Vine & Co: Dienste für Kurzvideos auf einen Blick

Video ist als Medium sehr beliebt, aber nicht immer leicht zu konsumieren und vor allem nicht immer leicht zu produzieren. Das Twitter-Seitenprojekt Vine hat nun dafür gesorgt, dass Minimalvideos von nur wenigen Sekunden Länge ins Rampenlicht gerückt werden. Sie verblüffen mit kreativen Inhalten auf kleinstem Raum. Und sogar fürs Marketing in eigener Sache kann man sie benutzen. Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Plattformen vor.

Filmprojektor

© fergregory – Fotolia.com

Ich ahne, dass wenigstens einige Leser dieses Artikels auf den Hinweis warten, dass superkurze Videos keine neue Idee seien. Und ich möchte sie möglichst früh erlösen, damit sie sich auf den Rest dieses Artikels konzentrieren können: Superkurze Videos sind keine neue Idee.

Aber superkurze Videos erleben eine neue Blüte, weil sie sich die Nutzungsgewohnheiten ebenso wie die technischen Möglichkeiten gewandelt haben. Viele Menschen möchten sich kreativ ausleben. Viele Menschen möchten gern kreative Inhalte sehen. Nur passen klassische Videos dazu nicht immer. Sie sind auch gar nicht immer notwendig.

Das ist natürlich nichts für diejenigen, denen die durchschnittliche Video-Aufmerksamkeitsspanne von 2:30 Minuten auf YouTube schon zu kurz ist. Natürlich sind sehr viel längere Videos ebenfalls möglich, wenn das Thema entsprechend interessant ist und das Video passend strukturiert wird. Aber wenn es um aktuelle Informationen oder den kleinen Unterhaltungshappen zwischendurch geht, sind zwei bis drei Minuten ein gutes Maß.

Nur: Selbst wenn man sich an diese Grenze hält, wird man mit Blick auf die Statistik feststellen, dass ein Großteil der Zuschauer innerhalb der ersten zehn Sekunden aussteigt. Nicht umsonst wird deshalb für Videomacher mit Anspruch empfohlen, besonders viel Acht auf den Beginn zu geben. (Weitere Tipps für mehr Zuschauer hatte ich übrigens hier auf UPLOAD zusammengestellt.)

Da erscheint es doch nur naheliegend, seine Videos eben so kurz zu machen, dass man gar keine Zeit zum Aussteigen hat. Und in genau diese Kerbe schlagen die Dienste à la Vine.

Vine

Twitter ist berühmt und beliebt für seine Einfachheit. Alles dreht sich um die Tweets mit ihren maximal 140 Zeichen. Schon hier meint so mancher, dass man mit so wenig Platz nichts wirklich Interessantes umsetzen kann – und liegt falsch. Es geht nicht nur um Befindlichkeitstweets, die aktuelle Ortsangabe oder einen Linktipp. Manche haben mit Literatur in 140 Zeichen experimentiert und allein durch die Möglichkeiten der Hashtags wird ein Posting plötzlich zu einem Bauteil in einem viel größeren Gebilde.

Fotos bei Twitter einzubinden, hat zwar erstaunlich lange für die technische Umsetzung gebraucht, war aber inhaltlich kein Problem. Ein Foto lässt sich schon von Haus aus schnell erfassen und kann eine ganze Geschichte transportieren oder eine Neuigkeit verbreiten.

Anders bei Videos: Darunter kann man schließlich komplette Spielfilme verstehen oder auch zehn Stunden Nyancat (nicht zu vergessen das dazugehörige zehnstündige Reaction-Video). Hier musste ein anderes Modell her. Entsprechend gilt bei Vine: Sechs Sekunden kann ein Video maximal lang sein und es läuft in einer Dauerschleife. Mit der automatischen Wiederholung verneigt sich Twitter/Vine zugleich zu der deutlich älteren Form des Animated GIF.

Die Vine-App gibt es inzwischen nicht mehr nur für iOS, sondern auch für Android. Das Aufnehmen ist dabei ganz getreu Twitters Genen simpel gehalten: Man drückt auf den Bildschirm zum Aufnehmen, ein Balken am oberen Rand zeigt an, wie viel der sechs Sekunden man bereits genutzt hat. Man kann die Aufnahme jederzeit unterbrechen, wieder ein Stück aufnehmen und so fort. Editierfunktionen gibt es gar keine. Am Ende wird alles bei Vine hochgeladen, wo man wie von Twitter bekannt Personen folgen kann.

Seiten wie Vinepeeker geben einen Einblick, was gerade hochgeladen wird. Aber natürlich finden sich auf YouTube auch jede Menge Compilations wie beispielsweise diese hier (vom Vorschaubild nicht abschrecken lassen…):

http://www.youtube.com/watch?v=VJLeFWnTv_U

Instagram

Das inzwischen zu Facebook gehörende Instagram wollte nicht tatenlos zusehen und machte es Vine nach. Kurzerhand wurde in die Foto-App mit angeschlossener Bildbearbeitung und Community  ein Videofeature integriert. Zumindest bei meinen Instagram-Kontakten gehen die Videos allerdings unter, während sie bei Vine natürlich die ungeteilte Aufmerksamkeit genießen. Dennoch sorgte die breite Nutzerbasis für Erfolg: Fünf Millionen Videos wurden allein in den ersten 24 Stunden hochgeladen. Laut einiger Statistiken hat das den kometenhaften Aufstieg von Vine zumindest ausgebremst, manche sehen es auch schon untergehen. Mir persönlich werden da ja immer zu schnell Schlüsse gezogen, nur um eine klickstarke Überschrift zu bekommen. Ein paar Tage später konnte Vine dann  große Steigerungsraten bei den Nutzerzahlen vermelden.

Bei Instagram haben die Nutzer bis zu 15 Sekunden für ihre Videos und im Gegensatz zu Vine werden die nicht in einer Dauerschleife abgespielt. Im Grunde ist das das Rezept, das andere in den vorherigen Jahren erfolglos angeboten haben. Aber die hatten nicht so wie Instagram und Facebook bereits viele Millionen Nutzer im Rücken. Entsprechend könnte Instagram tatsächlich selbst „das Instagram für Videos“ werden, wie Martin Weigert auf netzwertig.com schreibt.

Im Gegensatz zu Vine kann man die Videos bearbeiten und Filter anwenden. Zudem kann man den zuletzt aufgenommenen Clip wieder entfernen – bei Vine muss man die gesamte bisherige Aufnahme verwerfen, wenn etwas schiefgeht.

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Qwiki

Qwiki gehört zu den Diensten, die bereits seit Längerem am Markt sind. Sie brachten sich gerade wieder ins Gedächtnis, als sie von Yahoo gekauft wurden. Bei Qwiki geht es ebenfalls um kurze Videos, hier aber angereichert um Musik und Übergangseffekte. Auch Fotos kann man mit einbeziehen, wo einem natürlich sofort Yahoos Kronjuwele Flickr in den Sinn kommt. Qwiki gibt es derzeit übrigens nur für Apple-Geräte.

Flickr

Apropos Flickr: Die Fotocommunity hatte schon vor einer ganzen Weile einen Vorstoß in Richtung Minimalvideos unternommen. Es gibt eine passende „Explore“-Seite dazu. Hier ist der Ansatz noch radikaler als bei Vine: Nur 90 Sekunden stehen den Nutzern zur Verfügung. Hier wird also eher auf „Bewegtbild“ im wörtlichen Sinne abgezielt. Allerdings hat Flickr keine entsprechende Aufnahme-Funktion in die eigene App integriert. Ob sich das durch Yahoos Kauf von Qwiki (siehe oben) ändert, kann nur spekuliert werden.

Tout

Der Dienst Tout richtet sich nach eigenen Worten vor allem an professionelle Nutzer, beispielsweise Verlage, Sender oder auch freie Journalisten. Denen stehen bei Tout für ihre Videos 15 Sekunden zur Verfügung. Das sei nach Aussagen des Stanford Research Institute die ideale Länge für Produzenten und Zuschauer, um kurze Informationen zu vermitteln. Die Ähnlichkeit zu Twitter wird gleich mehrfach hervorgehoben. Nicht nur dass die 140 Zeichen dort als Vorbild für die Beschränkung der Videolänge genannt werden, man empfiehlt auch auf Tout denselben Nutzernamen wie auf Twitter zu verwenden und bei Tout gibt es ebenfalls Hashtags. Die Tout-App gibt es für Android- und Apple-Geräte.

MixBit

Hurley und Chen

Die YouTube-Gründer Chad Hurley und Steve Chen sind auch beim neuen Trend dabei – mit ihrem neuen Startup. Foto: MixBit

Was MixBit sofort interessant macht, sind seine Gründer: Steve Chen und Chad Hurley. Die beiden YouTube-Macher wollen es also noch einmal wissen. Auch bei MixBit kann man unterwegs Videos aufnehmen, die zwischen einer und 16 Sekunden lang sein dürfen. Der Schwerpunkt bei MixBit liegt dabei auf einem Phänomen, das sich im Namen schon andeutet und das die beiden bereits bestens von YouTube kennen dürften: Video-Remixe. Die Nutzer sollen aus den vorhandenen Clips neue, längere Videos zusammenstellen. Bis zu 256 Clips kann man zu einem Video zusammenstellen, das am Ende maximal eine Stunde lang sein darf.

YouTube Capture

Interessanterweise sind die YouTube-Gründer also mit ihrem neuen Startup MixBit dabei, nicht aber mit YouTube. Es gibt keine eigene Abteilung für Minimalvideos und keine spezielle App. Aber YouTube braucht angesichts seiner erschlagenden Größe wohl nicht sofort mitzumischen. Immerhin gibt es für Apple-Geräte mit YouTube Capture eine eigene App, die das Aufnehmen und Hochladen von Videos besonders einfach macht. Und bevor sich Fans von Googles Android wundern, warum Googles YouTube eine App nur für den Konkurrenten herausbringt: In Android ist das Aufnehmen und anschließende Hochladen zu YouTube bereits von Haus aus integriert.

An sich aber wäre es für YouTube ein Leichtes, einen eigenen Bereich, eine eigene Kategorie oder ähnliches auf der eigenen Seite einzurichten, um Mobilvideos besonders hervorzuheben. Wir werden erleben, ob das passiert.

Google+ Autoawesome

Wo wir gerade bei YouTube und damit zugleich bei Google sind: Das hauseigene Google+ macht unter anderem mit seinen Fotofunktionen auf sich aufmerksam und da kamen gerade kürzlich unter dem Titel „Autoawesome“ ein Satz automatischer Verbesserungen hinzu. Warum das im Zuge dieser Auflistung interessant ist: Autoawesome Motion macht aus mindestens fünf Fotos einer Reihe so etwas wie ein animiertes GIF. Hier ein Beispiel. Als Nutzer muss man dazu nichts weiter machen als die einzelnen Bilder hochzuladen und Googles Server ihre Magie tun zu lassen…

Socialcam

Der Dienst Socialcam war einmal eine zeitlang ein großer Hype. Dann aber fiel es gemeinsam mit Viddy ausgerechnet bei Facebook in Ungnade. Man sollte eben nicht versuchen, die Nutzer zum Herunterladen der App zu tricksen… Eine Längenbegrenzung gibt es bei Socialcam nicht. Vielmehr geht es hier darum, Videos mobil aufzunehmen, zu bearbeiten und hochzuladen. Unter anderem stehen den Nutzern verschiedene Filter zur Verfügung. Die Videos lassen sich auf diversen Portalen veröffentlichen und sind direkt im Web von jedem Gerät aus abrufbar.

Inzwischen gehört Socialcam zu Autodesk. Die App ist für Android- und Apple-Geräte verfügbar.

Viddy

Bei Viddy dürfen die Videos bis zu 30 Sekunden lang sein. Auch hier kann man über die App (Android, Apple) sehr bequem aufnehmen, das Vorgehen ist ganz ähnlich dem bei Vine. Zusätzlich können die Nutzer ihre Werke mit Musik und Effekten aufhübschen. Danach kann man sie sehr einfach bei Facebook, Twitter, YouTube und Tumblr veröffentlichen. Ebenso wie Socialcam hatte Viddy zunächst enormes Wachstum durch Facebook, aber hier hat das Social Network offenbar den Hahn zugedreht. Während Socialcam einen Käufer gefunden hat, will (oder muss) sich Viddy weiter selbst durchschlagen. Zu den ersten Geldgebern gehörten neben den Musikstars Shakira und Jay Z übrigens der Twitter-Mitgründer Biz Stone.

Cinemagram

Die App Cinemagram bewegt sich auf der Grenze zwischen Foto und Video. Sie ritt einstmals auf einer Welle von animierten GIFs, bei denen nur ein Element des Bildes bewegt war, was einen sehr interessanten Effekt auslösen kann. Bis zu vier Sekunden kann der animierte Teil bei Cinemagram lang sein und wird wie bei Vine und wie bei animierten GIFs üblich in einer Schleife immer wieder von vorn abgespielt. Auf dieser Seite sieht man einige Beispiele, die allerdings im Schnitt schon rund drei Monate alt sind.

Und wofür ist das nun gut?

Wenn man über Dienste wie Vine berichtet, ist der Vorwurf sehr schnell da, dass man damit doch nichts Vernünftiges anstellen könne und das alles nur Zeitverschwendung für gelangweilte Großstädter sei. Mir persönlich ist es ja tausendmal lieber, jemand produziert ein Video, lebt seine Kreativität aus, teilt sich der Welt mit, als dass diese Person abgestumpft vor dem Fernseher hockt. Aber da gehen die Geschmäcker eben auseinander.

Mit Services wie Vine kann man jedenfalls Kürzestfilme produzieren, wenn man mag und den Drang dazu hat. Man kann einfach einen Moment und eine Situation festhalten und das auf ein Art, wie es ein Foto eben nicht könnte und wozu man einen längeren Film gar nicht bräuchte. Und wer sich einmal auf Vine umschaut, wird darüber hinaus viele Stop Motion Filme entdecken, denn dafür bieten sich sowohl die App als auch das Format sehr an. Wir haben schon erlebt, wie viel Nachrichtenwert Tweets oder einzelne Fotos haben können. Das könnte sich mit schnell erstellten Videos noch verstärken. Insofern sind das alles Werkzeuge, die von Bürgerreportern bis Profijournalisten vielen helfen, die etwas zu berichten haben.

Und natürlich kann man Minimalvideos ebenfalls für Werbung benutzen. In sechs oder 15 Sekunden lässt sich hier viel erzählen. Mehr als 30 Sekunden sind es bei TV-Spots auch selten. Aber natürlich muss man sich schon etwas Kreatives und Interessantes einfallen lassen, um durch die Community verbreitet zu werden. Dieser Artikel erklärt noch mehr über Vine und Instagram als Marketinginstrument.

Letztlich wurde Twitter mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen anfangs nicht viel zugetraut und teilweise ist heute noch das Verständnis nicht da. Es zeigt sich aber immer wieder, wie aus einem Strom kleiner Einheiten eben doch ein größeres Ganzes entstehen kann. Und genau das kann mit Diensten wie Vine ebenfalls passieren. Auf Features zu verzichten und die Länge radikal zu begrenzen kann sich hier erneut als Erfolgsmodell herausstellen.

Artikel vom 16. September 2013