Kolumne: In der Wikipedia hört dich niemand schreien

In seiner „ENTER“-Kolumne schreibt Jan Tißler in jeder Ausgabe des UPLOAD Magazins über das Titelthema – oder auch nicht. Diesmal: große, tiefe, dunkle menschliche Abgründe, Ärger und Wut sowie die Hoffnung auf eine geniale Idee für eine bessere Wikipedia.

Collage benutzt eine Illustration von © kaalimies – Fotolia.com
Collage benutzt eine Illustration von © kaalimies – Fotolia.com

Neulich habe ich mal wieder auf den Link „Diskussion“ auf einem Wikipedia-Artikel geklickt. Sie wissen schon: Diesen Kartenreiter ganz oben auf der Seite. Haben Sie das schon einmal gemacht? Falls noch nicht, unbedingt nachholen. Glauben Sie mir, ich verspreche nicht zu viel. Da gibt es immer mal wieder etwas zu entdecken, z.B. große, tiefe, dunkle menschliche Abgründe. Oder man trifft auf komplett eingestaubte Diskussionsseiten mit Hinweisen wie „Die Einleitung muss dringend überarbeitet werden“ mit einem Datum vom Juli 2012. Danach: eisiges Schweigen. Grillen zirpen. Ein Busch rollt vorbei. Das ist wie der Besuch in einer vergessenen Bibliothek. So eine Kombination aus Schaudern und Faszination.

Darauf gestoßen bin ich in der Vergangenheit zunächst immer, wenn ich einmal etwas an einem Wikipedia-Beitrag verbessern wollte. Also schaue ich auf der Diskussionsseite, ob das vielleicht schon in Arbeit ist oder zumindest besprochen wurde. Nach ein wenig scrollen sehe ich dann oftmals, dass andere vor mir schon denselben Gedanken hatten, nicht selten viele Jahre vor mir.

Ihre Fragen wurden allerdings nie sinnvoll und zielführend beantwortet oder sie bekamen lediglich den barschen Hinweis an den virtuellen Kopf geknallt, wie man denn bitteschön einen Beitrag auf der Diskussions-Seite zu kennzeichnen habe (mit zwei Bindestrichen und vier Tilden –~~~~ oder so in der Art – fragen Sie mich nicht, ich kenne mich ja nicht aus). Außerdem werfen die Wikipedia-Ureinwohner dann mit allerlei Abkürzungen und Links zu Regeln und Vorschriften um sich. „So geht das nicht. Mal in WikSOZkap nachlesen und WPRezens-DE-42. Und nicht die Tilden vergessen!!!“ – so oder ähnlich. Ich zitiere aus dem Gedächtnis.

Letztlich bleibt es dann dabei: Ich lese die Diskussionen, manchmal erstaunt, manchmal amüsiert, manchmal entsetzt. Aber irgendwie ist dann auch die Luft raus aus der Idee, vielleicht selbst etwas beitragen zu wollen. Zu oft lese ich davon, wie Änderungen kommentarlos rückgängig gemacht werden, weil man sie schließlich erst vorschlagen solle. Und schlägt man sie dann vor, trifft man nicht selten auf einen übermächtigen Verantwortlichen, der zwar vom Thema keine Ahnung hat, aber Wörter wie „enzyklopädisch“ kennt.

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Manchmal denke ich darüber nach, welche Dramen sich dort wohl im Hintergrund abgespielt haben mögen. All diese Emotionen! Ärger und Wut zum Beispiel vermute ich da recht weit vorn. Virtuelle Kämpfe von Tastatur zu Tastatur. „Mechthild, geh schon einmal zu Bett, ich muss hier gerade noch einen nicht angemeldeten Wikipedia-Nutzer in die Schranken weisen!“ schallt es aus dem einen Wohnzimmer, irgendwo in Deutschland. „Berta, ich kann gerade nicht, dieser Typ hier bei Wikipedia ist echt ein totaler Klappspaten“, hallt es aus einem Arbeitszimmer hunderte Kilometer entfernt zurück. So ungefähr stelle ich mir das vor.

Aber in der Wikipedia hört dich niemand schreien. Vielleicht auch ganz gut so.

Und ja, ich weiß, dass es auch ganz viele tolle, nette, intelligente und fleißige Wikipedianer gibt. Jetzt lassen Sie mich doch mal ein wenig lästern. Vielleicht fühlen sich ja ausnahmsweise auch mal die richtigen angesprochen. Bezweifle ich allerdings. Ich wünschte jedenfalls, ich hätte eine geniale Eingebung, wie man dieses Problem lösen könnte.

Oder jemand anderes hätte eine.

Sie vielleicht?

Ja, Sie da draußen. Jetzt sagen Sie doch auch mal was!

Aber die Tilden nicht vergessen. Bloß die Tilden nicht vergessen!

P.S.: Liebe Wikipedia, von Herzen alles Gute zum 15. Geburtstag! Du bist die Größte. Viele Grüße, Dein Jan


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 31

Wie die digitale Transformationen unsere Arbeitswelt verändert und Unternehmen gleich mit. Mit Beiträgen zu Digital Leadership, Arbeiten 4.0, Changemanagement und Social Intranets.

Jan Tißler ist auch bekannt als jati. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist, die meiste Zeit davon digital. 2006 hat er das UPLOAD Magazin aus der Taufe gehoben. Er ist fasziniert von den Freiheiten des digitalen Publizierens und erklärt gern, wie Unternehmen, Organisationen oder auch Selbstständige mit ihren Botschaften im Netz gehört werden. Immer mit einem Bein fest in der Zukunft. Der gebürtige Hamburger lebt inzwischen in Santa Fe, New Mexico.

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3 Gedanken zu „Kolumne: In der Wikipedia hört dich niemand schreien

  1. Hallo Jan,

    kommt es nur mir so vor, oder werden manche Einträge in Wikipedia immer kürzer?

    Wo man vor ein paar Jahren seitenlange Beiträge mit dem Vermerk “unzureichend belegt” fand, steht heute nur noch ein Stub. Klar, Gerüchte verbreiten ist nicht OK.
    Überzeugungstäter wie Mechthilds Mann wollen genau das verhindern. Aber nur die Website abschreiben, weil die schließlich eine eindeutig belegbare Quelle ist, kann es ja auch nicht sein. Auf Dauer schadet übertriebene Restriktivität dem Ansehnen Wikipedias als neutrale Quelle. Lustige Details, Querverweise und Anekdoten, also das, was Wikipedia in meinen Augen ausmacht, bleibt auf der Strecke.

    Nach einer kurzen Phase des Zweifels bin ich wieder ganz froh, noch viele Bücher zu besitzen. Deren Inhalte verschwinden jedenfalls nicht klammheimlich.

    Liebe Grüße vom Neckar

    Alice

    • Hallo Alice,

      schwer zu sagen bei der Größe der Wikipedia. Ich selbst schaue ja auch nur in die paar Themenbereiche rein, mit denen ich mich selbst beschäftige. Wenn ich dann manchmal in ein mir unbekanntes Gebiet reinstolpere, bin ich ganz erstaunt, was da los ist oder auch nicht los ist.

      Außerdem muss ich dazu sagen, dass ich fast immer zuerst in die englischsprachige Wikipedia schaue und nur bei Bedarf (oder aus Neugier) ergänzend in die deutschsprachige Fassung – solange es nicht um „ur-deutsche“ Themen geht. Und da stelle ich auf jeden Fall weiterhin fest, dass die Wikipedia-Regeln recht unterschiedlich ausgelegt werden.

      Aber auch das ist wie eingangs erwähnt nur „anecdotal evidence“ aus dem, was ich mir in der Wikipedia so ansehe.

      Wie gesagt: Ich bin dankbar dafür, dass es sie gibt. Sie ist weiterhin eine erstaunliche Errungenschaft. Und trotzdem denke ich mir: Das müsste doch alles noch viel besser gehen, wenn da mal jemand ein paar schlaue Ideen hätte :)

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