Wikipedia, Citizendium, Google Knol: Welches System ist das beste?

Wenn es ums digitale Publizieren geht, taucht eine Frage immer wieder auf: Bringen neue technische Möglichkeiten auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit oder überträgt man am Ende doch einfach das, was sich bereits bewährt hat, auf digitale Medien? Ein Beispiel: Online-Lexika. Wikipedia ist weithin bekannt. Mit Google Knol ist ein neuer Mitstreiter in Vorbereitung. Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger hat wiederum Citizendium gegründet. Die Systeme sind höchst unterschiedlich. Wer wird sich am Ende durchsetzen?

Wikipedia

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Startseite der deutschsprachigen Wikipedia

Die Wikipedia setzt am deutlichsten auf das, was gelegentlich „die Weisheit der Masse“ („wisdom of the crowd“) genannt wird. Theoretisch kann jeder jeden Artikel innerhalb dieses Online-Lexikons bearbeiten. Man könnte denken, dass ein solches System innerhalb kürzester Zeit im totalen Chaos versinken müsste. Tut es allerdings nicht. Es funktioniert stattdessen erstaunlich gut.

Natürlich gibt es Bereiche der Wikipedia, in denen durchaus Chaos herrscht. Und es gibt Artikel, die offensichtlich einseitig oder schlecht recherchiert sind. Bedenken muss man allerdings, dass die Wikipedia rund um die Uhr im Fluss ist. Im Gegensatz zum gedruckten Brockhaus, dessen Inhalte einst für die kleine Ewigkeit von mehreren Jahrzehnten gedacht waren, fluktuiert die Wikipedia ununterbrochen.

Interessanterweise bilden sich in der Wikipedia dabei doch wieder Hierarchien und Konventionen. Es gibt beispielsweise einen festgelegten Ablauf, wie ein Artikel gelöscht wird. Und es besteht die Möglichkeit, das Bearbeiten eines Artikels zu verhindern, wenn er Opfer von „Vandalismus“ wird, weil beispielsweise eine Person oder eine Gruppe nicht einsehen kann, dass sie sich gegen die anderen mit ihren Informationen nicht durchsetzt. Es gibt Wikipedia-Nutzer mit besonderen Rechten. Kurzum: So ganz allein die Weisheit der Masse ist auch bei der Wikipedia nicht am Werk.

Innerhalb der Wikipedia gibt es zudem Moden und Strömungen. Irgendwann scheint man beispielsweise auf die Idee verfallen zu sein, dass die weitgehende Unendlichkeit des Online-Speicherplatzes nicht genutzt werden soll. Seitdem werden Themen entfernt, wenn sie nicht relevant genug scheinen. Wo aber die Grenze verläuft, kann man nur subjektiv festlegen. Ebenso werden Artikel entfernt, wenn sie das Thema nicht erschöpfend genug behandeln, sondern nur ein Stumpf („stub“) sind. Eine Frage dabei: Wie sollen sich neue Artikel und Themengebiete entwickeln, wenn man nicht auch lernt, Stückwerk auszuhalten? Diese Selbstbeschränkung ist prinzipiell überflüssig, aber sie ist nun einmal da und solange sich nicht eine Mehrheit dagegen entscheidet, müssen alle damit leben – oder ein eigenes Lexikon gründen.

Citizendium

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Citizendium: Versuch eines regulierten Wikis

Das hat beispielsweise Larry Sanger mit Citizendium getan. Der Wikipedia-Mitbegründer will mit seinem Online-Lexikon in eine andere Richtung gehen. Zwar darf auch hier jeder schreiben. Aber das geschieht beispielsweise mit dem Klarnamen und nicht wie bei der Wikipedia mit einem Phantasienamen. Zudem gibt es Experten, die Änderungen an Artikeln freigeben müssen. Anstatt alles einer grauen Masse zu überlassen, gibt es hier also ganz eindeutig und unverhüllt eine Hierarchie.

Auf diese Weise könnte das Citizendium einen Makel der Wikipedia abstreifen: Dass niemand weiß, wer was geschrieben hat. Denn das irritiert vor allem jene, die es sonst gewöhnt sind, jeden Informationsbrocken mit einem Literatur- und Quellennachweis belegt zu bekommen. Das Citizendium setze nicht auf Quantität, sondern auf Qualität, wird einem schon auf der Startseite erklärt. „Glaubwürdigkeit“ und „Verlässlichkeit“ sind Maxime dieses Projekts.

Die Experten als berufene Editoren und Verantwortliche sollen auch da das Heft in die Hand nehmen, wo bei der Wikipedia Diskussionen versanden, weil niemand eine endgültige Entscheidung trifft oder treffen kann.

Dass ein solches System aber auch nicht immer funktionieren muss, zeigt wiederum der Webkatalog Open Directory Project, der ebenfalls durch die „Weisheit der Masse“ entstehen soll und von freiwilligen Editoren reguliert wird. Jeder kann hier Links vorschlagen, aber die Verantwortlichen auf der anderen Seite müssen diese Links freischalten oder verwerfen. Klar ist, dass sich diese freiwilligen Editoren unterschiedlich stark für das Projekt engagieren. Viele Editoren sind sehr fleißig bei der Sache. Andere Kategorien setzen derweil Staub an. Das zeigt: Auch wenn ich eine Zwischenebene von Verantwortlichen einziehe, bedeutet das noch lange nicht, dass alles reibungslos läuft. Wer auf Bezahlung und Verpflichtung seiner Mitarbeiter verzichtet, muss mit solchen Nachteilen einfach leben.

Google Knol

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So sieht die derzeit nicht öffentliche Testversion von Google Knol aus. Den kompletten Screenshot gibt’s bei Google zu sehen.

Wieder einen anderen Ansatz soll nun Google Knol verfolgen. Der seltsame Name leitet sich von „Knowledge“ ab, also „Wissen“. Während bei der Wikipedia viele Menschen an einem Artikel zu einem Thema arbeiten, sollen bei Google Knol nach den derzeit vorliegenden Informationen viele Menschen an vielen Artikeln zu einem Thema arbeiten. Anstatt dass also 100 Leute an einem Artikel über Google schreiben, schreiben beispielsweise 100 Leute an 100 Artikeln über Google. Die Nutzer können die Artikel kommentieren, mit Hinweisen ergänzen und bewerten.

Google Knol befindet sich in der Entwicklung und ist noch nicht öffentlich zugänglich. Mehr Informationen dazu im offiziellen Google-Blog.

Entscheidend wäre nun, wie Google aus dieser Masse an Informationen die korrekten und nützlichen herausfiltert. Aber eigentlich sollte die Suchmaschine das notwendige Know-how dafür haben. In welcher Form das vor sich gehen wird, ist bislang unklar. Anzunehmen ist, dass Google mit einer Automatik versuchen wird, aus allen Artikeln eine Essenz zu filtern und tendenziöse und veraltete Informationen per Algorithmus zu entfernen. „Wir sind recht erfahren mit dem Bewerten von Webseiten und wir sind überzeugt, dass wir diese Herausforderung meistern werden“, heißt es selbstbewusst im Google-Blog.

Wir werden sehen, wie gut das funktioniert. Interessant ist jedenfalls, dass die Autoren auch hier mit Klarnamen erscheinen sollen und nun jeder sein Reservat hat, in dem er tun und lassen kann, was er will. Anstatt den Artikel in den Mittelpunkt zu stellen, soll hier der Autor im Mittelpunkt stehen, analysiert daher auch das GoogleWatchBlog.

Fazit

Wie man an diesen drei Beispielen sehr schön sieht: Das Internet mit seinen Möglichkeiten bringt sehr wohl ganz neue Formen der Zusammenarbeit hervor. Die Frage ist allerdings, ob man ohne Hierarchien auskommt. In der Theorie sähe das wunderbar aus, aber nur dann, wenn alle Beteiligten daran interessiert wären, selbstlos das Beste für das Gesamtprojekt zu erreichen. Dann käme ein Angebot wie Wikipedia ganz ohne Hierarchien und Konventionen aus, alles würde sich wie von selbst zum Besten wenden. Leider aber leben wir nicht in einer so idealisierten Gesellschaft. Die Mehrheit der Menschen interessiert sich in erster Linie für sich selbst und vertritt zunächst die eigenen Interessen. Insofern muss man entweder damit leben, dass die Masse auch Unsinn und Falschinformationen hervorbringt. Oder man muss die Masse lenken und überwachen.

Die Wikipedia setzt dafür auf Gruppendynamik, das Citizendium auf Editoren und Google auf eine Automatik. Welches System sich davon am Ende am besten bewährt, ist heute noch nicht abzusehen. Und eigentlich ist es doch so: Die verschiedenen Herangehensweisen haben verschiedene Vor- und Nachteile, dabei aber eins gemeinsam: Sie hängen in erster Linie davon ab, wie sie von denen angenommen werden, die die vielen Inhalte kostenlos und freiwillig produzieren sollen.

Artikel vom 16. Dezember 2007