Interview mit Dokufilmer Roman Lehmann: „Ich sehe Smartphones als Chance“

Für die tpc switzerland ag hat der Videoproduzent und Fotograf Roman Lehmann eine Dokumentation allein mit einem iPhone 6 Plus aufgenommen – sowie diversem Zubehör. Im E-Mail-Interview mit uns erklärt er, wie es zur Idee kam, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und verrät am Ende auch einige Tipps und Kniffe für Handyfilmer.

Roman Lehmann während der Dreharbeiten auf der offenen Rennbahn in Zürich.
Roman Lehmann während der Dreharbeiten auf der offenen Rennbahn in Zürich.

1. Wie kam es zu der Idee, diese Dokumentation per iPhone aufzunehmen? Welche Gründe gab es dafür?

Das tpc ist immer daran bestrebt, neue Produktionsweisen zu testen, die entweder einen Mehrwert bezüglich Qualität oder eine Zeit- und Kostenersparnis mit sich bringen. Wir haben uns die Frage gestellt: Kann man einen Dokumentarfilm drehen, ohne dass der Zuschauer merkt, dass ein Smartphone verwendet wurde? iPhone-Produktionen sind in unserem TV-Haus zwar nichts neues, doch Dokus wurden damit noch nicht gedreht.

2. Sie hatten sicherlich gewisse Erwartungen daran, wie das Filmen mit dem iPhone sein würde. Was davon hat sich bewahrheitet und wo wurden Sie überrascht?

Ich habe mich besonders auf leichtes Gepäck gefreut. Mein Ziel war es, die Drehorte mit dem Fahrrad zu erreichen. Bis auf einmal konnte ich auf das Auto verzichten.

Ich habe mich besonders auf leichtes Gepäck gefreut

Spannend war, dass Leute anders reagieren, als wenn man mit einer großen Kamera unterwegs ist. Sie waren weniger verkrampft, als ihnen bewusst wurde, dass sie gefilmt wurden. Auf der anderen Seite mussten einige darüber lachen, dass man ein Smartphone auf einem normalen Videostativ platziert. Es sehe doch sehr ungewohnt aus, meinten sie.

Mir war klar, dass ich eine andere Bildsprache wählen musste. Auf Zoomen habe ich aus Qualitätsgründen verzichtet, manchmal habe ich eine Olloclip-Linse verwendet. Die Kamerabedienung benötigte etwas Training. Das Handling mit den Kameraparameter ist schon sehr anders als mit den Kameras, die ich sonst verwende. Das wurde mir während der Drehs immer wieder bewusst, als ich hin und wieder die Farbbalance vergessen habe zu fixieren.

Von der Bildschärfe war ich positiv überrascht. Das Display hat mich von der Auflösung und Helligkeit überzeugt.

Negativ aufgefallen in Movie Pro sind mir fehlendes Histogramm und die Unfähigkeit, den Fokus mittels Meterangaben manuell zu verstellen. Zudem hatte ich einige Bild-Freezes, die mir während der Aufnahme nicht angezeigt wurden. Dabei ist das Bild irreparabel stehengeblieben. Schließlich hatte ich einige Bild-Ton Asynchronitäten, die ich in der Post relativ aufwändig korrigieren musste.

Ein Blick auf das Equipment rund ums iPhone 6 Plus.
Ein Blick auf das Equipment rund ums iPhone 6 Plus.

3. Inwiefern beeinflusst das Filmen mit einem Smartphone aus Ihrer heutigen Sicht positiv oder negativ das Ergebnis? Wo sehen Sie als Profi für sich die Stärken und Schwächen? Oder noch anders gefragt: Wo sehen Sie sich eingeschränkt und wo befreit?

Das Packvolumen, das Gewicht und die ständige Verfügbarkeit sind für mich das Hauptkriterium, die für das iPhone sprechen. Ich finde es hervorragend, gerade in einer Stadt wie Zürich mit dem Fahrrad an einen Drehort zu fahren. Ich bin schneller und flexibler.

Für professionellen Ton ist etwas mehr Aufwand nötig

Für professionellen Ton ist etwas mehr Aufwand nötig als mit einer großen Kamera. Der Lightning-Stecker, den ich für die Verbindung des iRig Pro verwendet habt, sind deutlich weniger stabil als XLR-Verbindungen. Ein Stecker ist mir während der Produktion abgerissen, sodass ich den Dreh erst am nächsten Tag mit einem neuen iRig fortsetzen konnte.

4. Haben Sie für uns Laien einige Tipps parat, wie man mit einem Smartphone gute Aufnahmen machen kann? Wo mussten Sie tricksen?

  • Mit Kamerastabilisation arbeiten. Das Stativ ist der beste Freund.
  • Für den Ton mit iRig Pro oder ähnlichem und hochwertigen Mikrofonen arbeiten.
  • Ein kleines Rig verwenden, damit die zusätzlichen Utensilien wie ein iRig, ein Ton-Empfänger und ein Kopflicht angebracht werden können.
  • Zusätzliches Akkupack dabei haben! Achtung: während dem Ladevorgang kann der Ton nicht abgehört werden.
  • Den Ton immer während der Aufnahme abhören.
  • Die Bilder gelegentlich kontrollieren auf Bild-Freezes.

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5. Und zum Schluss eine generelle Frage: Viele Kreative sehen sich dadurch bedroht, dass heutzutage jeder Inhalte aller Art produzieren und verbreiten kann. Ihre Doku zeigt ja, dass die  Ausrüstung kein (großes) Hindernis mehr sein muss. Sehen Sie die neuen technischen Möglichkeiten eher als Bedrohung oder als Chance – und warum?

Die Spreu trennt sich vom Weizen durchs Geschichtenerzählen und nicht durch die Kamerawahl

Ein Video zu produzieren kann inzwischen jeder. Kameras sind günstig und je länger einfacher zu bedienen. Viel wichtiger ist aber der Inhalt: Kann man mit der Geschichte Zuschauer verblüffen, unterhalten oder spannend informieren? Dies bedingt, dass man sich mit dem Medium Film bzw. Video ausgiebig auseinandersetzt. Insofern trennt sich die Spreu vom Weizen durchs Geschichtenerzählen, und nicht durch die Kamerawahl. Content is king – ein Spruch, der auch heute nichts an Bedeutung verloren hat.

Ich sehe Smartphones deshalb als Chance, die mir das Spektrum der brauchbaren Produktionsmittel vergrößert.

Liste der Ausrüstung

Geräte:

  • 2x iPhone 6 Plus
  • Manfrotto Dreibeinstativ
  • Manfrotto Einbeinstativ
  • Genus-Rig
  • iRig Pro
  • Shoulder-Pod
  • Sennheiser HF-System G3
  • Für wenige Ambisound-Aufnahmen: Boom mit R¢de RTG–1 Richtrohr

Software:

  • MoviePro App (für Video und Audioaufnahme auf dem iPhone)
  • Adobe Premiere Pro
  • Adobe After Effects
  • Adobe Audition
  • iExplorer (zum Offloaden von Files von fremden iPhones)

Die Doku: „Die letzte Ihrer Art“

Tipp: Man kann Untertitel in Hochdeutsch dazuschalten (Klick auf den Button „CC“ im Video).

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Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 26

Gemeinsam mit den Digital Media Women haben wir mit der Nummer 26 eine ganz besondere Ausgabe des UPLOAD Magazins auf die Beine gestellt: Wir schwenken das Rampenlicht auf „digitale Macherinnen“. Dazu haben wir beispielsweise 24 profilierte Frauen der Digitalszene im Kurzinterview. Wir beleuchten die Gründerinnenszene in Hamburg. Und wir geben praktische Tipps und Tricks rund ums Netzwerken.

Jan Tißler ist auch bekannt als jati. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist, die meiste Zeit davon digital. 2006 hat er das UPLOAD Magazin aus der Taufe gehoben. Er ist fasziniert von den Freiheiten des digitalen Publizierens und erklärt gern, wie Unternehmen, Organisationen oder auch Selbstständige mit ihren Botschaften im Netz gehört werden. Immer mit einem Bein fest in der Zukunft. Der gebürtige Hamburger lebt inzwischen in Santa Fe, New Mexico.