Leben als Freelancer: Eine persönliche Entmystifizierung und Liebeserklärung

Grenzenlose Freiheit, nie wieder Anweisungen vom ahnungslosen Chef ausführen müssen, morgens erstmal ausschlafen und nebenbei alles das machen, wovon man schon seit Jahren träumt. Und überhaupt macht man als Freelancer eh keine Dinge, zu denen man keine Lust hat, warum auch? So oder ähnlich stellen sich viele Angestellte das Leben als Freelancer vor und sie könnten damit kaum falscher liegen. Dieser Artikel ist ein sehr persönlicher Rückblick von Falk Hedemann auf seine bisherigen Erfahrungen.

(Foto: Unsplash)
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Der Freelancer, Freiberufler, Freischaffende, Freie Mitarbeiter ist so ein wenig das Einhorn mit der Regenbogenmähne der Arbeitswelt. Viele würden es gerne selber sein, trauen sich aber nicht so recht. Dabei verspricht der Status des Freelancers doch grenzenlose Freiheit. Nie wieder 9-to-5 im Büro abhängen. Sich morgens nicht vom Wecker gängeln lassen. Keinen Chef haben, der zwar keine Ahnung hat, aber davon extrem viel. Keine den Chef in den Allerwertesten kriechenden Kollegen, die dessen Ahnungslosigkeit perfekt imitieren und immer mindestens fünf Minuten eher am Schreibtisch sitzen. Man macht einfach was einem Spaß macht, wo, wann und wie lange man will. Und das alles nur im Schiesser-Feinripp – also maximal. Keine Ahnung, warum das nicht alle so machen, ehrlich.

Und wann haben Sie zum letzten Mal ein Einhorn gesehen? Nein, der zu Halloween verkleidete Hund des Nachbarn zählt nicht wirklich. Es ist also schon länger her? Wie? Sie haben noch nie eins gesehen? Sehen Sie, daher passt der Vergleich so gut.

Der entmystifizierte Freelancer

Ich nehme jetzt mal das Horn vom Kopf und setze auch die Regenbogenperücke ab: Das ungeschminkte Leben als Freelancer sieht wirklich ganz anders aus, als viele Außenstehende denken. Natürlich gibt es auch Vorteile, sonst wäre ich ja schön blöd, aber dazu später mehr. Erst räumen wir mal etwas mit den Vorurteilen auf, denn ich bin da ganz ehrlich: Das kann ganz schön nerven!

Wir Freelancer können genauso lange schlafen, wie jeder Angestellte. Gerade in Zeiten, in denen eine 40-stündige Präsenz pro Woche im Büro bei immer mehr Arbeitgebern nicht mehr Pflicht ist und es sogar in den ersten Fällen gerne gesehen wird, wenn die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, zählt dieses Argument im Grunde nichts mehr. Freischaffende (Lebens-)Künstler, die wirklich nur für sich arbeiten und beispielsweise in ihren eigenen vier Wänden Dinge herstellen, die sie anschließend verkaufen, mögen noch eine Ausnahme sein, aber ansonsten muss man sich auch als Freelancer an die Arbeitszeiten der Kunden anpassen.

Bei mir ist das besonders wichtig, denn ich kümmere mich um die digitale Kommunikation von Unternehmen und zeige ihnen, wie sie soziale Kanäle aufsetzen und bespielen oder baue ein Corporate Blog auf. Die Hälfte meiner Arbeit besteht aus Beratung, die andere Hälfte aus „praktischem Enabling“, wie ich es gerne nenne. Bei der Beratung kann ich zum Beispiel die Ausarbeitung von Strategien und Konzepten schon sehr gut aus dem Home Office machen. Doch der Großteil findet direkt im Unternehmen statt. Das gilt auch für das Enabling. Redaktionsprozesse lassen sich theoretisch definieren, aber nur in der Praxis aufsetzen und etablieren. Workshops, beispielsweise zum Bloggen, lassen sich theoretisch auch per Webkonferenz durchführen, aber ich persönlich mag das nicht besonders. Gerade am Anfang, wenn ich die Menschen, die ich coache, noch nicht gut kenne (und sie mich auch nicht), sind mir alle Signale wichtig, die ich nur irgendwie von ihnen empfangen kann. Ich möchte einen möglichst guten und direkten Draht zu den künftigen Blogautoren bekommen. Ich möchte verstehen, wie sie denken und handeln, wo ihre Stärken liegen und was sie selbst als ihre Schwächen ansehen. Das geht nur in einem persönlichen Kontakt. Aber selbst wenn es über eine Webkonferenz genauso gut ginge, ich müsste dazu auch aufstehen, mich waschen und mir mehr als das obligatorische Freelancer-Unterhemd anziehen.

Im Grunde ist es sogar so, dass ich eher aufstehe und mit dem Arbeiten anfange. Wenn ich zum Kunden fahre, stehe ich in der Regel um 5:30 Uhr auf und starte meinen Arbeitstag in der Bahn. Bleibe ich über Nacht am Standort des Kunden, so bin ich morgens fast immer der Erste im Büro. Okay, Sie haben recht, das müsste ich nicht, aber so ticke ich nunmal. Hatten Sie das so erwartet? Nein? Dachte ich mir schon. Macht aber nichts. Ich kenne das.

So schön und unbeschwert lässt es sich in der Bahn leider nicht immer arbeiten, aber ich nutze die Zugzeit dennoch gerne zum Arbeiten.
So schön und unbeschwert lässt es sich in der Bahn leider nicht immer arbeiten, aber ich nutze die Zugzeit dennoch gerne zum Arbeiten.

Über Chefs, ungeliebte Kollegen und grobe Ahnungslosigkeit

Auch Freelancer haben Chefs und in der Regel auch Kollegen. Bei mir ist das meist nur auf Zeit, aber dennoch bleibe ich davon nicht verschont. Was ich allerdings einräumen muss: Ich habe bislang wahnsinnig viel Glück gehabt und es vor allem in den längeren Projekten immer mit tollen Teams und flachen Hierarchien zu tun gehabt. Ich konnte mich immer sehr offen einbringen und Prozesse ohne großes Kompetenzgerangel in Gang setzen. Das weiß ich sehr zu schätzen, denn die wenigen Ausnahmen, in denen das anders war, reichten mir auch. Das kann bei anderen Freelancern aber durchaus anders sein, denn für mich ist dieser Punkt eine Typfrage: Ich würde mich als Teamplayer ansehen, aber als Befehlsempfänger tauge ich so gar nichts. Ist etwas in einem Projekt strittig, so muss ich zumindest eine Diskussion auf Augenhöhe führen können. Kann ich meine Erfahrung und mein Wissen dagegen gar nicht einsetzen und soll nur nach Vorgabe arbeiten, so sehe ich das für mich nicht als produktive Arbeitsgrundlage an. Ich habe solche Fälle schon erlebt, aber zum Glück hat sich das frühzeitig angekündigt und ich konnte mich noch zurückziehen.

Ganz unproblematisch ist ein unerwarteter Rückzug aus einem Projekt allerdings auch nicht. Oft sind meine Content-Projekte über einen längeren Zeitraum angelegt, so dass ich für sechs bis neun Monate (plus eventueller Verlängerung) gebunden bin. Mehrere Projekte parallel mache ich nicht, weil ich mich lieber sehr tief einarbeite und auf ein Thema fokussiere. Das hat dann zur Folge, dass ich bei zeitlichen Überschneidungen von Angeboten sehr genau auswählen und mich richtig entscheiden muss. Treffe ich die falsche Entscheidung und steige nach kurzer Zeit aus dem einen Projekt wieder aus, so ist in der Regel das andere Projekt schon besetzt. Daher ist der Anbahnungskontakt so wichtig. Kennt man die Personen, mit denen man zusammenarbeiten soll, noch nicht, so muss man das entsprechend in den Gesprächen berücksichtigen. Ich versuche dabei immer zu erforschen, inwieweit eine Bereitschaft zum (Um-)Lernen vorhanden ist, welche Hierarchien bestehen und wie der Wissensstand ist. Eine ganz schlechte Kombination ist zum Beispiel eine grobe Ahnungslosigkeit bei gleichzeitiger Lernverweigerung. Das ist in der mittleren Managementebene leider nicht so selten, denn bis dorthin braucht es einige Jahre im Unternehmen und wer beispielsweise im Marketing seit vielen Jahren auf bewährte Methoden setzt, kann sich oft nur schwer auf neue Methoden einstellen. Es ist allerdings nicht immer der Chef, der eine Verweigerungshaltung einnimmt. Es kann auch mal ein Kollege sein, der sich fragt: Warum kommt denn da einer von außen und will mir erzählen, wie ich meinen Job machen soll?

Um ein Team und ein Projekt besser einschätzen zu können, stelle ich daher immer folgende Fragen:

  1. Was sind meine Aufgaben im Projekt?
  2. Was sind die konkreten Zielsetzungen?
  3. Wie sehen die Verantwortlichkeiten aus?

Im Schiesser-Feinripp im Bett liegen „arbeiten“

Das ist mein Lieblingsmythos zum Leben als Freelancer. So ein Freelancer arbeitet nicht nur wann er will, sondern muss dabei noch nicht mal bekleidet sein – das obligatorische Feinripp-Unterhemd ist ja nur eine gedankliche Ausschmückung, damit das Kopfkino zwischendurch mal zur Ruhe kommt. Und tatsächlich, es gibt Tage, da könnte ich das locker machen, keine Frage. Doch ganz ehrlich: Warum sollte ich das tun? Das ist weder gemütlich noch effizient, was letztlich nur dazu führen würde, dass ich für die gleiche Arbeit länger brauche.

Der wirkliche Grund dafür, dass ich morgens das Bett verlasse und mich anziehe wie jeder andere Büroarbeiter auch, ist allerdings psychologischer Natur. Im Grunde simuliere ich den Gang ins Büro, damit mein Gehirn auf den Arbeitsmodus umschalten kann. Jogginghose und T-Shirt signalisieren dem Gehirn aus dem gelernten Verhalten vieler Jahre heraus, dass ich mich gerade in der Freizeitphase befinde. Ziehe ich mich dagegen an, als würde ich das Haus verlassen und ins Büro fahren, fällt der Wechsel in den Arbeitsmodus deutlich leichter. Hier noch ein zusätzlicher Tipp für alle, die überlegen im Home Office zu arbeiten: Beherzigt nicht nur die Kleiderregel, sondern schafft euch auch einen Raum in der Wohnung, der nur zum Arbeiten dient. Arbeiten am Küchen- oder Wohnzimmertisch ist dagegen auf Dauer keine gute Idee, da diese Räume durch das eigene Freizeitverhalten bereits anders besetzt sind und zudem zu viel Ablenkung und Möglichkeiten zur Prokrastination bieten.

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„Ich würde ja gerne, aber diese Unsicherheit…“

Ich weiß gar nicht, wie oft ich diese Diskussion schon geführt habe. Ich habe größtes Verständnis für das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit, aber wenn das der einzige Grund ist, dass sich jemand nicht selbstständig macht, kann ich das nicht nachvollziehen. Wie sicher ist denn heute eine Festanstellung? Und ich meine damit nicht nur die Sicherheit vom Arbeitgeber aus. In der Generation meiner Eltern blieb man in der Regel von der Ausbildung bis zur Rente in einem Unternehmen. Häufige Arbeitsplatzwechsel hatten in etwa den Stellenwert häufiger Eheschließungen nebst Scheidungen. Heute hat sich der Arbeitsmarkt in vielen Bereichen grundsätzlich verändert. Gerade in der digitalen Branche sind Erfahrungen in verschiedenen Unternehmen fast schon eine Einstellungsvoraussetzung und keinesfalls ein Nachteil – zumindest bei sinnvoller Beschäftigungsdauer. Wer alle drei Monate den Arbeitgeber wechselt, wird sicher zu den Gründen befragt werden.

Worin besteht nun also in der Festanstellung noch die angestrebte Sicherheit? Klar, man kann in der Regel einige Jahre vorausplanen, aber ist das wirklich ein so gewichtiges Argument um eine Selbstständigkeit zu umgehen? Das Leben als Freelancer bedeutet eben auch, dass man sich von übermäßigem Sicherheitsdenken verabschieden muss. Dieser Schritt ist sicher schwer und wird mit jedem Jahr als Angestellter schwerer. Ich würde diesen Schritt auch nicht jedem empfehlen, denn zum einen bietet sich die selbstständige Arbeit nicht für jede Tätigkeit an und zum anderen muss man persönlich der Typ dafür sein.

Es gibt allerdings in zwei Bereichen definitiv so etwas wie Sicherheit in der Festanstellung. Zum einen hat man meist einen festen Aufgabenbereich und zum anderen ein festes Gehalt. Gerade für ehrgeizige und motivierte Arbeitskräfte kann das schnell zur Belastung werden; dann nämlich, wenn sie sich weiterbilden und -entwickeln, das aber nicht mit neuen Aufgabenbereichen und einer Gehaltserhöhung belohnt wird. Als Freelancer ist man da deutlich beweglicher. Mit etwas Glück und entsprechender Nachfrage kann man seine Tätigkeit relativ einfach den aktuellen Trends und den persönlichen Präferenzen anpassen. Das gilt dann ebenso für die Stunden- oder Tagessätze. Je mehr Fähigkeiten und Erfahrungen man erworben hat, um so mehr kann man von seinen Kunden verlangen. Der Haken: Auch als Freelancer hat man „Marktbegleiter“, an denen man in puncto Preis/Leistung gemessen wird. Fantasiepreise sind daher nicht möglich. Gibt es besonders viele Mitstreiter in einem Tätigkeitsgebiet, so ist es sicher eine gute Idee nach Alleinstellungsmerkmalen Ausschau zu halten: Was kann ich anbieten, was andere nicht anbieten und was für meine potenziellen Kunden einen hohen Nutzwert hat?

Letztlich ist die Sicherheit beim Gehalt einer Festanstellung ein Medaille mit zwei Seiten: Ja, ich bekomme jeden Monat mein festes Gehalt in planbarer Höhe. Doch auf die Entwicklung habe ich selbst nur einen sehr geringen Einfluss und Gehaltserhöhungen sind auch dann nicht selbstverständlich, wenn sich ein Mitarbeiter weitergebildet hat. Als Freelancer habe ich kein festes Gehalt und kann weniger gut planen. Dafür kann man aber bei jedem neuen Projekt neu kalkulieren und einen fairen Satz für den eigenen Kenntnisstand und dem aktuellen Markt aushandeln. Übrigens ist es für Unternehmen auch deshalb leichter, höhere Sätze für Freelancer anzunehmen, weil die Vereinbarungen in der Regel endlich sind und sie nicht die laufenden Kosten belasten, sondern aus Projektbudgets gezogen werden.

Das Anforderungsprofil für Freelancer

Wer bei der Arbeit gerne seine Ruhe hat und am liebsten wie in Trance seine immer gleichen Aufgaben erfüllt, ist in einer Festanstellung sicher besser aufgehoben. Ich meine das gar nicht abwertend, denn viele Jobs sehen genauso aus und können gar nicht an Freelancer vergeben werden. Dennoch sind sie nicht schlechter als andere Tätigkeiten und auch nicht zwangsweise schlechter bezahlt.

Für meinen Tätigkeitsbereich ist die Selbstständigkeit dagegen perfekt geeignet. Egal, ob es um meine journalistischen Aufgaben geht oder um das Consulting in der digitalen Kommunikation: Beides ist zeitlich und inhaltlich klar abgegrenzt und erfordert nicht zwangsweise eine Bearbeitung durch einen Festangestellten. Dafür muss man als Freelancer Fähigkeiten mitbringen, die nicht jeder Angestellte benötigt. Neben einer Vielzahl von Erfahrungen muss man beispielsweise auch in der Lage sein, sich sehr schnell in ein neues Themengebiet einzuarbeiten und sich in ein bestehendes Team einzufügen. Wer eher schüchtern ist und nicht gerne mit immer neuen Personen zu tun hat, findet seine Komfortzone eher in einer Festanstellung. Wer dagegen gerne neue Herausforderungen sucht und annimmt, einen offenen und ehrlichen Charakter mitbringt und Menschen gut einschätzen kann, für den sollte das Leben als Freelancer gut geeignet sein.

Zu den ständigen Herausforderungen im Leben eines Freelancers gehört der innere Schweinehund. Er will ständig bei Laune gehalten werden und ist nicht jeden Tag automatisch voll motiviert. An solchen Tagen kann die Selbstständigkeit auch zur Qual werden, denn ein unproduktiver Tag ist gleichbedeutend mit Null Einnahmen. Ich plane solche Tage immer wieder mal in meine Zeit- und Arbeitspläne ein und schiebe verschiedene Aufgaben hin und her. An unkreativen Tagen schreibe ich dann beispielsweise Rechnungen oder längst fällige E-Mails und kümmere mich um administrativen Kram. Außerdem helfen mir klare Deadlines für einzelne Aufgaben. Erstaunlicherweise ist Zeitdruck für mich keinesfalls problematisch, sondern eher ein hilfreicher Produktivitätsfaktor. Aber auch hier gilt: Nicht jeder arbeitet unter Zeitdruck gleichermaßen produktiv und gut, andere Arbeitstypen brauchen vielleicht sogar einen gewissen zeitlichen Freiheitsgrad, um in den „Flow“ zu kommen.

Eine gute Motivationshilfe können auch Belohnungen sein. Muss ich mich beispielsweise über einen längeren Zeitraum zu hoher Produktivität antreiben, so denke ich mir eine Belohnung für die Zeit danach aus. Der Deal mit mir selbst lautet dabei: Schaffst du die definierten Aufgaben bis Zeitpunkt x, so bekommst du Belohnung y. Was das dann genau ist, spielt keine große Rolle, nur muss man sich darauf freuen können. Für mich ist das oft etwas, was möglichst wenig mit meiner Arbeit zu tun hat, denn damit schlage ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich schaffe meine Zielsetzungen und bekomme anschließend den Kopf wieder frei und kann mich entspannen. Ein sehr wichtiger Punkt, denn als Freelancer könnte man auch 25 Stunden täglich arbeiten, wenn man sich nicht selbst daran hindert. Wer das nicht tut, kann gerade in kreativen Berufen schnell in ein gefährliches Hamsterrad geraten. Jeder Mensch hat ein gewisses kreatives Potenzial zur Verfügung, dass von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und somit jeden Tag unterschiedlich groß sein kann. In Ruhephasen lädt sich das Kreativpotenzial wieder auf und es kann danach wieder abgerufen werden. Wer es dabei allerdings übertreibt und deutlich ins Minus geht, weil er beispielsweise über einen längeren Zeitraum sehr lange arbeitet, erlebt unter Umständen einen schleichenden Rückgang seines Kreativpotenzials. Die Folge: Um gleich viel zu schaffen, muss man länger arbeiten. Das wiederum verstärkt den Effekt nur noch mehr. Schon ist man der Hamster im Rad, der läuft und läuft, aber nicht mehr voran kommt.

Für die Einhaltung vernünftiger Arbeitszeiten sind Freelancer selbst verantwortlich!

Das größte Rätsel: der Tagessatz!

Es gibt ein Thema, darüber reden Freelancer meist nicht gerne, nicht mal untereinander: der Tagessatz. Was kann ich für meine Leistungen vom Kunden verlangen? Eine zugegebenermaßen schwierige Frage, denn es fehlen die Vergleichswerte. Bei einer Festanstellung wird man zwar auch nach seiner Gehaltsvorstellung gefragt, doch meistens kennt man jemanden in einer ähnlichen Position und weiß in etwa, was marktüblich ist. Und natürlich ist die Gehaltsfrage bei festen Stellen sowieso kein Wunschkonzert. Die geäußerte Gehaltsvorstellung wird vielmehr als Eindruck dafür verwendet, wie realistisch sich ein Bewerber selbst einschätzen kann. Das tatsächliche Gehalt steht in den meisten Fällen bereits lange fest, zumindest in einer Spanne, innerhalb derer verhandelt werden kann. Der Freelancer dagegen verhandelt eigentlich immer und hat dabei so gut wie keine Grundlage, außer der eigenen Erfahrung – was einem zu Beginn der Selbstständigkeit folglich nicht hilft.

Ich wurde von Kollegen schon sehr oft gefragt, was man denn für bestimmte Tätigkeiten als Tagessatz nehmen kann und wie ich das denn kalkuliere. Ich erkläre ihnen dann mein bedarfsorientiertes Modell wie folgt:

Man nimmt sich ein Blatt Papier und schreibt darauf alle regelmäßigen Ausgaben, die man in der Woche, im Monat und im Jahr hat. Also Ausgaben für Lebensmittel, das Auto, Versicherungen, Miete, Telefon & Internet, Kleidung, Büromittel und anderes mehr. Für eine solide und belastbare Auflistung sollte man sich hier etwas Zeit nehmen, damit dann auch Posten aufgeführt sind, die nur einmal im Jahr auftauchen. Um nichts zu vergessen, kann man sich beispielsweise die Kontoauszüge aus den letzten 12 Monaten vornehmen. Aus der fertigen Liste berechnet man dann eine monatliche Belastung. Diesen Betrag verdoppelt man dann, um Steuern, Rücklagen und Taschengeld in die Rechnung aufzunehmen. Der Gesamtbetrag wird anschließend als Basis für den Tagessatz benutzt. Da man als Freelancer keine Urlaubstage bekommt und auch bei Krankheit nichts verdient, sollte man mit nicht mehr als 15 Arbeitstagen im Monat kalkulieren.

Ein Kalkulationsbeispiel:

Ergibt die Auflistung eine monatliche Belastung von 3.000 Euro, so wird daraus ein Sockelbetrag von 6.000 Euro. Bei 15 Arbeitstagen wird daraus ein Tagessatz von 400 Euro. Diesen Satz sollte man also mindestens ansetzen, um davon leben zu können. Alles darunter wäre auf Dauer schwierig für die Selbstständigkeit. Zumal man am Anfang sicher nur in Ausnahmefällen mit den vollen 15 Tagen rechnen sollte. Wer dafür keine Rücklagen gebildet hat, sollte daher den Divisor kleiner wählen. Bei voller Buchung über einen längeren Zeitraum in einem Projekt, also 5 Tage die Woche für beispielsweise sechs Monate, kann man dagegen auch überlegen, ob man auf die Kalkulation auf 20 Tage hochrechnet. Zumindest bekommt man bei solchen längeren Projekten mehr Kalkulationsspielraum bei der Tagessatzverhandlung.

Für den Start sollte das erstmal funktionieren. Daraus sollte man dann einen monetären Businessplan erstellen, der die nächsten drei bis fünf Jahre umfasst. Hier werden nicht nur Posten wie Investitionen in das Arbeitsmaterial (zum Beispiel Hardware wie Smartphone oder Laptop) aufgenommen, sondern auch ein Plan für die Altersvorsorge. Spätestens an dieser Stelle ist Hilfe von außen gefragt, was übrigens auch für alle Steuerangelegenheiten gilt.

Wie kommt der Freelancer an seine Aufträge?

Nachdem ich hoffentlich etwas mehr Klarheit in die Kalkulation von Stunden- und Tagessätzen gebracht habe, stellt sich natürlich noch die Frage, wer mir diese bezahlt, beziehungsweise wie ich an Aufträge komme. Ich kann hier nur meine eigenen Erfahrungen einbringen und die lassen sich ganz sicher nicht verallgemeinern. Allerdings steckt darin eine Methode, die sehr wohl auch von anderen Freelancern angewendet werden kann.

Zunächst muss ich eingestehen, dass ich einen Teil aus meinem ursprünglichen Businessplan nie umsetzen konnte. Glücklicherweise hat das aber meiner Selbstständigkeit nicht geschadet, eher im Gegenteil. Ursprünglich sah mein Businessplan einen Tag pro Woche vor, an dem ich mich nur um neue Kunden kümmern wollte. Es hat sich allerdings schnell herausgestellt, dass diese Akquise so gar nicht mein Fall ist und im Grunde habe ich das auch immer gewusst. Stattdessen habe ich eher unbewusst auf ein sehr aktives Networking gesetzt und mir im Laufe der Jahre so ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut, das gleich mehrere Funktionen erfüllt. Zum einen bekomme ich über mein Netzwerk alle wichtigen Informationen und Trends aus meinem Tätigkeitsbereich und kann mir oft zeitraubende Recherchen sparen oder sie zumindest eingrenzen. Zum anderen kann ich mit ihnen auch mein eigenes Wissen teilen und sie als Multiplikatoren nutzen. Es ist eine besondere Form des Nehmen & Gebens, die für mich die perfekte Form des Reputationsmanagements darstellt. Diskutiere ich beispielsweise mit ebenfalls sehr gut vernetzten Personen über einen aktuellen Trend, bekomme ich eine sehr wertvolle Sichtbarkeit über meine eigene Reichweite hinaus. Auch eigene Blogbeiträge werden über mein Netzwerk verbreitet und erreichen mehr Menschen, als ich selber mit einer aktiven Akquise jemals erreichen könnte.

Für mich funktioniert das wirklich sehr gut. Es war allerdings auch ein langer und anstrengender Weg, bis ich soweit war. Unzählige Stunden habe ich damit verbracht, mich zu informieren und nützliche Informationen aus der überwältigenden Fülle der täglichen News zu extrahieren, um sie an mein Netzwerk weiterzureichen und dort zu diskutieren. Auch eigene Einordnungen, das Weiterreichen von Erfahrungen, Tipps und Tricks sowie das Aufzeigen von Trends in Form von Blogbeiträgen, Tweets oder Facebook-Posts gehören natürlich dazu, genauso wie der Besuch von Branchen- und Networkingevents. Das kostet nicht eben wenig Zeit, erfordert viel Disziplin sowie Geduld – und wird nicht bezahlt. Zumindest nicht direkt. Doch wer mit seinen Aktivitäten klare Ziele verfolgt und sie auf seinen Tätigkeitsbereich zuschneidet, wird langfristig dennoch profitieren. Für mich hat es sich jedenfalls bezahlt gemacht. Ich ernte heute die Früchte meiner Reputationsarbeit, für die ich lange Zeit in Vorleistung gegangen bin.

Events wie die re:publica eignen sich für mich perfekt für das Networking.
Events wie die re:publica eignen sich für mich perfekt für das Networking.

Um auf die Frage zu antworten, wo meine Aufträge herkommen: Sie stammen fast alle aus meinem Netzwerk. Entweder auf direktem Weg, weil ich mit einer Person vernetzt bin, die gerade einen Freelancer in meinem Tätigkeitsbereich sucht. Oder, und das ist der häufigere Weg, ich werde aus meinem Netzwerk für ein Projekt empfohlen.

Mein Netzwerk ist mein Akquisetool.

Inwieweit sich das strategisch planen lässt, ist schwer zu beantworten, da es sicher auch von der Persönlichkeit und vor allem von der Branche des Freelancers abhängt.

Freelancer-Eignungstest

Was brauche ich, damit ich als Freelancer erfolgreich bin und mich dauerhaft selbsttätig beschäftigen kann? Mit dem folgenden Fragenkatalog kann jeder seine Eignung als Freelancer überprüfen:

  • Ich bin schon immer sehr selbstständig in meiner Arbeitsweise gewesen.
  • Ich weiß was ich kann und liebe neue Herausforderungen.
  • Ich kann meine Fähigkeiten klar benennen.
  • Selbstdisziplin ist mein zweiter Vorname.
  • Als Motivation brauche ich nur meine mir selbst gesteckten Ziele.
  • Ich gehe offen auf Menschen zu und kommuniziere gerne.
  • Ich bin immer bestrebt mich weiterzuentwickeln und neue Dinge zu lernen.
  • Ich arbeite auch gut alleine und brauche keinen ständigen Kontakt zu Kollegen.
  • Ich teile gerne mein Wissen und meine Erfahrungen.
  • Ich besitze Verhandlungsgeschick und kann mich gut verkaufen.

Der Test ist eigentlich ganz einfach: Wer nicht alle Fragen mit Ja beantworten kann, ist nicht zu 100 Prozent zum Freelancer geeignet. Natürlich muss man die Fragen sich selbst gegenüber auch sehr ehrlich beantworten und sich für jedes Nein fragen, warum das so ist. Aber selbst wenn alle Fragen mit Ja beantwortet werden können, muss die Selbstständigkeit nicht garantiert funktionieren. Beispielsweise wenn die Motivation dafür nicht aus einem inneren Antrieb heraus entstand, sondern eher aus einer Notlage, weil gerade keine Festanstellung verfügbar ist. Das passiert nach meiner Beobachtung relativ oft und ist auch nicht unbedingt problematisch, nur wird daraus sehr oft eine Selbstständigkeit auf Zeit. Sobald wieder eine Festanstellung lockt, wird sie sehr oft angenommen. Die Selbstständigkeit erfüllt dann lediglich eine Funktion – bei mir ist sie dagegen mittlerweile zur Lebensmission geworden.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 29

Die Digitalisierung schafft neue Freiheiten. In dieser Ausgabe zeigen wir sie auf und haben Gastbeiträge von einem Entrepreneur, einer Digitalnomadin und einem Freelancer.

Falk ist Freier Journalist und Blogger und berät zudem Unternehmen bei ihrer digitalen Kommunikation, der Content Strategie und der Distribution von Inhalten im Social Web. Online zu finden ist er auf seinem privaten Blog, bei Twitter und Google+.

Ein Gedanke zu „Leben als Freelancer: Eine persönliche Entmystifizierung und Liebeserklärung

  1. Gute, umfängliche – und an manchen Stellen angemessen diplomatische – Schilderung der Umstände.

    Viel Erfolg.

    P.S.: Aber Schiesser-Feinripp ist doch wirklich nur für Redokraten … ;-)

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