Dreamforce: Konferenz und Spektakel

Würde ich Deutschen zeigen wollen, wie anders sich manche US-Unternehmen gegenüber ihren Kunden präsentieren, wäre die jährliche „Dreamforce“-Konferenz von Salesforce.com eine gute Wahl. Es ist eine Konferenz, die zugleich eine Art Festival ist und natürlich eine Show der Selbstdarstellung.

Marc Benioff und Parker Harris während der zentralen Keynote. (Foto: Jakub Mosur Photography)
Marc Benioff und Parker Harris während der zentralen Keynote. (Foto: Jakub Mosur Photography)

160.000 registrierte Besucher konnte Salesforce.com für seine „Dreamforce“-Konferenz in diesem Jahr vermelden.  Das „Moscone“-Konferenzzentrum war damit wenig überraschend komplett ausgelastet. Auch die Umgebung im Herzen von Downtown San Francisco war für vier Tage vereinnahmt. Die Straße zwischen den beiden Gebäuden „Moscone South“ und „Moscone North“ wurde beispielsweise gesperrt, mit künstlichem Rasen ausgelegt, mit Bühnen, Stühlen und Sitzsäcken versehen und damit zu einer Art Freiluft-Socializing-Spielplatz namens „Dreampark“.

2010 und 2013 war ich jeweils von Salesforce.com eingeladen worden und man hatte sowohl Flug als auch Übernachtung übernommen. Anders dieses Jahr: Ich lebe inzwischen in San Francisco und bin einfach mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Konferenz gefahren. Mein Presseticket habe ich selbst beantragt.

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Aber was ist nun so ungewöhnlich an einer Unternehmens-Konferenz? Nun, einiges. Wir reden hier beispielsweise über eine Veranstaltung, bei der Stevie Wonder vor der Haupt-Keynote auftrat. Beim „Dreamfest“ am Abend des dritten Tages spielten wiederum die Foo Fighters open air und Dave Grohl forderte das Publikum mit einem herzhaften „dance, motherfuckers“ zum Tanzen auf. Später lobte er, es sei ein „fucking rock concert“ und das Ganze stünde offenbar kurz vor einem „corporate riot“.

Anmeldung zur Dreamforce. (Foto: Jan Tißler)
Anmeldung zur Dreamforce. (Foto: Jan Tißler)
Hier fahren normalerweise Autos. Während der Dreamforce wird die Straße zum „Dreampark“ mit Kunstrasen. (Foto: Jan Tißler)
Hier fahren normalerweise Autos. Während der Dreamforce wird diese Straße zum „Dreampark“ mit Kunstrasen. (Foto: Jan Tißler)
Eine der Hallen während der „Dreamfest“-Party – später proppenvoll. (Foto: Jan Tißler)
Eine der Hallen während der „Dreamfest“-Party – später proppenvoll. (Foto: Jan Tißler)
„Dance, motherfuckers!“ Foo Fighters live. (Foto: Jan Tißler)
„Dance, motherfuckers!“ Foo Fighters live. (Foto: Jan Tißler)

Salesforce.com ist bei alldem ein Unternehmen, das möglicherweise viele in Deutschland gar nicht so sehr auf dem Zettel haben. Immerhin 5,373 Milliarden US-Dollar Umsatz konnte es zuletzt vermelden. Für 2016 strebt es den Platz 4 der Software-Unternehmen weltweit an – nach Microsoft, Oracle und SAP. Das erscheint machbar, denn während diese drei in Sachen Umsatz weit weg scheinen, sind die anderen Konkurrenten durchaus in greifbarer Nähe.

Das Unternehmen ist zudem eine dieser Geschichten, wie man sie aus San Francisco, dem Silicon Valley und überhaupt der Bay Area erwartet: Sie wurde 1999 als „Wohnzimmer-Firma“ gestartet. Damals waren Begriffe wie „Cloud Computing“ oder „Software as a Service“ noch revolutionär und disruptiv. Das Team um CEO Marc Benioff, ehemals Oracle, hat es über die Jahre verstanden, das Geschäft Schritt für Schritt auszubauen. Das Kerngeschäft ist dabei weiterhin Customer Relationship Management (CRM). Dazu gibt es etliche weitere Dienste, Plattformen und Angebote. Marc Benioff scheint zudem Amazon-CEO Jeff Bezos in mindestens einer Hinsicht als Vorbild zu sehen: Gewinne vermeidet das Unternehmen offenbar ganz bewusst. Das Wirtschaftsmagazin Fortune berichtete im vergangenen Mai entsprechend überrascht, Salesforce.com habe Plus gemacht. So läuft das hier: Wachstum ist wichtiger als Gewinne.

Stevie Wonder als Stimmungsmacher vor der Keynote. (Foto: Jan Tißler)
Stevie Wonder als Stimmungsmacher vor der Keynote. (Foto: Jan Tißler)
Marc Benioff, CEO von Salesforce.com, mit der typischen „Prediger-Geste“. (Foto: Jan Tißler)
Marc Benioff, CEO von Salesforce.com, mit der typischen „Prediger-Geste“. (Foto: Jan Tißler)
Modell des „Salesforce Tower“, für den die Bauarbeiten bereits begonnen haben. Er wird die berühmte „Transamerica Pyramid“ um 61 Meter überragen und dann das höchste Gebäude in San Francisco sein. Fertigstellung geplant für 2018. (Foto: Jan Tißler)
Modell des „Salesforce Tower“, für den die Bauarbeiten bereits begonnen haben. Er wird die berühmte „Transamerica Pyramid“ um 61 Meter überragen und dann das höchste Gebäude in San Francisco sein. Fertigstellung geplant für 2018. (Foto: Jan Tißler)

Dabei dient die Dreamforce-Konferenz nicht nur dazu, Kunden im Umgang mit dem eigenen Angebot zu schulen. Sie ist zugleich eine Show, um zu zeigen, wie groß, modern und ambitioniert man ist. Denn natürlich trommelte Salesforce.com ordentlich für sich selbst. Eine verbesserte Benutzeroberfläche, die „Internet of Things Cloud“ sowie Big Data auch für kleine Unternehmen mit SalesforceIQ waren einige der Dinge, die hier besonders hervorgehoben wurden. Dargeboten wurde das Ganze während der Haupt-Keynote von den Salesforce.com-Mitgründern Marc Benioff und Parker Harris. Klingt normal, war es aber nicht. Marc Benioff stellte sich für einen langen Teil der Show komplett dumm und war beispielsweise über die Maßen erstaunt, was man alles mit der Cloud machen kann „ohne Software zu installieren“. Parker Harris wiederum trat im babyblauen „Lightning Man“-Kostüm auf – und hatte einen leuchtenden Plastikblitz und einen leuchtenden Plastikhammer als Requisiten dabei. Das dynamische Duo kratzte dabei haarscharf am Abgrund des Albernen entlang.

Letztlich darf man nicht vergessen: Information und Unterhaltung sind in der amerikanischen Kultur nicht etwa wie oftmals in Deutschland zwei gegensätzliche Dinge – hier gehören sie vielmehr zusammen. Grundsätzlich gilt außerdem: Wenn man sein Produkt nicht für das Großartigste aller Zeiten hält, braucht man gar nicht erst die Bühne zu betreten. Das muss alles total „awesome“ und „amazing“ sein, ansonsten hat man ganz offensichtlich versagt. Natürlich sind alle Beteiligten ganz außerordentlich aufgekratzt und begeistert.

Microsoft-CEO Satya Nadella (Foto: Jakub Mosur Photography)
Microsoft-CEO Satya Nadella (Foto: Jakub Mosur Photography)

Alles in allem jedenfalls war die Dreamforce ein perfekt organisiertes Event. Ob es nun darum ging, seinen „Badge“ abzuholen, einen bestimmten Konferenzraum zu finden, sein kostenloses Mittagessen abzuholen oder im Presseraum zu arbeiten: Alles klappte reibungslos. Selbst ein funktionierendes Presse-WLAN gab es – leider keine Selbstverständlichkeit.

In etlichen Sessions konnte man sich auf der Konferenz über jedes Produkt und seine Features informieren. Und wer seinen Horizont erweitern wollte, erfuhr etwas über künstliche Intelligenz oder lauschte wie ich einer äußerst spannenden Diskussionsrunde, an der u.a. Science-Fiction-Autor David Brin beteiligt war. Nicht zuletzt konnte ich einmal Microsoft-CEO Satya Nadella live erleben – auch wenn sein Part erwartungsgemäß zu einer Microsoft-Werbeveranstaltung wurde. Microsoft und Salesforce.com sind eben Partner. Wer da kritische Fragen zu Microsofts Mobile-Strategie erwartet, ist sicherlich in der falschen Veranstaltung.

Fazit

UPLOAD Magazin, Außenstelle San Francisco. (Foto: Jan Tißler)
UPLOAD Magazin, Außenstelle San Francisco. (Foto: Jan Tißler)

Kurzum: Für mich persönlich war es eine spannende Veranstaltung. Natürlich erreicht Salesforce.com damit zugleich, dass Journalisten wie ich das Unternehmen im Hinterkopf behalten und als Anbieter ernst nehmen. Den zahlenden Kunden wiederum wollte man demonstrieren, wie groß und großartig man ist. Ich denke, dass das gelungen ist.

Und wenn es um die Verknüpfung von Unterhaltung und Information angeht, können sich die Deutschen sowieso weiterhin noch die eine oder andere Scheibe von den Amerikanern abschneiden.

Nur das mit dem babyblauen Superhelden-Kostüm bitte nicht nachmachen.

Bitte.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 27

„Mobile Social“ ist das Titelthema dieser Ausgabe. Gemeint ist damit einer der großen Trends dieses Jahres: Die steigende Nutzung von Mobilgeräten macht die sowieso bereits mächtigen Social Networks noch wichtiger. Und dabei ist die nächste spannende Plattform schon am Horizont zu sehen: Messenger.

Jan Tißler ist auch bekannt als jati. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist, die meiste Zeit davon digital. 2006 hat er das UPLOAD Magazin aus der Taufe gehoben. Er ist fasziniert von den Freiheiten des digitalen Publizierens und erklärt gern, wie Unternehmen, Organisationen oder auch Selbstständige mit ihren Botschaften im Netz gehört werden. Immer mit einem Bein fest in der Zukunft. Der gebürtige Hamburger lebt inzwischen in Santa Fe, New Mexico.