Beruflicher Neustart: Der Sprung in die Selbstständigkeit als Befreiungsschlag

Aus dem grauen Alltag entfliehen. Den langweiligen Job hinschmeißen. Die nervigen Kollegen vergessen. Das tägliche im Stau stehen im Berufsverkehr links liegen lassen. Mehr Geld verdienen. Sein Leben selbst bestimmen. Sein eigener Herr sein. Freiheit! Es gibt viele Gründe, warum Arbeitnehmer immer wieder davon träumen, ihre Festanstellung gegen das Leben als Freelancer zu tauschen. Wir haben drei junge Gründer befragt, wie es zu ihrem beruflichen Neustart kam und wie es ihnen damit geht.

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Freiheit gewinnen, sein berufliches Fortkommen selbst in die Hand nehmen, Ideen verwirklichen – es gibt viele Gründe, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Und gelegentlich sieht das vielleicht sogar mal so locker aus wie auf diesem Bild… (Foto: © UBER IMAGES, Fotolia.com)

Man muss es zugeben: Es klingt extrem verlockend, was eine Selbstständigkeit mit sich bringt – oder besser gesagt: mit sich bringen kann.

Denn wir alle wissen: Theorie und Praxis sind zweierlei Dinge. Der alte Spruch, „Selbstständig zu sein, heißt selbst und ständig zu arbeiten“ drückt es sehr passend aus. Wie so oft steckt hier mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit dahinter. Jeder zehnte Erwerbstätige in Deutschland ist selbstständig, das sind rund vier Millionen Menschen. Die leben sicherlich nicht alle ganz sorgenfrei und entspannt ihre Träume aus, sondern müssen viel und hart dafür arbeiten.

Wie komme ich an neue Aufträge heran? Wie generiere ich genügend Umsatz? Woher kriege ich das Geld für die benötigten Investitionen? Was mache ich, wenn ich mal krank werde? Diese und ähnliche Probleme treiben das Heer der Selbstständigen tagtäglich um. Viele kriechen seit Jahren sogar am Existenzminium herum und können über so etwas wie Mindestlohn nur verbittert lachen. Die Zeitschrift „Die Welt“ titelte dazu mal: „Selbstständigen sind die neuen Niedriglöhner“.

Siehe dazu auch den UPLOAD-Artikel „Leben als Freelancer: Eine persönliche Entmystifizierung und Liebeserklärung“ von Falk Hedemann.

Trotz all dieser Probleme, Ängste und Nöte gibt es jedes Jahr Zehntausende, die den Sprung ins kalte Wasser des Freelancer-Daseins wagen. Warum? Weil sie es so wollen. Drei Beispiele:

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Stabilität gegen Freiheit getauscht

Maximilian Soltner

Maximilian Soltner

„Ist das geil! Darauf habe ich Bock! Ich mache das, was ich will“, das sagt sich Maximilian Soltner jeden Tag. Er freut sich jeden Morgen aufs Aufstehen. Und jeden Abend möchte er am liebsten gar nicht ins Bett, weil er sich wie ein kleines Kind auf den nächsten Tag freut als wäre es Weihnachten.

Maximilian hat es geschafft. Der Badner gründete zusammen mit einem Freund ein Startup. Als Travel Homie geben sie Reisetipps und vermitteln individuelle Urlaubswünsche. Das läuft nicht über einen Laden in der Fußgängerzone oder über eine Webseite, sondern über WhatsApp. So etwas gab es zuvor noch nicht. Maximilian beschritt damit komplett neues, unbekanntes Terrain – und hat Erfolg damit. Laut ihm entwickelt sich das junge Unternehmen prächtig, acht Mitarbeiter plus einer französischen Dogge namens „Zelda“ kann es vorweisen. So wie es aktuell scheint, hat es der 27-Jährige geschafft. Er lebt seinen Traum.

Ist das geil! Darauf habe ich Bock! Ich mache das, was ich will.

Doch der Weg dorthin war verschlungen und steinig. Nachdem er 2008 in Pforzheim sein Abitur machte, zog er nach Köln, um in einem Startup eine Design-Ausbildung zu beginnen. Das war sein erster Pivot im Leben: Weg von den Schulbüchern und raus aus der Heimat, hin in eine neue Stadt, um das erste eigene Geld verdienen. Nachdem er während der Lehre die Firma wechselte (von einem Startup gleich zum nächsten), merkte er, dass das Angestelltenleben nichts für ihn ist. Also zog er nach seiner Lehre nach München und gründete zusammen mit drei anderen seine erste eigene Firma: eine Agentur für Design und Facebook-Anwendungen.

Viele Gründer, gerade wenn sie noch jung und erfahren sind, scheitern mit ihrer ersten Firma. So sah es bei Maximilian anfangs nicht aus: Die Agentur lief prächtig, nach einem Jahr hatte sie bereits 20 Leute auf ihrer Payroll. Diese wurden durch Projekte mit Großkunden bezahlt. Aber die Firma wuchs zu schnell, die Medienwelt wandelte sich rasch und Maximilian und seine Mitgründer wurden von ihren Management-Fehlentscheidungen eingeholt. Es kam, wie es kommen musste: Nach monatelangen Diskussionen mit dem Gesellschafterkreis beschloss er, sein „Baby“ zu verlassen. Eine harte Entscheidung, doch sie musste sein. Er brauchte also mal wieder einen Restart.

Das Travel Homie Team

Das Travel Homie Team

Doch Maximilian fehlte eine zündende Idee und die Motivation. Durch den Weggang aus seiner eigenen Firma fiel er in ein Loch. „Das war die härteste Zeit meines Lebens“, so beschreibt er seine damalige Situation. Daraus kam er nur langsam wieder heraus. Aber er musste. Also machte er beruflich auf Sparflamme weiter. Er arbeitete ein, zwei Tage die Woche als Freelancer, den Rest konzentrierte er sich auf sein Leben: Rennrad fahren, Freunde treffen, den Kopf frei kriegen.

Schließlich wagte er mal wieder einen Kurswechsel. Er dachte, er brauche nach der Pleite als Selbstständiger wieder Stabilität in seinem Leben – so begab er sich erneut in eine Festanstellung. Dieses Vorhaben ging (O-Ton) „völlig in die Hose“. Obwohl die Firma, in der er arbeitet, klasse war, fühlte er sich fehl am Platze. Maximilian merkte, dass er nicht der Typ Mensch ist, der jeden Tag zu geregelten Zeiten ins Büro gehen kann. Also kündigte er nach zwei Monaten.

Es folgte der Wandel des Wandels. Maximilian konzentrierte sich wieder auf das, was er kann und auf das, was er will. Also zog er zurück nach Köln und gründete dort Mitte 2014 zusammen mit einem früheren Arbeitskollegen das Unternehmen Travel Homie. Damit ist er jetzt glücklich. „Man wird nur dann richtig gut in dem was man macht, wenn man es mit voller Hingabe und Freude machen kann“, erklärte uns der Badner.

Diese Aussage kann Christoph Volpert unterstreichen. Der 28-Jährige befindet sich gerade an einem wichtigen Wendepunkt in seinem Leben:

Eine brutzelnde Zukunft

Christoph Volpert

Christoph Volpert

Der junge Familienvater könnte ein geregeltes Leben führen. Er ist bei einem Weltunternehmen fest angestellt, hat dort einen guten Job und kriegt jeden Monat sicher sein Gehalt. Eigentlich könnte Christoph zufrieden sein. Doch das ist er nicht. Er will mehr Eigenverantwortung. Raus aus den Grenzen eines großen Unternehmens, rein in die Selbstständigkeit – und das „volle Kanne“. „Meine Frau sagt, ich habe Hummeln im Arsch“, so Christoph, „also muss ich etwas anderes machen“.

Etwas anderes heißt bei ihm: Er startete Anfang 2016 einen Onlineshop für Grillzubehör. Das mag banal klingen, ist es aber nicht. Denn unter dem Namen Chris Chill’n’Grill vertreibt Christoph keine Produkte, die man aus dem Baumarkt kennt, sondern Eigenanfertigungen. Von der sogenannten SizzleProtection (einem speziellen Spritzschutz für Gasgrills) bis hin zum multifunktionalen Warmhalterost wurde fast alles, was man auf seiner Webseite kaufen kann, vom ihm erfunden und umgesetzt. Das kommt an. Sogar so gut, dass sein Onlineshop gleich am Anfang vierstellige Umsätze verzeichnen konnte, mittlerweile bewegt er sich jeden Monat im fünfstelligen Bereich.

Dieser Erfolg kam natürlich nicht über Nacht. Früher war Chris Chill’n’Grill kein Onlineshop, sondern ein Food-Blog auf Facebook. Dort zeigte der passionierte Griller schöne Fotos von seinem Hobby. In anderthalb Jahren baute Christoph so eine kleine Community mit rund 3.000 Fans auf. Diesen präsentierte er nicht nur seine leckere Grill-Zubereitungen, sondern auch seine Erfindungen. „Plötzlich schrieben mich unzählige Leute an, ob ich Ihnen meinen selbstgebauten Warmhalterost verkaufen könne“, erklärt Christoph die Anfänge. „Ich fühlte mich geehrt, stimmte zu und schloss meine ersten Deals über den Facebook-Messenger ab. Verrückt.“

Screenshot der Website

Screenshot der Website: ein Fest für Grillfans

Als die Anfragen nicht nachließen, beschloss er, aus dem Hobby-Projekt ein eigenes Unternehmen zu machen. Und das, obwohl er keine Ahnung von Webdesign, Onlineshops, Marketing, Finanzabrechnungen oder dergleichen hatte. Aber Christoph spürte, dass ihm sein Grillzubehör die einmalige Gelegenheit bot, damit durchzustarten und seinen Traum einer Selbstständigkeit umzusetzen. Also legte er einfach los. Er setzte mit Jimdo eine Webseite inklusive Shop auf, fragte seiner Steuerberaterin Löcher in den Bauch und betrieb PR und Marketing, indem er sich mit Grill-Spezialisten auf Facebook und YouTube vernetzte. Der Plan ging auf.

Das ganze Leben ist ein Risiko.

Christoph ist zwar immer noch fest angestellt und betreibt Chris Chill’n’Grill zusammen mit seiner Frau nebenher, doch mittlerweile haben sie ihre Grenzen erreicht. Beruf, Kind, Freunde und dann noch ein kleines Unternehmen unter einen Hut zu bringen gestaltet sich extrem schwer. Deswegen will der Wahl-Hesse bald einen mutigen, aber wichtigen Schritt gehen: Er gibt seinen Job auf und wird sich zu 200 Prozent auf sein Ding konzentrieren. Neben dem Online-Shop hat er noch weitere Konzepte, die er unbedingt umsetzen möchte. Die erfordern hohe Investitionen. Aber das schreckt Christoph nicht ab: „Das ganze Leben ist ein Risiko.“

Doch diese Aussage schränkt er ein. Denn wagemutig sei er nicht. Egal, wohin ihn nun sein Weg bringen wird, eines ist für ihn dabei immer wichtig: Er möchte mit seiner Selbstständigkeit die Familie ernähren können. Er sei kein Weltverbesserer und kein Tagträumer. Alles, was er anpackt, muss irgendwie Geld abwerfen. Sein Ziel ist es, seinem Lebenstraum umzusetzen und dabei so viel Geld zu verdienen, dass er sich, seine Frau und seine Tochter finanziell ohne Probleme absichern kann.

Das ist ein hehres Ziel. Ob er es schaffen wird? Selbstständig zu sein, kann ganz schön hart sein. Das musste beispielsweise auch Jochen Roos erfahren. Der studierte Landschaftsarchitekt startete ebenfalls vor ein paar Jahren einen Onlineshop. Allerdings nicht in Deutschland, sondern in Spanien:

Ökologisch, aber nicht profitabel

Jochen Roos mit Frau Carmen Gonzales-Roos

Jochen Roos mit Frau Carmen Gonzales-Roos

Jochen ist wie Maximilian in Süddeutschland aufgewachsen. Besser gesagt: im schwäbischen Teil von Baden-Württemberg. Tugenden wie „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ legte man ihm quasi in die Wiege. Auch für ihn war immer klar, dass er selbstständig sein möchte.

Somit war es für ihn kein Problem, nach dem Studium seiner Liebe nach Spanien zu folgen. Dort heiratete er, bekam einen Sohn und gründete in Sevilla einen Online-Vertrieb für ökologische Büromaterialien. Das Konzept klang für Jochen damals spannend und erfolgsversprechend. Denn während sich in Deutschland die Öko-Bewegung über Jahrzehnte hinweg durchgesetzt hatte, war Spanien in dieser Hinsicht noch ein Entwicklungsland. Ein fruchtbarer Boden, der gepflügt werden musste. Eine Nische, die bislang noch kein anderer besetzt hatte. Das alles klang nach den idealen Voraussetzungen, um etwas Neuartiges und Großes zu schaffen. Zumal Jochen nicht nur Produkte von Drittherstellen anbot, sondern unter seinem Label Dinamo auch selbst produziertes Office-Zubehör wie Computertische vertrieb.

Die Sonne, das Essen, den Lebensstil und die reizende Kultur Spaniens genießen und nebenbei mit seiner Firma erfolgreich sein: Das ist ein Traum, den viele verfolgen – und am Ende daran scheitern. So kam es auch für Jochen. Die Bürokratie und die Strukturen in Spanien machten ihm zu schaffen, Hacker setzen seinen Onlineshop einige Monate außer Gefecht, das ökologische Bewusstsein kam in der spanischen Gesellschaft nur sehr schleppend voran und die schwere Wirtschaftskrise verhagelte schließlich jede Art von Hoffnung. Trotzdem biss sich Jochen durch, nahm Kredite auf, bat Freunde um Hilfe, arbeitete unermüdlich an seinem Traum.

Ich kann es einfach nicht lassen!

Doch nach fünf Jahren musste er die Reißleine ziehen. Es folgte ein Pivot. Er entließ alle Mitarbeiter und stellte radikal das Geschäftsmodell um. Der Onlineshop blieb bestehen, aber anstatt Produkte von vielen verschiedenen Herstellern anzubieten, konzentriert man sich nun nur noch auf ganz wenige. Diese übernahmen auch das Fullfillment. Das führte zwar zu Abhängigkeiten und die Marge sank, aber die Komplexität wurde massiv reduziert. Zudem schaffte man das Büro, das Lager und andere Kostenblöcke ab. Und Jochen zog vor drei Jahren zusammen mit seiner Familie zurück nach Deutschland, seine Frau betreibt seitdem das Business nur noch nebenher. Aber das reicht aus, um den Webshop am Leben zu erhalten und die Kunden zufrieden zu stellen. Mittlerweile verzeichnet Dinamo wieder Zuwächse und positive Zahlen.

Und Jochen? Nachdem er zuerst drei Jahre lang bei unterschiedlichen Betrieben fest angestellt war, um für finanzielle Sicherheit zu sorgen, wagt er diesen Herbst wieder den Sprung in die Selbstständigkeit. Dieses Mal als Landschaftsarchitekt. Doch auch hierfür hat er einige neuartige Ideen, die er unbedingt noch umsetzen möchte. Und nebenher sitzt er an weiteren Konzepten. Eines hat auch wieder etwas mit Ökologie und einem Onlineshop zu tun. „Ich kann es einfach nicht lassen“, so Jochen mit einem breiten Grinsen.

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Fazit

Es nicht lassen können, Bock auf sein Ding haben oder Hummel im Hintern – das sind drei Gründe von vielen, warum man sich in die Selbstständigkeit wagt, um im Leben neu durchzustarten. Das dürfte vielen bekannt vorkommen. Auch der Chef kann der Auslöser für den Sprung ins Wasser sein. „Fehlende Wertschätzung der Manager wird immer seltener durch ein hohes Gehalt ausgeglichen“, erklärte uns Corinna Haas, HR-Expertin für Startups bei CO3Recruitung. „Die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns tritt gegenüber der vermeintlichen Sicherheit einer Festanstellung mehr in den Vordergrund.“

Arbeit als Sinn des Lebens, zumindest teilweise? Ja, das kann man nachvollziehen. Immerhin verbringen wir große Teile unserer Lebenszeit im Berufsleben. Warum sollte man diese kostbaren Stunden, Wochen und Jahre mit etwas verschwenden? Dazu Haas ergänzend: „Wir leben im Luxus einer gesättigten Gesellschaft, in der das Individuum nach Selbstverwirklichung und Glück streben kann.“

Nach Glück streben und das selbst in die Hand nehmen – das scheint der Motor der Entrepreneure zu sein. Gibt es etwas Schöneres?

Wie ist das bei Ihnen? Wollen Sie auch mit einem Startup Ihre Ideen verwirklichen oder eine andere Form des „Life Reboot“ durchführen? Wie sind Ihre Erfahrungen, Meinungen und Gefühle? 

Artikel vom 12. September 2016