Just Click „Record“? Wie sich Screencasts von der Masse abheben

Das Motto „Just Click Record“ des Instant-Screencast-Service screenr dürfte stellvertretend für 90% aller Screen- und Videocasts stehen, über die man im Netz stolpert. Wir wollten wissen, wie man mehr aus seinen Screencasts herausholen kann und haben dazu Tipps gesammelt und den Profi-Screencaster Andreas Zeitler von www.macosxscreencasts.de befragt.

Foto: complize | Quelle: photocase.com

Die „Just-Click-Record“-Methode ist natürlich mehr Segen als Fluch, denn Bewegtbilder entwickeln sich dank Hangouts und Co. immer mehr zu einem alltäglichen Instrument, bei dem Geschwindigkeit und Dialog im Vordergrund stehen und kein professionelles Endergebnis angestrebt wird. Wer sich allerdings von der Masse abheben und Screencasts zum Beispiel für Tutorials oder Image-Filme einsetzen will, stolpert schnell über viele Detailfragen und vor allem über den Zeitaufwand für ein solches Projekt. Je professioneller der Anspruch, desto wichtiger werden Inhalt, Dramaturgie, Technik und Planung.

Tatsächlich ist die Planung mit eines der schwierigsten Teile. Man muss nicht nur sorgfältig abwägen welche Wünsche Kunden haben, sondern dann auch das richtige Werkzeug wählen um ihr Produkt oder den Sachverhalt, etwa bei einem Tutorial, ins rechte Licht zu rücken. Heutzutage verbringe ich knapp 50% meiner Arbeit nur mit der Planung. Je genauer jedoch geplant wird, desto schneller kann man danach produzieren. Und der Kunde bekommt genau das was er sich vorgestellt hat. < Andreas Zeitler >

Die Technik vorbereiten

Überflüssige Dateien auf dem Desktop oder Katzenbilder im Hintergrund verleihen jedem Screencast seinen unverwechselbaren Amateur-Look. Gleiches gilt für aufpoppende Privat-Mails oder reputationsschädigende URLs in der Browser-History. Da man allerdings nicht bei jedem Screencast seinen Desktop aufräumen und das System umkonfigurieren möchte, sollte man als erste Maßnahme einen neuen User im System anlegen und ihm nur die für den Screencast notwendigen Dateien auf den Desktop legen.

Bei der Anpassung eines solchen Screencast-Accounts kann man nicht nur unnötige Ablenkungen minimieren. Viel schöner ist, einen Look zu erzeugen der bekannt wirkt. Zuschauern kann man das Gefühl geben, man sei in einer vorstellbaren Umgebung und kann von dort aus seine Argumentation starten. < Andreas Zeitler >

Noch bevor man sich den Desktop einrichtet, sollte man sich für ein Format und eine Auflösung entscheiden. Das 4:3-Verhältnis ist das klassische Fernseh-Format, während Kino-Filme im 16:9-Verhältnis (widescreen) laufen. Plattformen wie Youtube oder Vimeo verwenden das 16:9-Format. Will man also die schwarzen „Kino-Balken“ vermeiden, empfiehlt sich dieses Seitenverhältnis auch bei einer Online-Verwertung der Casts. Da es bei Laptops immer noch eine bunte Vielfalt an Display-Größen gibt (16:10, 15:9, 4:3, 16:9 etc.), sollte man sich über den Sichtbereich beim ausgewählten Format klar werden (das gilt z.B. auch für die standardmäßig auf 4:3 eingestellten PowerPoint-Folien, falls sie zum Einsatz kommen). Lässt sich der Bildschirm von sich aus nicht auf das passende Seitenverhältnis einstellen, kann man sich mit diversen Zusatzprogrammen behelfen.

Genauso wichtig ist die verwendete Auflösung. Die HD-Auflösung für Widescreen erreicht man ab 1280 x 720 px, die Standard-Auflösung für Youtube-Qualität liegt bei 640 x 360 px. Bei HD ist die Datenmenge natürlich beträchtlich und der Bildschirm-Ausschnitt sehr groß, es sei denn man schraubt an der Bildschirmauflösung herum. 640 x 360 ist zwar schlank, in der Vollansicht jedoch ziemlich verpixelt.

Man muss als Screencaster abwägen zwischen Lesbarkeit und bestmöglicher Auflösung. Zooms und andere Close-Up Shots erleichtern die Lesbarkeit, jedoch wirkt ständiges rein- und rauszoomen störend. Es gilt einen Mittelweg zu finden. Das macht jeder Screencaster irgendwann nach eigenem Gutdünken. Ich kenne Screencaster, die bevorzugt reinzoomen, erklären, rauszoomen, zum nächsten Schritt gehen, reinzoomen, erklären… usw. Ich persönlich bevorzuge reinzoom, erklären, weiter gehen zum nächsten Detail, erklären und erst wenn das letzte Element in einer Sinnkette erklärt wurde wieder rauszoomen. < Andreas Zeitler >

Die technische Vorbereitung nochmal zusammengefasst:

  • Neuen User mit reduzierten Inhalten und Konfiguration anlegen.
  • Ggf. Desktop mit Hintergrundbild branden.
  • Browser-History-Löschen.
  • Ggf. Demo-Daten und Programme für den Cast vorgenerieren/konfigurieren.
  • Mach dir Gedanken über eine Ordnerstruktur, in die du die einzelnen Projekte ablegst, sonst entsteht schnell Chaos.
  • Entscheide dich für ein Format (4:3 oder 16:9, letzteres ist meist die bessere Wahl).
  • Entscheide dich für eine Auflösung (HD Widescreen: 1280 x 720, Youtube-Größe: 640 x 360).

Audio-Aufnahme vorbereiten

Tipps für die Mikro-Auswahl und eine gelungene Audio-Aufnahme haben wir bereits in separaten Beiträgen ausführlich besprochen. An dieser Stelle noch einmal die Checkliste in Kurzform:

  • Einen geeigneten Aufnahmeort mit guter Raumakustik auswählen.
  • Für Ruhe sorgen (Tageszeit, Ausschalten von technischen Geräten, Abstand zum PC etc.).
  • Einen Poppschutz verwenden.
  • Ggf. Mikrophonspinne verwenden.
  • Ggf. ein kleines DIY-Tonstudio zur Verbesserung der Akustik einsetzen.
  • Den richtigen Abstand zum Mikro finden, abmessen und bei jeder Aufnahme beibehalten.
  • Das Eingangssignal richtig aussteuern.

Natürlich sollte man vor jeder Aufnahme-Session mit einer kurzen Audio- und Video-Testaufnahme prüfen, ob alles funktioniert. Es macht auch Sinn, einmalig eine möglichst perfekte Musteraufnahme anzulegen, die man bei neuen Sessions zum Vergleich heranziehen und so die Audio-Qualität auf einem gleichbleibenden Niveau halten kann. Außerdem sollte man immer ein paar Sekunden Stille aufnehmen. Mit einer Audio-Software wie Audacity lässt sich daraus ein Rauschprofil ermitteln und anschließend über die gesamte Tonaufnahme herausfiltern. Die Funktion sollte zwar möglichst vermieden werden, für den Notfall sollte man sich die Option dennoch offen halten. Zusammengefasst:

  • Vor der Session die Einstellungen mit einer Testaufnahme prüfen.
  • Eine qualitativ bestmögliche Muster-Aufname erstellen, an der sich Folgeaufnahmen orientieren.
  • Im Zweifelsfall zur Rauschentfernung einige Sekunden Stille aufnehmen.

Beim Denoise sollte man beachten, dass dieser das Signal immer verschlechtert. Die Aufnahme vorher zu optimieren, sodass solche Schritte gar nicht mehr nötig sind, ist der richtige Weg zur Lösung.
In der Praxis haben sich bei Audio-Aufnahmen auch ausgedruckte Scripts oder Scripts auf dem Bildschirm eines Tablets bewährt. < Andreas Zeitler >

Cut: Ohne Planung läuft nichts!

Es gibt zwar Naturtalente, die mit dem „Just Click Record“-Verfahren ein erträgliches oder – je nach Thema – sogar gelungenes Ergebnis erzielen. Die meisten dürften jedoch Schwierigkeiten haben, auch nur 30 Sekunden ohne Stolperer im Text oder ohne sinnfreie bzw. langatmige Bildschirmszenen zu filmen. Wie richtige Filme oder Radio-Beträge entstehen auch gute Screencasts daher im Schnitt.

Anfänger machen häufig den Fehler, dass der ganze Screencast am Stück aufgenommen wird. Stellt man dann nach 9 Minuten Aufnahme fest, dass man ganz am Anfang einen Fehler gemacht hat, ist das enorm ärgerlich. Wer gut strukturiert nimmt nur 2-3 Minuten am Stück auf und schneidet dann später alles zusammen. < Andreas Zeitler >

Um die Arbeit mit Schnitten zu ermöglichen, braucht man zwei Dinge: Möglichst klar abgegrenzte Inhaltsblöcke und eine gute Auswahl an inhaltsgleichen Versionen oder verschiedenen Varianten. Die Inhaltsblöcke sollten dabei so gestaltet sein, dass sie ansprechende Übergänge erlauben. Auch die Länge der Inhaltsblöcke sollte gut überlegt sein: Sind sie zu kurz, wirkt das Video unruhig, sind sie zu lang, sind keine nachträglichen Änderungen oder Ergänzungen möglich, sondern der ganze Block muss neu erstellt werden.

Das alles legt nahe, so wenig wie möglich zu improvisieren und stattdessen die Aufnahme und die Dramaturgie gut durchzuplanen. Und bei der Planung von Inhalten und Dramaturgie sollte man natürlich die Tipps zur Vermarktung des Videos z.B. über Youtube oder über andere Plattformen berücksichtigen, denn sie entscheidet am Ende über den Erfolg des Produkts.

Klickscript und Dramaturgie

Basis für den Screencast kann ein Klickscript sein, bei dem man ähnlich wie bei einem Storyboard die Bildschirmszene beschreibt, den Sprecher-Text ausformuliert und Effekte wie Callouts, Zoom oder Übergangstypen festhält. So kann man den Cast in einzelne Szenen segmentieren, die sich beliebig oft abfilmen, schneiden und auch erweitern lassen.

Die Art der Dramaturgie hängt natürlich vom Inhalt ab. Bei Tutorials bietet sich zum Beispiel an:

  • Problem darstellen
  • Lösung vorstellen
  • Lösungsweg zeigen

Aus den unzähligen denkbaren Tipps und Hinweisen für Screencasts soll es hier nur ein paar Basis-Anregungen geben:

  • Bildausschnitt so groß wie nötig und so klein wie möglich wählen. Bei großen Ausschnitten muss zu viel gezoomt, bei kleinen ggf. zu viel geschwenkt werden.
  • Bildschirm und Audio ggf. getrennt aufnehmen bzw. nachvertonen, das halbiert die Fehlerquote pro Einheit.
  • Bei Bildschirm-Vorführungen so wenig Mausbewegungen und Scrolling wie möglich (erschwert das Schneiden bzw. die Übergänge)
  • Langatmigkeit vermeiden, z.B. durch vorgefertigten Text über AutoHotkey oder durch das Abspielen im Zeitraffer.
  • Tastenkombinationen für Funktionen vermeiden, nachvollziehbar ist dagegen die Verwendung von grafischen Menues.
  • Bei Übergängen ist weniger oft mehr (Gefahr des Power-Point-Effekts mit dem rosa-rotierenden Elefanten).
  • Das gleiche gilt auch für Callouts (Texteinblendungen, Pfeile, Kästchen), Zooms und Hervorhebung von Clicks: Alles in Maßen.
  • Man muss nicht den Statusfortschritt eines 100MB Downloads in voller Länge vorführen und mit Kommentaren wie „Heute ist die Verbindung aber langsam“ untermalen. Also alles ohne Informationsgehalt rausschneiden.
  • Ggf. Kapitel-Einteilung erstellen (z.B. mit Hilfe von gut gestalteten Power-Point-Folien, manchmal sind handmade aber auch charmanter: Wer z.B. Zeichentalent besitzt, kann die Schilder auch im Zeitraffer malen).
  • Wenn Hintergrundmusik, dann sollte die Lautstärke max. 20% der Sprecher-Lautstärke betragen.
  • Bei der Musikauswahl ist Vorsicht geboten. Nicht alle mögen Doomcore. Schon garnicht 20 Minuten. Und auf keinen Fall als Dauerschleife.
  • In den ersten Sekunden verliert man die meisten User. Daher zum Start besser das Thema anreißen und erst dann, wenn überhaupt, Intro und Jingle einbauen.

Mein Tipp: Vor allem Klicks in Maßen. Einer der häufigsten Fehler von Anfängern ist die Überbenutzung irgendwelcher Effekte. Da gibt es ein Häkchen das man anmachen kann um bei jedem Mausklick einen schönen Kreis erscheinen zu lassen. Anfänger klicken aber ziemlich viel und fuchteln auch sehr nervös mit der Maus herum. Das wirkt nach kurzer Zeit sehr nervig. Klicks nur da zeigen wo sinnvoll. Immer an die Zuschauer denken: Wenn die Zielgruppe schon mal einen Computer bedient hat, dann braucht es keinen Klickeffekt bei einem Klick, der ein verdecktes Fenster nach vorne bringt, sowas wissen viele bereits. Auch ist die Maus kein Zeigefinger. Es gibt keinen Zeigefinger. Es gibt bei Screencasts bessere Möglichkeiten etwas heraus zu stellen statt ein Fenster anzuklicken und dieses ein bisschen herumzuschütteln mit den Worten „Später landet dann alles in dem Fenster hier.“  < Andreas Zeitler >

Viele der oben genannten Standard-Fehler gilt es grundsätzlich zu vermeiden. Andere Maßnahmen sind dagegen eine Frage des Stils. Es gibt zum Beispiel zahlreiche sehr gut gemachte Screen- und Video-Casts, die extrem harte und kurze Schnitte oder auch das Einspielen von Fehlern, also Cut-Outs, gezielt einsetzen und damit das Video erst spannend und unterhaltsam machen. Wer das schafft, dürfte allerdings die Einsteiger-Hürden beim Screencasting bereits genommen haben.

Über unseren Experten Andreas Zeitler

Andreas ZeitlerAndreas “Zettt” Zeitler ist Mac Jünger seit vielen Jahren. Er macht Videos über Apps und Technologieprodukte. In Medienproduktion hat er Erfahrung, da er einen Bachelor Titel in Tonproduktion und einen Master in Tonkunst hat. Unter www.macosxscreencasts.de erstellt er mit einem Team seit mehreren Jahren Screencasts zu Mac- &iPhone-Themen. Kundenaufträge für professionelle Screencasts werden unter zcasting3000.com bedient.

Special „Screencasting für Einsteiger“

Dieser Artikel gehört zu einem umfassenden Screencasting-Special.

Artikel vom 16. Mai 2012