Wie Big Data unsere Privatsphäre auflöst

Jeden Tag geben wir im Netz unzählige Informationen über uns preis – manchmal freiwillig, manchmal unbewusst und manchmal vollkommen nichtsahnend. Soziale Netzwerke, die Werbeindustrie, Unternehmen und andere reiben sich angesichts der rasant wachsenden Datenschätze die Hände. Michael Firnkes erklärt in diesem Artikel, dass das keine Zukunftsphantasie mehr ist, sondern alltägliche Realität. Dabei zeigt er zugleich an Beispielen auf, wohin die Reise gerade geht.

Illustration: © sakkmesterke – Fotolia.com

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Dieser Artikel basiert auf einem Kapitel des Buchs „Das gekaufte Web“, erschienen beim dpunkt-verlag. Mehr dazu am Ende des Beitrags.

Wie gläsern sind wir bereits heute?

Ein Unternehmen möchte gezielt Frauen zwischen 25 und 35 ansprechen, die Single sind, studiert haben und nach einem gleichgeschlechtlichen Abenteuer statt einer festen Beziehung suchen? Die sich aber dennoch Kinder wünschen? Oder den männlichen Pendler ab 40, der im Umkreis von 20 Kilometern wohnt, eine Fernbeziehung führt und einem Feierabend-Bier nicht abgeneigt ist? Der sich für teure Hobbys interessiert, die er sich laut seinem Einkommen auch leisten kann? Das alles sind keine Orwell’schen Zukunftsphantasien, sondern bestehende Selektionskriterien für Werbekunden bei Facebook. In den USA kommen weitere Merkmale wie die ethische Zugehörigkeit oder die politische Einstellung hinzu, doch auch bei uns wird das so genannte Targeting ständig weiter verfeinert. Wenn das Netzwerk neue Geschlechtsidentitäten wie „transsexuell“ oder „Drag“ einführt – und damit die Forderung von Lesben- und Schwulenorganisationen unterstützt –, dann geschieht dies nicht unbedingt aus rein sozialen Beweggründen heraus.

Nicht nur Facebook mischt auf diesem Markt mit, sondern auch andere soziale Netzwerke, Suchmaschinen und Onlineportale jeglicher Größe. Die notwendigen Daten für die Selektion stammen von uns selbst. Mal geben wir sie mehr oder weniger bewusst preis, über unsere Klicks und „Likes“ auf Facebook & Co. Ein andermal eher unbewusst. Indem wir uns bei einem Webdienst oder einem Shopping-Portal anmelden, ohne vorher in den AGBs nachzulesen, was das Unternehmen mit unseren Daten anstellen darf – und an wen es diese gegebenenfalls weitergibt. Zum Teil geht es auch ohne eine separate Anmeldung. Soziale Netzwerke wie Facebook arbeiten längst daran, uns außerhalb der hauseigenen Plattform zu verfolgen. Funktionen wie Social Logins, die der Authentifizierung bei Drittdiensten und anderen Webseiten dienen, und die bei den Nutzern beliebt sind, perfektionieren das Datensammeln zusätzlich.

Die Überwachung wird engmaschiger. Unternehmen sollen in absehbarer Zeit auch ihren eigenen Datenschatz – etwa eine Kundenliste – mit den Informationen des Netzwerk-Giganten kombinieren können. Schon jetzt teilt Facebook die unzähligen Informationen, die es über jedes einzelne Mitglied angesammelt hat, mit seinen Werbekunden. Zwar erhalten diese keinen Zugriff auf einzelne Datensätze. Sie wissen also nicht, welche Personen sich konkret hinter einer Zielgruppe verbergen, die mit Werbung angesprochen werden soll. Dennoch kann ein Ladengeschäft beispielsweise analysieren, wie viele Facebook-Nutzer in der näheren Umgebung leben, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren, wie alt diese sind, welchem Beruf sie nachgehen, ob sie in einer Beziehung leben, wofür sie ihr Geld ausgeben und vieles weitere mehr. Über neuere Suchfunktionen von Facebook lässt sich die Anonymität der Analysen aushebeln. Sie stehen allen Nutzern zur Verfügung, so dass jeder von uns zum Spion wird, um die Interessen, aber auch die persönlichen Daten einzelner Mitglieder herauszufinden und auszuwerten.

Der Kampf unter den Onlinegiganten ist auch ein Kampf darum, unsere Daten effizient auszunutzen.

Bislang konnte man sich – mit einigen technischen Kenntnissen – den Verfolgungsmechanismen der Online-Werbebranche zumindest teilweise entziehen. In Zukunft wird dies nahezu unmöglich sein. Der Kampf unter den Onlinegiganten ist immer auch ein Kampf darum, unsere Daten möglichst effizient auszunutzen. Der Geschäftserfolg und/oder der Aktienkurs aller großen sozialen Netzwerke, Suchmaschinen und ähnlicher Dienstleister hängt unmittelbar davon ab, wie viele ihrer Dienste wir nutzen, wie oft und wie lange dies geschieht, wie viel wir dabei freiwillig von uns preisgeben und wie gut wir uns anschließend vermarkten lassen. Wir – die Nutzer – sind nicht die Kunden der kostenlosen Dienste, sondern deren Produkt. Dieser Gedanke, der in der Netzgemeinde schon seit Längerem kursiert, kommt nur langsam bei den Konsumenten selbst an. Dabei nutzen sämtliche Onlineunternehmen erst einen Bruchteil ihrer technischen Möglichkeiten, um uns auf Schritt und Tritt mit passenden Angeboten, aber auch Meinungen zu versorgen.

Sehr persönliche Selektionskriterien von Facebook...

Sehr persönliche Selektionskriterien von Facebook…

Man muss nicht immer bei einem Onlinedienst eingeloggt sein, um beobachtet zu werden. Das schlichte „Surfen“ reicht aus, damit Onlineunternehmen ein ausgereiftes Profil über jeden von uns anlegen können – via Cookies und ähnliche Mechanismen. Welche Webseiten Sie besuchen, das lässt zahlreiche Rückschlüsse zu. Eine Methode namens Fingerprinting sammelt Daten über die individuelle Systemkonfiguration Ihres Rechners. Daraus ergibt sich ein digitaler Fingerabdruck, über den sämtliche Onlinetätigkeiten eindeutig nachverfolgbar sind. Noch erfolgt all dies anonymisiert, zumindest in den meisten Fällen. Das bedeutet: Das Web kennt Ihre Interessen, aber auch Ihre verborgenen Suchanfragen und geheimen Sehnsüchte. Es kann Sie in Echtzeit mit entsprechender Werbung versorgen – die werdende Mutter mit Anzeigen für Babykleidung, den untreuen Ehemann mit Webseiten von Familienanwälten. Die werbenden Unternehmen und Agenturen kennen jedoch nicht Ihre wahre Identität, also Ihren Namen oder Ihre Adresse. Neuere Targeting-Methoden auf Basis von mobilen Endgeräten arbeiten nun daran, den Schutz der Anonymität auszuhebeln. Dieser Schutz, den man uns Verbrauchern verspricht, ist nicht nur besonders anfällig für gezielte Angriffe. Die meisten IT-Experten gehen zudem davon aus, dass es in einer durchökonomisierten vernetzten Welt schlicht unmöglich ist, die eigene Identität zu verbergen. Privatheit wird zum Auslaufmodell.

Big Data, das Zauberwort der Onlineindustrie

Big Data, also das massenhafte Sammeln sowie die anschließende Analyse von Daten aus unterschiedlichsten Lebensbereichen, ist zu dem Zauberwort der Onlineindustrie geworden. Wenn einfache Banner nicht mehr geklickt werden oder wenn die Streuverluste klassischer Anzeigenkampagnen zu groß sind, dann muss es die Macht der Daten richten. Der Ansatz verspricht steigende Umsätze, welche die Branche gut gebrauchen kann. Denn auf einem Markt, der von Kostenlos-Content dominiert wird, fehlt es an alternativen Einnahmekonzepten. Aus den neuen technischen Möglichkeiten wird ein Angriff auf die Souveränität von uns allen, gerade im Zusammenspiel mit verdeckten Werbebotschaften. Siehe dazu das Beispiel in meinem Artikel „RoboContent, Native Advertising & Big Data: Die perfekte Online-Werbemaschine“.

Unternehmen wollen wissen, was uns bewegt und interessiert – und wie unsere Zukunft aussieht.

Wenn man sich mit dem technischen Potenzial von Big Data auseinandersetzt, so eröffnet sich der Blick in eine faszinierende und zugleich beängstigende Welt. Unternehmen wissen nicht nur immer öfter, was uns aktuell bewegt und interessiert. Sie versuchen ebenso herauszufinden, wie die persönliche Zukunft von uns aussieht, um die eigenen Dienstleistungen und Produkte rechtzeitig in Position zu bringen. Noch scheitern viele Unternehmen mit ihren computergestützten Vorhersagen, was meist an mangelhaft aufbereiteten Daten oder an den falschen Rückschlüssen liegt, die gezogen werden. Doch die Industrie holt auf, die Trefferwahrscheinlichkeit steigt. Zum Symbol der neuen Marketingwelt ist folgende Geschichte geworden, die es bis in die New York Times schaffte: Ein Vater in den USA beschwerte sich darüber, dass seine Tochter personalisierte Werbung für Babykleidung erhielt. Kurze Zeit später erfuhr er, dass sie tatsächlich schwanger war – die Algorithmen der Supermarktkette wussten es bereits vorher. Alleine aufgrund ihres Warenkorbs ließ sich berechnen, dass eine einschneidende Veränderung in ihrem Leben bevorstand.

Online wird die Maschinerie um ein vielfaches effizienter. In weniger harmlosen Fällen entscheidet Big Data zukünftig darüber, ob und welche Krankenversicherung wir erhalten. Oder – und das ist fast noch perfider – ob wir überhaupt darüber informiert werden, welche Möglichkeiten der Vorsorge es gibt. Was uns bislang hauptsächlich im Zusammenhang mit der staatlichen Überwachung Sorge bereitet, das wird sich auch die Werbewirtschaft zunutze machen. Dank Smartphone, Smartwatch und ähnlichen Geräten weiß man nicht nur, wo wir gerade sind und was wir machen. Man wird auch „sehen“, wo und warum wir uns morgen aufhalten. Und für welche Botschaften wir dabei empfänglich sind. Dabei sind es meist nicht die Geräte selbst, die unseren Gewohnheiten nachstellen, sondern die darauf installierten Anwendungen. Diese suchen wir im Übrigen mit deutlich weniger Sorgfalt aus, wenn es um Aspekte wie die Vertrauenswürdigkeit der Hersteller geht, als es bei der Hardware der Fall ist.

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Die Informationsflut, die in diesem Zusammenhang gespeichert und ausgewertet wird, nimmt schon alleine deswegen zu, weil immer mehr Protagonisten mitverdienen wollen. Wenn Onlineunternehmen verkauft oder an die Börse gebracht werden, dann erzielen sie nicht zuletzt deswegen astronomische Summen, weil der Wert der Daten mit eingepreist ist – jeder einzelne Kunde und Nutzer wird mitverkauft. So fehlt bei der Nutzung von Big Data gleichzeitig das Bewusstsein dafür, wem all die Daten gehören, die wir von uns preisgeben. Es fehlt bei den Onlineunternehmen, aber auch bei uns Nutzern. Denn wo kein Kläger ist, da kann auch kein Richter sein. Sascha Lobo formulierte es in einem Beitrag für Spiegel Online wie folgt:

Die zweitbeste Überwachungsmaschinerie der Welt nimmt die Gesellschaft einfach achselzuckend hin: Werbung im Internet. Nutzerverhalten wird ausgespäht, Interessen abgeglichen – und niemanden scheint es zu stören.

Aktuell befinden sich die werbende Industrie – aber auch die Unternehmen selbst – im Goldrausch. Und in einer Datensammelwut. Dahinter steckt das Ziel, möglichst viel über die Besucher zu erfahren, um ihnen möglichst viele passende Produkte anzubieten. Daten, mit denen man aufgrund ihrer Komplexität noch nichts anfangen kann, werden gespeichert – in der Hoffnung auf eine zukünftige Verwendung. Die gesammelten Informationen lassen sich zudem gewinnbringend an Kooperationspartner verkaufen oder für das Targeting auf Partnerportalen nutzen. Der durchschnittliche Internetnutzer wird täglich von bis zu 100 verschiedenen Werbenetzwerken beobachtet. Die Spähprogramme erfassen jede noch so kleine Bewegung im Internet und ordnen sie den mutmaßlichen Interessen der Nutzer zu. Die daraus resultierende Informationsflut ist kaum mehr zu überblicken, geschweige denn zu kontrollieren, was ihre Verwendung und Weitergabe anbelangt.

Der durchschnittliche Internetnutzer wird täglich von bis zu 100 Werbenetzwerken beobachtet.

Man muss auch hier wieder unterscheiden: Die meisten Bewegungsdaten werden anonymisiert erfasst. Der Nutzer ist lediglich ein Datensatz, der einzelnen Interaktionen oder einem bestimmten Smartphone zugeordnet werden kann. Dennoch wissen die Unternehmen in diesem Moment eine Menge über Sie. In Online-Handelssystemen bietet man auf Ihren Datensatz, um Ihnen quer durch das Web personalisierte Werbung anzeigen zu dürfen. Der höchste Preis gewinnt. Gleichzeitig bekommt jeder Internetnutzer einen Wert zugewiesen. Je mehr Daten und Interessen von Ihnen bekannt sind, umso höher fällt in der Regel der Preis aus. Man kann es sich wie eine Art Börse vorstellen. Gehandelt werden dort nicht Aktien, sondern Werbeplatzierungen für jeden einzelnen Nutzer. Das alles geschieht im Hintergrund, innerhalb von Millisekunden. Noch während Sie eine Webseite aufrufen, entscheidet der Mechanismus, welche Werbung Sie darauf zu sehen bekommen.

Onlineportale, bei denen man sich anmeldet – vom sozialen Netzwerk über das Dating-Portal bis hin zur Jobbörse – haben noch deutlich weitreichendere Möglichkeiten. Sie sammeln, was gerade noch erlaubt ist – und oftmals auch darüber hinaus. Daten werden angereichert, analysiert, extrahiert, von spezialisierten Dienstleistern mit Zusatzmerkmalen versehen, getauscht, verkauft, beim neuen Besitzer wieder angereichert … Adresshändler werben schon seit Langem damit, einen Großteil der Bevölkerung zu kennen, inklusive Angaben zum Konsumverhalten oder zu soziodemografischen Merkmalen. Das Ziel ist kein geringeres, als den gläsernen Bürger zu schaffen. Die Möglichkeiten der 1980er Jahre – als geplante Volkszählungen zu Massenprotesten führten – muten dem gegenüber lächerlich an. Heute hat fast jeder von uns einen Account bei Facebook oder Google. Innerhalb weniger Sekunden fallen dabei mehr Daten über uns an als früher in einem ganzen Jahr. Darunter verborgen sind Informationen, die ehedem aus guten Gründen in den vier Wänden und Schlafzimmern der Republik blieben. Soziale Netzwerke wissen mehr über uns als unsere Partner und engsten Freunde. Das ist kein Zufall, sondern Teil des Geschäftsmodells.

Viele Onlineportalesammeln, was gerade noch erlaubt ist – und oftmals auch darüber hinaus.

Die Anwendungsfälle sind vielfältig. Im Kreditwesen sollen Informationen aus Plattformen wie Ebay oder Facebook dazu beitragen, neue Scoring-Verfahren zu entwickeln. Sie sind bei Onlineauktionen mehrfach schlecht bewertet worden? Oder Ihr Freundeskreis bei Facebook entspricht nicht ganz den Maßstäben, die man mit einem bodenständigen Lebensstil verknüpft? Sie brauchen online recht lange, um den Kreditantrag auszufüllen? Dies erledigen Sie auf einem billigen No-Name-PC statt auf dem Apple Tablet der neusten Generation? Das gibt Minuspunkte. Kein Unternehmen kann es sich auf Dauer leisten, an Big Data vorbeizudenken. Eine Gewinnmaximierung ist fast ausschließlich auf der Basis datengetriebener Geschäftsmodelle möglich.

Mobile und das Internet der Dinge

Mobile Endgeräte spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Werbebranche träumt davon, uns zukünftig in jeder nur denkbaren Situation mit passenden Angeboten zu versorgen. Wo wir uns zu welcher Uhrzeit aufhalten, ob Freunde in der Nähe sind, was wir für die nächsten Stunden geplant haben, in welcher gesundheitlichen Verfassung und in welchem Gemütszustand wir uns gerade befinden (Hunger? Durst? Frust-Shopping?): Moderne Apps verraten es nicht nur uns, sondern auch ihren Herstellern, Partnerunternehmen, Sponsoren und Dienstleistern. Auch innerhalb der mobilen Anwendungen sind Interessenskonflikte nur schwer als solche zu erkennen. Warum empfiehlt mir die Selbstvermessungs-App den Besuch in diesem Fitness-Center? Oder warum schlägt mir die Kultur-App ausgerechnet jetzt einen Kinobesuch vor, wo ich mich in der Nähe eines bestimmten Anbieters befinde? Und wer bezahlt im Hintergrund dafür, dass wann welche Informationen fließen?

Durch die fortschreitende Digitalisierung – die nach und nach sämtliche Lebensbereiche durchdringt – steigt die Flut der Daten ins Unermessliche. In wenigen Jahren werden Institutionen der unterschiedlichsten Art Erkenntnisse über die Persönlichkeit jedes einzelnen von uns aggregieren und berechnen, die an Science-Fiction-Romane erinnern. Aktuelle Fortschritte in der Gehirnforschung, der Robotik sowie bei den Mensch-Maschine-Schnittstellen rücken die Umsetzbarkeit von Orwells Visionen in greifbare Nähe – zumindest in technologischer Hinsicht. Die düsteren Phantasien aus „1984“ müssen gar nicht erst wahr werden, damit sich unsere Gesellschaft von Grund auf verändert. Auch die abgespeckte Variante, die in vielen Bereichen mit gekauften und beeinflussenden Onlineinformationen zu tun hat, reicht aus, um bei freiheitsliebenden Menschen für Unbehagen zu sorgen. Zum Symbol für die schöne beziehungsweise weniger schöne neue Welt ist eine Erfindung von Google geworden: Google Glass. Datenbrillen und ähnliche Werkzeuge sind nicht einfach nur ein weiteres konventionelles Medium, das Informationen bereitstellt. Wie alle vergleichbaren Produkte funktionieren sie in beide Richtungen: als Empfänger, aber auch als Sender. Die neue Gerätegeneration kann hören, sehen, messen und fühlen. Im Drogeriemarkt um die Ecke müssen wir nicht mehr erwähnen, dass wir gegen bestimmte Inhaltsstoffe allergisch sind – die Smartwatch-App führt uns automatisch zum entsprechenden Regal.

Die neue Gerätegeneration kann hören, sehen, messen und fühlen.

Maschinen dienen als direkte Verlängerung unserer Sinne, und in naher Zukunft werden sie unsere Worte und Schriften tatsächlich „verstehen“. Vielleicht beschäftigen wir uns dann intensiver damit, woher die einzelnen Botschaften stammen, die sie uns als Antworten liefern. Aber auch damit, welche Daten wir preisgeben wollen. Datenachtsamkeit wird zu einer wichtigen Überlebensstrategie im digitalen Zeitalter. Amazon floppte zunächst mit einem Smartphone, das eng an den hauseigenen Onlineshop gekoppelt war. Kurze Zeit später überraschte der Onlinegigant mit einem Konzept namens Echo. Wie funktioniert die Wunderwaffe? Man stellt den unscheinbaren Zylinder im Wohnzimmer auf, und fortan hört er alle Gespräche mit – das Gerät ist permanent mit dem Internet verbunden. Echo beantwortet Fragen, spielt auf Zuruf die Lieblingsmusik ab oder kauft ein. Letzteres dürfte der eigentliche Zweck der Erfindung sein. An sich ist Echo nichts Neues. Mit einem Smartphone und passenden Anwendungen ließe sich das Gleiche erreichen, soziale Netzwerke arbeiten an ähnlichen Technologien. Die Worte, die wir sprechen, verraten im Übrigen nicht nur durch ihre eigentliche Aussage viel über uns. Sie geben modernen Analyseverfahren zusätzlich unsere momentane Stimmung, den Bildungsgrad und vieles mehr preis.

Bislang nur in den USA zu haben: Amazons Echo.

Bislang nur in den USA zu haben: Amazons Echo.

Selbst wenn Echo zunächst dasselbe Schicksal erleiden sollte wie Google Glass, so setzen sich vergleichbare Technologien doch nach und nach durch. Wird jetzt jede meiner Aussagen im Hintergrund auf versteckte Kaufwünsche analysiert? Was genau speichert Amazon auf seinen Echo-Servern? Sorgt die Box für ein bequemeres Leben oder dient sie doch eher dem Profiling? Was passiert mit intimen Aussagen, die Echo zufällig mitbekommt? Wenn ich mich mit einer Freundin über Gewichtsprobleme unterhalte, flattert dann automatisch Werbung von Diätherstellern in mein Haus, bei Babygeschrei im Hintergrund folgen Windelproben? So wie derzeit bereits Google-Mail-Nachrichten nach passenden Indikatoren durchsucht werden, um die richtigen Werbeanzeigen zuzusteuern? Will mir bald jede Industrie ein vergleichbares Gerät unterjubeln, vom Stromversorger bis zum Medienanbieter? Solche und ähnliche Fragen beschäftigen uns in Zukunft. Big Data ist überall. Und manchmal kommt die Datenkrake in Gestalt eines kleinen schwarzen Zylinders daher.

Die nächste Stufe ist das Internet der Dinge. Ob Kühlschrank, Auto, die Waage im Badezimmer, der Haustier-Futternapf, die Haustüre, das den Schlaf überwachende Bett, der Heimtrainer, der intelligente Medikamentenschrank, die im Körper messende digitale Pille, der vom Arzt verordnete Stimmungsbarometer im Smartphone und irgendwann sämtliche Produkte im Supermarkt: Sie alle werden über kurz oder lang direkt oder indirekt mit dem Internet verbunden, um sich untereinander auszutauschen. Wenn Big Data in diesem Sinne außer Kontrolle gerät, dann sind ganz neue Geschäfts- und Werbemethoden denkbar. Über manche werden wir Bescheid wissen, andere sind intransparenter Natur.

Ein paar beispielhafte Anwendungsfälle:

  • Ihr Fahrzeug meldet die anstehende Autopflege an eine Waschanlage, mit welcher der Hersteller eine Kooperation abgeschlossen hat. Schon erscheint eine passende Rabattaktion im Head-Up-Display des Wagens.
  • Der Vergleichsrechner für Versicherungen sortiert bestimmte Angebote aus, weil Ihre Selbstvermessungs-App einen zu hohen Blutdruck meldet, oder er setzt automatisch den Preis der Police nach oben.
  • Das soziale Netzwerk – auf dem Sie regelmäßig Ihre Trainingszeiten veröffentlichen – merkt, dass Sie den Sport zugunsten Ihrer Couch vernachlässigen. Und fragt an, ob sich Ihr Beziehungsstatus geändert hat. Schließlich möchte man Sie nicht mit unpassender Werbung belästigen.

Genau das ist das Problematische an den unzähligen Möglichkeiten, die uns das Internet der Dinge bietet: Was erleichtert das Leben tatsächlich, und womit möchte die Industrie lediglich ihren Umsatz ankurbeln? Was ist der Preis, den wir für jede neue Innovation zu zahlen haben? In welchen Fällen handelt es sich um einen Ratschlag, der unabhängig zustande gekommen ist? Was hingegen ist rein interessensgesteuert?

Was erleichtert das Leben tatsächlich, und womit möchte die Industrie ihren Umsatz ankurbeln?

Die vielen Werkzeuge und Apps – die von Drittanbietern erstellt oder von Unternehmen gesponsert sind – versorgen uns täglich mit subtilen Botschaften, die unser Leben beeinflussen. Iss mehr Obst, fahr nicht so schnell, der Hund braucht Futter. Wer den Algorithmus für all die Botschaften programmiert hat und welchem Datenmaterial er dabei folgt, das erfahren wir nicht. Ebenso bleibt uns in vielen Fällen verschlossen, wer den Trigger für eine bestimmte Aktion auslöst. Stammt die Grippewarnung, die uns erreicht, also von der Suchmaschine, vom Körpertemperaturmesser der Smartwatch, oder handelt es sich um den netten „Service“ eines Pharmaherstellers beziehungsweise der örtlichen Apotheke? Nicht immer wird uns dies klar sein. Und es wird uns oftmals auch nicht interessieren. Doch es geht auch umgekehrt: Wenn man das Beispiel der Beiträge zur Schutzimpfung weiterdenkt, dann wird aus dem Spiel plötzlich Ernst. Stellen Sie sich vor, Sie informieren sich regelmäßig über eine weit ernstere Krankheit oder teilen entsprechende Berichte in den sozialen Netzwerken. Wenn dieses Verhalten in Ihr Onlineprofil mit einfließt, dann werden Sie sehr viel unattraktiver für die Werbenetzwerke – und für die beauftragenden Unternehmen.

Wir überlassen es immer mehr dem Internet, über entscheidende Phasen unseres Lebens zu bestimmen. Von der Partnerwahl über die Empfehlung des richtigen Eigenheims bis hin zum interaktiven Gesundheitsplan: Ohne Daten geht nichts mehr. Doch viel zu selten fragen wir uns, wer für all die Hinweise verantwortlich ist, wie die Rechenmodelle dahinter funktionieren, welche Stärken und Schwächen sie haben und wo sie beeinflussbar sind. Zukünftig ist kein Lebensbereich mehr ausgeschlossen, wenn es um die Vorhersehbarkeit von Ereignissen und die Ableitung von Verkaufschancen geht. Der Zufall stirbt nicht aus, aber er wird deutlich seltener. Das macht unser Dasein bequemer und effizienter. Aber auch weniger selbstbestimmt. Die meisten Internetnutzer stehen den Möglichkeiten von Big Data bislang erstaunlich passiv gegenüber. Dabei schützen AdBlocker nicht davor, von der Onlineindustrie ausspioniert zu werden. Genauso wenig wie ein „Artigsein“ gegen staatliche Überwachung hilft.

Buchtipp

cover-das-gekaufte-web-200pxDieser Artikel basiert auf einem Kapitel des Buchs „Das gekaufte Web“ von Michael Firnkes, erschienen beim dpunkt-verlag. Aus der Beschreibung des Verlags:

Was wir online lesen und sehen, auf Webseiten, in Blogs und sozialen Netzwerken, das ist immer öfter verfremdet und manipuliert. Gefälschte Inhalte werden genutzt, um versteckte Werbung zu platzieren und Einnahmen zu generieren, aber auch um die öffentliche Meinung zu Gunsten von Interessensverbänden und der Politik zu steuern.

Über gezielte Desinformation, versteckte Propaganda, gekaufte Google-Platzierungen und vieles mehr wird der Nutzer zum Spielball auf diesem Milliardenmarkt. Und selbst die großen Onlinemedien mischen mit. Neue Technologien der digitalen Welt befeuern den Trend zu rein künstlich generiertem Content. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir uns entscheiden müssen: Zwischen einem „freien“ oder einem von kommerziellen Interessen beherrschten World Wide Web.

Das Buch deckt auf verständliche Weise die unterschiedlichen Methoden der Manipulation auf. Es zeigt, wie fremdgesteuerte Inhalte alle Internetnutzer betreffen, geht aber gleichzeitig auf mögliche Auswege und Lösungsmöglichkeiten ein. Als Plädoyer für ein nachhaltig unabhängiges Internet.

Das Buch „Das gekaufte Web“ findet man hier direkt bei dpunkt. Außerdem ist es bei Amazon erhältlich: als gedrucktes Buch* sowie als Kindle-Edition*.

*Diese sind Affiliate-Links. Bedeutet: Wenn Sie darüber kaufen, bekommen wir etwas davon ab. Für Sie ändert sich nichts.

Artikel vom 09. Mai 2016