7 Einsteiger-Tipps für die gelungene Audio-Aufnahme

Ein Beitrag von: Sebastian Schürmanns



Die Hardware ist angeschafft und die Software installiert – und trotzdem klingt die Audio-Aufnahme wie eine Blechbüchse in der Brandung? Kein Einzellfall, denn so gut wie alle angehenden Screencaster und -Podcaster führen erst einmal einen Kampf gegen Rauschen, Popplaute, Hall oder Verzerrung und verlieren viele Nerven, bis die Qualität endlich stimmt. Die bekannten Pauschal-Empfehlungen reichen von Gesangseinlagen unter der Dusche bis hin zur Ton-Aufnahme unter der Bettdecke. Wem das zu unbequem ist, dem verraten wir sieben Aufnahme-Tipps, die wirklich etwas bringen …

Foto: complize | Quelle: photocase.com

Grundregeln: Das Eingangssignal optimieren

Gleich vorweg: Bei allen hier vorgestellten Tipps geht es um die Verbesserung des Eingangssignals. Denn mit Hilfe einer nachträglichen Bearbeitung durch die Audio-Software kann man das Signal streng genommen nicht mehr optimieren, sondern nur noch manipulieren. Im Idealfall rührt man die Rauschentfernungs-Funktion von Audacity also gar nicht erst an.

Die Qualität des Audio-Signals ist allerdings von vielen Faktoren abhängig, zum Beispiel vom verwendeten Mikrofon, der Raumakustik, dem Abstand zum Mikro, von einem Poppschutz sowie von der Aussteuerung.

Der Unterschied zwischen einer nicht optimierten Aufnahmeumgebung und einer optimierten Aufnahmeumgebung klingt etwa wie im folgenden Beispiel (alle Tonaufnahmen wurden mit dem USB-Mikro Samson G-Track aufgenommen, die Unterschiede hört man am deutlichsten über Kopfhörer):

Tipp 1: Die Raumauswahl

Die Raumakustik ist für die Tonqualität entscheidend und im Nachteil sind meist diejenigen, die am schönsten wohnen: Altbau-Paläste mit hohen Decken, Holzdielen, reduzierter Einrichtung und großen Fenstern sorgen für viel Hall und verleihen jeder Audio-Aufnahme den unverwechselbaren Blechbüchsen-Charakter. Mäuseschachteln aus den 50er Jahren mit Teppich und Staub sind dagegen ideal. Die erste Maßnahme besteht darin, die Akustik aller Räume mit kleinen Sprecheinlagen zu testen, wobei man sich zusätzlich an ein paar Kriterien entlanghangeln kann:

  • Größe des Raums (in der Regel sind kleine Räume besser),
  • Lage (Straße oder Innenhof) und mögliche Quellen für Störgeräusche,
  • Teppich (gut), Holzboden (mittel) oder Steinboden (schlecht),
  • Stark oder weniger stark möbliert,
  • Anzahl der Fenster und Möglichkeit einer Abhängung (am besten mit schweren Vorhängen)

Tipp 2: Ruhe bitte!

Wenn ein geeigneter Raum gefunden ist, sollte man alle künstlichen Störquellen ausfindig machen und wenn möglich minimieren:

  • Alle Türen und Fenster schließen.
  • Alle unnötigen elektronischen Geräte abstellen oder in ausreichender Entfernung platzieren. Dazu gehören Mobilgeräte, Fernseher, Telefone, Aquarien, Plätscherbrunnen, Vogelkäfige, Neonröhren und sonstige Exoten…
  • Laptop- oder PC-Lautsprecher (auch externe) abstellen.
  • Abstand zwischen Mikrophon und Laptop/PC herstellen, um z.B. die Vibrationen und Störgeräusche des Lüfters zu minimieren. Falls man keinen separaten Tisch für den Laptop hat, kann man ihn ggf. auf Dämmmaterial stellen.
  • Die richtige Zeit für die Aufnahme wählen (keine Rush-Hour, Lärm vom Nachbarn etc.).

Nach diesen Basis-Maßnahmen benötigen wir einige Hilfsmittel, um die Aufnahmebedingungen noch weiter zu optimieren.

Tonstudio, Poppschutz und Mikrofonspinnen helfen bei der Optimierung der Aufnahmebedingungen.

Tonstudio, Poppschutz und Mikrofonspinnen helfen bei der Optimierung der Aufnahmebedingungen.

Tipp 3: Poppschutz für das Mikrophon

Popplaute entstehen durch Plosive (Explosivlaute) wie p, b, k, t, g und lassen sich recht einfach über einen Poppschutz vermeiden. Ein Poppschutz ist nichts weiter als ein Stoff, der vor dem Mikro aufgespannt wird und den Luftdruck der Plosive abfängt. Man kann einen Poppschutz zwar mit ein paar Nylons plus Stickrahmen selber bauen (hier eine Anleitung). Allerdings dürfte die DIY-Variante den Preis für eine Neuanschaffung trotz Kultfaktor nur geringfügig unterbieten (Neupreis beginnt bei ca. 15,- Euro).

Tipp 4: Mikrofonspinne

Mikrofonspinnen oder “Shockmounts” sind Aufhängungen für das Mikro, die Vibrationen und dadurch entstehende Störgeräusche abfangen. Gute Beispiele für solche Vibrationen sind der Laptop-Lüfter, das Tippen auf dem Laptop-Keyboard, Schritte auf Holzboden etc. Das Problem bei Shockmounts: Sie sind im Einzelfall nicht ganz billig und variieren in der Konstruktion von Mikro zu Mikro, sodass man vom Hersteller abhängig ist. Eine Mikrofonspinne kann daher mit 40,- bis 50,- Euro zu Buche schlagen (z.B. Samson), andere Hersteller begnügen sich mit 20-25 Euro, in seltenen Fällen auch unter 20,- Euro. Für Screencaster mit handwerklichem Geschick kommt ev. auch ein selbstgebauter Shockmount in Frage (einfach mal nach DIY Shockmount googlen).

Ob sich die Investition in eine neue Mikrofonspinne lohnt, kann ich nicht beurteilen, da ich selbst (noch) keine Spinne verwende. Allerdings sollten viele der störenden Vibrationne durch die übrigen Tipps bereits minimiert worden sein.

Tipp 5: DIY-Tonstudio

Jetzt zu meinem Lieblingstipp: Das Do-It-Yourself-Tonstudio, wie es bereits häufiger auf Youtube vorgestellt wurde. Ein DIY-Studio kann in vielen Fällen einen deutlichen Qualitätsgewinn bringen, gerade wenn man mit einer Altbau-Wohnung im Nachteil ist. Die Box hilft dabei, den Hall bei schlechten Raumverhältnissen zu dämpfen.

Filzbox, Basotect, fertig ist das DIY-Aufnahmestudio. Ideal, um störenden Hall zu minimieren.

Filzbox, Basotect, fertig ist das DIY-Aufnahmestudio. Gerade für Altbau ideal, um den störenden Hall zu dämpfen.

Was ihr für das DIY-Tonstudio benötigt:

  • Schallisolierenden Schaumstoff (Absorber), z.B. Basotect, erhältlich über Online-Shops.
  • Eine Box, möglichst aus schallabsorbierendem Material wie Filz oder anderen Textilien.

Das Basotect lässt sich sehr einfach mit einem scharfen Messer zurechtschneiden. Anschließend kleidet man die Innenwände der Box aus, ggf. auch doppelt. Die Box kann man zusätzlich auf eine Basotect-Platte stellen, ebenso den PC, um die Vibrationen des Lüfters zu dämpfen.

Für die Box habe ich zwei 3 cm starke Basotect-Platten sowie eine Wenko Filzbox (z.B. bei Amazon) verwendet. Die Box kann man auseinanderbauen und zusammenklappen, ist also bis zu einem gewissen Grad portabel. Der Filzbox war ein Versuch mit einer Plastikbox vorausgegangen, die allerdings einen dumpfen, holen Klang erzeugte – man sollte es also mit einer Textilbox versuchen. Experimente mit dem Absorber-Material sind leider recht kostspielig, sonst könnte man noch Basotect-Platten mit unterschiedlichen Schall-Eigenschaften oder schalldämpfende Bitumen-Platten testen. Weitere Materialtipps sind in den Kommentaren willkommen.

Über den positiven Effekt der Box kann sich jeder selbst überzeugen:

Die Box könnt ihr auch im Screencast über Camtasia und Audacity in Aktion erleben.

Der Nachteil der Box: Bei Live-Aufnahmen stellt man das Mikro meist kurz vor dem Sichtfeld der Kamera vor sich auf den Tisch. Die sperrige Tonbox gerät dann entweder ins Sichtfeld, oder das Mikro muss so weit weg platziert werden, dass die Vorteile der Box nicht mehr die Nachteile der Distanz zum Mikro aufwiegen. Wer sich jedoch für eine separate Video-Aufnahme mit Nachvertonung entscheidet, der fährt mit dem Tonstudio gut.

Tipp 6: Abstand zum Mikrofon

Der Abstand zum Mikro hat einen entscheidenden Einfluss auf die Toncharakteristik, daher sollte man vor jeder Aufnahme verschiedene Abstände testen und sich dann bei allen Aufnahmen eines Casts für einen gleichbleibenden Abstand entscheiden. Sinnvoll sind z.B. Tests mit 5, 10 und 20 cm:

Wenn man den Abstand mit den Händen abmisst (gespreizte Finger, Handbreiten etc.), kann man auch in Situationen ohne Zentimetermaß für einen einheitlichen Ton-Charakter sorgen.

Nur zur Sicherheit: Natürlich sollte man auch von der richtigen Richtung in sein Mikro sprechen, was wiederum davon abhängt, was für ein Mikro im Einsatz ist …

Tipp 7: Die richtige Aussteuerung

Bei meinem eigenen Mikro, dem Samson G-Track, gibt es zahlreiche Berichte über ein sehr lautes Grundrauschen im Netz. Tatächlich musste auch ich viel experimentieren, bis endlich die falsche Aussteuerung als Fehlerquelle aufgedeckt war.

Als Faustregel bei der Aussteuerung gilt: Das Eingangssignal sollte so laut wie möglich und so leise wie nötig aufgenommen werden. So leise wie nötig bedeutet, dass es auch bei lauten Stellen nicht zu einer Übersteuerung kommen darf und daher ein Toleranzbereich nach oben frei gelassen werden sollte. Optimal ist die Aufnahme bei 0 db, praktisch sollte man sich bei den Lautstärkevariationen zwischen -6 und 0 db “einpegeln”. Alles über 0 db ist übersteuert und klingt tendenziell verzerrt.

Bei einigen USB-Mikrofonen wie dem G-Track kann man die Signalstärke am Mikrofon selbst regulieren. Auch in diesem Fall sollte man das Signal so kräftig wie möglich zum PC schicken, ohne dass es übersteuert (beim G-Track hat sich die Einstellung von “Mic” auf ca. 75% – 85%, je nach Aufnahmesituation und Abstand zum Mikro bewährt). Meistens läuft die Aussteuerung jedoch über die Audiosoftware. In manchen Fällen bietet die Screencastsoftware bereits eine automatische Aussteuerung an (z.B. Camtasia). Andernfalls hilft die db-Anzeige mit Skala und farbiger Markierung, um das Signal sinnvoll auszupegeln:

Aussteuerung in Audacity: Das Signal sollte sich zwischen -6 und 0 db einpegeln.

Aussteuerung in Audacity: Das Signal sollte sich zwischen -6 und 0 db einpegeln.

Bei der Verwendung von Windows 7 können Störgeräusche auch noch durch das Onboard-Mikro entstehen. Falls es zu Problemen kommt, sollte man über einen Rechtsklick auf das Lautsprechersymbol in der Taskleiste die Aufnahmegeräte kontrollieren und die nicht verwendeten Geräte ggf. über die Eigenschaften stumm schalten. Notfalls führen auch hier ein paar Experimente mit verschiedenen Einstellungen und Kombinationen zum Ziel.

Nach dem oben gezeigten Muster sollte der Rauschpegel bei den Aufnahmen auf ein erträgliches Maß reduziert sein. Ganz vermeiden lässt sich ein gewisses Grundrauschhen bei Mikros in der “Hobby-Preisklasse” allerdings nicht. Auch hier gilt: Wer auch noch die letzten 10 Prozent an Qualität herausholen will, muss 90% investieren. Ob das lohnt, hängt ganz vom Ziel des Pod- oder Screencasts ab.

Special „Screencasting für Einsteiger“

Dieser Artikel gehört zu einem umfassenden Screencasting-Special.

 


Ein Beitrag von Sebastian Schürmanns. Sebastian ist Onliner, Kommunikations- und Verlagsmensch. Er hat Beiträge für T3N und Upload verfasst und neben einigen Blogs auch mehrere Online-Projekte gestartet. Mit Sebastian kann man sich auf Twitter und google+ vernetzen.


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Veröffentlicht am Mittwoch, den 16. Mai 2012 um 09:18 Uhr.


 

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3 Reaktionen auf diesen Beitrag:

Lan
schrieb am 29. Dezember 2013 um 12:42 Uhr:

Vielen Dank für diesen informativen und gut zu lesenen Artikel! Er hat mir bei der Tonaufnahme für einen Kurzfilm weitergeholfen. Den Artikel könnte man gut in einem Youtubevideo zusammenfassen, wo es bestimmt an mehr Anklang und Publikum findet.

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inetphantom
schrieb am 1. Februar 2014 um 21:51 Uhr:

Gute Tipps, anschauliche Beispiele & auf das wichtigste reduziert: Genau DAS suche ich, wenn ich nach einem Tutorial google.

Vielen Dank

Inetphantom

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