Dynamic Books – Flexibilisierung von Inhalten

Ein Beitrag von: Sebastian Schürmanns



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Bücher waren lange Zeit ein Inbegriff für Beständigkeit: Einmal geschrieben überdauern sie Jahrzente und Jahrhunderte in immer gleicher Form. So bedeutsam diese Beständigkeit für die Überlieferung von Wissen ist, so wenig passt das Konzept in unsere dynamische und flexible Wissensgesellschaft. Denn Inhalte sind nicht universell gültig und in jeder Situation gleich bedeutsam. Es überrascht daher wenig, dass mit den technischen Möglichkeiten auch die Starrheit im Publishing langsam aufzubrechen beginnt. “Personalisierung”, “content-on-demand”, “publish on the fly” oder “fluid publishing” sind Stichworte, die mit Modellen wie Gesetzbuch24, den peronalisierten Reiseführern von Inzumi oder den individualisierten Schulbüchern von Flatworldknowledge und DynamicBooks langsam Einzug in das Verlagswesen erhalten. Und auch einige Selfpublishing-Plattformen nehmen an dieser Entwicklung teil und setzen auf flexible Inhalte. Vorreiter sind FastPencil und vor allem Bookriff.

Gesetzbuch24

Während sich der Trend zur Personalisierung eher bei Geschenkbüchern abspielt (wo z.B. die Namen der Roman-Helden personalisiert werden), geht das Portal Gesetzbuch24 vom Boorberg-Verlag einen Schritt weiter: Dort kann man sich komplette Gesetzessammlungen selbst zusammenstellen und als Print-On-Demand-Version bestellen. Die Gesetze werden nach Rechtsgebieten, Lebenslagen oder Berufsgruppen aufgelistet, sodass auch der Laie recht schnell seine Sammlung zusammengestellt hat. Die Preise sind in Ordnung, ca. 15,- Euro für 170 Seiten Gesetzestext sind in diesem Bereich fair. Zusätzlich bietet das Portal noch einen Aktualitätendienst, der die Käufer über Änderungen der betreffenden Gesetze informiert:

Das Modell ist nicht nur für Juristen oder interessierte Laien spannend, sondern auch für Branchen wie z.B. niedergelassene Ärzte, die zur Auslage bestimmter Gesetze in ihren Praxen verpflichtet sind. Es wundert einen angesichts der hohen Summen, die die Verlage in die Digitalisierung ihrer Datenbestände gesteckt haben, dass man bislang nur selten auf derartige Modelle stößt.

Inzumi

Spannend ist auch das Modell des Frankfurter Startups Inzumi. Über Izumi können sich Traveller aus verschiedenen Bausteinen einen personalisierten Reiseführer zusammenklicken und anschließend entweder kostenlos selbst ausdrucken, oder per Print-on-Demand-Verfahren als gebundenes Buch bestellen. Ein Reiseführer mit 100 Seiten kostet ca. 15,- Euro. Die Inhalte werden von verschiedenen Content-Partnern wie Polyglott, Langenscheidt, Hotel.de oder Travelscout gelierfert. Zumindest in der Vorschau macht die Qualität einen guten Eindruck:

Das Startup wird inzwischen von Enrico Just betreut, der zuvor u.a. in der Geschäftsführung/Vorstand der Milchstraße und Tomorrow-Focus AG saß und sowohl das Verlagsgeschäft, als auch die Startup-Welt sehr gut kennen dürfte. Man darf also gespannt sein, wie sich Inzumi weiterentwickeln wird.

Doch nicht nur klassische Verlagsmodelle spielen inzwischen mit derartigen Ansätzen, sondern auch einige Selfpublishing-Plattformen setzen auf die Flexibilisierung von Inhalten:

Fastpencil

Die bereits vorgestellte Publishing-Plattform Fastpencil wartet mit einem kleinen Feature auf, das technisch zwar nicht spektakulär, vom Ansatz jedoch erwähnenswert ist: Autoren können Open-Source-Bücher – also Bücher, bei denen Verwertungs- und Urheberrechte abgelaufen sind – in den Editor laden, umschreiben und neu publizieren. Wer sich immer mal an Klassikern von Bram Stoker, Fjodor Dostojewsky oder Charles Dickens vergreifen wollte, hat bei Fastpencil also die Gelegenheit dazu:

Zugegeben, bei Fastpencil dürft das Umschreiben von Klassikern eher ein netter Gimmik sein. Es gibt jedoch einen (mehr oder weniger) klassischen Verlag, der ein überaus sinnvolles Einsatzgebiet für dieses Konzept gefunden hat…

Flatworld Knowledge und DynamicBooks

Flatworld Knowledge” ist ein junger Verlag aus den USA, der neue Wege im Schulbuch-Bereich einschlägt. Wie Boorberg (Gesetzbuch24) ist auch Flatworld KEIN Selfpublisher-Verlag, sondern verfolgt in Sachen Manuskriptauswahl und Qualitätssicherung das traditionelle Konzept. Neu an dem Verlagsmodell ist jedoch, dass die einmal publizierten Texte von den Nutzern – ähnlich wie bei Gesetzbuch24 – individuell zusammengestellt und – ähnlich wie bei Fastpencil – adaptiert und umgeschrieben werden können.
Das Konzept von FlatworldKnowledge wird inzwischen auch von etablierten Verlagen kopiert: So hat Macmillan vor kurzem das Portal DynamicBooks gelaunched, dass die Bezeichnung copycat wahrlich verdient:

Bei Flatworldknowledge werden die Bücher unter open-licence gestellt, sind online frei lesbar und können als Print-Version erstanden werden. Der ursprüngliche Text bleibt immer als Originalversion erhalten. Will ein Leser den Text anpassen, so wird eine Kopie erstellt, die frei bearbeitet werden kann. Das ganze nennt Flatworld “remixable textbooks” – ein Konzept, das auch eine Selfpublishing-Plattform aus England verfolgt….

Bookriff

Das junge Startup Bookriff befindet sich leider noch (seit geraumer Zeit) in der geschlossenen Beta-Version, d.h. ein Zugang ist erst nach einer Einladung möglich. Bookriff verfolgt ein ähnliches Modell wie Flatworld, beschränkt sich allerdings nicht auf den Schulbuch-Bereich.

Textschnipsel oder auch ganze Kapitel werden als “Riffs” bezeichnet, die von den Autoren zur Verfügung gestellt werden. Sogenannte “Composer” können diese “Riffs” zu einem neuen Buch “mixen”. Der Preis eines neu gemixten Buches hängt von den Herstellungskosten (Seitenumfang) und den Einzelpreisen der enthaltenen Riffs ab. Die Urheber eines Riffs erhalten bei Verkauf ein Honorar, nicht jedoch die “Composer”.

Im Vergleich zu dem sehr anwendungsnahen Fall von Flatworld wirkt Bookriff recht verspielt. Ob Leser und “Composer” mit der neu gewonnenen Freiheit etwas anzufangen wissen, bleibt abzuwarten. Als Konzept, Texte aus ihrem statischen Korsett zu befreien, ist Bookriff jedoch ausgesprochen spannend. Und für Selfpublisher, die nur einzelne Textschnipsel oder Kapitel veröffentlichen wollen, eröffnet sich hier eine neue und interessante Alternative.

 


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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 19. August 2010 veröffentlicht. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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