Editorial: Wer liest denn heute noch auf Papier?

Ein Beitrag von: Jan Tißler



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Foto: martinsombrero / photocase.com

Ich bin ein Bücher- und Magazin-Freak. Als Kind und Jugendlicher konnte man mich in Einkaufszentren und Kaufhäusern entweder bei den Zeitschriften oder den Büchern finden. Hier ließ ich mich auch gern parken, schließlich war ich im papiernen Paradies.

Zugleich bin ich wie jeder gute Junge Star-Trek-Fan. Next Generation ist übrigens um Klassen cooler als die Original Series und Deep Space Nine ist viel besser als alle meinen. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls läuft die Besatzung in den neueren Star-Trek-Serien immer mit “PADDs” herum: “Personal Access Display Devices”. Handliche Geräte, die offenbar ein universeller Computer waren und aus nicht viel mehr als dem Display bestanden. Damals futuristisch, heute Gegenwart. Ein Vertreter heißt sogar ganz ähnlich: das iPad von Apple.

Es fügt sich nun alles zusammen: Bücher, Magazine und futuristische Handhelds. Willkommen in der Zukunft.

2010 brachte den entscheidenden Fortschritt

Wer die Entwicklung der Computer verfolgt, ist wenig überrascht von dem, was wir heute in Händen halten. Alles wird kleiner, leichter, schneller, effizienter, ausgefeilter. Erscheint uns das iPad jetzt schick und fortschrittlich, wird es in zehn Jahren altmodisch, eingeschränkt und klobig wirken.

Die Frage ist nur immer: Wann ist eine Entwicklung an einem Punkt angekommen, dass sie eine umwälzende Wirkung hat? Über Jahre sieht man die Fortschritte und im Grunde lauert man jeden Moment darauf, dass sich die Welt verändert. Aber immer, wenn man denkt, es sei soweit, dauert es noch einmal fünf Jahre. Oder zehn. Oder es passiert nie.

Tablets und E-Reader sind beispielsweise schon seit etlichen Jahren im Gespräch. Immer wieder standen sie “kurz vor dem Durchbruch”. Vor diesem Durchbruch muss inzwischen ein enormes Gedränge herrschen, wenn man bedenkt, wie viele Technologien und Geräte in den letzten Jahren schon kurz davor standen. Und standen. Und standen.

Aber 2010 scheint die Situation anders. Offenbar wurde nun diese eine magische, nicht sichtbare Linie durchbrochen, die aus einer Technologie der Zukunft eine Technologie der Gegenwart macht, eine Technologie, die unseren Alltag beeinflusst und verändert.

Gern spricht man von einer Revolution. Aber diese Revolutionen laufen langsam und leise ab. Das macht sie so tückisch: Wer nicht genau aufpasst, hat sie verpasst. Sie ist passiert, bevor man’s richtig bemerkt. Vor einer solchen Herausforderung steht derzeit die Buchindustrie.

Die Hardware ist endlich massentauglich

Langsam, aber doch stetig verschiebt sich hier der Markt. Das Internet ist eine der grundlegenden Technologien, reicht aber nicht aus, um das Buch von seinem jahrhundertealten Thron zu stoßen. Die passenden Endgeräte mussten erst des Wegs kommen.

Die erste Generation der E-Reader zeigte den Freaks und Geeks schon: Hier kommt was. Massenhaft erfolgreich waren sie nicht. Erst Amazons Kindle brachte 2007 einen Fortschritt, den auch eine breitere Öffentlichkeit bemerkte. Die Displays waren gut nutzbar, die Preise nicht mehr ganz so hoch und der eingebaute Internetzugang brachte einen entscheidenden Vorteil gegenüber früheren Kandidaten. Inzwischen ist hier ein harter Konkurrenzkampf entbrannt und die Preise sacken immer weiter ab. Der E-Reader mit WLAN und Mobilfunk für unter 100 Euro ist keine spinnerte Vision mehr.

Zugleich übernehmen Tablets die oberen Preisregionen. Apple hat mit dem iPad hier ein Gerät abgeliefert, das erneut eine nahezu perfekte Kombination aus begehrenswerter Hardware, sehr guter Software und einem sprießenden Ökosystem ist. Andere werden folgen. Vor allem offene Systeme auf Basis von Android scheinen hier derzeit vielversprechend.

Lesen auf Displays? Ja, gerne

Das Erstaunliche ist jedenfalls: Man kann auf E-Reader und sogar auf Tablets tatsächlich lesen. Und damit ist nicht nur das Lesen einer Information gedacht, sondern das Lesen eines Buchs. Ich selbst war immer Fan der “elektronischen Tinte” (E-Ink), die in den E-Readern vom Schlage eines Kindle zum Einsatz kommt. Sehr skeptisch war ich, ob ich auf einem LC-Display lesen möchte, selbst wenn es in ein handliches Tablet integriert ist. Aber ich muss sagen, dass mich das iPad überzeugt hat. Man liest darauf, wie auf einer gut ausgeleuchteten Buchseite.

Und das elektronische Lesen hat eben diverse Vorteile. Man kann in den Inhalten suchen. Man kann die Schrift vergrößern und verkleinern. Man kann die Helligkeit der Seite anpassen. Man kann Notizen beliebiger Länge leicht ergänzen. Und in der Regel gibt es auch Unterstreichungen und andere Features. Hinzu kommen Möglichkeiten digitaler Medien, die print eben nicht zu bieten hat wie beispielsweise Multimedialität, non-lineare Erzählweise, Verweise ins Netz etc.

Aber lese ich deshalb alles auf Displays und nichts mehr auf Papier? Nein. Zum einen gibt es viele Dinge einfach noch nicht digital. Zum anderen haben die elektronischen Varianten eben auch Nachteile, gerade bei Büchern. So existiert technologisch bedingt kein Markt für Gebrauchtbücher oder Remittenden. Und man kann ein Buch auch nicht mal eben so verleihen.

Ausblick

Insofern sehe ich das so: Digitale Leseinhalte werden ihren Platz im Alltag erobern. Und ich denke, dass dieser Platz sehr groß sein wird. Sie werden gedruckte Inhalte deshalb nicht verdrängen, sondern ergänzen. Allerdings gehe ich davon aus, dass der Print-Markt langfristig noch deutlich schrumpfen wird.

Von mir aus jedenfalls kann sehr viel mehr digital und elektronisch erscheinen. Mir ist das alles noch viel zu wenig und oftmals noch viel zu lieblos und phantasielos umgesetzt. Vor allem aber hoffe ich, dass die Verlage nicht alle Fehler von Musik- und Filmindustrie wiederholen und die Kunden mit schlechten Angeboten und nervigen Restriktionen vergraulen.

 


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Der Beitrag wurde am Montag, den 16. August 2010 veröffentlicht. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

 

6 Reaktionen zu “Editorial: Wer liest denn heute noch auf Papier?”


macx
schrieb am 16. August 2010 um 08:55 Uhr:

Lieblos. Das ist auch genau das, was ich bei manch einer Magazin-App auf dem iPad vorfinde. Da wird dieses „neue“ Medium als Zweitverwertung des 72dpi-PDF misbraucht. Einige Verlage machen sich nicht einmal die Mühe, die Inhalte aufzubereiten. Und dies ist dringend nötig. Zum einen erwartet der Benutzer in etwa bestimmte Gesten oder zumindest einen Mehrwert. Im PDF könnten minimum die Beiträge untereinander verlinkt sein, die Bilder in ausreichender Qualität eingebetettet, wenn ich schon zoomen darf.
Die Hausaufgaben sind noch lange gemacht. Es gibt Verlage, die lassen Ideen sprudeln und ein paar Bedienkonzepte sehen auch wirklich gut aus. Doch es ist noch nicht alles perfekt.
Schlussendlich wird der Mehrwert und die Benutzerführung darüber entscheiden, ob die digitale (iPad-)Ausgabe dem Printmagazin oder Buch Leser entziehen kann. Denn die Technologie als solches steht und liegt schon in unseren Wohnzimmern.

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Jan Tißler
schrieb am 16. August 2010 um 10:03 Uhr:

Hey, Kollege, vielen Dank für den Kommentar. Magazine auf dem iPad finde ich ja ebenfalls ein total spannendes Thema. Das ist wiederum so umfangreich, dass das auf jeden Fall einen eigenen Themenschwerpunkt hergibt. :-) Mal schauen :-)

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Sebastian
schrieb am 16. August 2010 um 19:23 Uhr:

Toller Auftakt! Ich vermute, dass die meisten Verlage einfach selbst noch keine richtige digitale Strategie haben und einfach schnell mal eben zweitverwerten wollen. Schade. Wenn da nicht mal der Zug abfährt ;-)

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