Blogs: Viele, viele kleine Facebooks

Wenn Six-Apart-Chef Chris Alden in Blogs künftig kleine Social Networks sieht, dann ist zum Teil der Wunsch der Vater des Gedankens. Schließlich erhofft sich Six Apart steigende Einnahmen, wenn Blogs weiter an Bedeutung gewinnen und bei immer mehr Gelegenheiten zum Einsatz kommen. Aber schaut man sich Blogs heute an, stellt man fest: Sie sind bereits kleine Netzwerke. Man muss allerdings sehr genau hinsehen.

Behauptungen und Zahlen

“Social Networks und Blogs gleichen sich an”, erklärte Chris Alden kürzlich gegenüber Wired. Blogs würden sich in Nischen zu sozialen Netzwerken entwickeln und dabei genau so mit großen Netzwerken wie Facebook konkurrieren, wie sie vor einigen Jahren angefangen haben, mit großen Medienangeboten zu konkurrieren.

Ist das die Wunschphantasie eines Firmenchefs auf der Suche nach dem nächsten großen Ding? Möchte er seinen Mitarbeitern und Finanziers eine blühende Zukunft suggerieren? Oder ist an der Sache mehr dran?

Da man fast immer passende Zahlen für eine These findet, hier auch eine: Laut des Marktforschungsunternehmens comScore hatten in den USA im August 2008 alle Blogs zusammengenommen rund 77 Millionen verschiedene Besucher (“unique visitors”). MySpace hatte 75,1 Millionen und Facebook 41 Millionen (Quelle: eMarketer, via brainwash).

Diese Zahl ist beeindruckend und unterstützt vor allem die Behauptung, dass Blogs zwar einzeln betrachtet nur wenige Leser erreichen, in ihrer Gesamtheit aber einen großen Einfluss haben. Selbst wenn wir das einmal als gegeben hinnehmen: Sind Blogs deshalb gleich Social Networks?

Chris Alden ist jedenfalls nicht allein mit dieser Idee. Siehe: BuddyPress. WordPress-Chef Matt Mullenweg holte den BuddyPress-Macher Andy Peatling in seine Firma Automattic. Der arbeitet nun unter dem WordPress-Dach an dieser Plugin-Sammlung. Sie erweitert eine Installation des Multiblogsystems WordPress MU um Funktionen eines Social Networks. Ende des Jahres soll die Version 1.0 erscheinen. Mehr über die Funktionen von BuddyPress in diesem Artikel. Sicher werden wir WordPress.com dann als Social Network erleben können. Aber jede andere Installation von WordPress MU lässt sich ebenso erweitern.

Spinnerei? Überflüssiger Kram?

Wie viel Network steckt in heutigen Blogs?

Schaut man sich Blogs heute genau an, stellt man sehr bald fest: Sie sind bereits soziale Netzwerke, nur sie machen wenig daraus. Jedes Blog hat beispielsweise einen festen Kreis von Lesern. Viele davon haben den RSS-Feed abonniert und sind daher immer auf dem Laufenden über neue Artikel. Hat man eine gewisse Grenze bei den Leserzahlen überschritten und sind die Themen interessant und streitbar genug, kommen auch die ersten Kommentare. Bald stellt man fest, dass es Stamm-Kommentatoren gibt, die immer wieder dabei sind. Noch später kann es sein, dass man Fans gewonnen hat, die das eigene Blog sogar gegen Angriffe verteidigen oder Kommentar-Trolle bekämpfen.

Um einen Blogger wie Robert Basic scharen sich die Leser geradezu. Man erkennt es hier nicht nur an den immer wiederkehrenden Kommentatoren, sondern auch an den Verweisen auf sein Blog und vor allem an den “Blogroll” genannten Linklisten auf anderen Blogs. Denn mit einem solchen Link zeigt man nach außen: Das finde ich gut, das lese ich.

Blogs wie Basic Thinking, Nerdcore oder Netzwertig haben bereits ein soziales Netzwerk um sich. Allerdings ist es auf der Website selbst kaum zu sehen. Es hat damit keine Chance, sich nach außen hin darzustellen und aktiv zu werden. Schade eigentlich.

Hier setzt nun beispielsweise BuddyPress an. Über diese Plugin-Sammlung kann man den Lesern und Autoren eine eigene Profilseite geben. In einem nächsten Schritt kann man zulassen, dass sie Gruppen anlegen und in eigenen Foren diskutieren. Wer noch weitergehen will, kann sie auch eigene Blogs starten lassen.

Für viele Blogs wäre das eine spannende Erweiterung. Nutzer könnten sich gegenseitig helfen, man könnte sich kennenlernen und natürlich auch selbst darstellen. Was bislang weitgehend indirekt über die Kommentare, die Verweise und die Links in den Blogrolls sichtbar wird, würde sofort augenfällig. Und nicht zuletzt würde das Blog damit zur Keimzelle einer Website, die über sich selbst hinauswachsen kann.

Wozu sollen diese Mini-Facebooks gut sein?

Jetzt könnte man einwenden: Mit solchen Mini-Networks werde ich aber nie MySpace oder Facebook Konkurrenz machen können. Einzeln betrachtet nicht. In der Gesamheit schon – siehe die oben genannte Zahl. Der eigentliche Punkt liegt aber nicht in Millionen von Besuchern. Networks mit einem Nischenthema haben gegenüber den großen Brüdern ihren ganz eigenen Reiz. Seth Godin’s Ausspruch “Small is the new big” gilt nach meiner Meinung auch hier.

Es gibt genügend Themen für solche Netzwerke. Wir als Internetfreaks erkennen das vielleicht nicht mehr, aber weite Teile der Bevölkerung setzen das Web noch gar nicht so intensiv ein, wie wir es schon tun. Viele Interessensgruppen haben diese Möglichkeiten noch gar nicht entdeckt.

So manches Blog könnte dabei zur Keimzelle eines Netzwerks werden und auf diese Weise Menschen zusammenbringen, sie unterstützen und ihnen helfen.

In den Kommentaren zum BuddyPress-Artikel hat es Simon schön auf den Punkt gebracht:

Ich mag die großen Communities nicht besonders, aus verschiedenen Gründen. Deshalb finde ich die Idee von BuddyPress gut, damit könnten vielleicht auch Leute mit begrenzten technischen Kenntnissen ein kleines Netzwerk zu einem ganz bestimmten Thema anlegen. Solche “Expertennetzwerke” von Leuten, die sich mit demselben Thema beschäftigen und darüber austauschen, können viel spannender und fruchtbarer sein als die “wir sind alle hier”-Communities.

Genau so sehe ich das auch.

Schlussbemerkung

Damit das nicht falsch ankommt: Das gilt nicht für alle Blogs. Man kann wunderbar bloggen, ohne sich Gedanken um diese Dinge zu machen. Ich möchte sogar behaupten, dass es für die Mehrheit der Blogs gar keine Rolle spielt und auch nicht spielen wird.

Aber es könnte nach meiner Auffassung Blogs geben, die genau diese Richtung beschreiten werden.

Einiges davon möchte ich übrigens auch mit UPLOAD selbst ausprobieren. Realistisch gesehen haben wir dann aber schon längst 2009.

Vielleicht haben bis dahin schon andere anhand ihrer Seiten gezeigt, was ich meine. Ich bin gespannt.

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12 Gedanken zu „Blogs: Viele, viele kleine Facebooks

  1. Das schaue ich mir auf jeden Fall an und bin auch an weiteren Infos interessiert. Auf den ersten Blick würde ich sagen, dass ich lieber eine Lösung haben möchte, die direkt in meine Seite integriert ist und mit den dort vorhandenen Infos zusammenarbeitet – also dass ein Autor sich auf einer eigenen Seite darstellen kann etc.

  2. Die Idee ist, glaube ich, eine andere. Nicht das Blog an sich ist ein Social Network, sondern ein Teil eines Social Networks. SN bestehen aus Profilen, Kontakten und Inhalten. Das Blog selbst ist das Profil, die Kontakte kann man mit der Blogroll gleichsetzen und die Inhalte erklären sich ja von selbst.

    Vom DiSo-Project gibt es bereits einige WordPress PlugIns dafür: http://diso-project.org/

    Bei NoseRub verfolge ich den gleichen Ansatz: jede URL kann dabei ein Profil sein und somit als Kontakt hinzugefügt werden. *Das* sind wirkliche, verteilte soziale Netzwerke!

    Und somit werden Blogs in ihrer Gesamtheit zu einem riesigen, aber offenen, Social Network.

  3. Ein SN besteht imo immer noch aus den Menschen, wer will denn eine URL als Kontakt ;) ?

    Inhalte dezentralisieren immer mehr, z.b. werden Blogcomments immer weniger. Die Leser einer Website sind eine Community of Interest, die man noch viel besser unterstützen könnte.

  4. Hallo Dirk, vielen Dank für die spannende Ergänzung. Du hast Recht: Natürlich ist jedes Blog zugleich auch Teil eines übergeordneten sozialen Netzwerks. Es gibt aber Bereiche darin, die besonders eng miteinander verknüpft sind. Und jeder Mensch hat nur einen bestimmten Abschnitt dieses gesamten Netzes im Blick – was er dann wiederum als sein eigenes soziales Netzwerk empfindet.

    Deshalb stimmt meiner Meinung nach auch, was Robert Basic in seinem Artikel schreibt: Diese Blognetzwerke sollten nicht in sich abgeschlossen sein, sondern sich mit anderen verknüpfen. Dann nämlich würde nach und nach genau dieses große Netz sichtbar, von dem Du sprichst.

    Spannend jedenfalls, was es da schon gibt und was noch kommen wird. Es wird interessant zu sehen sein, ob die “walled gardens” á la Facebook, StudiVZ usw. wirklich eingerissen werden.

  5. @modbo: die haben nicht nur 10 % einbußen – die haben auch den GF gefeuert und sollten am besten noch gleich die “manager” feuern die die billige facebook kopie für fast 100 mio gekauft haben. wären das banker bei der dt. bank gewesen wäre mein Kto heute leer…

  6. Der Manager von StudiVZ ist freiwillig gegangen, soweit mit bekannt ist. Vermutlich hat er es schon kommen sehen ;)

    Da hat jemand 100 Mille für die Facebook-Software gezahlt ? hätt ich denen auch für 10.000 nachbauen können ;)

  7. Blogs würde ich auch nicht als Social Networks bezeichnen. Man kann das Social Networking mit ihnen aufbauen und unterstützen, sie selbst sind jedoch keine.

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