Social-Media-Kanäle: Welcher eignet sich wofür?

Das Thema Social Media ist schon lange nicht mehr taufrisch und doch gibt es noch immer Aufklärungsbedarf: Welcher Kanal eignet sich eigentlich wofür? Wo muss ich mitmachen? Wo lohnt es sich? Worauf kann ich verzichten? Kann ich überhaupt auf irgendetwas verzichten? Muss nicht jeder dabei sein? Einige dieser Fragen soll dieses Posting zumindest ansatzweise beantworten. Es geht um Facebook, YouTube, Twitter, Google+ und Blogs.

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Bevor ich auf die einzelnen Kanäle zu sprechen komme, möchte ich einen Punkt gern klarstellen: Ich persönlich halte den „Social“-Teil im Begriff „Social Media“ für außerordentlich wichtig. Social Media kann man durchaus als Werbekanal benutzen – auch wenn das viele nicht gern hören. Das kann sogar funktionierten für Unternehmen, die sich durch klassische Kanäle schon genug repräsentiert sehen und nur noch ihre Reichweite erhöhen oder als modern, innovativ und/oder freundlich wahrgenommen werden wollen.

Das eigentliche Potenzial von Social Media lässt man dann allerdings sausen: mit den Kunden (oder gar Fans) ins Gespräch zu kommen. Man kann daraus viel lernen. Man muss das aber auch wollen. Vorgetäuschtes Interesse am Dialog wird über kurz oder lang auffliegen. Und vor allem: Wer seinen Part nur vortäuscht, braucht zugleich nicht auf glaubwürdige Reaktionen zu hoffen. Niemand hat etwas davon, wenn sich die eigenen Social-Media-Aktivitäten in einer Art Realitätsverzerrungsblase bewegen. Aber gut: Manche Unternehmen wollen es wirklich nicht anders.

Kurz gesagt: Wer Social Media als Dialog versteht und lebt, kann viel gewinnen. Und, ja, das kann und darf sogar Spaß machen.

Aber kommen wir doch zu den genannten Kanälen.

Facebook

Über Facebook kann man wohl niemandem mehr sehr viel Neues erzählen. Facebook kennen sogar Menschen, die gar keinen Internetzugang haben. Man kann hier zweifellos eine breite Bevölkerungsschicht erreichen – jedenfalls theoretisch. Denn man muss sich schon klar sein, dass so mancher Facebook-Nutzer eben wirklich nur FarmVille spielen, den früheren Schulfreunden hinterherschnüffeln oder Babyfotos hochladen will.

Daneben gibt es aber über die „Fanpages“ ein großes Potenzial, auf sich aufmerksam zu machen. Ist so eine Fanpage erfolgreich, artet sie wie jedes erfolgreiche und ernsthaft betriebene Social-Media-Projekt in Arbeit aus. Die Kommentare und Beiträge der Fans muss man im Auge behalten und im Fall der Fälle (und möglichst häufig) darauf reagieren. In den letzten Wochen gab es mehrere Fälle, in denen boshafte Posts auf der Seite eines Unternehmens plötzlich eine ungeahnte Dynamik entfalten konnten. Nicht nur Fans, auch Feinde können schließlich diese Plattform nutzen – und tun das auch. Und diese Feinde können durchaus getarnte Mitarbeiter der Konkurrenz sein…

Auf der anderen Seite ist das nicht das erste Problem, mit dem man sich herumschlagen muss. Viel entscheidender ist die Frage, überhaupt auf die entsprechende Zahl von Fans zu kommen. Denn das ist beim Überangebot von Facebook gar nicht so einfach. Das hier zu erläutern, würde allerdings deutlich zu weit führen.

Und hat man seine Fans beisammen, bedeutet das noch lange nicht, dass man sie auch erreicht. Facebook bestimmt über seinen „EdgeRank“, was die Nutzer auf ihrer Startseite zu sehen bekommen. Will man garantierte Aufmerksamkeit für seine Posts, soll man dafür neuerdings bezahlen. Facebook muss eben zusehen, dass es Geld verdient. Aber ob diese Refinanzierung der Fanpages durch die Hintertür auf Dauer so gut ankommt, wird man sehen müssen.

Fest steht: Man hat auf Facebook über Textbeiträge, Fotos, Videos und Links viele Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen. Und rein theoretisch und rechnerisch hat man hier ein enormes Publikum.

Ob die eigenen Zielgruppe Facebook nutzt, steht auf einem anderen Blatt. Und selbst wenn diese Zielgruppe auf Facebook ist, steht noch nicht fest, dass diese Leute überhaupt Fan eines Unternehmens, einer Institution oder einer Einzelperson werden wollen.

Insofern: Potenzial ist da, Anlass zur Euphorie gibt es nicht.

YouTube

YouTube ist aus meiner Sicht das am meisten unterschätze Social Network. YouTube ist zudem die größte Suchmaschine der Welt nach Googles Websuche. Hier forschen die Menschen nicht nur nach Musikvideos, peinlichen Pannen und jenen seltsamen, fast unerklärlichen Webphänomenen, sondern auch nach ganz praktischem Rat. Anleitungen, Tests, Vergleiche, Erklärungen: Alles das ist auf YouTube sehr gefragt.

Das UPLOAD-Special „Screencasting für Einsteiger“ gibt viele Tipps, wie man mit nützlichen Videos auf YouTube erfolgreich sein kann. Denkbar sind aber auch regelmäßige Sendungen zu bestimmten Themen, über die man sich natürlich als Experte profilieren kann. Der Aufwand für ein professionell produziertes Webvideo ist aber nicht zu unterschätzen, auch wenn der technische Fortschritt hier in den letzten Jahren vieles sehr viel erschwinglicher gemacht hat. Man muss deshalb vielleicht nicht mehr sofort viel Geld investieren, aber schon Zeit und Ideen.

YouTube eignet sich für verschiedene Fälle. Im professionellen Bereich ist es besonders dann gut, wenn man etwas erklären oder zeigen kann. Nur gilt auch hier: Die Zielgruppe muss natürlich da sein. YouTube gilt da eher als eine junge Website. Andererseits hebt Google Videos in seinen Suchergebnissen verstärkt hervor. Sprich: Wer zu einer vielgesuchten Anfrage in seinem Bereich ein gutes Video auf YouTube platziert hat, könnte darüber potenziell viel Aufmerksamkeit bekommen – denn visuell sind alle Menschen, unabhängig vom Alter.

Es kommt eben darauf an, inwiefern solche Videos wohl von der eigenen Zielgruppe gesucht und als nützlich empfunden werden können. Und inwiefern man solche Videos produzieren kann und möchte.

Twitter

Der ganz große Twitter-Boom ist bislang ausgeblieben und so bewegt sich das Social Network derzeit eher in einem Nischenbereich, beschattet vom übergroßen Facebook. Immerhin: Die Zahl der aktiven deutschsprachigen Twitter-Accounts wächst und das virale Potenzial ist enorm. Twitter ist der Nachrichtenticker für weite Teile jener sagenumwobenen „Internetgemeinde“. Man erreicht hier viele netzaffine Menschen auf eine kurze und prägnante Weise.

Die Möglichkeiten von Twitter sind noch immer sehr beschränkt. Man kann weiterhin keine Tweets kommentieren und die Integration von Medien neben 140 Zeichen Text ist eher rudimentär. Für Unternehmen gibt es spezielle, allerdings sehr teure Angebote. Externen Diensten und Werkzeugen macht Twitter zudem in letzter zeit das Leben immer schwerer. Ganz offensichtlich möchte das Unternehmen die Nutzer auf der eigenen Seite haben – und wenn es dazu sein über Jahre gewachsenes Ökosystem zerstören muss.

Aus meiner Sicht kann man Twitter dann gewinnbringend einsetzen, wenn man es selbst auch als gewinnbringend empfindet und selbst etwas beitragen möchte.

Nur auf die eigenen Angebote hinzuweisen oder Twitter gar als Müllhalde für einen RSS-Feed zu benutzen, ist nicht die beste Variante. Über Twitter kann man Links verbreiten, Meinungen, Aussagen, Gedankenblitze, Fragen. Wer davon nichts zu bieten hat, ist hier sehr wahrscheinlich an der falschen Stelle.

Google+

Googles Social Plattform hat es auf dem deutschsprachigen Markt noch sehr schwer. Von Facebook unterscheidet es sich vor allem durch die komplette Abwesenheit von Werbung und dabei soll es auch noch eine ganze Weile bleiben. Im Gegensatz zu Facebook hat Google schließlich noch andere vielbesuchte Websites, um Anzeigen zu platzieren.

Das Fehlen von Werbung bedeutet aber auch, dass es Unternehmen und andere professionelle Anwender enorm schwer haben, auf sich aufmerksam zu machen. Zwar gibt es mit den Google+ Pages ein Äquivalent zu den Facebook Fanpages. Aber die haben bislang nur wenige Funktionen und sind teils bewusst in ihren Möglichkeiten beschnitten, um Spam zu unterbinden.

Auf einer G+ Page kann man Inhalte wie Texte, Links, Fotos oder Videos posten. Eine Besonderheit sind die „Hangouts“, was ein Mehrpersonen-Videochat im Browser ist. Unter dem Namen „Hangout on Air“ gibt es das auch als eine Variante, die live gestreamt und hinterher automatisch zu YouTube hochgeladen wird.

Eine gute Chance, Aufmerksamkeit zu bekommen, besteht im viralen Potenzial von Inhalten auf Google+. Alle Nutzer bekommen in ihrem Stream auch Posts angezeigt, auf die besonders viel reagiert wurde. Aber bis dahin muss man natürlich erst einmal kommen.

Um das zu erreichen, muss man die Möglichkeiten von Google+ intensiv nutzen und vor allem auf Bilder und Videos setzen. Auch Sonderaktionen via Hangout oder Hangout on Air können hier weiterhelfen.

Nach wie vor gibt es keine offizielle API für Drittanbieter, um Beiträge auch von außen auf Google+ zu posten. Eine Ausnahme ist beispielsweise der Dienst HootSuite, der eine besondere Vereinbarung mit Google hat. HootSuite bietet zwar recht viele Funktionen, allerdings sehen die über HootSuite geposteten Beiträge nicht besonders gut aus, weil Links im Text beispielsweise noch nicht automatisch eine Vorschau darunter generieren.

Weiteres Manko der Google+ Pages: Momentan fehlt ihnen jede Art von Statistik. Hier böte sich natürlich eine Einbindung und Verknüpfung mit Google Analytics an. Einen ersten Vorboten dazu gibt es seit Kurzem auf der Ebene der persönlichen Profile: Authorship Analytics. Wer sich als Autor für bestimmte Newswebsites registrieren lässt, bekommt hier u.a. Auswertungen über die Klicks auf seine Artikel.

Solche Klickstatistiken wären natürlich für Google+ Pages ebenso sinnvoll wie notwendig. Derzeit hat man ja nicht einmal eine Statistik dazu, wie sich die Zahl der Follower der eigenen Seite entwickelt hat.

Google hat also noch viel Arbeit vor sich. Klar ist aber dennoch, dass man an Google+ nicht wirklich herumkommen wird. Google sieht es nicht als Social Network, sondern als Social Layer aller seiner Dienste. Schon jetzt taucht Google+ vermehrt in den Suchergebnissen auf und wird immer zahlreicher mit anderen Diensten verzahnt.

Blogs

Um Corporate Blogs ist es nach meinem Eindruck deutlich ruhiger geworden, wenn es um Social Media geht. Allein der Begriff des „Content Marketing“ taucht immer wieder auf. Und er beschreibt im Grunde das, was man über Corporate Blogs auch vor zehn Jahren schon gesagt hat: Wenn man interessante Inhalte hat, zieht man Leser an.

Ein eigenes Blog hat den großen Vorteil, dass man dort alle Freiheiten hat. Man selbst bestimmt, was man dort veröffentlicht und in welcher Form. Das Design ist hundertprozentig individuell anpassbar. Man kann es bei Bedarf sogar leicht in die eigene Firmenhomepage integrieren und in manchen Fällen wird das Blog vielleicht sogar zur Firmenhomepage. Alles das sind Dinge, die man über seine Präsenzen bei Facebook, YouTube, Twitter oder Google+ gar nicht oder nur eingeschränkt sagen kann.

Blogs sind die große Freiheit. Aber mit Freiheit kommt bisweilen Ratlosigkeit: So viele Möglichkeiten stehen zur Auswahl, aber was ist die richtige? Wie mache ich mein Blog bekannt? Worüber soll ich schreiben? Und in welcher Form?

Im klassischen Sinne ist ein Blog etwas persönliches. Der Blogger ist eine möglichst greifbare Person. Aber zum einen ist es schwieriger „man selbst“ zu sein, als man zunächst denken könnte. Und zum anderen ist man als Aushängeschild einer Firma generell nicht so frei, als wenn man als Privatmensch auftritt.

Wichtiger ist aus meiner Sicht auch, dass man überhaupt etwas zu erzählen hat. Man möchte Wissen weitergeben. Man möchte Einblicke ermöglichen. Man möchte Feedback einholen. Social Media eben. Ist das gegeben, hat man gute Chance. Hat man gute Ideen, seine Inhalte auf besonders ansprechende Weise rüberzubringen, steigen die noch einmal enorm.

Ein Blog ist dabei keine Presseseite unter anderem Namen. Wer Pressetexte veröffentlichen will, kann das gern an den dafür bereits vorhandenen Stellen tun. Dafür muss man sich kein Blog anschaffen.

Das Blog ist zur Vernetzung da und zum Austausch. Und wie so viele Social-Media-Möglichkeiten ist auch ein Blog kein Nebenbeiprojekt.

Nachteil des Blogs gegenüber Präsenzen auf den großen Social-Media-Plattformen: Man ist erst einmal unsichtbar. Oder jedenfalls hat man das Gefühl, im Nirgendwo zu operieren, während man bei Facebook das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein. Allerdings hatte ich schon weiter oben angemerkt, dass es inzwischen alles andere als leicht ist, bei Facebook überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Insofern relativiert sich das alles am Ende ein wenig.

Fazit

Jede Möglichkeit hat ihre speziellen Vor- und Nachteile. Bei Facebook ist man im derzeit größten Social Network präsent, geht aber eventuell unter. Bei YouTube erreicht man potenziell viele Nutzer, man muss aber überhaupt Videos machen wollen. Bei Twitter kann man sich mit interessanten Personen austauschen, hat dazu aber nur beschränkte Mittel. Google+ hat großes Potenzial, aber wichtige Funktionen fehlen noch. Das eigene Blog ist flexibel, aber auch herausfordernd.

Letztlich wird jeder einen Mix finden. Bei UPLOAD konzentriere ich mich derzeit beispielsweise darauf, unseren Twitter-Kanal @uploadmag wieder mit Leben zu erfüllen, privat nutze ich aber am liebsten Google+. Manch einer wird zum YouTube-Star oder begeistert sich fürs schnelle Twittern.

Der beste Rat bei alldem ist übrigens auch schon sehr alt, immer noch wahr und kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Selbst ausprobieren ist das einzig Wahre. Man muss seine eigenen Erfahrungen sammeln, idealerweise erst einmal als Privatperson. Denn ganz nebenbei bemerkt: Als Privatperson hat man es in Social Networks generell leichter, denn für „echte Menschen“ sind sie letztlich ja auch gemacht. Man sollte sich dabei schon vier Wochen Zeit lassen und es dabei möglichst in den Alltag einbauen.

Danach hat man ein viel besseres Gefühl dafür, was für einen geeignet ist und was nicht.

Denn meine Erfahrungen, die ich in diesem Post hier wiedergebe, basieren zwar auch auf Dingen, die ich von anderen gehört habe. Ich versuche dabei ein Gesamtbild zu zeichnen. Aber zum Großteil sind es natürlich meine subjektiven Sichtweisen. Trotzdem hoffe ich, dass sie für eine grobe Einordnung hilfreich sein können.

Artikel vom 19. November 2012