Vom Blog zum Buch mit Anthologize & Co.

Ein Beitrag von: Sebastian Schürmanns



Noch vor einem Jahr standen Blogger vor einer ziemlichen Herausforderung, wenn sie aus ihren Netzinhalten ein klassisches Buch erstellen wollten: Zwar tummeln sich einige externe Tools für eine automatische Umwandlung auf dem Markt. Doch wer eine individuelle Lösung bevorzugte, dem blieb nur die Copy&Paste-Methode, um die Beiträge z.B. nach Word zu transportieren und dort in ein Buch-Layout zu bringen. Seit dem Boom von Kindle & iPad hat sich die Situation jedoch geändert: Auch Blogger finden jetzt gefallen an Buchformaten und so wurden für WordPress in 2010 gleich 3 hilfreiche Plugins veröffentlicht. In diesem Beitrag stellen wir das jüngste und recht ausgereifte Plugin „Anthologize“ vor und beschreiben anschließend eine Möglichkeit, aus dem Blog per Word ein klassisches Print-Buch zu erstellen.

Warum Buchformate für Blogger?

Buchformate oder gar klassische Print-Bücher stehen bei Bloggern erst einmal nicht sonderlich hoch im Kurs: Dort lässt sich nichts bookmarken, nichts durchsuchen und kommentieren schon überhaupt nicht. Trotzdem gibt es Blogs, bei denen ein Print-Buch durchaus Vorteile haben kann. Ein paar spontane Einfälle:

  • Das blättern fällt leichter,
  • Niemand schreit, wenn das Print-Buch etwas kostet,
  • Leser können das Buch tauschen oder wieder verkaufen,
  • Bücher lesen auch Menschen, die Blogs eher albern finden,
  • Bücher muss man im Flugzeug nicht ausschalten.
  • Bücher werden am Strand eher selten geklaut.

Natürlich eignet sich nicht jedes Blog für ein Print-Buch, jedoch sollten vor allem die monetären Aspekte sowie die Erweiterung der Zielgruppe Bloggern mit passenden Inhalten zu denken geben. Je geringer der Aufwand für eine Buchpublikation, desto attraktiver dürfte diese Option in Zukunft werden.

WordPress Plugins für Blog2Book

Mindestens drei Plugins sind im Jahr 2010 für WordPress erschienen, die eine Umwandlung der Bloginhalte in Buchformate erlauben:

  • Das WordPress-eBook-Export-Plugin von Christopher Clarke, das allerdings nach wie vor nur auf eigene Gefahr benutzt werden kann und nicht im offiziellen Plugin-Verzeichnis von WordPress gelistet ist,
  • Das bereits recht komfortable Plugin WP2EPUB von Thierry Crouzet sowie
  • Das ganz neue und sehr umfangreiche Plugin Anthologize. Anthologize ist ein Projekt des Center for History and New Media an der George Mason University in den USA und dürfte der aussichtsreichste Kandidat für eine stetige Weiterentwicklung sein.

Die Drei Plugins im Vergleich:

Features WP-Ebook-Export
Seit August 2010 Mai 2010 Januar 2010
Export ePUB, PDF, RTF, TEI ePUB, HTML ePUB
Import RSS
Zwischenkapitel Ja
Editieren Ja
Filterung Tags, Categories Tags, Date Categories
Sortierung frei (drag&drop) chronologisch, reverse chronologisch
Creative Commons Ja Ja
Styles font, format (letter, A4) Angabe css-file
Cover Nur Text/Titel Bilddatei
ISBN Ja
WordPress-Version ab 3.0 ab 2.7 2.9

Vom Blog zum Buch mit Anthologize

Vor allem dem WP2EPUB-Plugin sollte man einen Blick schenken, da der angebotene HTML-export einer Weiterverarbeitung z.B. in Word sehr entgegenkommt. Da allerdings Anthologize eine Import-Funktion und wohl die komfortabelste Sortier-Funktion mitbringt, stellen wir an dieser nur dieses Plugin genauer vor.

Die Installation von Anthologize läuft wie bei jedem Plugin: erst in den WP-Ordner laden, dann aktivieren. Anschließend findet man im Dashboard die neue Funktionsleiste von Anthologize.

Über das Dashboard lassen sich jetzt neue Buchprojekte anlegen, indem man einfach einen Titel, einen Untertitel sowie die Autoren angibt. Anschließend werden alle Beiträge des eigenen Blogs aufgelistet. Um Beiträge aus anderen Blogs hinzuzufügen, bietet das Plugin einen RSS-Import an: Nach der Eingabe der Feed-Adresse werden die Artikel des fremden Blogs aufgelistet. Über eine Checkbox kann man einzelne Beiträge für den Import auswählen. Die Funktion ist natürlich begrenzt, da Blog-Feeds meist nur die letzten 10 Beiträge ausgeben! Trotzdem ein tolles Feature, wenn man ein Buch aus mehreren Blogs zusammenstellen will.

Dann geht es an die Zusammenstellung und Sortierung der Buchinhalte. Dazu legt man neue Kapitel an, unter die sich die Blogbeiträge per Drag&Drop sortieren lassen. Wenn man will, kann man die Beiträge vorher nach Kategorien oder Tags filtern.

Zum Schluss wird das ganze Projekt mit den gewünschten Creative Commons bestückt und mit diversen Zusatzinformationen wie Dedications oder Aknowledgements angereichert. Für den Download stehen derzeit die Formate ePub, PDF, RTF oder TEI zur Verfügung, die Liste soll künftig noch erweitert werden, hoffentlich auch um einen HTML-Export.

Für unsere Zwecke speichern wir das Projekt erst einmal als ePub ab, denn solange es keinen reinen HTML-Export gibt, eignet sich ePUB noch am besten für die weitere Bearbeitung in Word.

Das folgende Screenshot-Tutorial zeigt Anthologize im Einsatz sowie die Weiterverarbeitung der Anthologize-ePUB-Datei in Word, die dann unten noch detaillierter beschrieben wird.

[sexy-gallery exclude=“136,135,134,167″]

Das ePub in Word 2007 öffnen

Web-Inhalte in Word zu bearbeiten ist nach wie vor ein Kreuz: Zwar hat Microsoft mit Version 2007 seine Formate für den erleichterten Datenaustausch auf XML umgestellt. Allerdings geht Mircrosoft bei Word mit dem Sonderformat WordML einen Sonderweg. Dadurch beschleicht einen das Gefühl, dass der Import von Inhalten eher schwerer geworden ist, wenn man überhaupt durch die XML-Funktionen von Word durchsteigt. Ein einfacher RSS-Feed lässt sich zumindest nicht so ohne weiteres importieren und dann formatieren, da es dazu erst eine Transformation von XML nach Word-ML mittels der Transformationssprache XSLT braucht. Wer schon mal verssucht hat, ein einfaches „Hello Word“ von XML zu WordML zu transformieren, mag sich die Transformation z.B. von Tabellen oder anderen komplexen Formaten lieber nicht vorstellen. Daher raten selbst XML/WordML-Profis hinter vorgehaltener Hand eher zu anderen Lösungen.

Die andere Lösung heißt schlicht HTML, denn seit jeher kann Word normale HTML-Dokumente ausgezeichnet interpretieren. Meist werden die Inhalte inklusive Layout fast 1:1 vom Web nach Word übertragen.

Genau zu diesem Zweck wollen wir nun die heruntergeladene ePUB-Datei missbrauchen, denn ePUB ist nichts anderes als ein Container-Format wie .zip oder .rar, in dem sich HTML-Dateien, Medien-Elemente sowie einige ePUP-spezifische Angaben verstecken.

Und so lassen sich über Umwege ePUBs in Word öffnen:

  • Entpacke zunächst die ePUB-Datei mit einem Programm wie Winzip oder Winrar.
  • Anschließend findest du in dem Ordner „OEBPS“ die Datei „main-content.html“. Diese Datei öffnen wir jetzt mit einem normalen Text-Editor.
  • Am Beginn der Datei steht die Dokumentendeklaration. Bei ePUBs wird das Dokument als XML angegeben. Das veranlasst Word dazu, das Dokument in der XML-Ansicht zu öffnen, mit der wir wiederum wenig anfangen können. Daher ändern wir einfach die Dokumentendeklaration. Kopiere dazu die Deklaration deines Blogs in das Dokument (die ersten Zeilen vor dem head-tag). Dadurch wird die Datei als (x)html deklariert.
  • Wenn man das Dokument jetzt in Word öffnet, wird es durch den HTML-Prozessor von Word gejagt, was einen recht ordentlichen Output inkl. Bildern und anderen Medien-Elemente erzeugt.

Wenn die Umlaute und Sonderzeichen im Worddokument falsch dargestellt werden, liegt auch das an den Meta-Angaben in dem html-Dokument. Am besten kopiert man auch dafür die Angaben zur Schriftkodierung aus dem Blog in das html-Dokument. Beispiel:

<!DOCTYPE html PUBLIC „-//W3C//DTD XHTML 1.0 Transitional//EN“ „http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-transitional.dtd“>
<html lang=“de-DE“ dir=“ltr“ xmlns=“http://www.w3.org/1999/xhtml“ xmlns:dc=“http://purl.org/dc/elements/1.1/“>
<head>
<meta content=“text/html; charset=UTF-8″ http-equiv=“Content-Type“>
<title>html und css für kreative</title>
<style type=“text/css“>
hier stehen css-Angaben. Die kann man auch editieren.
</style>

</head>

Den Textelementen Formate zuweisen

Der Import funktioniert in aller Regel fehlerlos. Für ein richtiges Buchlayout sollte man erst einmal die verschiedenen Textsorten (Überschriften, Absätze, Listen etc.) den Standardformaten von Word zuweisen. Hat man das einmal gemacht und erkennt Word alle Textselemente im Dokument, kann man anschließend eine Formatvorlage nutzen, um das Dokument den Anforderungen entsprechend zu layouten. In der Regel stellen Verlage eigene Formatvorlagen zur Verfügung, die ihrem Verlagsstandard entsprechen. Man kann die Formate jedoch auch selbst sehr schnell zuweisen, seitdem Word die Funktion „ähnliche Formate markieren“ anbietet: Einfach einen Text markieren, „ähnliche Formate markieren“ und dann ein neues Format zuweisen.

Die Zuweisung zu den Word-Standard-Formaten lässt sich auch per Makro automatisieren, dadurch können viele Umformatierungen per selbst erstelltem Button erledigt werden. Die Erstellung von Makros in Word funktioniert wie folgt:

  • Aktiviere zunächst die Entwicklerregistrierkarte: Click auf „Wordkuchen“ oben links -> dann unter „Word-Optionen“ das Häkchen entsprechend setzen.
  • Jetzt erzeugen wir erst einmal ein leeres Makro. Dazu einfach auf die Entwicklertools gehen und auf „Makro aufnehmen“ klicken.
  • Im sich öffnenden Dialog kann man dem Makro einen Namen geben (in diesem Fall am besten „Umlaute“) und eine Schaltfläche zuweisen.
  • Dann das Makro aufnehmen und direkt wieder auf beenden klicken.
  • Neben dem „Makro aufnehmen“-Button befindet sich ein großer „Makro“-Button, der alle verfügbaren Makros auflistet. Den Button klicken wir, wählen das gerade erstellte Makro „Umlaute“ aus und gehen auf „bearbeiten“.
  • Anschließend öffnet sich der Makro-Editor. Im rechten Fenster findet man den Code des Makros, der bislang noch kaum etwas enthält.
  • Jetzt kopieren wir einfach den Makro-Code vom Ende dieses Beitrags in das Fenster und schließen es wieder. Gewähr für das Makro können wir natürlich nicht übernehmen, viel passieren kann dabei aber auch nicht.
  • Ihr könnt das Makro auch selbst erstellen, indem ihr während der Aufnahme einfach die verschiedenen Suche/Ersetze-Läufe durchgeht. Allerdings produziert Word bei der Aufnahme eine Menge Zusatzcode (jeder Tastendruck, jede Cursor-Bewegung wird aufgenommen), die das Makro meist unbrauchbar machen. Ihr könnt das Makro dann aber selbst im Editor bereinigen.
  • Anschließend einen Testlauf durchführen: Jetzt könnt ihr einfach den neuen Button oben in der Quickleiste bedienen, und das gesamte Dokument wird korrigiert.

Klar, das war jetzt recht viel Holz. Aber rekapituliert einmal, wie viel Arbeit ihr beim nächsten Buch-Export noch investieren müsst? Im Zweifelsfall ist das Buch mit zwei bis drei Clicks auf die entsprechenden Makro-Buttons fertig und zur Endkontrolle bereit. Damit steht die schöne alte Publishing-Welt jetzt auch den WordPress-Bloggern offen …

 

 


Dir hat der Artikel "Vom Blog zum Buch mit Anthologize & Co." gefallen? Dann kannst Du ihn hier auf Twitter oder Facebook weiterempfehlen:


Der Beitrag wurde am Dienstag, den 28. September 2010 veröffentlicht. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

 

14 Reaktionen zu “Vom Blog zum Buch mit Anthologize & Co.”


Nicole Haase
schrieb am 18. November 2010 um 11:12 Uhr:

Noch ein Grund für Blogger den Schritt zur Printversion zu machen:
Das Aussergewöhnliche – in kleiner Runde stellte ich kürzlich fest, dass für Leute, die sich geraume Zeit fast ausschließlich mit digitaler Lektüre beschäftigen, der Gedanke etwas zum Anfassen zu produzieren, dass sie jemandem direkt in die Hand drücken können, etwas Faszinierendes hat.

Link auf diesen Kommentar



Sebastian
schrieb am 21. November 2010 um 20:55 Uhr:

Hi Nicole,

guter Punkt! Ich verstehe die Webszene in iher Ablehnung von Print- und / oder eBook-Formaten nicht, aus meiner Sicht ist Anthologizes eine super Möglichkeit, auch im ganz kleinen Rahmen sowas wie crosspublishing zu verwirklichen. Folgt halt der Logik der Zweitverwertung und letztlich sollte ja immer dem Leser die Entscheidung obliegen, wie er die Inhalte konsumieren mag…

PS: Hab gerade gesehen, dass Anthologize das Plugin geupdated hat, direkt mal schauen 🙂

Link auf diesen Kommentar



Karin
schrieb am 25. März 2011 um 10:37 Uhr:

Hört sich sehr interessant an. Du verwendest ja Word für die Weiterverarbeitung. Wie sieht es da mit Open Office oder InDesign aus? Bisher nutze ich natürlich InDesign für Printmedien.

Link auf diesen Kommentar



Sebastian
schrieb am 25. März 2011 um 19:03 Uhr:

Hi Karin,

ich muss gestehen, dass ich das nicht weiß, man müsste auch nochmal schauen, welche Download-Formate Anthologize inzwischen anbietet, denn da hat sich soweit ich weiß etwas getan. InDesign kenne ich mich nicht mit aus, aber das ist dann natürlich Satz-Profi-Liga. Ich könnte mir fasst vorstellen, dass man da ePub direkt importieren kann?

Sorry, mehr weiß ich dazu auf die Schnelle nicht, aber ein Test des Plugins lohnt sich auf jeden Fall…

Link auf diesen Kommentar



Pierre
schrieb am 5. Juni 2011 um 19:33 Uhr:

Die Möglichkeit aus dem eigenen Blog ein Buch zu erstellen finde ich genial. Das eröffnet einem als Blogger ganz neue Horizonte.

Link auf diesen Kommentar



Martina Drescher
schrieb am 5. Juli 2011 um 21:32 Uhr:

Ich bin mal gespannt ob es dadurch wirklich einen spürbaren einfluß aus der Blogosphere in die klassischen Printmedien geben wird.

Finde Anthologize aufjedenfall super Interessant und bin ganz gespannt wann die ersten deutschsprachigen Blogger ihre Blogs auf Papier bringen.

Link auf diesen Kommentar



Sebastian
schrieb am 8. Juli 2011 um 19:29 Uhr:

Hallo,
das klingt ja toll. Gibt es ein vergleichbares Tool auch für Joomla?
Viele Grüße,
Sebastian

Link auf diesen Kommentar



helen
schrieb am 27. August 2011 um 17:21 Uhr:

Wow. Ich finds super, dass dies endlich mal nicht als Rückschritt gewertet wird. Vom Blog zum Buch gefällt, denn nichts ist schlimmer als ständig nur digitalisierte Medien.
LIKE!!

Link auf diesen Kommentar



Klaus
schrieb am 27. August 2011 um 20:12 Uhr:

Das find ich ja Klasse. Mein Blog als Buch. Kann man dann ja auch an seine liebsten Leser verschenken :-). Werd mir das WP-Plugin gleich mal ansehen.

Link auf diesen Kommentar



Tobias - jobsucht.de
schrieb am 10. Januar 2012 um 13:31 Uhr:

na nicht schlecht da kann man die Arbeit die man in den Blog gesteckt hat gleich für seine Publikation nehmen das Teste ich mal 🙂

Link auf diesen Kommentar



 


«