Basiswissen Journalismus: Der richtige Artikelaufbau – Pyramiden und Erdbeben

Im Journalismus gibt es gewisse Regeln, wie ein optimaler Text aufgebaut sein sollte. Doch genauso gibt es auch genügend Abweichungen von den Regeln. Doch das sollte nicht abschrecken, denn schließlich liegt das zu einem großen Teil daran, dass es im Journalismus unterschiedliche „Darstellungsformen“ gibt (siehe gestriger Beitrag). Blogger, die sich für journalistische Standards interessieren, sollten sich davon also auf keinen Fall abschrecken lassen.


Basiswissen Journalismus

Foto: Jenzig71/Photocase.com

Die umgekehrte Pyramide

Eines der wichtigsten Prinzipien im journalistischen Textaufbau ist die „umgekehrte Pyramide“ (auch „Trichterprinzip“ genannt). Sie wird vor allem bei Kurzmeldungen, Nachrichten und Berichten angewandt. Die Idee dieser Formel besteht ganz simpel darin, das Wichtigste zu erst zu bringen, also an den Anfang des Textes zu stellen. Im ersten Satz bzw. Absatz sollten deshalb auf jeden Fall die journalistischen Ws abgearbeitet werden: Wer hat was wann wo wie und warum getan?

Wenn man all diese Fragen abgearbeitet hat, hat man den Nachrichtenkern erfasst. Als nächstes sollte die Quelle der Information genannt werden: Gerade für Blogs ist das wichtig, wollen Sie von Profi-Journalisten als glaubwürdig eingeschätzt werden und nicht als „Klowände des Internet“. Denn eines der wichtigsten Prinzipen des Journalismus (genauso wie auch der Wissenschaft) ist schließlich, dass der Leser im Zweifelsfall Aussagen rekonstruieren können muss.

Die Abarbeitung der journalistischen W-Fragen hat also oberste Priorität in diesem hierarchischen System. Erst danach können Einzelheiten zum Kern der Nachricht geschildert werden. Und schließlich können auch Hintergründe folgen. Vorteil dieses Prinzips ist es, dass Leser gerade bei längeren Texten aussteigen können, wenn sie für sich entscheiden, genug erfahren zu haben. Wenn der Hintergrund allerdings wie üblich erst zum Schluss erfolgt, fällt gerade dieser häufig unter den Tisch. Bei der Financial Times Deutschland soll es deshalb Standard sein, dass im 3. Absatz erklärt werden muss, warum die Nachricht denn überhaupt relevant ist („Kontextabsatz“).

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Narrative Darstellungsformen

Anders sieht es bei den erzählenden und subjektiven Darstellungsformen aus: Bei Reportagen, Features, Glossen, Kommentaren etc. gilt das Prinzip der umgekehrten Pyramide nicht. Denn es handelt sich dabei um Autorenbeiträge, die nicht nur nüchtern die Fakten aufzählen sollen, sondern ein Mehr bieten wollen. Und gerade hier wird es für viele Blogger erst interessant – zumindest für die, die nicht nur schnell News rumtwittern wollen. Denn schließlich gilt die Subjektivität als eine der größsten Stärken von Weblogs.

Während Nachrichten schreiben zu können oberste journalistische Pflicht ist, sind Reportagen und Co. die Kür: Für sie gelten im Prinzip keinerlei Regeln. Der Autor hat einen viel größeren Spielraum – und ein „geht nicht“ gibt’s nicht. Beliebt ist gerade bei Reportagen, Features und Porträts der szenische Einstieg. Ein Beispiel aus einem Text von mir:

Minus fünf Grad, draußen versinkt Stockholms Altstadt „Gamla Stan“ im Schnee. Wie fast jeden Morgen sitzt Thomas Stigen auch an diesem Februartag im Korbsofa des 350 Jahre alten „Grillska huset“. Er unterhält sich mit Kollegen und spielt mit seinem braunen Mischlingshund Ingo. Die am rechten Ohr befestigte Handy-Freisprecheinrichtung deutet an, dass der brummbärige Typ mit der praktischen Weste immer auf dem Sprung ist – wie auch in seinem früheren Leben: Als Gastronom hatte er ein „großes Haus, dickes Auto, die schönsten Frauen, sieben Kinder aus drei Ehen.“ (…mehr lesen)

Manchmal kann auch ein schlichter chronologischer Aufbau sinnvoll sein. Auch er hat seine Reize, denn er ist besonders klar strukturiert und die Gefahr des Autors, sich zu verzetteln, ist geringer. Man kann seinen Text auch mit einem kleinen Detail beginnen und langsam aufs große Ganze kommen. Dies wäre ein klassischer Pyramidenaufbau. Oder man kann mit einem richtigen Knaller starten. Doch Vorsicht: Der erste Satz darf nicht „zu laut“ sein: „Wer mit einem Schrei beginnt, der kann nicht mehr steigern; er muss ja gerecht bleiben gegenüber seiner Geschichte, den Tatsachen und Menschen, von denen er schreibt“, heißt es im „Neuen Handbuch des Journalismus“ (siehe unten). Denn eine der wichtigsten Regeln (ok, es gibt sie doch, die Regeln für Reportagen) ist natürlich, dass man beim Leser eine gewisse Spannung erhalten will, damit er dran bleibt. Doch der Losung des legendären Stern-Gründers Henri Nannen „Mit einem Erdbeben anfangen! Und dann langsam steigern“ ist natürlich nur sehr schwer nachzukommen…

Ebenfalls häufig gebraucht wird die „Klammer“ – gerade bei Magazinbeiträgen fürs Fernsehen ist dies sehr beliebt: Man beginnt mit einem persönlich Betroffenen, zeigt danach auf, dass sein Problem auch tausende andere Menschen haben, lässt im Mittelteil die Gegenseite, Politiker, Wissenschaftlicher und Co. zu Wort kommen und beendet den Beitrag schließlich wieder mit dem eingangs schon gezeigten Betroffenen.

Nachricht und Subjektives im Vergleich

Um den Unterschied zwischen den beiden Formen deutlich zu machen, hier ein Beispiel: Für den Branchendienst turi2.de schrieb ich jüngst eine Meldung, die auf einem durchaus subjektiven Blogbeitrag basierte. Julius Endert schrieb im Handelsblatt-Blog ad hoc:

Dass das Morgenmagazin (MoMa) von ARD und ZDF mit seinen Politikerinterviews immer die Nachrichtenagenda des Tages bestimmt, ist den Verantwortlichen beim Stern ein ständiges Ärgernis. Jetzt soll eine groß angelegte Video-Offensive diesen betrüblichen Zustand ändern. „Der Stern, bewegt“, ist der Arbeitstitel, unter dem das Magazin die Welt der bewegten Bilder erobern will. Der Stern wäre nicht der Stern, wenn die eigenen Maßstäbe für dieses Vorhaben nicht ziemlich hoch wären, schließlich punktet der Stern im gedruckten Format besonders durch seine Fotos, da darf es im Web keine verwackelten Videos im hanutagroßen Player geben.“

Nach einem Mittelteil mit vielen Details endet der Beitrag folgendermaßen:

Also, toi, toi, toi und MoMa-Redaktion aufgepasst, da kommt was auf euch zu!

Ich wiederum machte daraus auf turi2.de eine kurze Meldung, die dem Prinzip der umgekehrten Pyramide folgte:

Angriff von stern.de mit bewegten Bildern: Ab November will das Internetportal des Hamburger Magazins eigens fürs Netz produzierte TV-Magazine online bringen. Die Video-Offensive mit dem Projekttitel „Der Stern, bewegt“ starte mit einem Kinomagazin, hieß es auf dem RTL-Trendforum TV in Köln. Auch ein Pilot für ein Comedy-Format aus der Gruner + Jahr-Kantine wurde dort vorgeführt. Schon bald sollen mit einem zehnköpfigen Team 600 Programmminuten im Monat produziert werden. So will stern.de unabhängiger von Reuters TV werden und hofft sogar, eines Tages dem Morgenmagazin von ARD und ZDF beim Agenda Setting Konkurrenz zu machen.

Mit nur etwa einem Fünftel der Länge von Julius Enderts Beitrag habe ich also mit dieser Meldung versucht, den Kern der Nachricht plus Quelle plus Einzelheiten plus Hintergrund zu liefern. Das soll keine Kritik an dem Ausgangsbeitrag sein, im Gegenteil: Der ad-hoc-Beitrag enthält noch viele zusätzliche Informationen, die in der von mir formulierten Nachricht unter den Tisch gefallen sind – aber eben (hoffentlich) nicht so wichtig gewesen sind, dass sie zwangsläufig in die Nachricht gehört hätten. Außerdem lebt Julius Enderts Beitrag von seiner Subjektivität: Eine Geschichte wird erzählt, die Anspielung auf das Morgenmagazin bildet eine „Klammer“ um die Geschichte herum (siehe oben).

Eine unendliche Liste

Rückblenden, Wechsel der Perspektive, gegebenenfalls sogar fiktive Elemente – die Liste, mit welchen Mitteln man einen Text aufpeppen kann, ist schier endlos und kann deshalb hier nicht allumfassend wiedergegeben werden. Ein Blick in eine gut sortierte Buchhandlung reicht aus um zu sehen, dass es letztlich zu fast jeder journalistischen Darstellungsform und zu fast jedem Genre mehrere Lehrbücher gibt, die sich teilweise über mehrere hundert Seiten damit beschäftigen, wie man die optimale Nachricht schreibt oder die preisverdächtige Reportage. Für einen ersten Überblick sind diese Bücher zu empfehlen:

  • Wolf Schneider / Paul-Josef Raue (2003/2006): Das neue Handbuch des Journalismus. Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung online bestellbar für 4 Euro plus Versand oder im Buchhandel als Taschenbuch für 10,90 Euro.
  • Michael Haller (2006): Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. 19,90 Euro.
  • Jury des Henri-Nannen-Preises (Hrsg., 2007): Mit einem Erdbeben anfangen! Die besten journalistischen Geschichten des Jahres. 19,90 Euro.

Weiterführende Links:

Über den Autor

Florian Treiß arbeitet als freier Journalist u.a. für den Branchendienst turi2.de, die Journalismuszeitschrift Message und für das MDR Fernsehen. Außerdem feilt er gerade an seinem Abschluss in Diplom-Journalistik an der Universität Leipzig. Weitere Informationen in seinem Blog trice.de.

Alle Beiträge der Serie „Basiswissen Journalismus“ auf einen Blick

Artikel vom 28. November 2007