Kreatives Schreiben (3): Bisoziation – Bilder als Schlüssel zur Wortwelt

Kürzlich las ich von einem Skilehrer, der seinen Schülerinnen und Schülern den Tipp gibt: „Stellt Euch vor, der Berg ist aus Vanilleeis und Ihr seid die warme Schokoladensoße, die den Hang hinunterfließt“. Offensichtlich versucht dieser Mann durch eine bildhafte Sprache ein bestimmtes „Feeling“ beim Skifahren zu vermitteln. Er könnte natürlich auch eine logisch-strukturierte Erklärung wählen, etwa: „Gleitet einige Meter mit parallel geführtem Ski bergabwärts, verlagert dabei Euer Gewicht abwechselnd auf den rechten und linken Ski, haltet Euch dabei möglichst aufrecht und bleibt dennoch locker in den Knien.“ Kaum jemand wird bezweifeln, dass auch diese Art der Wissensvermittlung nützlich und notwendig ist. Wenn wir allerdings – wie im Eingangsbeispiel gezeigt – Sachinformationen mit Metaphern verknüpfen, so wird nicht nur unsere mündliche Sprache anschaulicher, sondern in unserem Gehirn werden auch komplexe, sinnliche Assoziationen geweckt wie Farben- oder Geschmacksvorstellungen.

Bilder oder bildliche Vergleiche zeigen jedoch nicht nur in der mündlichen Kommunikation Wirkung – auch beim Texten und Schreiben kann man gezielt Bilder verwenden, um kreative Anregungen zu bekommen. Die so genannte „Bisoziation“ ist eine Kreativitätstechnik, die eine bewusste Verknüpfung zwischen zwei „Elementen“, schafft – nämlich Thema und Bild (daher Bi-soziation). Diese Methode kann in verschiedenen Phasen des Schreibprozesses eingesetzt werden, z.B. in der warming up-Phase, wenn man Ideen für ein Thema sucht. Wie geht man dabei vor?

Bisoziation als warming up

  • 1. Formuliere ein Thema, über das Du schreiben möchtest: Um was geht es? Worüber willst du schreiben?
  • 2. Suche Dir aus verschiedenen Bildern (das können Postkarten, Fotografien, Poster, Gemälde oder Werbeanzeigen sein) mit geschlossenen Augen ein Bild aus. Alternativ bietet sich natürlich auch irgendein digitales Foto von einer Internetseite an.
  • 3. Nutze dieses willkürlich ausgesuchte Medium dazu, um neue Blickwinkel auf Dein Thema zu bekommen. Betrachte die Aufnahme sorgfältig, achte auf Details und Besonderheiten. Welche Assoziationen gehen Dir durch den Kopf, wenn Du das Bild mit deinem Thema in Verbindung bringst?
  • 4. Schreibe Deine Einfälle so lange auf, bis das Bild Dir keine weiteren Inspirationen mehr liefert (das dauert meist 5-15 Minuten).
  • 5. Nun werden alle Ideen kritisch beurteilt und „ausgemistet“: Welche Aspekte sind Dir wichtig? Welche Ideen kannst Du für Deine Endfassung verwenden? Welcher Blickwinkel ist für Deine Leser/innen besonders interessant?
  • 6. Erstelle nun den fertigen Text.

Bisoziation bei fertigen Artikeln/Textteilen

Bisoziation ist jedoch aber auch dann hilfreich, wenn man bereits schon einen (Blog-)Artikel fertig gestellt hat, jedoch damit unzufrieden ist. Die Selbstkritik kann sich dabei auf verschiedene Aspekte beziehen. So merkt man vielleicht, dass bestimmte Textpassagen unverständlich sind oder dass pfiffige best-practice-Beispiele fehlen. Hier können nun folgende Schritte helfen:

  • 1. Formuliere eine konkrete Fragestellung, die sich auf den bereits erstellten Text bezieht. Ein Beispiel: Du hast gerade einen Artikel über eine neues Handy geschrieben, das die Firma xyz auf den Markt gebracht hat. Der Text umfasst 4000 Zeichen, aber Du möchtest gern noch mehr schreiben. Dann könnte die Frage lautet: Mit welchen zusätzlichen Informationen kann ich meinen Text so anreichern, damit ich auf die doppelte Anzahl von Zeichen komme?
  • 2. Suche Dir dann aus verschiedenen Bildern (das können Postkarten, Fotografien, Poster, Gemälde oder Werbeanzeigen sein) mit geschlossenen Augen ein Bild aus. Alternativ bietet sich natürlich auch irgendein digitales Foto von einer Internetseite an.
  • 3. Betrachte die Aufnahme sorgfältig, achte auf Details und Besonderheiten. Welche Assoziationen gehen Dir durch den Kopf, wenn Du das Bild mit deiner Fragestellung in Verbindung bringst?
  • 4. Schreibe Deine Einfälle so lange auf, bis das Bild Dir keine weiteren Inspirationen mehr liefert (das dauert meist 5-15 Minuten).
  • 5. Entscheide nun, welche Ideen Du in den bereits vorliegenden Text integrieren möchtest.
  • 6. Überarbeite nun Deinen Artikel.

Vorteile dieser Kreativtechnik

Bisoziation ist eine Technik zur raschen Aktivierung des eigenen kreativen Potentials und kann in verschiedenen Phasen des Schreibprozesses eingesetzt werden – beim Einstieg in ein Thema ist sie ebenso hilfreich wie beim „Ausschmücken“ eines bereits vorhandenen Textes. Die Bilder dienen dabei als Hilfsmittel, um neue oder erweiterte Blickwinkel auf ein Thema zu bekommen. Bisoziation ist einfach zu handhaben: Man braucht lediglich ein Thema, ein Bild, Papier/Stift oder PC und schon kann es losgehen. Die Methode bietet außerdem noch einen erfreulicher Nebeneffekt: Unsere Sprache wird bildhafter und lebendiger, die mündliche wie schriftliche Ausdrucksfähigkeit wird trainiert.

Vorsicht ist allerdings vor dem eigenen Zensor im Kopf geboten. Manche Ideen, die durch die bildliche Betrachtung entstehen, können uns absurd, unlogisch oder realitätsfern erscheinen. Wie bei jeder Kreativitätsmethode gilt jedoch auch bei der Bisoziation: Jede noch so „unsinnige“ Idee wird zuerst akzeptiert und aufgeschrieben, danach erst kritisiert und eventuell verworfen. Denn eine goldene Regel der Kreativität lautet: Jeder Einfall ist gut, zensiert wird erst später!

Kleine Übung: Was wäre Ostern ohne den Osterhasen?

Zum Schluss eine kleine Übung: Stell Dir vor, Du willst in Deinem Blog einen Artikel zum Thema „Was wäre Ostern ohne den Osterhasen?“ schreiben. Ruf die Seite von www.kreativblog.de auf. In der rechten Spalte ganz unten wirst Du ein Zufallsbild sehen, das Du bitte als Bisoziationsquelle nutzt. Und nun viel Spaß beim Texten!

Infos zur Autorin

Ruth PinkMit dieser Folge endet die Reihe „Kreatives Schreiben“. Wer mehr über Methoden des Kreativen Schreibens erfahren möchte, kann sich gerne an mich wenden. Ich berate seit vielen Jahren Medienunternehmen, coache Journalist/innen in Karriere- und Berufsfragen und führe Schreibseminare durch. Weitere kreative Informationen inklusive verschiedener Podcasts finden sich auch im Kreativblog von Pink & Stock, siehe www.kreativblog.de

Über die Serie „Kreatives Schreiben“

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Artikel vom 04. Februar 2008