Was passiert, wenn man die Leser zu Mitstreitern macht? Interview mit MCM

Ein Beitrag von: Cameron Parkins



MCM ist ein Fan von „Freier Kultur“ und hat seine Schöpfung „TorrentBoy“ freigegeben.

MCM ist ein Fan von „Freier Kultur“ und hat seine Schöpfung „TorrentBoy“ freigegeben.

Das Buch der Zukunft ist vielleicht nicht mehr ein vom Autor geschriebener, vom Lektor verbesserter und vom Verlag herausgebrachter Solitär. Wie wäre es, wenn das Buch und seine grundlegenden Ideen stattdessen der Ausgangspunkt für ein ganzes Universum weiterer Werke wären, die von Lesern gemacht sind?

Möglich wird das beispielsweise durch Lizenzen von Creative Commons, die dem starren Urheberrecht oder Copyright ein flexibles Instrument an die Seite stellen. Der Autor kann dadurch beispielsweise bestimmen, dass jeder sein Werk weiterentwickeln und verwenden darf – solange er selbst genannt wird, derjenige das nicht ohne explizite Erlaubnis kommerziell nutzt und seine Werke wiederum unter dieselbe Lizenz stellt. Das hat der TV-Produzent und Autor MCM getan. Hier ein interessantes Interview mit ihm über sein „TorrentBoy“-Projekt und wie man damit umgeht, wenn sich alles verselbständigt.

Erklär unseren Lesern doch einmal ein wenig Deinen Hintergrund und den des TorrentBoy-Projekts. Was ist Deine persönliche Geschichte, die Dich zu diesem Punkt in Deiner Karriere gebracht hat? Wie hat TorrentBoy angefangen und was ist sein aktueller Status? Und noch wichtiger: Worum geht es in dem Buch?

Meine Geschichte ist lang und kompliziert und kann erwachsene Männer zum Weinen bringen, deshalb überspringe ich das und komme gleich zum spaßigen Teil. 2001 entwickelte ich eine Web-Zeichentrickserie namens Dustrunners, die nach ihrem Tod die erste Serie unter Creative-Commons-Lizenz wurde (sie nutzte CC SA, bevor diese Lizenz ihre 1.0 erreicht hatte). Ich hatte immer ein Faible für das offene Verbreiten von Ideen und Kultur und als ich hörte, welche Ziele sich Creative Commons vorgenommen hatten, war ich begeistert. Seit Dustrunners habe ich jedes einzelne meiner Werke (sofern ich die Rechte daran hatte) unter CC-Lizenz gestellt und ich irritiere wahllos Leute auf der Straße mit meinem Evangelismus. Investment Banker stehen der Vorstellung generell feindlich gegenüber, aber alle anderen lächeln mich zumindest an.

Seitdem habe ich eine Menge weiterer Bücher über „Freie Kultur“ geschrieben, besonders bekannt und berüchtigt ist The Pig and the Box, in dem Kinder über das Böse im digitalen Rechtemanagement aufgeklärt werden. Die Tatsache, dass dieses Buch in 15 Sprachen übersetzt und (soweit ich Zahlen dazu habe) 1,5 Millionen Mal heruntergeladen wurde, verfestigte in mir die Feststellung, dass die Creative Commons den Urhebern fantastische Dinge ermöglichen.

Vor vier Jahren entwickelte ich die Idee für eine Show namens RollBots, die jetzt auf YTV in Kanada auf Sendung geht und zu CW4Kind in die USA kommt, mit Spielzeugen von Mattel. Ich will nicht undankbar erscheinen, aber es gab etwas an der „geschlossenen“ Art der TV-Produktionen großer Sender, das mich störte. Die Show ist großartig und alle Beteiligten waren hervorragend, aber es blieb immer das Gefühl, dass trotzdem Potenzial verloren ging. Etwas, was wir aus unserem kleinen Schloss heraus nicht sehen konnten, hätte es noch besser machen können.

TorrentBoy ist meine Antwort auf diesen nagenden Zweifel. Es ist ein Franchise, das komplett „open source“ ist, wo jeder mitmachen und auf mein erstes Buch aufbauen und es sich zu eigen machen kann. Es gibt keine Einschränkungen, keine Grenzen… TorrentBoy kann Abenteuer erleben, auf die ich im Traum nicht gekommen wäre, in Sprachen, die ich niemals sprechen werde, und ein vollkommen neues Leben führen, das ein Produkt der traditionellen Medien wie RollBots niemals erreichen kann (jedenfalls nicht, solange ich nicht für einige Jahrzehnte tot bin). Es ist ähnlich, aber anders. Möglicherweise die beste Sache, die ich jemals gemacht habe.

Das erste Buch der Serie mit dem Titel „Zombie World“ erzählt die Geschichte eines Kindes namens Wesley, dessen sprechende Uhr ihn in den mit Superkräften ausgestatteten TorrentBoy verwandelt, damit er Gefahren wie Protonen-Lecks oder eine Zombie-Armee bekämpfen kann, um die Welt zu retten. Er hat einen Teddy namens Crash und Crash hat einen „waser bwaster“ und die beiden kommen gemeinsam in alle möglichen Schwierigkeiten, während sie den bösen Lord Thorax bekämpfen. Es gibt natürlich einige Analogien zu BitTorrent, aber im Kern ist es einfach ein gutes Spaß- und Abenteuer-Buch für Kinder. Im ersten Monat wurden 463 Exemplare verkauft (gedruckte und E-Books) und es wurde 120.000 Mal heruntergeladen. Ein guter Anfang, aber nur der Anfang.

Die TorrentBoy-Website, auf der jeder zum Mitmachen eingeladen ist.

Die TorrentBoy-Website, auf der jeder zum Mitmachen eingeladen ist.

TorrentBoy steht unter der CC BY-NC-SA-Lizenz und ist dafür gemacht, dass man es weiterverbreitet, bearbeitet und erweitert. Warum hast Du diesen Weg gewählt? Welche Schwierigkeiten und Vorteile hast Du durch die Nutzung einer CC-Lizenz festgestellt?

Die Auswirkungen der Lizenz waren mir ein wichtiges Anliegen. Ich wollte sicherstellen, dass sich die Leute frei fühlen zu tun was auch immer sie wollten, aber ich war außerdem besorgt, dass das Franchise, also die Gesamtheit der Werke, wegen unterdurchschnittlicher Werke leiden könnte, die neben den wirklich großartigen Sachen verkauft würden. Es ist nun so, dass jeder mitmachen kann, aber nur einige können tatsächlich mit ihren Werken Geld verdienen. Es ist kein perfektes System, aber ich denke, wir sind so nahe dran wie möglich.

Das größte Hindernis der CC-Lizenz ist interessanterweise bisher meine ungeplante Rolle als „gütiger Diktator“ (nicht meine Formulierung). Trotz der Tatsache, dass wirklich jeder tun kann was er will, werde ich trotzdem regelmäßig nach Ratschlägen zu verschiedenen Dinge gefragt. Da gibt es diesen einen wirklich netten Typen, der mich täglich per E-Mail nach Feedback zu seinen Ideen über ein Buch befragt, das er gerade schreibt. Ich beantworte seine Fragen gern, aber in meiner Wahrnehmung ist es mehr ein Brainstorming als eine Information… aber ich weiß, dass die Freiheiten der CC-Lizenzen manchmal schwer zu verstehen sind. Ich bekomme noch immer E-Mails von Menschen, ob sie eine Kopie von „The Pig and the Box“ für ihre Freunde machen dürfen, unabhängig davon, wie häufig ich die Bedeutung der Lizenz erkläre.

Auf der anderen Seite liegen die Vorteile der Lizenz längst auf der Hand. Allein die Tatsache, dass es dort jemanden gibt, der ein Buch über TorrentBoy schreibt, ist aufregend. Ein anderer wunderbarer Unterstützer hat eine Menge T-Shirts und Designs für das Projekt gemacht, andere arbeiten an einem Comic-Buch. Mit Roll Bots hatte ich eine kleine Gruppe von Menschen, die meine Ideen zum Leben erweckt haben… aber mit Creative Commons habe ich den selben Effekt vielfach vergrößert und es kommen Ideen heraus, die nur aus dem Genie der Allgemeinheit entstehen können.

Du sagst, dass es ein bewusstes Experiment mit Fan Fiction ist. Auf welche Weise ermöglicht die CC-Lizenz das?

Fan Fiction ist eine schwierige Sache. Du hast ein Konzept entwickelt und die Leute lieben es so sehr, dass sie darauf aufbauen wollen… aber selbst wenn sie die aufregendsten Sachen tun, sehen es die meisten dort draußen nur als Werke zweiter Klasse an. Es gibt wirklich großartige Fan-Fiction-Autoren, richtige Künstler. TorrentBoy zeigt hoffentlich, dass es eine exzellente Möglichkeit ist, Dein Universum zu vergrößern und reicher zu machen, wenn Du diese Fans legitimierst. Du kannst dazu entweder „unauthorisierte“ Werke absegnen oder Du kannst der Welt generell alles erlauben und schauen was passiert. Ich hasse die Vorstellung, dass Menschen etwas mit Liebe tun und dabei im Schatten der Illegalität stehen.

Ein weiteres Werk von MCM ist „The Pig and the Box“ - eine Kindergeschichte zum Thema DRM.

Ein weiteres Werk von MCM ist „The Pig and the Box“ - eine Kindergeschichte zum Thema DRM.

Welche Art von abgeleiteten Werken sind inzwischen aufgetaucht? Und wie geht es Dir als Urheber, wenn Du diese Werke siehst? Wie sammelst Du sie und bleibst auf dem Laufenden, was erstellt wird?

Es wird mindestens ein Buch geschrieben von dem ich weiß, außerdem ein Comic (oder zwei, ich bin mir nicht sicher). Einige Poster werden entworfen und ich habe gehört, dass es so etwas wie ein Videospiel geben soll. Jemand plant offenbar eine Art von Alternate Reality Game. Und ich selbst arbeite an einem klassisch geschriebenen Roman und an einem gemeinsam erstellten, wo wir die Struktur vorskizzieren und uns durch den ersten Entwurf arbeiten. Ich versuche so weit es geht bei diesen abgeleiteten Werken auf dem Laufenden zu bleiben, aber mir ist klar, dass viele Leute bis zu einem gewissen Punkt erst einmal im stillen Kämmerlein daran arbeiten, so dass ich vielleicht nur die Hälfte mitbekomme.

Auf eine großartige Idee stieß ich vor einigen Wochen. Es geht darum, von der TorrentBoy-Story eine Steampunk-Variante abzuspalten, die im späten 19. Jahrhundert spielt, wobei einer von TorrentBoys Vorfahren um die Rettung der Welt kämpft. Ich weiß nicht, ob irgendjemand an dieser Idee arbeitet, aber es ist ein erstaunliches Konzept und ich wäre begeistert, es umgesetzt zu sehen.

Eine TV-Show zu entwickeln hat mich auf diese Rolle gewissermaßen auf verschiedene Weisen vorbereitet. Wenn Du etwas dieser Größe machst, musst Du die Details der weiteren Entwicklung anderen überlassen… großartige Ideen kommen aus unerwarteten Richtungen und Du musst überzeugt genug von Deiner Idee sein, um sie sich selbst den Weg suchen zu lassen. Bei TorrentBoy ist es ähnlich, nur viel größer. Es fällt mir nicht schwer, mich in verrückte neue Ideen zu verlieben, die sich aus meiner anfänglichen Anstrengung ableiten… schwer ist es, das alles abzuwarten!

Und als Letztes: Wie können sich unsere Leser am TorrentBoy-Projekt beteiligen? Irgendwelche letzten Worte, die Du loswerden möchtest?

Es gibt viele Möglichkeiten der Beteiligung und diese Möglichkeiten entwickeln sich dauernd weiter. Es gibt den Plan, die Welt von TorrentBoy in unserem Wiki festzuhalten, wo Du über alles sinnieren kannst von den genauen Funktionen der Tracker Watch bis hin zu den Motiven der Rhino-rilla Bösewichter. Das ist einer meiner Lieblings-Aspekte, denn jeder kann das ausprobieren, egal ob man sich in der Lage fühlt, lange Prosa-Texte zu schreiben

Außerdem gibt es auf der Seite Diskussionsforen, in denen man Ideen oder neue Entwürfe rund um TorrentBoy vorschlagen kann… T-Shirt-Designs, Skizzen oder Story-Ideen (falls Du selbst nicht gut schreiben kannst, es aber gern geschrieben sehen würdest). Die Atmosphäre ist sehr freundschaftlich und gemeinschaftlich, was für alle Beteiligten großartig ist.

Und nicht zuletzt kann man den Pool der Mithelfer erweitern, in dem man Leute auf das erste Buch Zombie World aufmerksam macht, dass es hier gibt. Es ist kostenlos (oder Du kannst dafür bezahlen, wenn Du willst) und es bietet Dir einen Crash-Kurs zur Welt von TorrentBoy. Falls Du Kids im Alter von 7 bis 11 Jahren kennst, die vielleicht einen guten Action-Roman mögen, ist das die perfekte Stelle, um das Abenteuer zu beginnen.

Dieses Interview, geführt von Cameron Perkins, wurde ursprünglich von creativecommons.org auf Englisch veröffentlicht und steht unter der Lizenz CC BY. Diese Übersetzung ins Deutsche von Jan Tißler steht unter der Lizenz CC BY-SA.

 


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Der Beitrag wurde am Montag, den 6. September 2010 veröffentlicht. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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