Erfahrungsbericht: Warum mich die 4-Tage-Woche besser macht

Die vielfältigen Diskussionen zum Themencluster New Work beinhalten zwar immer wieder auch die Arbeitszeit und die verschiedenen Organisationsmodelle von Arbeit, aber vom klassischen 9-to-5 mit einer Arbeitszeit von 40 Stunden an fünf Tagen die Woche wird in der realen Arbeitswelt nur sehr selten abgerückt. Dabei zeigen verschiedene Studien, dass das eigentlich eine gute Idee wäre. Artikelautor Falk Hedemann arbeitet seit einem Jahr in einer 4-Tage-Woche. Was als Experiment startete, ist für ihn heute nicht mehr wegzudenken. Warum das so ist, möchte er mit diesem Erfahrungsbericht zeigen.

Symbol Woche
(Foto: @ gustavofrazao, depositphotos.com)

Die Idee und wie es dazu kam

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, nur an vier Tagen die Woche zu arbeiten? Noch dazu als Selbstständiger! Heißt es nicht immer: „selbst und ständig“? Zumindest höre ich das sehr oft von selbstständigen Kollegen aus der Digital-Branche. Tatsächlich wäre es überhaupt kein Problem für mich, ständig zu arbeiten – wenn es nur um die Gelegenheit ginge. Und damit nähern wir uns langsam einer ersten Antwort auf die Frage nach dem Ursprung meines Experiments.

Ich beschäftige mich schon seit längerer Zeit mit dem Themenkomplex Neue Arbeit. Mich fasziniert vor allem das Ursprungsmodell von New Work von Frithjof Bergmann sehr. Die Frage „Was willst du wirklich, wirklich tun?“ hat bei mir tiefe Spuren hinterlassen und sorgt seitdem zuverlässig dafür, dass ich immer wieder Dinge in Frage stelle, die mit meiner Arbeit und deren Organisation zu tun haben:

  • Was mag ich an meiner Arbeit, was nicht so sehr? 
  • Was kann ich anders machen, damit ich zufriedener mit meiner Arbeit bin? 
  • Welche Faktoren kann und muss ich akzeptieren, damit ich meine ökonomische Existenz nicht gefährde? 
  • Welche Faktoren sind dagegen für mich verzichtbar? 
  • Was funktioniert für mich gut, was nicht?

Die ersten vier Fragen haben mehr mit dem generellen Setup zu tun. Bei der letzten Frage geht es dagegen um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Dafür muss man sich also regelmäßig Zeit nehmen, um immer wieder Dinge zu entdecken, die man verbessern kann.

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An dieser Stelle musste ich mich zugegebenermaßen erst selbst von der Wichtigkeit überzeugen, denn diese zeitliche Investition zahlt sich nicht direkt monetär aus. Gerade für Freelancer ist Zeit eine extrem wichtige Ressource. Und mal ehrlich: Kämpfen wir auf der Suche nach der maximalen Effizienz nicht schon gegen eine Vielzahl von Produktivitätskillern? Müssen wir uns da selbst noch Zeiten für „Nicht-Arbeit“ einbrocken?

Effektivität und Produktivität lassen sich nicht einschalten wie die Schreibtischleuchte oder beliebig hochschrauben wie der Kaffeekonsum.

Die Antwort ist ein klares: Ja! Effektivität und Produktivität lassen sich nicht einschalten wie die Schreibtischleuchte oder beliebig hochschrauben wie der Kaffeekonsum. Wer produktiv arbeiten möchte, muss dafür die Voraussetzungen schaffen. Dazu gehört eine schonungslose Selbstanalyse: 

  • Womit verbringe ich meine Arbeitszeit? 
  • Was lenkt mich ab?
  • Was macht produktive Tage aus?
  • Welche Probleme gab es an unproduktiven Tagen?
  • Wie lassen sich unproduktive Tage in produktive verwandeln?

Bei meiner Selbstanalyse erkannte ich eine auffällige Häufung, die kein Zufall sein konnte: Mein unproduktivster Tag war der Freitag. Trotz langer To-Do-Listen konnte ich zum Ende der Woche in unschöner Regelmäßigkeit nur wenig bis gar nichts abhaken.

Statt konzentriert zu arbeiten, war ich sehr anfällig für Ablenkungen. Nur mal kurz bei Twitter vorbeischauen. Lebt Facebook eigentlich noch? Oh, eine neue E-Mail…

An solchen Tagen vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Irgendwann stellt man ganz erschrocken fest, dass man sich bereits dem Feierabend nähert und man noch gar nichts erledigt hat. Dafür hat man nahezu jede Ablenkung genutzt. 

Zwischenstand: Etwas ist falsch mit dem Freitag – nur was?

Bei meiner Selbstanalyse hatte ich also erkannt, dass ich freitags nicht produktiv bin, weil ich mich gerne ablenken lasse. Blieb die Frage: Warum am Freitag?

Der Freitag war bei mir schon länger ein besonderer Tag: Ich hatte ihn zunächst nicht bei meiner Wochenplanung berücksichtigt, um für den Fall der Fälle einen zeitlichen Puffer zu haben. So konnte ich kurzfristige Aufträge annehmen, und trotzdem meine bestehenden Arbeiten fristgerecht erledigen. Und natürlich dauert eine Aufgabe auch mal länger als kalkuliert oder es kommt einfach irgendetwas dazwischen.

Mein Deal mit mir selbst war folgender: Sollte ich die Woche sehr produktiv gearbeitet haben, gab ich mir den Freitag frei. Das hörte sich gut an, funktionierte aber nicht zufriedenstellend, denn hier schlug das Parkinsonsche Gesetz zu: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ Ich arbeitete also doch recht häufig am Freitag, weil ich immer im Hinterkopf hatte, dass ich noch eine zeitliche Reserve zur Verfügung hatte.

Der als Motivation gedachte „Freitag“ wurde wieder zum Workday, der mich zudem noch frustrierte, weil ich nichts schaffte.

Abgelenktheit als Warnsignal

Ich beschäftigte mich dann intensiver mit Themen wie Produktivität, Effektivität und Motivation, um für mich einen Ausweg zu finden. Dabei stieß ich auf ein Zitat von Kyle Cease, dem Autor von „I Hope I Screw This Up: How Falling In Love with Your Fears Can Change the World“, der über die Ablenkung schrieb:

Distractions are by-products of a problem. Something outside of you is pulling you away from yourself or a goal.

Wenn die Ablenkungen gar nicht das Problem, sondern eher ein Symptom sind, was ist dann die Ursache für meinen freitäglichen Hang zu Ablenkungen? 

Da ich mir bereits angelesen hatte, dass man besonders empfänglich für Ablenkungen ist, wenn man entweder unter- oder überfordert ist, ergab sich für mich endlich ein sinnvoller Zusammenhang. Eine Unterforderung konnte ich ausschließen, es blieb also nur die Überforderung. Und zwar eine spezielle Form der Überforderung und keine, die man sofort spürt, eventuell sogar körperlich.

Der Großteil meiner Arbeit beansprucht mich kreativ, was ich zwar sehr mag, was gleichzeitig aber auch belastend sein kann, wenn die Ideen nicht sprudeln wollen. Nun gibt es reichlich Studien zu den Themen Kreativität, die zeigen wollen, welche Faktoren förderlich sind und welche nicht. In einem wissenschaftlichen Artikel würde ich daraus jetzt die wichtigsten Passagen zitieren und mich damit so lange im Kreis drehen, bis mir schwindelig ist. Tatsächlich gibt es sehr viele Vermutungen über Zusammenhänge zwischen der Kreativität und Ablenkungen, die wahlweise die Leistungen von Albert Einstein, Franz Kafka, Charles Darwin oder Marcel Proust erklären sollen. Doch ist das auch für mich in irgendeiner Art und Weise relevant? 

Ich entschied mich, nicht Einstein, Kafka, Darwin oder Proust sein zu wollen und ignorierte all die Studien. Mir ging es um eine individuelle Lösung für meine persönliche Situation.

Dennoch nahm ich für mich aus den Studien einige wichtige Aspekte mit:

  • Kreativität ist nicht unbegrenzt verfügbar.
  • Es gibt Störfaktoren.
  • Es gibt fördernde Rahmenbedingungen.
  • Ablenkungen sind nicht der Feind, sondern gehören dazu.
  • Wir sind nur einen Bruchteil unserer Arbeitszeit wirklich produktiv.
  • Lohnende Pausen sorgen für volle Kreativakkus.

Nach einigen Überlegungen, was ich mit diesen Erkenntnissen nun anfangen könnte, konzentrierte ich mich aus dem Bauch heraus auf den letzten Punkt und fragte mich: Wie könnte ich am besten von Pausen profitieren und sie so in meinen Arbeitsablauf integrieren, dass sie meine Produktivität nicht verringern?

Da war es naheliegend, unproduktive Zeiten in Pausen umzuwandeln. Unproduktiv war ich vor allem freitags. Die Idee eines freien Freitags war geboren.

Die Schwierigkeiten und Herausforderungen

Wann immer ich mit Menschen, die mir privat oder beruflich begegnen, über meine 4-Tage-Woche rede, erlebe ich die gleiche Reaktion: ungläubiges Staunen, gelegentlich gepaart mit Unverständnis. Und immer wieder die Frage: Das funktioniert?

Ja, das funktioniert, allerdings nicht auf Knopfdruck und auch nicht ohne Schwierigkeiten und Herausforderungen. Wir leben in einer Zeit, in der Arbeit einen hohen Stellenwert genießt. Wie wir an der Diskussion zum Thema Work-Life-Blending erleben, wird die Arbeit oftmals sogar als wichtiger erachtet als die persönliche Nichtarbeitszeit. Ich schreibe hier bewusst nicht Freizeit, da wir die Zeit abseits der Arbeit nicht automatisch zur freien Verfügung haben.

Gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst, wie vorteilhaft an dieser Stelle das Arbeiten als Freelancer ist. Ich muss mich zwar in einem gewissen Rahmen bewegen, den meine Kunden von mir erwarten und der auch für eine gute Zusammenarbeit notwendig ist, aber ich kann mich dennoch sehr viel freier bewegen als in einem Angestelltenverhältnis. Die Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Umsetzung meiner 4-Tage-Woche kamen dann aber auch für mich etwas überraschend aus zwei Richtungen: von mir selbst und von außen.

Wie man sich selbst im Weg stehen kann

Bei mir selbst ging es vor allem um das Mindset. Wer als Freelancer genügend Aufträge hat und 50 oder gar 60 Stunden die Woche arbeiten könnte, muss sich zunächst selbst davon überzeugen, dass ein zusätzlicher freier Tag tatsächlich eine gute Idee ist. Immerhin könnte man doch mit einem Tag mehr theoretisch auch mehr schaffen und damit verdienen.

Meine Beobachtung der unproduktiven Freitage zeigte mir allerdings, dass sich Theorie und Praxis gelegentlich gegensätzlich verhalten. Geholfen hat mir zudem eine die Frage, die mir bei der Auseinandersetzung mit der New-Work-Idee von Frithjof Bergmann in den Sinn kam und deren Kernbotschaft ich leicht abwandelte: Wie viel willst du wirklich, wirklich arbeiten?

Im Grunde ist das die nächste Ausbaustufe, nachdem man für sich entschieden hat, welche Arbeit man wirklich machen möchte. Meine Antwort lautet klar: nicht mehr als 40 Stunden.

Selbstdisziplin ist für Freelancer eine der größten Herausforderungen, denn dabei bleibt man auf sich selbst gestellt.

Selbstdisziplin ist für Freelancer eine der größten Herausforderungen, denn dabei bleibt man auf sich selbst gestellt. Es mag sich seltsam anhören, aber mir selbst den zusätzlichen freien Tag zu ermöglichen, war eine sehr harte Prüfung. Es hat mich sicher ein halbes Jahr gekostet, bis ich den freien Freitag konsequent umsetzen konnte. Davor habe ich immer wieder mal meinem Gewissen nachgegeben, das mir beharrlich einflüsterte: Wenn du Arbeit hast, solltest du auch arbeiten! Erst danach kamen weitere Argumente für die 4-Tage-Woche dazu, aber dazu später mehr. 

Irritationen im Umfeld

Weniger überraschend waren für mich die Irritationen, die mein Experiment in meinem Umfeld auslöste: „Wie, du arbeitest freitags nicht? Du meinst diesen Freitag! Nein? Echt, jeden Freitag? Krass!“ So in etwa kann man sich die typische Reaktion vorstellen.

Bei meinen langfristigen Kunden war das dagegen selten ein Problem, allerdings habe ich es hier auch gar nicht erst thematisiert. Das war deshalb nicht nötig, weil ich nur sehr selten feste Tage vergebe. Stattdessen plane ich meine Arbeit so frei wie es irgendwie möglich ist.

In einem Projekt gab es allerdings doch hartnäckige Bestrebungen, mir ausgerechnet am Freitag einen regelmäßigen Abstimmungscall zu diktieren. Das lag vor allem an häufig wechselnden Zuständigkeiten, denen ich jeweils neu erklären musste, dass ich freitags nicht verfügbar bin.

Es ist übrigens grundsätzlich keine gute Idee, bei einem Freelancer von einer freien Terminverfügbarkeit auszugehen, wie ich unter anderem in meinem Leitfaden zur Zusammenarbeit mit Freelancern beschrieben habe.

Wie gut hat es funktioniert?

Mein Plan, durch den zusätzlichen freien Tag mein kreatives Potenzial wieder aufzubauen, ging anfangs gar nicht gut auf. Heute weiß ich genau, warum das Experiment damals kurz vor dem Scheitern stand, denn ich machte einen Kardinalfehler: Statt mich an meinem freien Tag mit völlig anderen Dingen zu beschäftigen, nahm ich mir beispielsweise das Fachbuch vor, das schon so lange ungelesen auf meinem Schreibtisch lag. Natürlich schaute ich auch regelmäßig in meine E-Mails und die anderen Kommunikationskanäle.

Im Grunde simulierte ich damit das Nichtarbeiten nur und wirklich zufrieden war ich am Ende des Tages nicht. Das änderte sich erst, als ich mich dazu durchgerungen hatte, freitags gar nicht erst ins Arbeitszimmer zu gehen und mir auch keine Beschäftigungen zu suchen, die auch nur entfernt mit meiner Arbeit zu tun hatten.

Heute bin ich in der Regel den ganzen Tag nicht zuhause, telefonisch nicht erreichbar und zu 90 Prozent offline. Erst mit dieser Umstellung stellten sich die ersten Erfolge ein.

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Die positiven Aspekte meiner 4-Tage-Woche

Bevor ich zu den positiven Auswirkungen bei meiner Umstellung auf eine 4-Tage-Woche komme, liegt mir noch eine Sache sehr am Herzen: Ich beschreibe hier explizit meine eigenen Erfahrungen, es gibt keine empirische Grundlage, die eine Übertragung auf andere Personen zulassen würde.

Wer also selbst ein ähnliches Experiment starten möchte, kann sich von meinen Erfahrungen gerne inspirieren lassen, aber die Erwartungen sollten nicht zu hoch sein. Erfahrungen muss man eben doch selbst machen, weil jeder andere Ausgangsbedingungen und Bedürfnisse mitbringt.

Wer bestens mit einer klassischen 5-Tage-Woche klarkommt, sollte nicht gegen sein Gefühl auf vier Tage reduzieren. Ich bin mir allerdings recht sicher, dass sich einige Leser in meiner eingangs beschriebenen Ausgangslage wiederfinden. Doch selbst die müssten dann entweder selbst Freelancer sein oder einen Chef haben, der solchen Experimenten gegenüber sehr aufgeschlossen ist.

Wer in dieser glücklichen Lage ist, sollte sich einen Ruck geben. Zum einen kann es sich wirklich lohnen und zum anderen ist es ja nur ein Experiment: Wenn es gelingt, ist es prima, wenn nicht, hat man eine neue Erfahrung gesammelt und beendet es wieder.

Kopf frei

Als vorrangiges Ziel hatte ich für mich definiert, dass ich den Kopf freibekommen wollte. Denn häufig nehmen wir noch belastende Gedanken mit in den Feierabend und am Freitag auch mit in das Wochenende. Belastend ist hier gar nicht negativ gemeint, sondern eher im Sinne einer gedanklichen Beschäftigung.

Unter Umständen ist das aber auch ein noch ungelöstes Problem, denn solche Dinge neigen dazu, wie ein Kaugummi in den Gedanken zu kleben. Wir sind uns dessen oft nicht mal bewusst, doch wir arbeiten im Grunde nach dem Verlassen des Büros gedanklich einfach weiter.

Nach meiner Theorie nehmen wir in diesen Fällen eine kreative Hypothek auf: Wir verbrauchen mehr kreatives Potenzial, als uns zur Verfügung steht. Das kann man sich wie eine Sauerstoffschuld vorstellen, die wir beim Laufen eingehen, wenn wir ein zu schnelles Tempo wählen. Spätestens am nächsten Tag rächt sich dieser Mehrverbrauch und wir sind körperlich weniger belastbar. Und wenn wir unser Gehirn zu lange und zu stark beanspruchen, sind wir am nächsten Tag auch weniger belastbar. Baut sich das über mehrere Tage auf, erreicht man einen Zustand, in dem das Gehirn nicht mehr konzentriert und fokussiert arbeiten kann.

Das ist meine Ausgangshypothese für meine beobachteten Probleme an Freitagen.

Und tatsächlich ist die Reduzierung auf vier Arbeitstage für mich ein sehr effektives Mittel, um diese Problematik zu vermeiden. Allerdings müsste ich das im Grunde andersherum beschreiben, denn ausschlaggebend sind die anderen drei Tage, an denen ich nicht arbeite.

Natürlich hatte ich mich zuvor auch am Wochenende erholt, aber es war keine vollständige Erholung. Ich bekam zwar den Kopf frei, aber dann war die arbeitsfreie Zeit auch schon vorüber. Jetzt, mit dem freien Freitag, starte ich bereits mit einem freien Kopf ins Wochenende.

Das hat vor allem den großen Vorteil, dass sich meine Gedanken nicht nur von den Belastungen der Arbeitstage befreien können, sie können sich auch komplett frei entfalten. Damit aktiviere ich eine Gehirnfunktion, die sehr wichtig ist, die wir im Arbeitsalltag aber immer wieder torpedieren: Mind-Wandering.

Dabei handelt es sich um ein Umherwandern der Gedanken, die nie lange bei einem Thema bleiben, sondern einen natürlichen Gegenpol zum konzentrierten Arbeiten darstellen. Wir erleben das, wenn wir uns zwar auf eine Aufgabe konzentrieren wollen, aber immer wieder gedanklich abschweifen. So befriedigend der Zustand in aktiven Moment ist, so frustrierend empfinden wir dann oft das Resultat. Denn am Ende haben wir die Aufgabe, die unsere volle Aufmerksamkeit erfordert hätte, nicht oder nur unzureichend erledigt.

Indem ich das Mind-Wandering in einer Ruhephase außerhalb der Arbeitszeit aktiv zulasse, fühle ich mich im Anschluss wie befreit. Zudem bleibt die Ernüchterung aus, denn das Gedankenwandern hat keine produktive Arbeit verhindert.

Besonders gut funktioniert das bei mir, wenn ich zum Beispiel sehr einfache Arbeiten im Garten verrichte, bei denen ich nicht nachdenken muss. Noch zielgerichteter gehen meine Gedanken auf Wanderschaft, wenn ich lese. Allerdings funktioniert das mit Fachbüchern bei mir nicht so gut, so dass ich die mittlerweile zu anderen Zeiten konsumiere.

Produktiver an den 4 Tagen

Wie würde sich der zusätzliche „Freitag“ auf die Produktivität der übriggebliebenen vier Arbeitstage auswirken? Würde ich meine Arbeit überhaupt noch schaffen? Das waren die beiden wichtigsten Fragen, die ich mir am Anfang stellte. Meine Befürchtung war ehrlich gesagt, dass ich mit der Zeit nicht hinkommen würde und ich das Experiment irgendwann aus diesem Grunde wieder beenden müsste.

Ich sollte mich irren. Nachdem sich der „Freitag“ etabliert hatte, spürte ich oft bereits am Sonntagabend einen inneren Tatendrang, den ich sonst nicht in der Form kannte. Statt zu überlegen, welche Dinge ich am Montag zuerst erledigen „müsste“, fragte ich mich neutral bis positiv, welche Aufgaben anstehen und wie ich sie am besten angehen könnte. Nicht selten kann es sogar vor, dass ich am Sonntagabend eine richtig gute Idee für ein Projekt hatte.

Ich würde nicht so weit gehen, dass ich mich plötzlich auf alles, was Arbeit war, freute, doch die Gedanken an der Wochenstart veränderten sich dennoch deutlich positiv. Dabei hat sich die Charakteristik meiner Arbeit selbst gar nicht verändert. Die mochte ich auch vorher schon, dennoch kann eine Arbeit, die man gerne macht, belastend sein.

Dieses Vorgefühl bestätigte sich dann im Laufe meiner verkürzten Arbeitswoche: Je länger das Experiment andauerte, umso besser konnte ich meine Produktivität steuern. Meine Befürchtung, ich könnte meine Arbeit nicht mehr bewältigen, erwies sich schnell als unbegründet. Im Gegenteil: Heute weiß ich, dass ich insgesamt gesehen viel produktiver bin und dabei ein besseres Selbstgefühl empfinde. Die Arbeit fühlt sich weniger belastend an und ich schaffe sogar mehr als zuvor. 

Mehr Qualität, trotz Komprimierung

Was aber für mich noch wichtiger ist: Die Qualität meiner Arbeit hat nicht nachgelassen. Zumindest meiner subjektiven Empfindung nach, hat sie sich sogar verbessert. Auch von meinen Kollegen, Partnern und Auftraggebern in den verschiedenen Projekten habe ich kein anderes Feedback bekommen. Und darauf muss ich als Freelancer schon sehr genau achten, denn ich mache keinerlei Akquise und werde nur dann für Projekte gebucht, wenn die Qualität meiner Arbeit überzeugend genug ist.

Ich komme heute viel häufiger in den gewünschten „Flow“ und kann kreative Arbeiten besser am Stück abarbeiten. Das erzeugt fast automatisch eine bessere Qualität, da man den roten Faden permanent in der Hand hat, statt ihn immer wieder neu aufnehmen zu müssen.

Wer regelmäßig längere Artikel schreibt, kennt die Unterschiede: Wird ein Beitrag quasi in einem Rutsch geschrieben, ist der rote Faden meist sehr gut nachvollziehbar. Wird man beim Schreiben aber häufig unterbrochen, weil man nicht in den Flow gekommen ist oder weil das Mind-Wandering eine Fokussierung nicht ermöglichte, entsteht schnell ein textlicher Flickenteppich. Der rote Faden ist nicht gleichmäßig durchgewebt, sondern immer wieder mit leichtem Versatz angeflickt.

Für mich leitet sich daraus eine sehr interessante Erkenntnis ab: Weniger Arbeitstage können zu erhöhter Produktivität und Qualität führen. Mehr Flow-Erlebnisse und weniger ungewolltes Mind-Wandering sorgen zumindest bei mir für ein gutes Arbeitsgefühl und lassen mich zufriedener auf meine eigene Arbeit blicken.

Fazit und Ausblick: Was kommt nun?

Meine Erfahrungen mit der 4-Tage-Woche waren nach der Bewältigung aller Anlaufschwierigkeiten und mentalen Herausforderungen durchweg positiv. Das wird mich sicher ermutigen, weitere New-Work-Experimente zu starten. Wie genau das aussehen wird, kann ich noch nicht genau sagen. Es gibt einige Optionen und viele Ideen, aber die Umsetzung hängt auch von externen Faktoren ab, die ich nur zum Teil beeinflussen kann.

Eine weitere Reduzierung auf eine 3-Tage-Woche ist allerdings keine Option, zumindest vorerst. Dafür gibt es auch keinen Grund, denn das aktuelle Modell gefällt mir nicht nur sehr gut, es funktioniert auch bestens. Sollten sich die positiven Tendenzen noch verstärken, könnte ich mir jedoch eine Reduzierung der Wochenstundenzahl vorstellen. Die liegt nämlich trotz der nur vier Arbeitstage in der Regel bei etwa 40 Stunden.

Aktuell denke ich über ein neues Experiment nach: Dabei geht es mir um regelmäßige Zeiten für die Selbstentwicklung. Ich hatte dazu bereits mit einem „Self-Improvement-Day“ experimentiert, doch leider funktionierte das für mich nicht so gut wie erhofft. Vermutlich muss ich hier in kleineren Dimensionen denken, statt gleich einen ganzen Tag einzuplanen. Letzteres wäre vermutlich mit einer 5-Tage-Woche einfacher zu realisieren, aber auf die beschriebenen Positiveffekte der 4-Tage-Woche würde ich nur ungerne verzichten. Dennoch halte ich die Selbstentwicklung für einen sehr wichtigen Aspekt, dem ich schon zu lange nur zufällig Platz einräume.

Zuletzt noch ein Tipp für alle, die jetzt über eine 4-Tage-Woche nachdenken: Das geht nur mit Konsequenz und einem festen „Freitag“. Wer dagegen ab und zu mal einen freien Tag nimmt, wird nicht die vollen Vorzüge erleben, denn das nötige Mindset bildet sich über Gewohnheiten. Und wer nicht klar kommunizieren kann oder will, dass er an einem bestimmten Wochentag nicht verfügbar ist, wird die 4-Tage-Woche auch gegenüber der Außenwelt nicht etablieren können.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 68

Kann ein Unternehmen ohne Stellenbeschreibungen auskommen? Kann ein Freelancer vier Tage die Woche arbeiten und sich den Rest bewusst freinehmen? Kann ein Büro auch eine Gemeinschaft sein? Kann man seine Arbeit und Freizeit so sehr mögen, dass sie man sie am liebsten strikt getrennt voneinander hält? Um diese Fragen geht es in unserer neuen Ausgabe. Bonus-Artikel: Besondere Inhalte, die Leser und Suchmaschinen zugleich begeistern. Plus Veranstaltungstipp Blog4Business.

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