Wie schütze ich mich vor dem digitalen Burnout?

Wer in Unternehmenskommunikation und digitalem Marketing berät, ist kein Coach für Work-Life-Balance. Eigentlich. Doch damit Kommunikationskonzepte funktionieren, müssen sie die handelnden Personen mit ihren Bedürfnissen berücksichtigen – und diese sind zugleich selbst herausgefordert, auf sich zu achten. Deswegen hat sich die Kommunikations- und Strategieberaterin Dr. Kerstin Hoffmann in diesem Beitrag Gedanken dazu gemacht, wie man sich vor dem digitalen Burnout bewahren kann. 

(Foto: © Wavebreakmedia, depositphotos.com)

Digitale Erreichbarkeit ist in der professionellen Unternehmenskommunikation nicht optional. Wie schnell und zielgruppengerecht Unternehmen auf die Bedürfnisse der User antworten, entscheidet über Käufe und Kundenbindung. Dies stellt alle Mitarbeitenden vor große Herausforderungen: Denn eigentlich muss rund um die Uhr jemand erreichbar sein. Die verschiedenen Kanäle, die sich die User aussuchen, um Kontakt aufzunehmen, werden mehr – und entsprechen nicht immer den Wegen, die das Unternehmen selbst am liebsten hätte. Oft wechseln sie und sind damit oft schwer zu überblicken beziehungsweise nur aufwändig zu überwachen.

Auch in der internen Zusammenarbeit im Team steigen die Ansprüche an die Verfügbarkeit und die Reaktionsschnelligkeit. Wer in diesen Zeiten eine Personenmarke aufbauen, Sichtbarkeit für das eigene Unternehmen erzeugen oder sich zu bestimmten Themen positionieren und austauschen will, ist auf Social Media angewiesen. Das gilt für Selbstständige genauso wie für sehr viele Angestellte auf allen Fach- und Führungsebenen. Hinzu kommt die persönliche, private Kommunikation, die sich ebenfalls in den letzten Jahren stark verändert und beschleunigt hat: WhatsApp und andere Messenger, aber auch die gute alte E-Mail sowie privat genutzte Social-Media-Accounts fordern während Arbeitszeit und Freizeit jede Menge Aufmerksamkeit. 

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Ein Wunder eigentlich, dass es trotzdem klappt

Eigentlich, so denke ich manchmal, ein Wunder, dass wir überhaupt noch Dinge geregelt bekommen. Doch wer – je nach tatsächlicher, individueller Belastung – nicht zielgerichtet in den digitalen Burnout steuern will, sollte sich Strategien überlegen, um mit den täglichen Anforderungen, mit der Vielzahl der Nachrichten umzugehen. Idealerweise macht man sich Gedanken, bevor es zu Kurzzschlusshandlungen kommt, die unter Umständen über Jahre aufgebaute digitale Werte gefährden. Denn nachhaltig aufgebaute Profile und Seiten stellen einen Wert dar. Wer sich komplett abschottet, schneidet sich meistens nicht nur von der großen Menge belanglosen Datenrauschens ab, sondern auch von wichtigen Informationen. 

Doch mittlerweile sehe ich fast jeden Tag beispielsweise auf Facebook genervte Postings von Menschen, denen das alles zu viel wird. Diskussionen um Datenmissbrauch bei den Plattformanbietern ebenso wie die Furcht vor Strafen bei eigenen Verstößen gegen immer neue Datenschutzregeln tun dann oft ein übriges: „Ich lösche meinen Account. Ihr erreicht mich per E-Mail und Telefon.“ liest man dann. Oder: „Mir wird das alles zu viel. Ich mache mal einen Monat Pause. Mal sehen, ob ich dann wiederkomme.“ Oder: „Ich lese hier nur noch Müll und politisch Zweifelhaftes. Ich bin dann mal raus.“

Aktueller Auslöser: oft nur letzter Anstoß

Doch oft ist der aktuelle Anlass ist bei vielen nur noch der letzte Auslöser, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was vielen Menschen oft vor noch gar nicht so langer Zeit als neuer großartiger Kanal für die Kundengewinnung und für den Austausch mit Gleichgesinnten erschien, gerät ihnen zunehmend zur Belastung.

Eine Bekannte erzählte mir: „Ich habe das Gefühl, ich muss praktisch Tag und Nacht online sein, auch am Wochenende. Dauernd neue Kommentare und Reaktionen, dazu private Nachrichten – und nur ein Bruchteil davon ist für mich beruflich relevant.“

Trotzdem lasse sie sich immer wieder dazu verleiten, durch ihre Timeline zu scrollen, auf dieses Video zu klicken und jener Verlinkung zu folgen: „Da sind dann im Nu ein paar Stunden plötzlich verflogen.“ Bei Twitter hat die Betreffende sich daher erst gar nicht mehr angemeldet, und ob sie – wie geplant – ihre Aktivitäten in dem Businessnetzwerk LinkedIn doch noch ausbauen wird, erscheint ihr mittlerweile mehr als fraglich.

Dabei gibt es heutzutage weder für große Marken noch für Einzelunternehmer die Option, auf die persönliche Online-Kommunikation zu verzichten. Wer online wirbt und PR macht, muss auch online erreichbar sein. Wer aussendet, muss Reaktionen überwachen. Das kann man nicht maximal automatisieren, sondern dazu sind eben immer auch Menschen erforderlich. 

Soziale Netzwerke: nützlich und belastend zugleich?

Wer sich nicht persönlich engagiert und sich Gesprächen auch abseits von Sachfragen verweigert, wird für andere Menschen ziemlich farblos bleiben. Echte Beziehungen, und damit Sichtbarkeit und Relevanz, baut nur derjenige auf, der auch emotionell erreichbar ist und direkt mit anderen interagiert. Wer einfach nur gelegentliche eigene Botschaften und Links in das Statusfeld schüttet, wird allein schon vom Algorithmus als irrelevant aussortiert.

Menschen wollen am liebsten mit Menschen sprechen, die authentisch kommunizieren. Das gilt auch für den professionellen Bereich. Paradoxerweise erzielt die Eigen-PR die größte Wirkung, wenn sie weitgehend frei von Werbe- und PR-Botschaften ist. So hat Kommunikation in Netzwerken im Grundsatz seit jeher funktioniert: Wer auf andere eingeht und ihnen zudem nützliche, hilfreiche oder unterhaltsame Inhalte schenkt, erfährt seinerseits Unterstützung und wird weiterempfohlen.

Doch genau darin liegt eben auch die Problematik: Soziale Medien funktionieren also dann am besten, wenn der ganze Mensch sich zeigt und auch Persönliches einbringt. Zudem vermischen sich auf vielen Plattformen private und berufliche Nutzung. Das bedeutet zugleich: Selbst der- oder diejenige, die sich vor allem aus professionellen Erwägungen heraus engagiert, kommt gar nicht umhin, auch persönlich involviert zu sein. 

Auch dies gilt natürlich nicht nur für Freiberufler und Einzelunternehmer, sondern auch für Angestellte in größeren Unternehmen: Man kann meiner Ansicht nach auch im Auftrag eines Arbeitgebers keine professionelle Social-Media-Strategie umsetzen, wenn man nicht über persönliche Erfahrungen in sozialen Netzwerken verfügt.

Warum wird aus Begeisterung irgendwann oft Überlastung?

Selbst heute noch haben viele Menschen große Vorbehalte gegen soziale Netzwerke, auch wenn sie oftmals Messenger wie WhatsApp ganz selbstverständlich nutzen. Doch wenn sie sich einmal darauf einlassen, stellt sich bei vielen regelrechte Begeisterung ein. Es erschließen sich im Digitalen völlig neue Möglichkeiten. Resonanz und Sichtbarkeit steigen. Zum einen erhalten die Betreffenden plötzlich viel Feedback und können daraus lernen. Zum anderen gewinnen sie plötzlich Zugang zu unendlich vielen interessanten Inhalten. Das führt oft dazu, dass mehr als die ursprünglich veranschlagte Zeit aufgewendet wird. Schnell sind mehrere Stunden vergangen, die man eigentlich anders einsetzen wollte.

Irgendwann ist man gefühlt always on, und dabei ist ja etwa Facebook oder Instagram nur einer von vielen Kanälen, über die Neuigkeiten hereinkommen: Messenger wie WhatsApp, News-Portale und nicht zuletzt E-Mails fordern schließlich ebenfalls Aufmerksamkeit.

Doch ist es vor allem wohl die eigene emotionale Beteiligung, die irgendwann in Überdruss umschlagen kann. Dies geschieht erst recht dann, wenn plötzlich Wolken am Social-Media-Himmel aufziehen: böse Kommentare politisch Andersgesinnter, unsachliche Kritik oder gar Beleidigungen und Streit. Dann setzt nicht selten eine Trotzreaktion ein. Das führt zuweilen dazu, dass der oder die Betreffende die professionelle Distanz vergisst, mit der er oder sie einmal angetreten ist.

Diejenigen, die sich nur privat in sozialen Netzwerken bewegen, sind zumindest scheinbar in einer luxuriösen Situation: Sie können jederzeit damit aufhören – selbst wenn sie sich damit vielleicht von Informationen oder gar dem eigenen Netzwerk abschneiden. Doch was ist mit denjenigen, die aus beruflichen oder unternehmerischen Gründen nicht einfach das Digitale an den virtuellen Nagel hängen können?

Fünf Gegenmittel gegen den digitalen Burnout

Ist der große Frust einmal da, dann ist es womöglich (fast) zu spät, noch einmal Freude an sozialen Netzwerken zu gewinnen. Am besten hilft dann oft eine längere Pause, um mit etwas Abstand neu zu starten. So lässt sich herauszufinden, was für einen selbst am besten funktioniert – und was nicht. 

Allerdings sollte man dabei eine entscheidende Tatsache nicht vergessen: Der digitale Wandel hat unser Leben im Privaten wie im Beruflichen so weitgehend verändert, dass sich die Uhr nicht einfach zurückdrehen lässt. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir mehr, schneller und auf deutlich mehr Wegen kommunizieren als noch vor wenigen Jahren. Besser ist es daher, konstruktiv an die Sache heranzugehen. So lässt sich leichter eine Strategie entwickeln, die es ermöglicht, beruflich zu profitieren, ohne sich ausgelaugt zu fühlen.

Hier meine fünf Gegenmittel gegen den digitalen Burnout:

1. Nutzen Sie professionelle Werkzeuge.

Auch persönliche Kommunikation lässt sich professionell organisieren. Deswegen muss sie in der Außenwirkung keineswegs unpersönlich oder unspontan erscheinen. Es geht hier vor allem um die dahinterstehenden Abläufe, unabhängig von Botschaften, Inhalten und Dialogen. So kann es beispielsweise helfen, E-Mails im Posteingang sinnvoll zu filtern und automatisch in Ordner vorzusortieren. Social-Media-Tools wie Buffer oder SocialPilot ermöglichen es, zumindest Teile der Personenmarken-Kommunikation deutlich effizienter zu gestalten. Projektmanagementtools wie Trello erleichtern auch Einzelpersonen die Redaktionsplanung und die Arbeitsorganisation, die Zeitplanung, das Sammeln von Notizen und Informationen sowie viele weitere Abläufe. Zudem lohnt es sich zu überlegen, welche Push-Benachrichtigungen in Smartphone-Apps sinnvoll sind – und welche eher stören und ablenken, weswegen man sie besser deaktiviert.

2. Genehmigen Sie sich selbst Zeitbudgets.

Berufliche Aktivitäten in sozialen Medien gehören zum Marketing-(Zeit-)Budget. Dieses Budget lässt sich planen, zumindest dann, wenn Sie dabei flexibel bleiben und aus Erfahrungen lernen. Hilfreich kann es beispielsweise sein, sich nur bestimmte Zeiten am Tag für Aktivitäten in digitalen Medien zu reservieren und diese dann auch genau einzuhalten. Wenn Sie ohnehin Tools nutzen um festzuhalten, wie viel Zeit Sie für welche Projekte aufwenden: Dokumentieren Sie auch Social-Media-Zeiten. Klar ist auch, und das gilt für Einzelunternehmer ebenso wie für Teams in Konzernen: Wenn mehr Aufgaben hinzukommen, muss entweder das (Zeit-)Budget vergrößert werden, etwa durch externe Unterstützung, oder es muss etwas anderes wegfallen.

3. Planen Sie Pausen ein. 

Niemand muss immer in sozialen Netzwerken präsent sein. Pausen, auch längere, sind völlig okay – ob in einem längeren Urlaub oder am Wochenende. Dabei ist es Ihren eigenen Vorlieben überlassen, wie Sie dies regeln. Lassen Sie sich von anderen auch umgekehrt nichts einreden. Mancher braucht den Offline-Urlaub; der andere kann sich auch mit Internet-Zugang gut erholen. Wichtig ist es dabei, gegebenenfalls rechtzeitig für Vertretung zu sorgen. Persönliche Profile können schon einmal „schweigsamer“ sein. Anfragen oder Nachrichten an Fanpages müssen unter Umständen dennoch beantwortet werden.

Wenn Sie schon keine komplette Auszeit nehmen, könnten Sie beispielweise für eine gewisse Zeit die digitale Kommunikation auf Ihre Dienstzeiten beschränken und zumindest in Ihrer Freizeit auch Benachrichtigungen und Push-Mitteilungen abstellen.

Übrigens, auch wenn der Eindruck oft ein anderer ist: Niemand ist verpflichtet, jedes Mal eine Offline-Meldung auszugeben, wenn er oder sie einmal ein paar Tage nicht auf Facebook oder Twitter unterwegs ist. Tragen Sie selbst dazu bei, das Grundrauschen nicht noch zu erhöhen, indem Sie überlegen, ob Ihr Netzwerk diese Information wirklich braucht.   

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4. Machen Sie einen Strategie-Check. 

Spätestens wenn Sie den großen Social-Media-Frust erleben – oder erste Anflüge davon –, ist es Zeit, einmal in sich zu gehen: Woran liegt es, dass ich mich so fühle? Wo habe ich vielleicht meine eigenen Grenzen überschritten? Und: Warum und wie war ich eigentlich einmal angetreten? Bin ich noch auf meiner selbstgewählten Linie? Stimmt mein Zeitmanagement noch?

Dazu kann es auch helfen, professionelles Feedback einzuholen. Bleiben Sie aufmerksam für die Reaktionen anderer auf das, was Sie an Inhalten und zu Gesprächen beitragen. Vielleicht tun Sie ja viel mehr, als nötig ist – oder Ihre Beiträge zahlen gar nicht mehr durchweg auf die Kommunikationsstrategie ein, mit der Sie gestartet sind. Das bedeutet auch, dass Sie offen für Kritik sind. Soziale Netzwerke eigenen sich schließlich nicht nur dazu, möglichst viel auszusenden, sondern auch, um andere nach ihrer Meinung zu fragen. 

5. Akzeptieren Sie natürliche Schwankungen. 

Zu guter Letzt: Niemand kann immer mit dem gleichen Engagement und mit gleichbleibender Energie kommunizieren. Wo Menschen interagieren, sind Schwankungen ganz normal – sowohl in der Stimmung als auch in der Performance. Dies gilt nicht nur für soziale Netzwerke. Manchmal gehen wir beispielsweise mit Freude zu Treffen und Veranstaltungen. Ein anderes Mal liegt uns schon ein kurzer Abstecher auf eine Messe Wochen vorher im Magen, und wir würden uns viel lieber für eine ganze Weile einigeln. Insofern stellt die Vorstellung einer objektiv perfekten, gleichbleibenden Kommunikation, egal in welchen Medien, ohnehin eine Illusion dar.

Wer dies akzeptiert, macht sich selbst auch den Austausch in sozialen Netzwerken leichter, weil sich der Druck verringert. Eine solche Sichtweise ist vielleicht sogar die beste Versicherung gegen den digitalen Burnout.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 77

Passend zum Jahreswechsel erlauben wir uns ein Schwerpunktthema, das in der alltäglichen Hektik nicht untergehen sollte: das eigene Wohlbefinden und die eigene Gesundheit. Manchmal helfen uns die digitalen Dienste und Geräte und manchmal stehen sie uns im Weg oder verführen uns gar zu ungesundem Verhalten. In dieser Ausgabe thematisieren wir, wie Sie dem digitalen Burnout entfliehen. Wir erklären, wie Sie sich als Social Media Manager nicht verrückt machen lassen. Wir zeigen auf, wie Gesundheitsmanagement im Unternehmen aussehen sollte und warum es so wichtig ist. Und wir haben Beispiele dafür, wie Smartphone, Apps & Co. uns eben doch helfen können, gesünder zu leben.

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