New York Times Reader 2.0 und die Zeitung der Zukunft

Die New York Times zeigt mit ihrem Times Reader, in welche Richtung sich Zeitungen in Zukunft entwickeln. Der Reader ist ein Programm, das seine Daten aus dem Internet bezieht, aber auch ohne Netzzugang funktioniert. Er zeigt die aktuelle Ausgabe der New York Times augenfreundlich und bildschirmoptimiert an und bringt dazu weitere Inhalte, die die gedruckte Zeitung nicht bieten kann – tagesaktuelle Nachrichten und Videos beispielsweise. Das alles ist eine recht praktische Benutzeroberfläche verpackt. Kurz gesagt: So sollten Online-Zeitungen heute aussehen. Und so kann man sich auch künftig Zeitungen in Zeiten des Internets vorstellen.

 Schreenshot des Times Reader

Screenshot des Times Reader.

Zeitungen und Internet – eine Geschichte voller Missverständnisse

Viele Versuche gab es in den vergangenen Jahren, die Zeitung ins Internet zu bringen. Sehr oft wurden dabei die Besonderheiten des Netzes schlichtweg ignoriert. Man feierte es stattdessen als großen Erfolg, wenn mit allerlei technischem Schnickschnack die Zeitung im Internet so aussah wie die gedruckte Ausgabe. Das aber war weder bequem zu bedienen, noch gut zu lesen, noch in irgendeiner Weise sinnvoll.

Wenn man die Zeitung in die Zukunft hinüberretten will, muss man alte Zöpfe abschneiden und sich von liebgewonnenen Details trennen, die außer Nostalgie keinen weiteren Wert haben. Was dann übrig bleibt, sind die eigenen Stärken. Zudem muss man das Internet und seine technischen Möglichkeiten als Chance begreifen, etwas Neues und Anderes zu machen, was die gedruckte Zeitung bislang nicht bieten konnte.

In diese Richtung weist uns der Times Reader der New York Times. Und, nein: Ich halte das Produkt noch nicht für das Beste, was man überhaupt machen kann. Aber es macht doch sehr viel richtig und ist ein gutes Beispiel.

Was der Times Reader ist und kann

Der Times Reader ist ein Programm, das man sich kostenlos herunterladen kann. Er läuft unter Windows, Mac OS X und Linux, sofern auf dem Rechner Adobe AIR vorhanden ist – was wiederum kostenlos bei Adobe zu bekommen ist. Adobe AIR ist eine immer populärer werdende Grundlage für Programme, die zum einen unter allen drei verbreiteten Betriebssystemen laufen und zum anderen Inhalte aus dem Internet beziehen.

Hat man den Times Reader installiert und gestartet, lädt er als erstes die Inhalte der aktuellen Ausgabe. Von der Optik her erinnert es an die Zeitung, denn der Reader übernimmt daraus gute und bewährte Ideen, verändert das Layout aber so, dass es optimal auf den Bildschirm passt.

So ist das Layout beispielsweise im Querformat, um den Computerbildschirm optimal auszunutzen. Die Texte sind wie bei der gedruckten Zeitung in Spalten gesetzt – nicht etwa aus Nostalgie, sondern weil es lesefreundlicher ist, wenn die einzelnen Zeilen nicht zu lang sind. Übernommen ist auch das Modell einer Seite mit einer festgelegten Größe. Diese Größe bestimmt hier nur eben nicht das Papier, sondern der Bildschirm. Das heißt: Man scrollt nicht durch den Text wie auf einer Website, sondern “blättert” zur nächsten Seite, sobald es soweit ist. Das finde ich sehr praktisch, vor allem in Verbindung mit den Tastaturbefehlen: Man bewegt sich hauptsächlich mit den Pfeiltasten durch die Ausgabe. Hier sind alle Befehle aufgelistet.

Wer möchte, kann aber natürlich auch den Mauszeiger zur Navigation nutzen. Auf der linken Seite des Programmfensters finden sich alle Rubriken und mit dem Klick auf entsprechende Bedienelemente bewegt man sich durch die Inhalte.

Gutes Detail: Ist die Ausgabe einmal geladen, kann man sie auch ohne Internetzugang lesen, denn die Inhalte befinden sich lokal auf dem eigenen Rechner. Neben der aktuellen Ausgabe werden bis zu sechs vorherige Ausgaben auf dem Rechner gespeichert.

Ebenfalls praktisch: Die Schriftgröße kann in drei Stufen verändert werden.

Zusätzlich zu den Inhalten der gedruckten New York Times gibt es tagesaktuelle News, außerdem einen eigenen Abschnitt für Fotos und für Videos. Nicht zuletzt hat es auch ein digitales Kreuzworträtsel in den Times Reader geschafft.

Übrigens: Nur einige Inhalte sind im Reader kostenlos. Will man alles lesen, schließt man ein Abo für 14,95 US-Dollar pro Monat ab. Das kann man jederzeit wieder kündigen – keine Abolaufzeit, keine Kündigungsfrist. Diese sehr kulante Regelung wird sicher manche Interessenten zu einem Test motivieren. Zudem finde ich das Abomodell bei einer Zeitung sinnvoller als den Einzelverkauf von Artikeln, denn die eigentliche Leistung der Zeitung besteht in erster Linie in der Zusammenstellung der Nachrichten und im Setzen von eigenen Themen, aber nur in zweiter Linie im einzelnen Artikel. Beim Einzelverkauf stünde die Zeitung jedesmal in Konkurrenz zu hunderten oder tausenden anderen Informationsquellen im Netz. Das Gestamtpaket “New York Times” aber gibt es nur einmal. Fragt sich nur, warum man nicht wie beim gedruckten Vorbild auch einzelne Tagesausgaben kaufen kann.

… im Vergleich zur gedruckten NYT

  • Alle Inhalte sind durchsuchbar.
  • Multimediale Angebote wie Fotogalerien und Videos.
  • Tagesaktuelle News.
  • Direkte Verlinkung zu weiterführenden Informationen im Internet.
  • Man kann immer die sieben aktuellsten Ausgaben dabei haben – bspw. auf seinem Laptop.
  • Leseerlebnis am Monitor nicht so angenehm wie auf Papier oder mit E-Ink-Display.
  • Passende Hardware (z.B. Laptop) deutlich unhandlicher und unpraktischer, sofern man sie nicht sowieso dabei hat.

Gleich sind die beiden Modelle übrigens in einem Punkt: Die aktuelle Ausgabe ist immer automatisch da – die gedruckte steckt morgens im Briefkasten, die digitale holt sich der Reader selbst aus dem Internet.

… im Vergleich zur Website der NYT

  • Funktioniert auch ohne Internetzugang.
  • Neue Inhalte sind automatisch da.
  • Layout besser an den Bildschirm angepasst.
  • Einfachere Navigation mit Tastaturbefehlen.
  • Archiv nur für die sieben neuesten Ausgaben.
  • Optik auf den vorgegebenen Platz beschränkt.

Die genannten Pluspunkte könnte man übrigens auch direkt im Browser umsetzen, was bei der New York Times aber nicht der Fall ist.

Fazit

Der größte Nachteil des Times Reader ist die heute zur Verfügung stehende Hardware. Man stelle sich dieses Angebot auf einem leichten und kompakten Tablet vor und schon haben wir die Zeitung der Zukunft vor uns. Noch einen Schritt weiter würde uns vielleicht ein Gerät mit einem augenfreundlichen Display aus “elektronischem Papier” (wie E-Ink) bringen. Hier muss man sich einmal den Amazon Kindle anschauen, auf dem die New York Times übrigens auch vertreten ist.

Momentan ist das sinnvollste Gerät für den Einsatz des Times Readers ein Laptop. Wer sowieso sein Laptop zur Hand hat und beispielsweise bei Dienstreisen im Zug oder generell unterwegs seine Zeitung lesen will, kann sie nun immer dabei haben. Denkbar ist ebenfalls, dass sich der Times Reader auch am Schreibtisch in den Tagesablauf integrieren lässt, schließlich wird hier sowieso bereits gern nach aktuellen Nachrichten im Netz geschaut und der Reader aktualisiert sich von allein, was einen kleinen Bonus zu einer normalen Website bringt, die ich zunächst erst wieder im Browser aufrufen muss. Die Layouter haben dabei alles unternommen, das Leseerlebnis so angenehm wie möglich zu machen, auch wenn ein normales Computer-Display natürlich nicht mit Papier oder E-Ink mithalten kann.

Amazon Kindle 2 und die New York Times

Die New York Times ist auch auf Amazons Kindle zu abonnieren – am Ende dank E-Ink-Display das bessere Nutzungserlebnis im Gegensatz zum Laptop?

Ob man wirklich eine eigene Applikation benötigt, ist eine offene Frage. Rein rational betrachtet hat sie gegenüber einer Website im Browser kaum Vorteile – abgesehen davon, dass sie vielleicht noch etwas bequemer wirkt. Aber bekanntlich ist der Mensch nicht rein rational. Und irgendwie ist es etwas Besonderes, das NYT-Icon auf dem eigenen Computer zu sehen und zu wissen: Da steckt jetzt die New York Times drin. Es ist vielleicht der eine entscheidende Tick mehr, den es braucht, damit jemand Geld ausgibt. Aber das führt an dieser Stelle zu weit. Um bezahlte Inhalte wird es hier bei UPLOAD demnächst wieder gehen.

Sehr gut finde ich, dass der Reader auch ohne Internetzugang funktioniert und dass die Macher die Inhalte der gedruckten Zeitung mit Online-Inhalten wie aktuellen News, Fotogalerien und Videos ergänzen. Genau das könnte aus meiner Sicht viele Leser ansprechen: Zum einen die Gewissheit, sehr aktuell alles Wesentliche des Tages zu erfahren und zum anderen das Gefühl, durch die Berichte der Zeitung auch auf neue Themen und Sichtweisen zu stoßen, die man ansonsten nicht mitbekommen hätte.

Für mich steht generell gar nicht zur Debatte, dass es so etwas wie eine Zeitung als mediales Angebot und Darreichungsform von Informationen auch künftig geben wird. Die Frage der nächsten Jahre ist aber weiterhin, wie ihre Online-Variante aussehen wird.

Und da ist der Times Reader auf jeden Fall ein gutes und anregendes Beispiel.

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5 Gedanken zu „New York Times Reader 2.0 und die Zeitung der Zukunft

    • Ja, absolut. Was an dem Thema etwas frustrierend ist: Im Grunde heißt es schon seit vielen Jahren, dass es bald passende Hardware geben wird. Aber wenn ich mir die Entwicklung im Bereich der mobilen Geräte und bei E-Ink-Displays momentan ansehe, habe ich eine gewisse Hoffnung, dass es jetzt wirklich “bald” soweit sein wird. Aber frag mich bitte nicht, was “bald” in Monaten oder gar Jahren bedeutet ;-)

  1. Spannend in diesem Zusammenhang wären auch Netbooks mit Hybrid-Displays, welche gerade als Prototypen auf der Computex in Taiwan gezeigt wurden und die mit einem Knopfdruck die Vorteile von e-Ink Technik & leistungsfähiger Hardware (naturgemäß eher nicht in eReadern zu finden) kombinieren.

    Für die Wiedergabe von Zeitungen auf “klassischen” eBook-Lesegeräten ist ein berührungsempfindlicher Bildschirm (am besten multitouch-fähig) ein Muss. Die TAZ bietet ja seit einigen Wochen ein Digiabo mit epub-Daten an, was ich mal auf dem Sony Reader getestet habe. Die Usability lässt doch sehr zu wünschen übrig (Video bei mir folgt). Ein Schritt nach vorn könnte hier der Kindle DX mit 9,7″ Display sein, der am kommenden Dienstag bei Amazon US debutiert.

    Hinzu kommt natürlich, dass es sich bei aktuellen digitalen Zeitungen immer noch um statische Inhalte handelt, die da übermittelt werden. Was bei hierzulande erhältlichen Lesegeräten (kein Funkmodul an Bord), wäre in den USA schon jetzt anders möglich. Der Amazon Kindle hat ja ein 3G-Modem an Bord, über den die Zeitungen auch direkt aufs Gerät übermittelt werden – warum immer nur die von gestern (“nichts ist älter…”) und nicht die beim Abruf neuste Version?

    Da wären aber zunächst einmal die Verlage in der Pflicht, müssten natürlich auch kommerzielles Potenzial sehen. Denkbar wäre vielleicht immer aktuelle Bereiche (Seite 1, letzte Meldungen) in Kombination mit statischen Inhalten wie Reportagen. Also in etwa das, was du (=Jan :) oben skizziert hast.

    Ciao
    Johannes

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