Play The Code: Neue Plattformen für den Einstieg in Websprachen

Wer nicht aus dem Mathe-, Informatik- oder Webdesign-Umfeld kommt, tut sich mit dem Einstieg in Programmier- und Websprachen in der Regel schwer. Vergreift man sich dann noch beim Lehrbuch, gibt man entnervt auf und verpasst die Chance, eine kreative Spielwiese für sich zu erobern. Zum Glück sind in letzter Zeit jedoch einige Plattformen entstanden, die frischen Wind in den verstaubten Selbstlern-Betrieb bringen und das Coden-Lernen interaktiv und spielerisch gestalten.

Jongleur auf Tafel

Endlich mit Spaßfaktor: Coden lernen mit interaktiven Plattformen

Nicht zuletzt aufgrund mangelnder Lehrangebote haben Websprachen (ich gebrauche den Begriffe jetzt mal sehr frei) nie wirklich den Sprung hinaus über eine kleine, technikaffine Zielgruppe geschafft und sind zu dem geworden, was sie eigentlich sein sollten: Breit adaptierte und nahezu allgegenwärtige Kultursprachen. Schlimmer noch: Nachwuchs-Entwickler sind angesichts des ständig wachsenden Bedarfs eher Mangelware und der Anteil von Mädchen und Frauen in der IT ist von einem niedrigen Level sogar noch einmal gesunken. Es gibt Experten, die gerade die Benachteiligung von Mädchen und Frauen auf die Einführung des IT-Unterrichts an Schulen zurückführen, da dort der pädagogische Ansatz eher dem Klischee der Hacker und Gamer folgt, als der bunten und vielfältigen Realität der IT-Welt.

Ich selbst gehörte in der Schule weder zu den Mathe-Genies, noch zu den Technik-Freaks und habe bis auf ein paar Experimente mit Basic auf dem Plus4 eher Abstand gehalten. Und auch später fiel mir der Einstieg äußerst schwer: Zu Studien-Zeiten half vor allem die Plattform selfhtml, doch beim Erlernen von echten Programmiersprachen war man meist auf technisch-mathematisch orientierte Einführungsliteratur angewiesen bzw. es war schlicht Glücksache, ob man nun ein didaktisch passendes Buch erwischte oder nicht. Bis heute ist mir nicht ganz klar, weshalb man Programmierung und Websprachen unbedingt in die MINT-Kiste (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) stecken muss, obwohl man genauso eine Nähe zu den Sprachwissenschaften konstruieren könnte und im IT-Umfeld ohnehin vielfach auch andere Fähigkeiten gefragt sind. Mit anderen Worten: Der Mangel an Fach- und Nachwuchskräfte wundert mich als Außenstehenden und (früher) eher technik-aversen Menschen angesichts dieser Historie nicht unbedingt. Doch Moment…

Qualitätssprung per Web 2.0

Mit dem Reifen der Web-2.0-Ära hat sich die Situation allmählich gebessert: Seiten wie nettuts+, Smashing-Magazine und Co. publizieren regelmäßig gut verständliche und qualitativ ausgezeichnete Tutorials, YouTube hat Online-Video-Tutorials populär gemacht (für unterrepräsentierte Zielgruppen wie Kreativ-Arbeiter ist Don’t Fear The Internet nach wie vor ein schönes Beispiel) und exzellente Q&A-Plattformen wie stackoverflow haben das teilweise etwas ruppige Foren-Volk abgelöst oder zumindest ergänzt. Hinzu kommt eine Meeting-Kultur, bei der Enthusiasten und Lernwillige über meetup.com oder eigene Webprojekte Coder-Meetings organisieren (z.B. OpenTechSchool) und dabei auch speziell Frauen (GirlDevelopeIt, Railsgirls) oder Kinder (CoderDojo) ansprechen. Mit anderen Worten: Heute kann man deutlich einfacher seinen individuellen Weg in die Programmier-Welt finden.

In jüngster Zeit hat das Lehr-Angebot noch einmal eine enorme Bereicherung erfahren: Neben Büchern, Online-Tutorials, Video-Tutorials, Q&A-Plattformen und Meetups sind Plattformen entstanden, die die Interaktion in den Vordergrund stellen. Den Durchbruch in der Web-Öffentlichkeit haben diese Plattformen vor allem durch Codecademy bekommen. Inzwischen ist Codecademy jedoch längst nicht mehr alleine …

Play the Code: Interaktive Plattformen

Gemeinsam ist all diesen neuen Lern-Plattformen ein gewisses Maß an Interaktivität. Dabei sind derzeit drei Formen auszumachen:

  • Browser-basierte Code-Editoren, bei denen der Code in/über den Browser eingegeben und ausgeführt wird. Das Ergebnis des Codes wird in einem benachbarten Editor-Fenster angezeigt. So coded man sich durch verschiedene Aufgabenstellungen und Kapitel. (Beispiel Codecademy).
  • Interaktive Video-Tutorials, in denen kleine Aufgaben im Video-Screen interaktiv ausgefüllt werden bzw. Code ergänzt wird (Beispiel lynda).
  • Vorgeführter Code, der im Browserfenster als „Film“ abläuft, der gesteuert und zumindest bei einer Plattform sogar verändert werden kann (Beispiel thecodeplayer).

Andere Plattformen wie teamtreehouse oder khanacademy mischen die oben genannten Formen und schaffen so ein wahrhaft hyper-interaktives Lern-Erlebnis. Ein Überblick über verschiedene Plattformen, deren Funktionsprinzip, die angebotenen Sprachen und das Kostenmodell findet ihr in der Tabelle (die Unterteilung in Frontend, Backend, Mobile, Webtools etc. mag zwar gewollt bis falsch sein, macht es aber etwas übersichtlicher):

PlattformFeaturesSprachenKosten
codecademy.comInteraktive Kurse (Browser-Editor)
  • Frontend (Javascript, HTML, CSS, JQUERY)
  • Backend (Python, Ruby)
kostenlos
lynda.comVideos-Kurse und Übungs-Files zum Download
  • Software (von Access bis Xpress Pro)
  • Webtools (von Blogger bis Yahoo)
  • Sprachen/Frameworks (von ASP.NET bis ZEND)
Abo
udacity.comVideo-Kurse und interaktive Q/A’s
  • eher akademisch „computer science“
  • praktischer: html5 game developement
kostenlos
teamtreehouse.comVideo-Kurse und interaktive Kurse (Browser-Editor)
  • Frontend (CSS, CSS3, HTML, HTML5, Javascript)
  • Backend (PHP, Ruby)
  • Mobile (Xcode, Objective C etc.)
Abo
programr.comInteraktive Kurse (Browser-Editor)
  • Frontend (Processing, Javascript, AJAX)
  • Backend (Java, J2EE, C++, PHP, .NET, FLEX, Ruby, Python, SQL)
  • Mobile (Android, iOS)
kostenlos
codeschool.comVideo-Kurse und interactive Kurse (Browser-Editor)
  • Frontend (Javascript, CoffeeScript, JQUERY, CSS, CSS3, HTML5 etc.)
  • Backend (Ruby, Node.js)
  • Webtools (Git)
Abo
railsforzombies.orgVideo-Kurse und interaktive Kurse (Browser-Editor)
  • Backend (Ruby)
kostenlos
thecodeplayer.comCode-Vorführung im Browser
  • Frontend (Javascript, HTML5, CSS3)
kostenlos
khanacademy.orgCode-Vorführung im Browser mit Audio-Erklärung und Interaktion (Browser-Editor)
  • Computer Science and Basic Programming
kostenlos

Khanacademy: Das richtige Konzept gefunden?

Von allen Plattformen finde ich derzeit das Konzept von Khanacademy am überzeugendsten: Ähnlich wie Codecademy arbeitet die Plattform mit zwei Browser-Editoren: Im linken Editor erscheint der Code, im rechten das Ergebnis. Während Codecademy jedoch die Aufgaben per Beschreibungstext erklärt, setzt Khanacademy auf das Codeplayer-Prinzip: Im Code-Editor läuft ein „Erklär-Film“ ab, den der User jederzeit unterbrechen kann. Anders als bei Lynda handelt es sich jedoch nicht um ein stark eingeschränktes und gering-interaktives Video-Format, sondern um einen animierten Text mit hinterlegtem Audio-File. Der Vorteil: Wenn man den „Film“ anhält, kann man den Code im „Filmfenster“ ganz normal bearbeiten und sieht die Auswirkung direkt im Ergebnis-Editor. So kann man das gerade vorgeführte Beispiel jederzeit selbst praktisch nachvollziehen und mit dem Code herumspielen. Unmittelbarer und interaktiver geht es kaum, schaut euch das am besten einfach mal kurz selber bei einem Kurs von Khanacademy an.

Einziger Wermutstropfen: Khanacademy bietet derzeit im Bereich Websprachen und Programmierung nur eine extrem kleine Auswahl mit allgemeinen Kursen an. Daher bleibt meine Lieblingsplattform derzeit noch Codecademy. Man kann sich allerdings sicher sein, dass all diese Plattformen inhaltlich noch deutlich zulegen werden und auch neue Konzepte auf uns zu kommen.

Fazit: Mein eigenes Lern-Programm

Klar ist, dass die Plattformen das Selbstlern-Angebot enorm bereichern und die Chance bieten, auch neue und weniger technik-affine Zielgruppen mit Spaß und Interaktion anzusprechen. Genauso klar ist derzeit für mich, dass die Plattformen herkömmliche Lernformen nicht komplett ersetzen werden, sondern eben nur die Palette erweitern. Bei meinem jüngsten Einstieg in Javascript habe ich beispielsweise mit Codecademy begonnen, bin dann auf ein klassisches E-Book umgestiegen, werde demnächst wieder Codecademy reanimieren, während ich mein PHP über ein Offline-Video-Tutorial, ein Print-Buch, Online-Tutorials und Q&A-Plattformen auffrische. Es dürfte also in ein und derselben Zielgruppe Platz für alle Angebote geben.

Was noch nicht überzeugt, sind die Kostenmodelle einiger Plattformen: Viele User wären wohl durchaus bereit, für das Absolvieren einzelner Kurse zu bezahlen, sofern sie hochwertig und umfangreich genug sind. Ein Abo-Modell macht aber wenig Sinn, da es die User an eine Lernform bindet. In den lernfreien Phasen oder in Phasen, in denen man sich anderer Lernquellen bedient, wird ein Abo zum Verlustgeschäft, zumal einzelne Plattformen nur selten soweit in die Tiefe gehen, dass man über einen langen Abo-Zeitraum das Angebot sinnvoll nutzen könnte.

Auf jeden Fall bieten die Plattformen ein enormes Potential und führen den lange vermissten Spaßfaktor in den Selbstlern-Betrieb ein. Gut vorstellbar, dass sich über diese Angebote auch neue, weniger technik-affine Menschen wie ich es bin oder Leute aus dem Kultur-Bereich oder mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund für Programmierung und Websprachen zunehmend begeistern können.

Artikel vom 29. Oktober 2012