Deutschland hat die passivsten Internetnutzer

…jedenfalls nach Zahlen von Forrester. 53 Prozent der Deutschen sind demnach “inaktiv”. In Frankreich und Großbritannien sind es 42 Prozent, in den USA 25 Prozent und in Südkorea gar nur sieben Prozent. Zugleich hat Deutschland besonders wenige “Creator” – also solche Internetnutzer, die bloggen oder ihre eigenen Videos und ihre eigene Musik hochladen. Nur elf Prozent können in Deutschland dieser Gruppe zugeordnet werden.

Symbolbild Charts

“Social Technographics™” nennt Forrester sein Klassifizierungssystem für Internetnutzer. Unterschieden werden dabei:

  • Creators: Sie betreiben ein Blog oder eine andere Website, sie laden selbstgemachte Musik und Videos ins Netz, sie schreiben Artikel und andere Beiträge und veröffentlichen sie.
  • Critics: Sie kommentieren andere Artikel, verbessern Einträge in Wikis, sind in Foren aktiv, bewerten Produkte und Dienstleistungen.
  • Collectors: Sie nutzen RSS-Feeds, sie taggen Websites und Fotos.
  • Joiners: Sie sind Mitglieder in Social Networks und pflegen dort ein Profil.
  • Spectators: Sie lesen Blogs, hören Podcasts, schauen Online-Videos, lesen in Foren und auf Bewertungsportalen.
  • Inactives: Sie gehören keiner der genannten Gruppen an.

Wie man sieht, überschneiden sich diese Gruppen bis auf die letzte. Dargestellt werden sie in Form einer Leiter. Ganz oben sind die Creators zu finden (oder wie ich sagen würde: die UPLOADER…) und unten die Inactives. Einige Erläuterungen gibt es dazu in dieser kurzen Präsentation. Das alles geht auf das Buch “Groundswell” der Forrester-Analysten Charlene Li und Josh Bernoff zurück.

In diesem praktischen “Profile-Tool” kann man nun die neuesten Daten für 2008 einsehen. Wie in diesem Blogpost nachzulesen ist, haben sich die Zahlen in den USA seit 2007 deutlich gesteigert. Die Zahl der Inactives ist von 44 auf 25 Prozent gefallen, in allen anderen Gruppen sind die Werte hingegen gestiegen.

Offiziell gibt es keine Vergleichszahlen aus 2007 für Deutschland, aber im Blog von Hugo E. Martin bin ich fündig geworden. Demnach haben die passiven Nutzer sogar noch zugelegt: von 49 auf 53 Prozent. In allen aktiven Nutzergruppen haben die Zahlen teils deutlich abgenommen. Nur bei den Creators gibt es ein leichtes Plus von acht auf elf Prozent.

Mit dem “Profile-Tool” kann man nun außerdem Daten für die untersuchten Länder und unterschieden nach Alter und Geschlecht abrufen. Vergleicht man Deutschland mit anderen Ländern, wird sehr bald deutlich: Nirgends sind die Internetnutzer so inaktiv wie hier. Schaut man sich die verschiedenen Altersgruppen in Deutschland an, findet man, was man erwarten würde: Je jünger, desto aktiver die Nutzer. Im Alter von 18 bis 24 gibt es 22 Prozent Creators und nur 29 Prozent Inactives. Bei den 35- bis 44-Jährigen hat sich das schon auf 9/57 Prozent verschoben. In der Generation über 55 Jahren sind es dann 5/70 Prozent. Ganz klar: Die junge Generation wächst mit den Möglichkeiten des Internets auf und nutzt sie. Die ältere Generation ist passiven Medienkonsum gewohnt und geht dem vielfach auch im Internet nach.

Die Verhältnisse in Süd Korea sind dagegen in vielerlei Hinsicht sehr verschieden. Daten für die unterschiedlichen Altersgruppen gibt es hier leider nicht. Aber die Internetnutzer sind um ein vielfaches aktiver als die in Deutschland, Europa insgesamt oder den USA. Auch interessant: Hier sind die Frauen noch ein Stückchen aktiver als die Männer. In unseren Breiten ist es umgekehrt.

Fazit

Inwiefern man solchen Untersuchungen Glauben schenkt, sei einmal dahingestellt. Trotzdem üben Zahlen bekanntlich eine besondere Faszination aus.

So auch hier: In den USA werden die Internetnutzer demnach im Jahresvergleich deutlich aktiver, anderswo sind sie es bereits, in Deutschland aber regieren die Inaktiven. Nicht einmal die Arbeit der aktiven Nutzer interessiert sie. Nur die junge Generation gibt Hoffnung.

Nun gut, sehen wir es eben so: Blogger und andere UPLOADER sind hierzulande noch die Avantgarde, anderswo ist es schon Alltag.

Gefunden bei: About: Webciety

P.S.: Kann jemand von Euch Koreanisch? :-)

Jan Tißler ist auch bekannt als jati. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist, die meiste Zeit davon digital. 2006 hat er das UPLOAD Magazin aus der Taufe gehoben. Er ist fasziniert von den Freiheiten des digitalen Publizierens und erklärt gern, wie Unternehmen, Organisationen oder auch Selbstständige mit ihren Botschaften im Netz gehört werden. Immer mit einem Bein fest in der Zukunft. Der gebürtige Hamburger lebt inzwischen in Santa Fe, New Mexico.

33 Gedanken zu „Deutschland hat die passivsten Internetnutzer

  1. Vielleicht legen die Deutschen einfach mehr Augenmerk auf traditionelle Werte? Nicht jeder sieht Sinn darin, sich im Internet zu verwirklichen.

  2. Für das Wachstum in den Staaten gibt es eine einfache Antwort (nicht, daß ich da selbst draufgekommen wäre, das sagen die Amerikaner irgendwo): Die Wahl und da vor allem das Engagement Barack Obamas, der sogar vor kurzem Advertising Age’s ‘Marketer of the Year 2008’ wurde!

  3. Tja, es wird ja immer wieder von der 90-9-1-Regel gesprochen. 90 lesen, neun kommentieren, einer schreibt. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus. Die Zahlen sind deutlich schlechter. Es kommt allerdings auch immer auf das Thema an, wie unsere unterschiedlichen Projekte immer wieder eindrucksvoll zeigen.

  4. Bei der momentanen urheberrechtlichen Situation und den Abmahnern ist das auch kein Wunder, für 90% der Dinge die heute im Netz verbreitet sind (Videos remixen!) steht man hierzulande mit eindreiviertel Beinen im Knast.

  5. Dass sich vielleicht nicht jeder in der Öffentlichkeit präsentieren mag oder keine Zeit/Lust darauf hat, ist die eine Geschichte. Aber die “Inactives” nach der Forrester-Definition sind ja Nutzer, die Blogs, Podcasts, Foren, Online-Video usw. nicht einmal konsumieren. Das heißt, das Internet wird in diesem Fall maximal für E-Mail, Online-Banking und Fahrkarten genutzt.

    Positiv betrachtet heißt das: Ein Großteil der deutschen Bevölkerung hat das Internet in seiner ganzen Vielfalt noch überhaupt nicht entdeckt.

  6. Meine Erfahrungen sind da etwas andere.
    Auf Blogigo.de bloggen überwiegend Frauen.
    Es sind zwar sehr viele Blogger der jüngeren Altersstufe darunter, aber doch ist etwa die Hälfte der Bloggerinnen und Blogger über 30 Jahre alt.
    Die dort bloggenden kommentieren auch gegenseitig sehr viel. Sind also sowohl Blogger als auch Leser und Kommentierende.
    Die Blogbesucher, die von ausserhalb, etwa über Google etc. kommen, lesen zwar, aber kommentieren in der Regel dort als Gäste sehr selten.
    Ich glaube, viele Menschen in Deutschland wissen noch garnicht was ein Blog ist.
    Ich sehe bei Blogigo ja oftmals, dass jemand von einem Bekannten, der dort einen Blog besitzt, darauf aufmerksam gemacht wurde und dann selbst auch begeistert zu bloggen anfängt.

    Nachteilig für Blogger ist die grosse Rechtsunsicherheit hier in Deutschland und die Gängelung durch Abmahner, Urheberrechtsbestimmungen etc.
    Aus diesem Grunde haben etliche ihre Blogs bei Blogigo schon zugemacht oder gelöscht, um sich keinem finanziellen Desaster auszusetzen.
    Im Moment verunsichert ja die Bestimmung, dass alle selbst kreirten Beiträge an die Nationalbibliothek geschickt werden müssen, auch wieder die Bloggerszene. Selbst wenn die NB garnicht weiss, wie sie diese Verordnung durchführen sollte.
    Liebe Grüsse
    sternenschein

  7. Einen guten Aspekt in der Diskussion hat westernworld im Kommentar bei http://webciety.kongressmedia.de/2008/10/26/trendthema-mitmach-gesellschaft/ aufgebracht:
    Die Anzahl an Blogs bzw. die Aktivität von Creators ist vor allem in den Ländern hoch, die keine oder nur eine unzureichende Medienlandschaft haben. In Deutschland gibt es (vor allem im internationalen Vergleich) im großen und ganzen noch eine gute funktionierende Medienlandschaft.
    Anders sieht es im Sub-Lokalen Bereich aus. Kleinstädte unter 30.000 Einwohner haben meist eine sehr schlecht Versorgung mit Medien, die sich mit ihrem Ort beschäftigen. Das hat auch einen guten Grund, da es einfach sehr teuer ist jeden Ort dieser Größe redaktionell zu bearbeiten.
    Mit http://www.myheimat.de haben wir schon vielen Orten in Deutschland geholfen, eine deutlich reichhaltigere Medienlandschaft für ihren Ort zu etablieren. Denn die Bürger können dort selbst Beiträge über das Geschehen in Ihrem Ort beisteuern und die Beiträge erscheinen dann sowohl online als auch in einer gedruckten Form nur mit Inhalten aus und für den Ort.

  8. Natürlich kann ich kein koreanisch. Finde den Beitrag aber sehr informativ. Hätte allerdings nicht gedacht, dass es in Deutschland so wenige aktive Internet-User sind. Unglaublich. Ich denke aber, dass ich das in der Zukunft auch noch ändern wird. Ohne Computer und Internet passiert nämlich fast gar nix mehr und jeder muss ich fast täglich damit auseinandersetzen.

  9. Ich denke das wird in Zukunft noch zunehmen. Viele wissen wahrscheinlich nicht einmal was ein blog ist. aber er wird denke ich noch bekannter werden. Die zahlen werden sich in europa auf früh oder spät angleichen. kein grund alles negativ zu interpretieren, wie wir deutschen dass immer so tun.

  10. Das ist eine sehr interessante Studie. Ich glaube in Deutaschland sind die Leute einfach nur gelämt. Sie bekommen hier alles vorgebetet und werden von Staat in Schutz genommen durch verbote hier und verbote da. Alles zum besten des einzelnen.
    Das schlägt natürlich auch irgendwann mal auf die Verhaltensweisen der Bürger durch.
    Ja nicht zu viel machen und dabei auffallen.

  11. In Deutschland muss man ja wirklich aufpassen, was man wo macht, sonst ist man gleich um eine Abmahnung reicher. Da halt ich mich auch lieber zurück. :-)

  12. Oder so wie der einen Lehrerin, glaube sie war Engländering, die auf Grund eines Facebook Fotos ihren Job verloren hat. Man muss schon aufpassen. Auf der anderen Seite gibt es schon so viele Sachen, vielleicht wird es mal egal wenn man auch dabei ist.

  13. Ohne gewisse Fehlentwicklungen bei der Rechtslage in Deutschland kleinreden zu wollen – persönlich hat mich das schon von einigen Aktivitäten abgehalten – glaube ich nicht, dass die Zahl der passiven User dort ihre Ursache hat.

    Probleme wie die Haftung für Blogkommentare oder dass ein Künstler sogar an die GEMA zahlen muss, wenn er etwas von seinen eigenen Songs auf seine Website stellt, sind den Inaktiven doch in der Regel völlig unbekannt.

    Das Problembewusstsein dürfte hauptsächlich bei den Creators bestehen, darunter schon kaum noch.

    Es ist wohl mehr eine Mentalitätsfrage. Die Deutschen sind auch nicht gerade für Zukunftsoptimismus und besondere Aufgeschlossenheit bei Veränderungen bekannt.

  14. …ich denke, es ist eine Kombination aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen, Desinteresse und Überalterung. Ich möchte nicht auf die deutsche Jugend los, aber die Leute, die in den USA aktiv bloggen, laden sich in DE wohl eher Klingeltöne runter. Wie viele lesenswerte Blogs kennt jeder einzelne von Euch? Ich kenne vielleicht 10-15, die ich wirklich gerne lese und den Rest lese ich, weil evtl. mal ab und an etwas drin steht. Vielleicht startet irgendwann mal die Regierung ein Programm “Ein Blog für jeden Wähler”…

  15. Ich hoffe auch, dass sich das noch ändern wird. In Amerika etc. ist das Bloggen überhaupt auch schon mehr verbreitet. Die Aktivitäten sind da einfach schon größer…

  16. Ich denke mal wir hinken einfach noch ein wenig hinterher. Ich kann mir gut vorstellen, dass das auch mit dem Alter zusammenhängt und dass sich diese Gegebenheit verändert, sobald die Generationen am Start sind, die mit dem PC aufgewachsen sind. Auch finde ich es ehrlich gesagt gar nicht schlimm, wenn nicht jeder überall Sachen hochläd, wer soll sich das denn alles angucken ;) Denn wenn man mal ehrlich ist, dann sind sie sinnvollen Videobeiträge doch eher in der Minderheit (bei Blogs ist das allerdings anders).

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