Blogwelt im Wandel: Ghost, Medium, Svbtle

An WordPress und Tumblr führt heute kein Weg mehr vorbei, so der erste Eindruck. Doch an den Rändern gibt es Bewegung: Inhaltlich versuchen Blognetzwerke wie Svbtle und Medium neue Wege zu gehen, technisch und konzeptionell sorgte die Blogsoftware “Ghost” in der letzten Wochen für Wirbel. Alles nur Randnotizen oder Anzeichen für einen bevorstehenden Wandel?

ghost - Just a blogging plattform
Ghost – Nur eine Blog-Plattform oder doch etwas mehr?

Ghost: Lightweight-Blog auf Javascript-Basis

Die Ankündigung der neuen Blogsoftware Ghost hat in der letzten Woche wohl alle überrascht. In weniger als 12 Stunden erreichte das Kickstarter-Projekt sein Funding-Ziel von 25.000 Pfund, inzwischen nähert sich das Projekt der 100.000 Pfund-Marke. Der Zuspruch für die Blog-Software des WordPress-Entwicklers John O’Nolan war enorm: Inzwischen gehören Darren Rowse (Problogger), Vitali Friedmann (Smashing) und Frederick Townes (Mashable) dem Advisory Board an, Matt Mullenweg (WordPress) und viele andere haben dem Vorhaben ihren Respekt gezollt. Das erste Release für Kickstarter-Backer ist für August 2013 geplant.

Eine neue Blogsoftware, brauchen wir das wirklich? Einige erinnern sich vielleicht noch an die Blogsoftware Habari, die zwar noch weiterentwickelt wird, sich aber nie durchsetzen konnte. Ein Argument von Habari war damals die fortschrittliche Technologie (insbesondere die konsequente Objektorientierung), aber auch das Bloggen mit einem vergleichsweise leichtgewichtigen System. Die Geschichte verlief jedoch anders: Laut einer Analyse von Sergej Müller vom Januar 2013 basieren fasst 80% der deutschsprachigen Blogs auf der WordPress-Software, in 2012 basierten etwa die Hälfte der Top 100 Blogs von Technorati auf WordPress und im Bereich der Casual Blogs hat Tumblr bereits 2011 die WordPress.com-Blogs überrundet.

Auf den ersten Blick gibt es zwischen WordPress und Tumblr keinen Platz für eine neue Blogsoftware. Auf den zweiten Blick sprechen jedoch einige Argumente für einen möglichen Wandel, oder zumindest für eine Ergänzung und Weiterentwicklung.

Top-Languages auf Github
Die mit Abstand meisten Projekte auf Github basieren auf Javascript.
  • Technik: Ein Grund für den Erfolg von WordPress dürfte die enorme Verbreitung der vergleichsweise beherrschbaren Programmiersprache PHP sein. Sie sorgt für eine große Entwickler-Community und gibt auch weniger technik-affinen WordPress-Betreibern die Möglichkeit, über die Copy&Paste-Methode ein paar Anpassungen vorzunehmen und kleine Erfolgserlebnisse zu genießen. Allerdings wandelt sich der Trend bei Programmiersprachen derzeit stark: Unter jungen Nachwuchsentwicklern sind Sprachen wie Ruby oder Python deutlich beliebter als PHP. Das wird auch Auswirkungen auf künftige Entwickler-Communities haben, die für Open-Source-Projekte wie WordPress wichtig sind. Noch mehr Bedeutung als Ruby und Python dürfte in Zukunft Javascript zukommen, denn auch bei dieser Sprache sind die Einstiegshürden relativ gering, während sowohl die Verbreitung, als auch die Anwendungsbereiche stetig wachsen: Noch vor ein, zwei Jahren habe ich serverseitiges Javascript wie node.js, das bei Ghost verwendet wird, für eine nerdige Randnotiz gehalten. Heute trifft man immer mehr Startups und sogar Software-Unternehmen, die mit Javascript starten oder sogar von etablierten serverseitigen Sprachen auf Javascript umsteigen. Es ist absehbar, dass sich dieser Trend in nächster Zeit noch verstärkt.
  • Inhalte: Technik ist zwar für den Aufbau einer Entwickler-Community wichtig. Ausschlaggebender für den Erfolg dürften jedoch die inhaltliche Positionierung, Usabilty und Co. sein. Und dort positioniert sich Ghost ganz klar als Blog-System, während sich WordPress zunehmend zu einem vollwertigen CMS für alle möglichen Seitentypen entwickelt hat. Hinzu kommt ein modernes Dashboard für die Metrics, und auch bei der Usability bemüht sich Ghost (nach dem Video zu urteilen), die Inhalte in den Vordergrund zu stellen und den Redaktions-Prozess möglichst intuitiv und einfach zu gestalten. Tatsächlich haben diesen Schritt auch viele Enterprise-CM-System in den neuesten Versionen vollzogen, wohingegen die recht techniklastige Benutzeroberfläche und die teilweise umständlichen Redaktionsprozesse von WordPress etwas altbacken, auf jeden Fall jedoch nicht besonders redaktionsfreundlich wirken.

Natürlich ist die vergleichsweise komplexe Benutzeroberfläche auch dem schier grenzenlosen Funktionsumfang und der Flexibilität von WordPress geschuldet. Die Frage ist nur: Wann braucht man das alles? Bei anderen Projekten war schon einmal ein WordPress-Shop angedacht, tatsächlich realisiert hatte ich mal eine Art Community-Blog mit diversen Zusatzfunktionen. Doch am Ende ist es bei Upload geblieben, und Upload könnte theoretisch auch komplett ohne Plugins auskommen, weil es hier schlicht und ergreifend um die Inhalte geht.

Übrigens hat Ghost bereits Pläne für die Zukunft verraten: Wenn das Funding reicht, soll es einen Hosted Service geben,  einen Ghost-App- und Developer-Marktplatz sowie ein Magazin mit kuratierten Beiträgen von Ghost-Blogs. Und: Ghost ist nicht der einzige Versuch einer Alternative, es gibt mindestens noch Dropplets und Leeflets, die in diesem Jahr gestartet sind.

Medium – Collection-Stream statt Themen-Blog

Zwischen Ghost und Medium gibt es eine kleine Parallele, denn während Ghost den Blogger vom technischen Ballast eines CMS befreien will, möchte Medium den Blogger von der Last des ständigen Bloggens erlösen. Und auch hier könnte man eine Verbindung zu Upload herstellen: Ich habe in der Vergangenheit alle meine eigenen Blogs nach ein oder zwei Jahren wieder eingestellt, einfach weil der Spaß am permanenten Alleine-Bloggen irgendwann zur Last wurde. Bei Upload springt jeder mal ein, wenn der andere gerade nicht kann oder will, und so bleibt der Spaß am Bloggen erhalten. Und wie funktioniert das bei Medium?

Bei Medium legt man keinen eigenen Blog an, sondern verfasst einen Beitrag, der dann in einer thematischen Collection erscheint. Bei Medium geht es also mehr um thematische Streams und weniger um feste Blogs. Solche Collections können offen oder geschlossen sein, Beiträge können in einer oder in mehreren Collections erscheinen. Wie man von der Bürde des Blogger-Daseins dadurch befreit wird ist klar: Man muss sich nicht erst lange ein Publikum aufbauen sondern erscheint – bestenfalls – gleich in einer  publikumsstarken Collection, kann also schreiben wie oft und wie regelmäßig man will, ohne dass ein Verlust der Leserschaft droht.

Wie genau man allerdings in eine Collection aufgenommen wird, ist mir aktuell noch nicht klar, denn Medium befindet sich nach wie vor in der geschlossenen Phase und lässt nur weniger aktive Schreiber zu. Das Grundprinzip wird unter How Medium Works erklärt, eine Seite, die ebenfalls zu einer Collection (“About”) gehört. Klar ist weiterhin, dass es ein Voting-System gibt, über das die Beiträge innerhalb einer Collection sortiert werden. Außerdem gibt es eigene Features wie Kommentare zu einzelnen Absätzen. Trotz dieser kleinen oder großen Neuerungen gibt es Autoren wie zum Beispiel Mathiew Ingram, die in der Vergangenheit von dem revolutionären Character des Startups noch nicht ganz überzeugt waren.

Medium
Medium setzt auf Collection-Streams statt auf Themen-Blogs und will damit die Bürde des Blogger-Daseins lindern.

Medium wurde im August 2012 von dem Twitter-Co-Founder Ev Williams und Bizz Stone gegründet, Williams war vorher bereits in die Konversations-Plattform Branch involviert. Zuletzt hat Medium das journalistische Webprojekt Matter übernommen, mit dem einige Journalisten nach neuen Wegen für Online-Inhalte gesucht und ihre hochwertigen Stories als Short-E-Books vermarktet haben. Damit will Medium sicher auch ein Zeichen für Qualität beim Publishing setzen und gleichzeitig (wie angekündigt) mit der Vermarktung journalistischer Inhalte experimentieren.

Ob die Prominenz der Gründer ausreicht, um das Bloggen bzw. Online-Publishing zu revolutionieren, bleibt einmal dahingestellt. Aber es ist ein interessanter Ansatz, der die Bürde des Blogger-Daseins – sofern sie so empfunden wird – tatsächlich lindern bzw. das “Bloggen” um einen anderen Autoren-Typ bereichern könnte.

Svbtl – Bloggen wie in Harvard

Das Blog-Netzwerk Svbtle wurde von dem Frontendler Dustin Curtis entwickelt und im März 2012 vorgestellt (ausführlicher Bericht auf Netzwertig). Dass es seitdem häufiger in dem Blog-Aggregator Techmeme auftaucht, hat einen guten Grund: Svbtle betreibt Rosinen-Picken und gewährt nur prominenten Schreibern Zutritt zum Netzwerk. Bis heute muss man sich bei Svbtle schriftlich bewerben, wobei ein Professoren-Titel die Bewerbung wohl unterstützt. Dieser doch recht elitäre Ansatz hat Gegenprojekte auf den Plan gerufen, zum Beispiel den Open-Source-Klon Obtvse oder ein WordPress-Theme im Svbtle-Stil.

Man kann den elitären Ansatz von Svbtle zwar kritisieren, aber man kann auch fragen: Warum nicht? Immerhin hat Svbtle Erfolg und wird von mehreren Investoren unterstützt. Qualität durch Exklusion kann durchaus eine Facette sein, auch wenn der Ansatz dem Geist der Blogszene eher widerspricht. Technisch wiederum ist die Verbindung zu Ghost interessant: Auch Svbtle ist vom Frontend inspiriert, legt großen Wert auf Design und will den Schreibprozess so intuitiv wie möglich gestalten.

svbtl
Exklusion und Qualität statt Offenheit und Masse: Das Eliten-Blog-Netz Svbtle.

Mathiew Ingram setzte sich zuletzt mit Medium und Svbtle unter dem Titel “reinventing blogging” auseinander und fragte im gleichen Atemzug nach der Monetarisierung bzw. orakelte über ähnliche Ansätze wie bei Marco Arment’s The Magazine. Monetarisierung war aber sicher noch nie die entscheidende Triebkraft beim Bloggen, und sieht man sich jetzt noch Ghost an, scheint die Neuheit eher in einer Neuausrichtung des Fokus zu liegen: Weg vom “Alles, was möglich ist” nach dem Motto “Wir bauen mit 20 Plugins aus einem Fahrrad eine Raumstation” und hin zu “Alles, was nötig ist” im Sinne einer Fokussierung auf Design, hochwertige Inhalte und einen möglichst einfachen, intuitiven Schreibprozess.

Fazit

Wie groß der Erfolg von Ghost, Medium & Co. auch werden mag, schon die Versuche zeigen, dass in der Blogwelt viele auf eine Weiterentwicklung warten. Es geht garnicht darum, WordPress oder das traditionelle Bloggen abzulösen, beides nutzen wir ja auch bei Upload mit vollem Eifer. Vielmehr geht es darum, die Blogwelt immer weiter zu entwickeln und vor der Erstarrung zu bewahren. Und Projekte wie Ghost und Co. zeigen, dass die im Social-Media-Fieber zeitweise schon tot gesagte Blogwelt nach wie vor ziemlich lebendig ist.

Sebastian Schürmanns

Sebastian ist Online-Projektmanager, Product Owner und Redakteur. Er bloggt unter trendschau.net und betreibt außerdem eine Review-Plattform für Content-Management-Systeme unter cmsstash.de.

3 Gedanken zu „Blogwelt im Wandel: Ghost, Medium, Svbtle

  1. Hat eigentlich inzwischen einer mal was von Ghost gehört? Auf der Homepage hat sich noch nichts getan und Newsletter erhalte ich im Moment auch nicht…

    Stillstand?

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