„Kopierschutz“: Basiswissen DRM bei E-Books

Ein Beitrag von: Rechtsanwalt Thomas Schwenke



E-Books bringen neue Möglichkeiten, aber aus Sicht der Verlage auch neue Gefahren. Mit DRM wollen sie dem begegnen - und lösen damit vielleicht genau aus, was sie verhindern wollen. Foto: © Claudio Bravo - Fotolia.com

Wenn sich das bei Apple heruntergeladene E-Book nicht auf dem heimischen Rechner öffnen lässt oder Amazon die elektronische Ausgabe von George Orwells „1984“ über Nacht vom Lesegeräten der Nutzer entfernen lässt, dann verdanken wir es der „Digital Rights Management“-Technik, kurz DRM (siehe Wikipedia: DRM, digitale Rechteverwaltung). So ist es nicht verwunderlich, dass viele Nutzer DRM ironisch mit „Digital Restriction Management“, also „Verwaltung digitaler Schranken“ übersetzen und es kategorisch ablehnen.

Ob dieser Meinung zuzustimmen ist und man deswegen keine DRM-geschützten E-Books kaufen sollte, muss jeder für sich entscheiden. Der Zweck dieses Artikels ist, über DRM aufzuklären und bei dieser Entscheidung zu helfen.

Darin wird erklärt

  • was DRM bedeutet und wie es entstanden ist,
  • dass es unterschiedliche Arten von DRM gibt
  • und welche Nachteile oder gar Vorteile diese mit sich bringen.

Was bedeutet DRM?

Beim „Digital Rights Management“ geht es darum, die Urheberrechte an einem geschützten Werk, zum Beispiel einem E-Book, mit Einsatz von technischen Mitteln zu verwalten. Um diese Definition zu verstehen, müssen wir schauen, welche Rechte an einem E-Book bestehen und warum sie verwaltet werden müssen.

Das E-Book – „Nur“ ein Bündel an Rechten

In der prädigitalen Ära machte sich keiner Gedanken darüber, was man alles für Rechte mit einem Buch erwarb. Es war einem lediglich klar Eigentümer des Buches geworden zu sein. Eigentum bedeutet, mit einer Sache tun und lassen zu können was man will und so fühlten sich die Bucheigentümer auch in der Beziehung zu ihren Büchern. Doch schon damals war diese Ansicht falsch, auch wenn diese Fehlvorstellung noch wirkungslos blieb.

Man durfte zwar mit dem Buch als Bündel an Papier tun und lassen, was man wollte, aber nicht mit dem Inhalt darin. Diesen durften wir nur begrenzt nutzen, sprich: Wir hatten nur einige Rechte an dem Inhalt erworben. Wir konnten unsere Kopie lesen, verleihen oder weiter verkaufen. Aber wir durften sie nicht nachdrucken oder einen Film aus dem Inhalt erstellen.

All diese Rechte nennt man Urheberrechte und sie sind im Urheberrechtsgesetz geregelt. Wer ein Buch schreibt, der erwirbt diese Rechte automatisch für die Lebensdauer und 70 Jahre danach. Er (oder wer die Rechte vom Autor erwirbt) kann dann entscheiden, wie viele Rechte er für wie viel Geld verkaufen möchte. So wird die einfache Kopie in Buchform für ein paar Euro verkauft, dagegen das Recht, aus dem Inhalt einen Film zu machen, für ein paar Millionen.

Mit dem E-Book hat sich nur eines verändert: Das Papier ist entfallen. Das heißt, man erwirbt nur noch einige Rechte an dem Inhalt. Und warum diese „kleine“ Änderung zum Einsatz von DRM führte, erklärt der nächste Abschnitt. Er zeigt, warum plötzlich die Fehlvorstellung mit einem Buch tun und lassen zu können was man will, von Bedeutung wurde.

Wie Papier durch DRM ersetzt wurde

Wie wir oben gesehen haben, entscheidet der Urheber (oder der Verlag, der im Regelfall die Nutzungsrechte am Inhalt vom Autor erwirbt) darüber, wie viel Geld er für welche Nutzung seines Inhalts verlangt. So verlangt er nur ein paar Euro für eine Kopie des Buches, weil er weiß, dass es noch tausende von potenziellen Lesern gibt, die das Buch auch noch kaufen werden. Dagegen wird es wahrscheinlich nur einen Film auf dessen Grundlage geben, was einen viel höheren Preis rechtfertigt.

Das galt jedoch nur solange es sich nicht lohnte, ein Buch zu kopieren, um es den Nachbarn zu schenken oder tausenden von Unbekannten in Übersee. Man kann sagen, der Schutz der Urheberrechte am Inhalt wurde durch praktische Hürden wie Kopier- und Versandkosten übernommen. Das ist bei einem E-Book anders. Es reichen wenige Mausklicks, um ein E-Book durch eine Tauschbörse mit unzähligen Nutzern zu teilen. Und wer weiterhin dachte, auch mit einem „E-Book“ tun und lassen zu können was er will, der nutzte die Befreiung vom Papier, um das Buch auf illegalem Weg zu verbreiten.

Daher überlegten sich die Rechteinhaber, wie sie die Bindung des Inhaltes an das Papier durch eine andere Hürde ersetzen könnten. Wohlgemerkt, man kann schon hier Kritik üben und sich fragen, warum nicht vorwiegend an die Anpassung an die neue Welt durch Multimediainhalte, Empfehlungsfunktionen oder Aufbau digitaler Buchbörsen gedacht wurde. Aber wie schon bei der Musik- oder Videoindustrie stand der Wunsch, alte Zustände zu bewahren, an erster Stelle.

Letztendlich war das Ergebnis dieser Überlegungen die Schranken des Papiers durch technische Schranken zu ersetzen. Wie diese neuen Beschränkungen aussehen und welche auf uns in der Zukunft zukommen, werden die nächsten Abschnitte zeigen.

DRM als Mittel zur Durchsetzung von Rechten

Wie anfangs gesagt, ist DRM nur eine Beschreibung für verschiedene Arten von Technik, um Rechte zu verwalten. Die wohl am häufigsten eingesetzten DRM-Techniken zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Willen der Rechteinhaber durch Beschränkung der Nutzungsmöglichkeiten direkt durchsetzen. Man spricht hier auch vom „Digital Rights Enforcement“, also Technik zur „Durchsetzung digitaler Rechte“. Im Volksmund spricht man vereinfacht vom „Kopierschutz“.

Das Besondere an dieser Durchsetzung von Rechten ist, dass dabei keine Gerichte bemüht werden müssen. Verbietet man einem Nutzer, ein E-Book zu kopieren und er macht es trotzdem, dann muss man ihn verklagen, damit er es lässt. Aber dank DRM kann er das E-Book schlichtweg nicht kopieren. Und damit dieser DRM-Schutz selbst nicht ausgehebelt wird, hat der Gesetzgeber unterstützend ein Verbot eingeführt, DRM-Techniken zu umgehen, und dies sogar teilweise unter Strafe gestellt. Insgesamt ist ein solcher DRM-Schutz vergleichbar mit dem, den die Kopierkosten bei einem Papierbuch boten. Doch DRM kann mehr als Papier und weckte so neue Begehrlichkeiten.

Man stelle sich vor, ein Verlag verkauft ein Buch und verbietet es den Lesern, Teile davon für Freunde zu kopieren, es zu verleihen oder weiter zu verkaufen. Würde der Verlag dieses Verbot vor Gericht durchsetzen wollen, müsste er sich anhören, dass das Gesetz es erlaubt, das Buch zu verleihen, zu verkaufen oder daraus Kopien für Freunde zu erstellen.

Veröffentlicht der Verlag das Buch jedoch als E-Book, dann kann er unter Zuhilfenahme von Technik unterbinden, dass man per „Kopieren & Einfügen“ Teile des Textes kopiert, die Datei ausdruckt oder kann bestimmen, dass es nur an einem bestimmten Gerät gelesen werden kann.

Dabei sind die Möglichkeiten, die Nutzung einzuschränken, so vielfältig, dass jeder sich vor dem Kauf eines E-Books informieren sollte, was er alles damit tun darf und ob ihm die beschränkten Rechte, die er erwirbt, den Preis wert sind.

Ein Beispiel, wie weit die Nutzerkontrolle gehen kann, hat der E-Book-Anbieter Amazon gezeigt, als er ironischerweise George Orwells Kritik an totaler Kontrolle „1984“ von den Lesegeräten seiner Kunden  löschen ließ, weil es nachträglich aufgefallen ist, dass die nötigen Rechte für den Buchvertrieb fehlten.

Dieses Beispiel ließ die Nutzer Sturm laufen, weil sie diese Entmündigung als persönliche Beleidigung verstanden. Doch ist es nur eines von Argumenten gegen DRM. Und jeder, der sich eine Meinung über DRM bilden möchte, sollte diese Argumente kennen.

Die Kritik am DRM

Das obige Amazon-Beispiel zeigt die gegensätzlichen Fronten zwischen den Nutzern und den Rechteinhabern. Die letzteren finden es nur gerecht, ein Mittel in der Hand zu haben, um ihre Rechte optimal kontrollieren zu können.

Die Nutzer dagegen fühlen sich kontrolliert und bevormundet, ohne dass dies wirtschaftlich gerechtfertigt ist und bringen folgende Argumente gegen das DRM vor:

  • Die ehrlichen und loyalen Nutzer werden durch die Schranken wie potenzielle Rechtsbrecher behandelt.
  • Wer nicht ehrlich ist, den hält auch DRM nicht vor Rechtsbruch zurück, denn jeder technische Schutz wurde bisher geknackt und in Tauschbörsen eingestellt.
  • DRM verleitet die Nutzer geradezu illegale Kopien zu nutzen. Denn es macht die Nutzung von E-Books so umständlich, dass es oft einfacher ist, sich eine illegale Version zu besorgen, bei welcher der DRM-Schutz entfernt worden ist.
  • Die DRM-Restriktionen spiegeln sich nicht in den E-Book-Preisen wieder. Ein gebundenes Buch kostet den Verlag ein Vielfaches mehr in der Herstellung und trotzdem kann es vom Käufer verliehen oder weiter verkauft werden. Ein E-Book, bei dem die Nutzung im Vergleich zum Papierbuch eingeschränkt ist, kostet jedoch trotz dieser großen Unterschiede im Vergleich oft kaum weniger als die gebundene Ausgabe.
  • Das Nutzungsverhalten der Leser kann genau protokolliert werden, wenn DRM-Systeme Kontakt mit Servern des Anbieters herstellen.

Die Musikindustrie hat auf das DRM gesetzt und in den „Copyright Wars“ versucht, Rechtsverstöße durch Nutzer gerichtlich zu verfolgen. Doch nach zahlreichen Meinungen führte letztendlich nicht der Kampf gegen die Nutzer zur Steigerung der Musikabsätze, sondern ein komfortableres und auch mitunter DRM-freies Online-Musikangebot. Warum sollte man bei den E-Books die gleichen Fehler machen, statt aus ihnen zu lernen?

Aufgrund dieser Argumente verlangen die Gegner zumindest statt auf „Digital Rights Enforcement“ als eine „harte“ Art von DRM, lieber auf ein „weiches“ DRM zu setzen.

Das „weiche DRM“ schützt mit psychologischen Hürden

Wir wissen, dass Techniken zur Durchsetzung von Rechten durch Einschränkung der Nutzungsmöglichkeiten von E-Books nur eine Unterart von DRM und heftiger Kritik ausgesetzt sind. In diese angespannte Lage scheint das zunehmende eingesetzte „weiche“ DRM (auch „DRM-light“, „soft DRM“ oder „psychologisches DRM“ genannt) etwas Entspannung hineinzubringen.

Diese Art des DRM setzt zwar auch technische Mittel ein, aber nicht um technische, sondern eher um psychologische Hürden aufzustellen. So soll ein ehrlicher Leser bei der Nutzung seines E-Books technisch nicht eingeschränkt werden. Statt mit Zugangsbeschränkungen oder Kopierschutz wird das E-Book entweder mit einer Signatur, den persönlichen Daten des Nutzers oder beidem verbunden.

Bei einer Signatur wird ähnlich einem Wasserzeichen auf einem Bild ein nicht sichtbares Muster in den Text des Buches hineincodiert. Der Nutzer kann das Buch ohne Schranken verleihen oder weiter verkaufen, muss aber damit rechnen, dass es zu ihm zurückverfolgbar sein wird, wenn er es zum Beispiel in einer Tauschbörse einstellt.

Die Frage ist, ob diese Wasserzeichen hinreichend abschreckend sind. Denn aus juristischer Sicht ist es nicht ausreichend, ein E-Book in einer Tauschbörse zum Käufer zurück zu verfolgen, um ihm nachzuweisen, dass er es dort eingestellt hat. Das könnte genauso gut jemand sein, dem er es verliehen hat.

Die andere Methode versieht das E-Book mit persönlichen Daten. So zum Beispiel mit Kreditkartendaten oder anderen persönlichen Informationen, welche sichtbar oder unsichtbar in die Datei geschrieben werden. Diese Methode geht davon aus, dass der Käufer zwar keine Probleme haben wird, sein Exemplar an enge Freunde zu verleihen oder zu verkaufen, aber davon abgehalten wird, das E-Book in Tauschbörsen einzustellen. Doch je nachdem wie viel Wert man den eigenen persönlichen Daten beimisst, kann diese Methode zwar anders aber ebenso belastend wie eine Nutzungsbeschränkung gesehen werden.

Ob sich das weiche DRM durchsetzen wird und in welcher Form, ist bei dieser relativ neuen Herangehensweise noch nicht abzusehen. Es ist aber zu begrüßen, wenn die Rechteinhaber sich kompromissbereit zeigen, auch wenn ihnen dies durch den Widerstand der Nutzer gegen die härtere Art von DRM aufgezwungen worden sein mag.

Fazit

Die massive Nutzung von DRM war eine Reaktion der Rechteinhaber auf die Möglichkeiten der Nutzer, Daten verlustfrei zu kopieren und sie durch die Netze verbreiten zu können. Mit den Nutzungsbeschränkungen werden Käufern elektronische Fesseln angelegt, die den Komfort bei der Nutzung von E-Books erheblich senken. Der breite Widerstand der Nutzer gegen DRM wird begleitet durch die von der Musikindustrie vorgelebte Erkenntnis, dass eine Verbesserung des Angebotes und Anpassung an den digitalen Markt wirtschaftlich erfolgsversprechender ist als technische Restriktionen. Das führt dazu, dass Anbieter zunehmend  auf „weiche“ DRM-Maßnahmen, wie zum Beispiel digitale Wasserzeichen, setzen oder auf DRM ganz verzichten.

Und damit sehen wir, dass man DRM differenzierter würdigen und weder die Nutzer als potenzielle Rechtsbrecher noch die Rechteinhaber als reine Ausbeuter betrachten sollte. Beide Gruppen vertreten nachvollziehbare Interessen. Daher ist es wünschenswert, dass sie sich annähern und die eine Seite auf einen technischen Overkill verzichtet und die andere auf illegale Nutzung von E-Books.

Wo genau die Mitte liegt und wann eine DRM-Maßnahme vom Kauf abhalten sollte, muss letztendlich jeder Käufer für sich selbst beurteilen. Wichtig ist, sich zu informieren, welche DRM-Art eingesetzt wird und ob es vielleicht DRM-freie Alternativen bei anderen Anbietern oder gegen einen geringen Aufpreis gibt. Denn so nimmt jeder von uns Einfluss darauf, ob und welche Art von DRM in der Zukunft eingesetzt wird.

Hinweise zum Weiterlesen

Dieser Text verzichtet bewusst auf die Nennung einzelner DRM-Maßnahmen und all ihrer technischer Spezifikationen, um einen einfachen Einstieg in die Materie zu bieten. Wer mehr über DRM-Methoden erfahren und tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem werden folgende Seiten empfohlen:

Über den Autor

Thomas Schwenke LL.M. (Auckland), Dipl.-FinWirt (FH) ist Partner der Kanzlei SCHWENKE & DRAMBURG in Berlin und berät Unternehmen rund um Marketing, Social Media und IT-Recht. Als passionierter Onlinerechtler bloggt er unter spreerecht.de und hält Workshops und Vorträge zu diesen Themen.

 


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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 9. September 2010 veröffentlicht. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

 

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