitere Informationen und Inhalte erweitert ist. Das Internet wird dann nichts mehr sein, das nur mit einem bestimmten Gerät genutzt werden kann. Überhaupt werden Computer nicht mehr wie heute erkennbar sein (Fachbegriff: „ubiquitous computing“). Die stoffliche Welt und die Welt der Daten ist dann miteinander verwoben. Ohne das Netz zu sein wird sich dann so anfühlen, als ob man sich im Dunkeln durch einen Raum tastet – es geht, aber es ist ungewohnt und mühsam.

Praktische Nutzungsszenarien gibt es jede Menge für diese neue Welt. Und das macht mich so sicher, dass sie in dieser oder einer ähnlichen Form kommen wird. Man denke an die Person, die man auf einem Event wiedertrifft, an deren Namen man sich gerade überhaupt nicht mehr erinnern kann. Oder an die Suche nach einem Restaurant in einer fremden Stadt. An einen Museumsbesuch. An den Versuch, im Bahnhof den Anschlusszug zu finden. An Kochrezepte. Oder auch an den Medizinbereich. Autowerkstätten. Überhaupt an jeden Moment, in dem man gern mehr wüsste, als durch bloße Sinneswahrnehmung zu erkennen ist. Immer dann werden passende Informationen zur Stelle sein. Jederzeit. Überall.

Durch die digitale Erweiterung unserer Sinneswahrnehmung lassen wir die Grenzen unseres Körpers und seiner Sinne hinter uns. Es könnte soweit gehen, dass wir hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen, was ein Apparat an einem anderen Ort für uns wahrnimmt. Aber dann sind wir endgültig im Bereich der Science Fiction angekommen.

Welche Anwendungsfälle fürs digitale Publizieren gibt es?

Kehren wir zurück in die Gegenwart und in die AR-Praxis. Was können wir heute damit anstellen? Warum solltest du dich jetzt damit beschäftigen?

Wie eingangs erwähnt, gibt es fürs digitale Publizieren zwei Stoßrichtungen:

1. Ein vorhandenes Produkt erweitern

Man kann ein nicht-digitales Produkt wie eine Zeitschrift, ein Buch oder ein Prospekt via Augmented Reality erweitern und so die Offline- und die Online-Welt miteinander verknüpfen. Das oben bereits erwähnte Magazin der Süddeutschen Zeitung ist dabei nur ein erster Versuch und hat kaum einen praktischen Nutzen. Es zeigt vor allem, dass es geht, aber nicht, was alles geht und noch gehen wird.

Der große Vorteil der Online-Medien gegenüber den klassischen Medien ist, dass es keine Begrenzungen gibt, was die Menge und Art der Inhalte angeht. Eine Zeitung hat nur begrenzt Platz und kann weder Töne noch Videos mitliefern. Das Fernsehen ist linear und kann keine langen Texte transportieren. Nur im Netz kann man alles miteinander verknüpfen. Wobei ich an dieser Stelle gern auf das Zitat zurückkommen möchte, das seit Start oben neben den UPLOAD-Logo zu finden ist: „Es gibt keine neuen und alten Medien – nur Werkzeuge, um Geschichten besser zu erzählen.“ Nicht die Technologie ist entscheidend, sondern dass man mit ihr umgehen kann.

Alte Medien haben über Augmented Reality die Chance, Mehrwerte zu schaffen und das quasi direkt im Produkt und nicht auf einer davon getrennt existierenden Website. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass ich meine Zeitung künftig nur noch indirekt lese, in dem ich ein Smartphone darüberhalte. Aber es bestünde die Möglichkeit, die Grenzen des Mediums gezielt zu überwinden.

2. Ein neues Produkt erfinden

Augmented Reality bereitet aber auch den Boden für vollkommen neue Arten und Formen von Medien. Ortsbasierte Informationen sind bereits heute ein Schritt in diese Richtung. Es erfordert nicht viel Phantasie, sich die nächsten Schritte auszumalen. Warum sollte nicht auch eine AR-Anwendung zu einem Informationsmedium werden, das weiß, wo ich bin und wohin ich gerade schaue (und eventuell auch: was mich gerade interessiert)? Warum sollte ich als digitaler Publizist nicht meine Informationen, meine Daten nehmen und ein die Realität erweiterndes Angebot schaffen?

Wichtig ist es dabei, nicht in den heutigen Grenzen zu denken und beispielsweise nur die relativ kleinen Bildschirme von Smartphones zu sehen. Es kommen nun die ersten Tablets auf den Markt, die entsprechende Features besitzen. Und es ist unzweifelhaft, dass wir in den nächsten Monaten und Jahren noch sehr viel mehr in dieser Art sehen werden.

Und was tut man jetzt mit diesem Wissen?

Mein Rat für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Ausprobieren, selbst erfahren. Es geht nichts über das eigene Erleben. Lade dir AR-Apps fürs Smartphone herunter und schau, was man damit anstellen kann (und was nicht). Teste einmal, wie praxistauglich sie heute schon sind. Und überlege einmal, in welchen Situationen du dir bereits heute zusätzliche Informationen beispielsweise über dein iPhone etc. abrufst – und in welchen Situationen du außerdem gern mehr wüsstest.

Fazit

Die heutige Augmented Reality ist ein Vorbote gravierender Veränderungen in der Wahrnehmung und Verbreitung von Informationen und Inhalten im Netz. Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Sinnesorganen und Zusatzinformationen werden verschwimmen. Für unseren Alltag wird das enorm nützlich sein.

Heutige Angebote wirken noch wie Spielerei. Aber das ist normal für eine neue, technische Entwicklung. Das Potenzial ist aber so groß, dass wir die Auswirkungen schon heute miterleben können und das in den nächsten Jahren spürbar zunehmen wird.

Wer sich heute schon damit beschäftigt, ist frühzeitig dabei. Wer experimentiert, der lernt. Wer ein neues Feld betritt, hat wenig Konkurrenz und einen Vorsprung vor allen anderen.

Wenn das nicht genug Gründe sind, sich heute schon mit der erweiterten Realität zu beschäftigen, kann ich dir auch nicht mehr helfen…

Artikel vom 15. September 2010