Vom Crowdfunding zum Krautfunding: Deutsche Autoren entdecken die Dankeschön-Ökonomie

Ein Beitrag von: Ansgar Warner



© Feng Yu - Fotolia.com

Für den Online-Journalismus, aber auch die Blogosphere insgesamt gibt es eine spannende Alternative zwischen Paid Content und kostenlos: das so genannte „Crowdfunding“. Diese Methode verbindet auf intelligente Weise Web 2.0 und Micropayments. Die wachsende Zahl der Crowdfunding-Netzwerke macht die Dankeschön-Ökonomie nicht nur zur Chance für einzelne Autoren, sondern grundsätzlich auch für Verlage. Bisher haben die Spendengelder aus der Netzgemeinde allerdings eher eine kleine Revolution von unten angezettelt.

Zum Begriff wurde Crowdfunding erstmals im Jahr 2003. Die Zeitungskrise war noch nicht absehbar, die Krise des Journalismus aber schon, denn immer weniger Blätter wollten sich aufwändige Recherchen leisten. Damals startete der amerikanische Blogger und Reporter Chris Albritton einen Spendenaufruf, um eine längere Reportage über den Irak-Krieg finanzieren zu können. Albritton wurde mit seiner Seite „Back to Iraq“ schließlich zum „first fully reader-funded journalist-blogger“. Crowdfunding-Plattformen wie Spot.Us stellten diese Idee dann auf eine noch breitere Basis. Autoren können hier ihre Reportage-Projekte bewerben und Spendengelder einsammeln – ein grüner Spendenbalken zeigt dabei den Fortschritt der digitalen Kollekte.

Die dezentrale Macht der Crowd & der Obama-Effekt im Journalismus

Die Crowdfunding-Expertin Tanja Aitamurto spricht rückblickend vom „Obama-Effekt im Journalismus“: „Die Leute können mit kleinen Summen genau den Journalismus unterstützen, den sie mögen, und die Masse der Spender kann zusammen tatsächlich etwas bewirken. Genauso wie Obama während seiner Präsidentschaftskampagne durch die Menge der Kleinspenden am Ende erfolgreich war.“ Aitamurto selbst schreibt übrigens u.a. für die Huffington Post, als reine Online-Zeitung ebenfalls ein Erfolgsmodell des neuen Journalismus. Setzen sich solche konsequent papierlosen Modelle durch, dürften ebenfalls die Autoren profitieren – so will etwa das für den Herbst geplante Online-Magazin „Nomad Editions“ satte 30 Prozent der Abo-Gebühren an die Redaktion ausschütten.

Nun werden allerdings nicht nur Journalisten zu Bloggern, sondern in viel größerem Maße auch Blogger zu Reportern, und füllen etwa als „Citizen Journalists“, „Watch-Dogs“ oder ganz schlicht auch als Chronisten des digitalen Alltags eine Lücke, die mit herkömmlichen Geschäftsmodellen aus der Print-Epoche offenbar nicht zu füllen ist. Die meisten Blogger konnten bisher vom Schreiben nicht leben – üblich waren Low- oder No-Budget-Projekte. Mit dem Übergreifen des Crowdfundings auf die Blogosphere könnte sich das nun verändern.

Startseite von Kachingle.

Thank-You-Economy und Web-Persönlichkeit: „Klick Gutes und sprich darüber“

Vorreiterin auf diesem Gebiet ist der von Silicon-Valley-Unternehmerin Cynthia Typaldos im Sommer 2009 gestartete Crowdfunding-Service „Kachingle“. Content-Provider wie Blogs oder Online-Magazine können sich bei Kachingle registrieren und ein spezielles Widget auf ihren Seiten installieren. Wenn den aktiven „Kachinglern“ der angebotene Inhalt gefällt, klicken sie ganz einfach das Medaillon an – und zählen damit zu den offiziellen Unterstützern dieser Seite. Jeder neue Besuch wird von nun ab automatisch gezählt. Die Umverteilung der aus der Crowd gesammelten Funds richtet sich danach, wie oft eine Seite im Abrechnungszeitraum besucht wurde.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt auch Pirate-Bay-Mitgründer Peter Sunde mit dem Projekt „Flattr“. „Flattr is a wordplay of flatter and flatrate. With a flatrate fee, you can flatter people”, sagt Sunde und setzt statt auf Piraterie und File-Sharing nun auf eine ganz legale Variante zu Paid Content. Im Unterschied zu Kachingle zähle Flattr jedoch nur die Klicks, wer wen unterstützt, wird nicht transparent gemacht. Bei Kachingle dagegen wird die Thank-You-Economy um ein entscheidendes soziales Element ergänzt – das Motto lautet sozusagen „Klick Gutes und sprich darüber“. Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos möchte nämlich die Bildung von „Web-Persönlichkeiten“ unterstützen, man zeigt also, wer man ist, in dem man zeigt, wen man unterstützt.

Kachingle und Flattr in Deutschland: aus Crowdfunding wurde Krautfunding

Besonders erstaunlich ist die große Resonanz in Deutschland. Denn kaum waren Kachingle und Flattr am Start, wurde aus dem Crowdfunding plötzlich Krautfunding. Während große deutsche Medienhäuser schon laut über kostenpflichtige iPad-Apps und Bezahlschranken für Onlineinhalte nachdachten, setzten sich deutsche Blogger an die Spitze der Gegenbewegung.

Die Hälfte der Websites im Kachingle-Netzwerk kommt aus Good Old Germany, an der Spitze steht unerreicht der Politik- und Medienblog CARTA mit mehr als 80 Unterstützern. Diese Zahl lässt sich am Kachingle-Medaillon auf besagtem Blog ablesen. Bei Flattr, wo vor allem einzelne Artikel Feedback bekommen, gibt es noch spektakulärere Zahlen: Chaosradio Express, der Podcast des Chaos-Computerclubs, wurde in kürzester Zeit von mehr als 1000 Mitgliedern des Flattr-Netzwerks angeklickt. Seit kurzem gibt es nun einen ganz neuen Spitzenreiter: das „Afghan War Diary“ von Wikileaks.

Als Flattr noch in der geschlossenen Beta-Testphase war, kamen mit der taz und dem Wochenblatt Freitag die ersten deutschsprachigen Zeitungen dazu. Gerade die taz-Leser scheinen das neue Modell zu goutieren –  im Juli konnte das Blatt mit etwa 5500 Flattr-Klicks mehr als 1400 Euro einnehmen. „Falls einmal genug User mitmachen, könnten wir das bislang als unmöglich Geltende erreichen: Mit dem Verkauf von Content im Internet genug Geld verdienen und gleichzeitig ein offenes Internet erhalten“, so taz-Onlinechef Mathias Urbach.

Die Online-Ausgabe des sozialdemokratischen Wochenblatts Vorwärts setzt dagegen parallel auf Kachingle und Flattr. Während Kachingles Mitgliederzahlen sich im dreistelligen Bereich bewegen, soll Flattr mittlerweile mehr als 20.000 Mitglieder haben. Von der Flattermanie der deutschen Surferinnen und Surfer profitieren nicht nur Online-Zeitungen. Schaut man in die von CARTA veröffentlichten Flattr-Charts für Juli 2010, findet man unter den Top 25 vor allem Profi-Blogger wie etwa Stefan Niggemeier, Max Winde oder Tim Pritlove. Was auch auffällt: es ist leider keine einzige Autorin dabei. Doch das ändert sich hoffentlich noch durch die zunehmende Popularisierung von Flattr. Technisch steht dem nichts mehr im Weg. Seit Mitte August befindet sich das Crowdfunding-Netzwerk in der „offenen Betaphase“ – um mitzumachen, muss man also nicht mehr auf einen „Invite Code“ warten.

In den Flattr-Charts sieht man die aktuell beliebtesten Inhalte.

Der kleine Bruder schlägt zurück: Befreiung von Werken via Street Performer Protocol

Die Möglichkeiten des Crowdfundings erschöpfen sich allerdings nicht nur auf den schnellen Euro mit flink getippten Blogposts, die von möglichst vielen Kachinglern oder Flatterern angeklickt werden. Ähnlich wie längere Reportagen lassen sich schließlich auch Essays, Romane oder ein Musikstück durch freiwillige Spenden vorfinanzieren. Geht es um künstlerische Werke, spricht man auch vom „Street Performer Protocol“. In Verbindung mit den sogennanten Creative-Commons-(CC-)Lizenzen hat dann am Ende auch die Allgemeinheit etwas davon, denn CC-lizensierte Werke dürfen weltweit frei kopiert und genutzt werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist eine Aktion des deutschen Hörspiel-Verlags Argon. Nachdem dort im Frühjahr 2010 eine gekürzte  Hörbuch-Version des Cory-Doctorow-Romans „Little Brother“ unter normalem Copyright auf CD erschienen war, kündigte Argon eine kostenlose, ungekürzte Online-Version an. Zur Finanzierung der Produktion wollte man mit einem von SellYourRights entwickelten Widget 9000 Euro Spenden sammeln. SellYourRights ist sozusagen ein Label neuen Typs – denn es geht nicht um die Vermarktung, sondern um die Befreiung von Musik, Videos und Texten, die nach der Produktion unter eine CC-Lizenz gestellt werden. Im Fall von „Little Brother“ klappte das allerdings nicht. Innerhalb der gesetzten Frist von drei Wochen kam lediglich ein Fünftel der notwendigen Summe zusammen. Das lag jedoch an Unzulänglichkeiten bei der technischen Abwicklung. Spenden konnte man nämlich nur per Kreditkarte und via PayPal.

Unter ähnlichen Einschränkungen leiden bisher auch andere Crowdfunding-Netzwerke. Die Deutschen mögen zwar enthusiastische Crowdfunder sein, von Kreditkarten sind sie jedoch mehrheitlich nicht zu begeistern. Erst mit Rücksichtnahme auf die mitteleuropäische Lastschrift-Kultur dürfte aus Crowdfunding endgültig Krautfunding werden…

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Über den Autor

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk betreibt er seit Anfang 2009 die Website E-Book-News.de, ein Online-Magazin rund um das Thema Elektronisches Lesen.

 


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Der Beitrag wurde am Montag, den 23. August 2010 veröffentlicht. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

 

11 Reaktionen zu “Vom Crowdfunding zum Krautfunding: Deutsche Autoren entdecken die Dankeschön-Ökonomie”


Ulrike Langer
schrieb am 24. August 2010 um 09:58 Uhr:

Ein schöner runder Beitrag, den ich mit zwei Links ergänzen möchte. Der oben verlinkte Beitrag „Obama-Effekt im Journalismus“ von Tanja Aitamurto führt auf eine französische Seite. Wer dessen nicht so mächtig ist: Ich habe im Juli in San Francisco Tanja Aitamurto zum Thema crowdfunding interviewt. Zusammenfassung auf deutsch, Originalint. auf englisch (Video) hier: http://medialdigital.de/2010/07/22/eine-ara-fur-experimente-und-kollaboration-interview-mit-tanja-aitamurto/

In Oakland habe ich außerdem David Cohn zu crowdfunding, community-focused sponsorship und weiteren Aspekten interviewt. Link zur deutschen Übersetzung und dem Originalvideointerview: http://medialdigital.de/2010/08/20/community-focused-sponsorship-david-cohn-uber-neue-entwicklungen-bei-spot-us/

Und noch eine Anmerkung: Unter den Top 25 geflatterten Webseiten mag zwar keine einzige von einer Frau dabei sein, aber bei Kachingle steht mein Blog in Deutschland auf Platz 2 – und weltweit auf Platz 5 😉

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Friederike
schrieb am 24. August 2010 um 19:25 Uhr:

Ich finde es toll, dass gerade hier diese Crowdfunding-Konzepte funktionieren, die doch vielfach mit Skepsis betrachtet wurden. Ich denke, Crowdfunding ist ein großes Thema für die Zukunft – im Web 2.0 kann man auf immer mehr Plattformen gemeinsam tolle Projekte ermöglichen: neben der Förderung von tollem Content kann man bspw. Kunstprojekte oder soziale Vorhaben unterstützen. Oder man kann per Peer-to-peer-Kredite privaten Kreditnehmern eine Chance bieten. Oder mit einem Mikroinvestment beim Crowdfunding für Startups dabei sein und Innovationen und junge Unternehmer in unserem Land fördern!

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Julia
schrieb am 14. September 2010 um 14:08 Uhr:

Sehr schöner Beitrag. Ich sehe Crowdfunding auch als den zukünftigen Finanzierungsweg für Startups, soziale und kulturelle Projekte an. Vor allem Letztgenannte lassen sich durch Crowdfunding enorm voranbringen, da man nicht mehr an Förderungen oder große Investoren gebunden ist – Amerika macht es mit den vielen Crowdfunding-Plattformen ja vor. Gleichzeitig kann man durch die finanzielle Unterstützung (oder fehlende Unterstützung ;)) schon vorab den Erfolg eines Projektes abschätzen. Weil es nicht genannt wurde: In Deutschland gibt es jetzt eine Kultur-Crowdfunding Plattform http://www.startnext.de, die meines Wissens auch Journalisten und Autoren als Zielgruppe festgelegt hat. Hoffen wir, dass sich diese Methode der Finanzierung in Deutschland etablieren kann!

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Konrad
schrieb am 15. November 2010 um 02:27 Uhr:

Danke für den Text. Über das crowdfunding im Sinne einer Zahlung zur Durchführung eines Projektes im Vorhinein wurde allerdings nichts geschrieben. Dabei gibt es mittlerweile auch eine crowffunding Plattform aus Berlin ( http://www.inkubato.com/de/ ) bei der die Bezahlung per PayPal mittels Abbuchung vom Konto erfolgen kann. Das wird natürlich immer noch viele nicht-paypal-affine User vom unterstützen abbhalten, aber damit muss man in Europa rechnen!

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Duckcoach
schrieb am 9. Juli 2011 um 11:02 Uhr:

Sehr schöner Beitrag, bin erst jetzt darüber „gestolpert“ …
Für Startups sicher eine gute Sache, denn gerade am Anfang braucht Mann/Frau Unterstützung (nicht nur, aber auch finanziell).
Hoffe, diese Praxis setzt sich auch in Deutschland mehr und mehr durch.

Greets
Wolfgang

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andreas.weger
schrieb am 25. August 2011 um 16:23 Uhr:

Hi, ich bin der autor von LIDERLAND & ‚Ossi trifft Wessi‘ ab september!
in meinem neuen buch beweise ich anhand wissenschaftlicher fakten, wie die DINOS tatsächlich ausgestorben sind, wie GOTT vor zwei millionen jahren entstand und warum es ihn deswegen nicht gibg!

Bin ich interessant?

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klaus Siebold
schrieb am 21. Juni 2014 um 13:23 Uhr:

Hallo zusammen,

ich habe 2 kritische Artikel geschrieben und sie an alle renomierten Zeitungen und auch an TV Sender geschickt und allen war es nich mal einer Antwort nötig – sie waren beide zu kritisch – ich möchte euch gerne diese 2 Artikel senden und sagt mir bitte wohin !
Nette Grüsse Klaus Siebold
PS ich habe über euch heute einen Bericht im WDR gehört und daher ….

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