Blogging All Over The World: Russland

Autor:
Krusenstern

Datum:
4. Juni 2007

Kategorie:
Highlights

Russische Blogger sind besser vernetzt und haben höhere Leserzahlen, die dortigen Top 100-Blogs lesen sich wie ein Who’s Who der russischen Intelligenzija – und trotzdem teilen russischen Blogger Beleidigungen aus wie die Kosaken.

Der Artikel im UPLOAD PDF-Magazin Nr.1.

Die gesamte russischsprachige Blogosphäre besteht in mehr als 90 Ländern aus 1,15 Mio. Blogs, von denen 46 Prozent oder 540.000 Blogs in den letzten drei Monaten aktiv genutzt wurden. Zum Vergleich: Im deutschsprachigen Raum gibt es 600.000 Blogs, von denen maximal 60.000 aktiv sind.

Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber oder der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg als Blogger? Undenkbar! Nicht so in Russland, wo ein großer Teil der Intelligenzija bloggt:

Weblogs haben in Russland die wichtigen Funktionen von Medien und Nichtstaatlichen Organisationen (NGO) übernommen. Nur über die Weblogs gibt es noch die Versammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit – alles Grundrechte für die Bürger eines demokratischen Staates.

Maxim Kononenko glaubt sogar, dass „die gesamte politische Diskussion in Russland heute in Weblogs stattfindet“. Man dürfe sich aber keine Illusionen machen, erklärt der Politologe Dmitri Oreschkin, Russland-Direktor des amerikanischen Merkator-Think Tank: „Die Weblogs repräsentieren nur den fortschrittlichsten Teil der Bevölkerung“.

Tatsächlich leben 79 Prozent aller russischen Blogger in den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg (wo nur 10 Prozent der Bevölkerung leben), 20 Prozent der Blogger verteilen sich auf die zehn nächstgrößeren Städte (8 Prozent der Bevölkerung). Das letzte 1 Prozent verteilt sich über 82 Prozent der Bevölkerung – die russische Blogosphäre ist dort ein Schwarzes Loch. Auffallend ist, dass russische Blogger austeilen wie die Kosaken. „Normalerweise degeneriert die Diskussion eines wichtigen Themas schnell zu einer Flut von Beleidigungen und Anschuldigungen“, stellt der russische Journalist Dmitry Winogradow resigniert fest. Der Gesprächspartner wird als „Handlanger des Kreml“ oder „Laufbursche des Weißen Hauses“ bezeichnet, als „Nazi“ oder „Agent der zionistischen Weltverschwörung“.

Maxim Kononenko pöbelte zum Beispiel nach einem brutalen Überfall auf die 31-jährige Oppositionelle Marina Litwinowitsch gegen deren Freunde (und nicht etwa die Täter):

Ihr Hundesöhne benutzt die herausgeschlagenen Zähne Eurer Freundin, um Eure Aufgaben zu lösen. Ihr, Vieh und Lumpen, habt Eure Freundin verprügelt. Ihr, Arschlöcher und Viehzeug, seid bereit, eine Frau und ihr Kind zu töten, um an Geld zu kommen. (…) Alles Elend meines Landes kommt von solchen wie Euch! Ich hoffe, das Land frisst Euch auf, zusammen mit Eurer Scheiße!

Manchmal wird man bei russischen Weblogs den Eindruck nicht los, im legendären Brief der Saporoger Kosaken zu lesen, welche den türkischen Sultan 1676 als „Ziegendieb, Schweineschnauze, Stutenarsch und Metzgerhund“ bezeichneten. Die Saporoger Kosaken zählten allerdings nicht gerade zur Intelligenzija.

Interessant ist, dass sich viele russische Blogger selbst über diese Auswüchse schämen. „Vielleicht liegt es daran, dass es keine russische Tradition eines politischen Dialogs gibt?“ fragt sich Dmitri Winogradow. Oder an den „sicheren Distanzen“ im größten Land der Welt? Bei uns ist die Chance größer, dass ich dem „Stutenarsch“ irgendwann einmal gegenübersitze…

Zum Glück haben Weblogs auch positive Auswirkungen, zum Beispiel auf die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Oppositionelle mussten früher neue Mitglieder heimlich unter ihren Bekannten anwerben, was die Miliz früher oder später erfuhr. Jetzt bauen sich oppositionelle Jugendbewegungen wie „Oborona“ , „Da!“ und „Ja dumaju“ über ihre Blogs im LiveJournal auf und organisieren damit sogar Demonstrationen.

Doch der Kreml schaut dem Treiben nicht untätig zu: Mit der Abhöreinrichtung SORM wird das russische Internet überwacht und im Oktober 2006 kaufte das russische „Medienunternehmen“ Sup.com überraschend für 20 Mio. Dollar die Rechte für den russischsprachigen Teil von LiveJournal. Dahinter steckt einer jener russischen Oligarchen, der als Inbegriff von Kremltreue und Zensur gilt.

Über den Autor

Jürg Vollmer ist Ex-Journalist (u.a. „Tagesschau“ des Schweizer Fernsehens) und Kommunikationsfachmann. Seit Mai 2006 schreibt er im Krusenstern-Weblog täglich über Russland und die Ukraine. Krusenstern zählt mit täglich 350 bis 500 Lesern sowie Backlinks von 120 Blogs zu den 35 größten Weblogs der Schweiz sowie zu den drei größten englisch-/deutschsprachigen Russland-Weblogs weltweit.

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