Ratgeber Mikrofone: Kugeln, Kabel, Kondensatoren

Das richtige Mikrofon fürs Screencasting zu finden, kann anstrengend und zeitraubend sein. Es gibt unzählige Modellvarianten für die unterschiedlichsten Einsatzfelder. Je nachdem, was man sonst noch mit dem Mikro vorhat, kann man die Auswahl aber recht schnell eingrenzen.

Foto: complize | Quelle: photocase.com

Vor allem durchs Audio-Podcasting hier bei UPLOAD, aber auch im Zusammenhang mit dem Video-Podcast TechnikLOAD hat mich das Thema Mikrofone nicht nur begleitet – es hat mich geradezu verfolgt. Man kann Stunden um Stunden in die Recherche der besten Modelle und das Testen versenken…

Im Zuge dieses Artikels habe ich übrigens eine Podcastfolge wiederentdeckt: In der Ausgabe Nr. 42 des UPLOAD-Podcast mit dem Titel „Einiges über Mikrofone“ dreht es sich um genau die Fakten und Überlegungen dieses Postings. Wer es sich also lieber erzählen lassen möchte als es zu lesen – nur zu. Es geht ab Minute 6:00 los. Und auch wenn die Podcastfolge vom März 2008 stammt, sind die Aussagen darin noch heute gültig.

Ein wichtiger Hinweis gleich zu Beginn: Der Klang der Aufnahme hängt nicht nur vom Mikrofon ab, sondern von vielen weiteren Faktoren. Acht nützliche Tipps für eine gelungene Audio-Aufnahme finden sich in diesem Beitrag.

Genug der Vorrede! Los geht’s:

Überlegungen vorab

Geht es um die richtige Auswahl eines Mikrofons, muss man sich vorher erst einmal über einige Dinge klar werden:

  • Wo soll das Mikrofon eingesetzt werden? Nutzt man es ausschließlich fürs Screencasting, wird man es in einem geschlossenen Raum verwenden, eventuell stationär. Es gibt aber auch sehr kompakte Mikrofone, Aufnahmegeräte zum Mitnehmen und einiges mehr. Man muss also erst einmal grob wissen: Was will ich damit eigentlich anstellen und wo?
  • Was möchte ich damit genau aufnehmen? Geht es mir nur um meine eigene Stimme in einer Studiosituation? Oder möchte ich vielleicht doch mal ein Interview führen?
  • Wie viel Geld will ich ausgeben und was habe ich bereits? Wie immer kann man fast unbegrenzt Geld ausgeben, aber schon mit wenig Euro einen guten Einstieg finden. Manchmal hat man schon passende Geräte oder man will sich neben dem Mikro auf gar keinen Fall noch mehr anschaffen. Auch das gehört zu den Vorüberlegungen.

Alles in allem gehe ich aber erst einmal davon aus, dass wir hier über Mikrofone sprechen, die innen für die Aufnahme der eigenen Stimme gedacht sind. Ich werde aber jeweils darauf eingehen, was andere Mikrofone können oder wofür sie sich sonst noch eignen könnten. Spezialmikrofone wie beispielsweise Gesangsmikrofone spielen hingegen keine Rolle.

1. Technik: Dynamisch oder Kondensator?

Um Schallwellen in elektrische Impulse zu verwandeln, gibt es diverse technische Möglichkeiten mit ebenso diversen Vor- und Nachteilen. Für den Bereich der Sprachaufnahme würde ich das jetzt einmal auf die Entscheidung „Dynamisches Mikrofon“ versus „Kondensatormikrofon“ reduzieren. Dem kann man sicher widersprechen. Aber mir geht es darum zu vereinfachen ;-) Hinweise von Mikrofonexperten sind in den Kommentaren jedenfalls sehr gern gesehen.

Wie Kondensatormikrofone und Dynamische Mikrofone genau technisch funktionieren, will ich hier nicht erörtern. Das kann man andernorts bei Interesse jederzeit nachlesen. Wichtig für uns ist zu wissen:

  • Kondensator-Mikrofonen wird in der Regel ein besserer Klang nachgesagt. Sie haben einen höheren Ausgangspegel, müssen also weniger verstärkt werden und die Gefahr des Rauschens nimmt ab. Dafür ist aber eine Stromquelle notwendig, die „Phantomspeisung“. Entsprechende Mikrofone lassen sich beispielsweise je nach Modell mit einer Batterie betreiben oder können von extern mit Strom versorgt werden. Mikrofonverstärker oder Mischpulte liefern oftmals den notwendigen Strom. Darauf gehe ich weiter unten noch einmal ein, wenn es ums Anschließen der Mikrofone geht.
  • Dynamische Mikrofone wiederum brauchen keine Stromquelle. Sie gelten allgemein als robust und sind unempfindlicher gegen Feuchtigkeit. Daher eignen sie sich auch für Außeneinsätze. Wenn man so will, sind sie universeller einsetzbar.

2. Richtcharakteristik: Kugel oder Niere?

Mikrofone unterscheiden sich nicht nur in der Technik, mit der sie den Schall in elektrische Signale wandeln. Sie unterscheiden sich auch darin, wie viel Schall sie aus welcher Richtung überhaupt aufnehmen. Das wird als „Richtcharakteristik“ bezeichnet. Hier sind zwei Varianten für uns von Interesse:

Kugel

Im Vergleich zu anderen nimmt ein Mikrofon mit Kugel-Charakteristik den Schall weitgehend aus allen Richtungen auf. Das stimmt aber nur teilweise. Vor allem bei den Höhen sind Mikrofone generell eher nach vorn gerichtet.

Eine Kugel ist vor allem dann gut, wenn man die Umgebungsgeräusche als Atmosphäre mit aufnehmen möchte. Diese Mikrofone gelten zudem als unempfindlicher für Hand- oder Windgeräusche. Ein weiterer Vorteil: Das Klangbild bleibt auch dann noch weitgehend gleich, wenn sich der Abstand zum Mikrofon ändert. Praktisch ist das beispielsweise bei Interviews, wenn sich das Gegenüber auch einmal zurücklehnt. Früher hatten Interviewmikrofone typischerweise Kugel-Charakteristik.

Niere

Heute trifft man aber häufiger auf die Nieren-Charakteristik. Sie ist klar nach vorn betont und nimmt von hinten und von den Seiten weniger Schall auf. Ein weiterer Effekt: Geht man nahe ans Mikro heran, wird die Stimme voller und angenehmer. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Man hört deutlich, wenn sich der Abstand ändert. Hier muss man also diszipliniert sein oder das Mikrofon passend befestigen. Entsprechend ihrer Charakteristik nehmen diese Mikros weniger Umweltgeräusche auf. Das ist gut in einer lauten Umgebung, aber dafür hat man weniger bis keine Atmosphäre. Im Vergleich zur Kugel sind Geräusche beim Handwechsel und durch den Wind eher zu hören.

Eine Steigerung zur Niere ist die Hyperniere oder Superniere, die alle Eigenschaften der Niere verstärkt.

Fürs Screencasting ist die Niere aus meiner Sicht gut geeignet: Man möchte ja vor allem seine eigene Stimme aufnehmen und kann sich auch selbst disziplinieren, möglichst im gleichen Abstand zum Mikrofon zu bleiben.

3. Kabel, Stecker & Co: Wie anschließen?

Bislang war das Thema Mikrofon doch übersichtlicher als gedacht, oder? Das ändert sich jetzt, denn wir wollen das Mikrofon an den PC anschließen. Dabei gibt es eine grundlegende Frage: Wo und wie wird das Mikrofon verstärkt? Denn die elektrischen Signale eines Mikrofons sind immer zu schwach. Es gibt drei Möglichkeiten, um das Mikrofonsignal zu verstärken:

  • Das Mikrofon oder Aufnahmegerät hat selbst einen Verstärker. Dann kann man es in der Regel direkt an den Rechner anstöpseln.
  • Man schließt es an ein Mischpult oder einen Mikrofonverstärker an und dieses Gerät wiederum an den Computer.
  • Oder man hat eine Soundkarte mit Mikrofon-Eingang. Die gibt es auch als externe Lösungen für den USB-Anschluss.

Schauen wir uns die Möglichkeiten noch einmal genauer an:

USB-Mikrofone

Vor einigen Jahren waren Mikrofone mit eingebautem Verstärker und USB-Anschluss noch vergleichsweise exotisch. Inzwischen gibt es da durchaus Auswahl und auch Modelle, die Wert auf einen guten Klang legen. Aber natürlich sind auch Headsets in diesem Sinne USB-Mikrofone. Hier lohnt sich durchaus ein Blick, denn sie können für einfache Sprachaufnahmen einen ordentlichen Klang liefern, sind kompakt und das Mikro bleibt immer in der gleichen Position zum Mund.

Mic-In-Eingang

Manche Rechner haben einen Mikrofon-Eingang mit einem eingebauten Verstärker. Apples MacBooks hingegen haben einen Line-In-Eingang, der das Signal nicht verstärkt. Hier muss man also genau hinschauen. Prüfen muss man auch die Qualität der Verstärkung, denn es gibt wohl durchaus Fälle, in denen die sonstige Elektronik des Computers das Signal des Mikrofoneingangs stört.

USB-Soundkarte

Schon für wenige Euro gibt es USB-Soundkarten, die wie ein dicker USB-Stick mit Mini-Klinke-Anschlüssen aussehen. In der Regel kann man sie einfach in den Rechner stecken und sie werden als Audio-Device erkannt. Am anderen Ende kann man dann Kopfhörer und Mikrofon anschließen. Hier ist allerdings auszuprobieren, wie viel Ausgangsleistung das Mikrofon tatsächlich liefert.

Mischpult/Mikrofonverstärker

Für meinen Podcast hatte ich mir ein Mini-Mischpult von Behringer gekauft, an das man mehrere Mikrofone anschließen kann und das auch einen Strom für Kondensatormikrofone liefert (siehe dazu oben). Es hat den Vorteil, dass man die Verstärkung jedes einzelnen Mikrofons extra regeln kann. Zudem lassen sich auch weitere Audioquellen anschließen und hineinmischen. Profis können damit also ihren Podcast schon bei der Aufnahme abmischen. In einer einfacheren Form sind Mikrofonverstärker zu haben, die ebenfalls zwischen Mikro und Computer geschaltet werden.

Steckerformen

Im Profibereich trifft man sehr oft auf den XLR-Anschluss, den es auch in einer „Mini“-Variante gibt. Er soll die besten Ergebnisse liefern und sitzt auf jeden Fall schön fest. Daneben gibt es auch noch Klinke und Mini-Klinke, die viele sicher von Kopfhörern kennen. Ein Sonderfall sind Headsets für die Funkanbindung, die nicht selten eigene Steckverbindungen haben, um sie an einen kompatiblen Sender anzuschließen.

Wer sich näher mit dem Thema beschäftigt, wird sich jedenfalls schon bald in der Kategorie „Adapter“ umschauen, denn das gewünschte Mikrofon gibt es oftmals nicht mit dem gewünschten Stecker…

4. Bauformen: Stationär, handlich oder mobil?

Vom Einsatzzweck, den eigenen Vorlieben und dem verfügbaren Platz hängt auch ab, in welcher Bauform man sich sein Mikro aussucht. Hier einige Beispiele:

Headset

Ein Headset kann wie im Text weiter oben schon erwähnt durchaus einen vernünftigen Klang für Sprachaufnahmen im Rahmen eines Screencasts bieten. Gemeint ist hier aber ein Headset, das das Mikro in die Nähe des Mundes führt und nicht jene Bluetooth-Headsets, die praktisch nur aus einem Ohrstecker bestehen.

Ein Headset hat viele Vorteile, die es gerade für den Einsteiger interessant machen:

  • Es ist vergleichsweise günstig zu haben.
  • Man kann es in der Regel problemlos per USB anschließen.
  • Es lässt sich auch noch für andere Zwecke wie beispielsweise Skype-Chats etc. verwenden.
  • Es ist klein und kompakt und lässt sich leicht verstauen.
  • Und last but not least: Das Mikro sitzt immer in einer gleichbleibenden Position zum Mund, auch wenn man nicht so diszipliniert ist.

Auf der anderen Seite sollte man keine Klangwunder erwarten. Und wenn man nicht nur den Screencast in Szene setzen will, sondern auch einmal persönlich im Bild erscheint, sieht man… recht bescheiden aus. Es gibt Headsets, die kaum sichtbar und sehr dezent sind, aber die sind auch entsprechend teuer.

Handmikro

Ein Handmikro ist die klassische Bauform und entsprechend vielfältig ist hier die Auswahl. Wenn man es nicht ständig in der Hand halten will, braucht man ein Stativ oder einen Ständer. Will man reine Audioaufnahmen machen, wird man sich hier noch für ein anderes Modell entscheiden, als wenn man auch einmal selbst im Bild sein will.  So schwören durchaus viele auf Großmembranmikros, am besten noch in einer „Mikrofonspinne“, die Vibrationen abfängt. Aber das ist bei einer Videoaufnahme natürlich schon sehr prominent im Bild.

USB-„Podcaster“-Standmikrofon

Natürlich vor allem zur Hochphase des Podcasting-Hypes (ja, den gab es wirklich mal), kamen spezielle USB-Podcaster-Mikros auf den Markt. Sie konnte man nicht nur leicht anschließen, sie hatten auch noch einen eingebauten oder mitgelieferten Ständer und bei alldem ein gut konstruiertes Sprachmikro im Kern. Wenn ich nicht schon zu viel Geld für Audio-Equipment ausgegeben hätte, wäre das auf jeden Fall eine Anschaffung gewesen ;-) Aber letztlich bin ich sehr glücklich mit einer anderen Geräteklasse geworden, die ich euch hier folgend vorstellen möchte.

Multifunktions-Aufnahmegerät

Nachdem ich persönlich sowohl mit einem Headset als auch einem Setup aus Handmikro und Mini-Mischpult experimentiert habe, gibt es ein Gerät, dessen Anschaffung sich schon mehrere Male bezahlt gemacht hat: mein Zoom H2. Das ist ein wahres Multitalent im zeitlosen Rasiererdesign mit dem billigen Touch von silber angestrichenem Plastik… Aber lässt man einmal die Äußerlichkeiten beiseite (und ignoriert auch die hanebüchene Menüführung), dann hat man hier ein Gerät für alle Fälle.

Meinen Zoom H2 kann ich per USB an den Rechner anschließen und habe dann ein USB-Mikrofon. Ein Fuß zum Aufstellen wird schon mitgeliefert. Ich kann das Gerät aber auch mit Batterien betreiben und unabhängig von einem Rechner benutzen. Dann habe ich ein Aufnahmegerät, das sich dank mehrere Mikrofone und einstellbarer Ausrichtungen auch für Interviews oder für die Aufnahme von Konzerten etc. eignet. Wer will, kann an den Zoom auch noch ein externes Mikro per Mini-Klinke anschließen und es somit als mobilen Mikrofonverstärker benutzen.

Ja, ich mag meinen Zoom H2 ;-) Für mich hat er sich als perfekte Lösung herausgestellt. Es gibt aber noch viele andere Aufnahmegeräte, die teilweise sogar XLR-Anschlüsse haben, um professionelle Mikros anzuschließen. Insofern: Vielleicht ist das für den einen oder anderen für euch auch die richtige Lösung.

Nützliches Mikrofonzubehör

Vor allem für die klassischen Handmikrofone gibt es noch jede Menge Zubehör.

Galgen

Unter einem Galgen versteht man in diesem Zusammenhang einen flexibel einsetzbaren Mikrofonständer. Ihn kann man mit mehreren Gelenken in diverse Positionen bringen und so auf unterschiedliche Aufnahmesituationen und räumliche Gegebenheiten reagieren.

Stativ

Eine andere Möglichkeit ist ein festes Stativ, zum Beispiel in einer kleinen Version für den Tisch. Dann kann man das Mikrofon vor sich auf den Schreibtisch stellen, während man den Screencast am Rechner aufnimmt.

Mikrofonspinne

Eine Mikrofonspinne ist eine federnde und gedämpfte Halterung fürs Mikrofon. Auf diese Weise sollen äußerliche Einflüsse wie Bodenerschütterungen, Vibrationen durch Geräte in der Nähe etc. so weit wie möglich ausgeschlossen werden.

Ploppschutz

Ein Ploppschutz oder Poppschutz ist ein feinmaschiges Gewebe, das vor dem Mikrofon positioniert wird. Es soll die Wirkung von harten Lauten wie dem „P“ abmildern. Der oftmals mitgelieferte Windschutz eines Mikrofons ist kein ausreichender Ploppschutz. Bastelwütige können sich so etwas übrigens aus einem Damenstrumpf und anderen Utensilien auch selbst bauen…

Fazit, Linktipp, Hinweis

Wie man sieht: Der Mikrofon-Markt ist extrem breit gefächert und wer will, kann sich in den vielen denkbaren Varianten leicht verlieren. Am Anfang ist es aber vielleicht doch einfach ein qualitativ hochwertiges Headset. Letztlich stellt sich immer die Frage, wie intensiv man das Mikrofon benutzen wird. Für mich persönlich hat sich ein Multifunktionsgerät wie der Zoom H2 letztlich als beste Lösung herausgestellt. Aber die individuellen Ansprüche können da sehr verschieden sein.

Konkrete Mikrofon-Modell-Empfehlungen kann ich derzeit leider nicht geben, weil ich mir mein Equipment vor einer ganzen Weile gekauft habe und noch heute damit zufrieden bin. Wer sich aber einmal über die Vielfalt von Mikrofonen und auch die enorme Preisspanne informieren will, dem sei der Fachändler Thomann empfohlen. Hier kann man sich übrigens auch per E-Mail oder Telefon beraten lassen.

Auf jeden Fall sollte man nicht vergessen, dass die Aufnahmequalität nicht nur vom Mikrofon, sondern ganz entscheidend von der Akustik des Aufnahmeraums und vielen weiteren Faktoren abhängt. Wer dazu mehr erfahren will, findet den passenden Artikel im Rahmen dieses Screencasting-Specials hier: „7 Einsteiger-Tipps für die gelungene Audio-Aufnahme“

Special „Screencasting für Einsteiger“

Dieser Artikel gehört zu einem umfassenden Screencasting-Special.

Artikel vom 16. Mai 2012