Ende eines Duells, Tag 1: Was Journalisten von Bloggern lernen können

Bei UPLOAD beenden wir das Duell “Blogger vs Journalisten”. Stattdessen schauen wir uns an, was die beiden voneinander lernen können. Heute, am Tag 1, sind Journalisten die Schüler und Blogger ihre Meister.

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© Emir Simsek – Fotolia.com

Bei alldem möchte ich gern vorausschicken, dass es nicht “die” Journalisten und nicht “die” Blogger gibt. Würde man das alles so differenziert sehen wollen, wie es wirklich ist, käme man allerdings nie zu irgendeinem Schluss. Deshalb wird es hier Verallgemeinerungen und Vereinfachungen hageln. Eine Helmpflicht besteht nicht.

Los geht’s:

  • 1. Blogger teilen sich mit, weil sie sich mitteilen möchten – nicht weil sie müssen. Viele Journalisten dürfte diese Lust am Publizieren einst in ihren Beruf gebracht haben. Blogger zeigen ihnen, wie man daran (wieder) Spaß haben kann.
  • 2. Blogger suchen und lieben den Austausch mit ihren Lesern. Wer ein Blog betreibt, ist geradezu süchtig nach Kommentaren. Viele Journalisten scheuen sich eher vor ihren Lesern. Hauptgrund: Sie sind es einfach nicht gewohnt. Dabei entsteht gerade im Austausch viel Interessantes. Manche Journalisten halten sich allerdings auch einfach für grundsätzlich ihren Lesern überlegen… Blogposts hingegen sind im besten Fall nur der Ausgangspunkt von etwas Größeren, das unter Beteiligung der Leser und anderer Blogger entsteht, die ihre Meinung ergänzen, Fakten hinzufügen oder korrigieren und vieles mehr.
  • 3. Echte Menschen sind gefragt. Journalisten haben hingegen vielfach gelernt, hinter ihren Themen und Beiträgen zu verschwinden. Lange gab es im Spiegel beispielsweise keine Autorennamen. Blogger sind ganz Mensch. Ihre Person ist entscheidender Teil ihres Blogs und ihrer Glaubwürdigkeit (oder auch Unglaubwürdigkeit…).
  • 4. Es geht ums Geben, nicht ums Nehmen. Zum Beispiel bei Links: Wenn jemand anderes etwas Interessantes geschrieben hat, verweist man darauf. Gesucht sind umfassende Informationsquellen und dazu gehören auf jeden Fall Links auf weiterführende Informationen. Links sind die Lebensadern des Netzes. Und auch wenn ich etwas veröffentliche, geht es darum, etwas nach außen zu geben, es mit anderen zu teilen. Ich trage etwas bei, beteilige mich, bin ein Teil des Ganzen. Wenn das alle tun, bleibt es gar nicht aus, dass am Ende auch alle etwas bekommen. Klassische Medien hingegen funktionieren, weil sie abgeschlossene Produkte sind. Im Netz aber ist das nicht gefragt – oder jedenfalls nicht in diesem Maße.
  • 5. Spontaneität und Zufall bringen Neues hervor. Während journalistische Produkte praktisch immer auf Planung basieren, sind Blogs ein Hort des Zufalls und der Spontaneität. Das garantiert zwar nicht eine möglichst gleichbleibende Qualität, sorgt aber andererseits dafür, dass immer wieder Neues entstehen kann. Ein Blog verändert sich während es wächst – wie ein Baum.
  • 6. Das ganze Internet ist eine Spielwiese. Blogger bleiben nicht auf ihrer Seite, sie nutzen alles, was sich ihnen bietet. Sie sind bei Flickr, YouTube, Facebook und Twitter zu finden. Und das nicht, weil es ein Experte für Online-Marketing so empfohlen hat, sondern weil sie neugierig sind, experimentierfreudig und mit Spaß bei der Sache. Dadurch lernen sie laufend Neues kennen, sammeln Informationen und knüpfen Kontakte. Und sind das nicht Grundvoraussetzungen für den Beruf des Journalisten?
  • 7. Frei von allen Zwängen und Vorgaben sein. Manche News ist in drei Sätzen erschöpfend dargelegt, für andere braucht es meterlange Erklärungen. Blogger schreiben so viel oder so wenig wie sie selbst für richtig halten – Vorgaben für Textlängen interessieren sie nicht und viele Leser danken es ihnen. Blogger veröffentlichen überhaupt oft frei von jeglichem Zwang. Es gibt keinen Redaktionsschluss, keine Erscheinungstermine, keine Zielvorgaben für die Zahl der zu erreichenden Seitenabrufe. Sie füllen ihr Blog, wenn ihnen danach ist und lassen es liegen, wenn es sich so ergibt. Im Internet kann man rund um die Uhr veröffentlichen – man muss es aber nicht.

Vielleicht ist dieser letzte Gedanke auch einer der Gründe, warum manche Journalisten bisweilen so pikiert auf Blogger reagieren: Blogger sind sehr frei in dem was sie tun und lassen können. Journalisten hingegen haben ihren Job unter zahlreichen Vorgaben zu erledigen und müssen mit vielen Einschränkungen zurechtkommen. Eigentlich würden sie viele Dinge auch anders machen, wenn sie nur könnten.

Umso unverständlicher, warum sich bislang so wenig deutschsprachige Journalisten ins Netz gewagt haben.

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10 Gedanken zu „Ende eines Duells, Tag 1: Was Journalisten von Bloggern lernen können

  1. Journalisten könnten Blogger sein und Blogger könnten Journalisten sein.

    Es kommt darauf an, ob man sich den vorherrschenden vermeintlich richtigen Regeln unterwirft und das als den Status Quo erachtet oder eben nicht.

    So einfach ist das eigentlich, kompliziert macht es der Mensch!

  2. “Journalisten können Blogger sein und vice versa.” Stimmt!

    Es kommt eben nur drauf an, ob man von Rolle zu Rolle wechseln will.

    Genauso wie Jati schreibt, dass das Blogtum bzw. die Blogosphere – und damit als Metapher für’s Mitmach-Web – eine große Spielwiese ist, so ist es das Leben auch.

    Jeder agiert und schauspielert sich durch’s Leben. Manch einer schafft es dann aber trotzdem in verschiedene Rollen zu schlüpfen; also am Tag Journalist zu sein, und abends in aller Gemütlichkeit (und ohne Dringlichkeit) Blogger zu sein. Insofern ist Bloggen auch eine Art Balsam, eine Beruhigung, vllt sogar eine Kritik am (theoretisch) immer objektiven Journalismus.

    “So einfach ist das eigentlich, kompliziert macht es der Mensch!” Korrekt! Und wegen diesem Nicht-1-0-Denken lieben wir die Menschen ja so ;)

  3. Ich lese mittlerweile eben so viele Blogs wie “normale” Publikationen. Viele Artikel “in Qualitätsmedien” wie der Zeit sind einfach nur Mist. Ich denke, die Stärke von Blogs liegt darin, Themen zu vertiefen, wo Zeitungen nur an der Oberfläche bleiben.

  4. Manche Journalisten würden ja gerne von Bloggern lernen, nur funktioniert vieles aus der Bloggerwelt nicht in den klassischen Medien. Wie sollte ich einem Zeitschriftenredakteur klar machen, dass er auf die Anzeige verzichten muss, weil meine Inhalte ein bisschen mehr Platz brauchen?

  5. Schade, sehr einseitig der Artikel.
    Anhand des Titels hatte ich gehofft, eine Debatte zu lesen, die Vor- und Nachteile BEIDER Medien herausstellt. Leider fand aber nur Argumente pro “Blogger” und kontra “Journalisten”. Kein wirklich überzeugendes “Duell”

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