Basiswissen Journalismus: Recherche für Blogger

Als ich vor mittlerweile einem Jahrzehnt das erste Mal eine professionelle Zeitungsredaktion von Innen gesehen hatte, bestand einer der Hauptunterschiede zwischen Journalisten und Otto-Normalbürgern nicht wie heute hauptsächlich in der Ausbildung, sondern noch zum einen in der zur Verfügung stehenden Technik und zum anderen in dem simplen Zugang zu Informationen. Nur in einer Redaktion selbst konnten in Echtzeit die Meldungen der Nachrichtenagenturen gelesen werden. Einzig im gut gepflegten Archiv eines Verlages ließen sich sinnvoll und effektiv bereits erschienene Artikel einsehen – natürlich alles papierbasiert. Bei dem Wort „Wiki“ dachten die meisten Redakteure noch an eine Trickfilmfigur, während jeder für sich sein eigenes individuelles Archivsystem pflegte. Und wer weder selbst in eine Organisation, Gruppe oder Partei involviert war, noch als Journalist über geheime Informanten verfügte, der konnte sich zu jener Zeit auch noch nicht über Interna informieren.


Basiswissen Journalismus

Foto: Jenzig71/Photocase.com

Das Internet hat diese Situation nicht nur vollkommen verändert, sondern regelrecht auf den Kopf gestellt. Heute sind die Redakteure am Computer oft besser informiert, als die Korrespondenten unmittelbar am Ort des Geschehens. Und der Konsument erhält nicht mehr durch Frühstückszeitung und Abendnachrichten zwei Mal täglich die Neuigkeiten, sondern kann als Informations-Junkie in Echtzeit die Agenturen-Meldungen kostenlos auf den Internetseiten von Zeitungen oder Fernsehsendern einsehen (hier zum Beispiel den dpa-Basisdienst auf Yahoo).

Was bedeutet das für Blogger? Wer über einen Computer mit Internetanschluss verfügt und sich mit ein paar notwendigen Programmen auskennt, hat heute als Privatperson im Großen und Ganzen Zugang zu den gleichen Informationsquellen wie die professionellen Medien. Gerade bei Geschichten aus dem Ausland lassen sich im Netz innerhalb weniger Minuten die Originalartikel ausfindig machen. Hürden sind nun nicht mehr finanzieller oder technischer Natur.

Kostenlose Recherche-Hilfen

Das Angebot an guter, kostenloser Software („Freeware“) wächst beständig. Zudem gibt es täglich neue, für den Nutzer kostenlose Webdienste und Internetangebote, die eine schnelle und erfolgreiche Recherche ermöglichen. Professionelle investigative Journalisten vor allem im Bereich der internationalen Kriminalität würden zwar weiterhin auf kostenpflichtige Datenbanken wie Lexisnexis (Jahresabo 2.000,- US-Dollar) nicht verzichten können. Aber selbst hier gibt es Möglichkeiten, günstige Zugänge zu organisieren. Beispielsweise geben mehrere Anbieter kommerzieller Datenbankdienste günstige oder gar kostenlose Zugänge an Nicht-Regierungs-Organisationen. Da Blogger nicht selten auch ehrenamtlich engagiert sind, lohnt es sich in den eigenen Strukturen eines eventuell vorhandenen Vereines nachzufragen, ob solche Absprachen existieren und gegebenenfalls selbst etwas zu initiieren. Bei der deutschen Datenbank Genios lässt sich nach Veröffentlichungen zu Begriffen suchen. Zwar würde die Bestellung eines der gefundenen Beiträge mit mehren Euro zu Buche schlagen, doch reichen die kostenlos gewonnen Informationen, um einen Überblick zu erhalten und gegebenenfalls Beiträge direkt auf der Seite des jeweiligen Mediums zu suchen.

Recherchewillige freie Journalisten oder Blogger kommen heute also auch ohne kommerzielle Angebote ziemlich weit. Viel wichtiger als finanzielle Ressourcen sind ein umfangreiches Hintergrundwissen, eine gesunde Neugierde sowie je nach Recherche-Umfang Hartnäckigkeit und Ausdauer.

Definition

Und da wären wir schon mitten im Thema. Ich hoffe, niemand trägt mir nach, dass ich auf einen klassischen Lexikoneinstieg („Recherche ist…„) mit Erklärung des Wortursprungs und Zitaten namhafter Journalistik-Professoren verzichte. Einfach ausgedrückt versteht sich unter Recherche die gezielte und bewusste Suche nach Informationen. So gesehen ist auch das Nachschlagen im Telefonbuch bereits eine Recherche, genau wie der Blick ins Wörterbuch oder der Anruf bei der Werkstatt, um die Öffnungszeiten zu erfragen.

Um Informationen zu erhalten, kann ich sowohl in gedruckter (Lexikon, Bücherei, Bibliothek, eigenes Archiv) als auch digitaler Form (Internet-Lexika, Suchmaschinen) danach suchen oder mich bei Personen erkundigen (Interview-Recherche). Ich werde mich in den folgenden Ausführungen dem Thema eher aus der Perspektive der Praxistauglichkeit für Blogger widmen. Investigative journalistische Recherche selbst ist noch mal ein Thema für sich, deren Charakteristika nur in Ansätzen Erwähnung finden werden.

Mindestziel dieses Artikels

Wer Recherche sagt, meint heute in der Regel das Eingeben von Begriffen in Internet-Suchmaschinen. Und um genau zu sein, denkt er dabei wohl an eine bestimmte Suchmaschine, deren Name sogar seit 2004 als Synonym für die „Suche im Internet“ Einzug in den deutschen Duden gefunden hat: Google. Diesem Dienst möchte ich jetzt noch als zweite Empfehlung das Lexikon Wikipedia mit der Empfehlung an die Seite stellen, beides zukünftig rege zu nutzen.

Vielleicht mag sich der eine oder andere Leser auf den Arm genommen fühlen. „Was? Ein Beitrag über Recherche und er kommt mit den beiden alten Seiten, die wir schon längst kennen?“ Aber ich verfolge einfach einen realistischen Ansatz. Es wäre mir eine Freude und Ehre, wenn der eine oder andere Leser nach diesem Beitrag die gesamten im Folgenden empfohlenen Möglichkeiten nutzen würde, um seine eigenen Texte sorgfältiger zu recherchieren und fremde Texte kritischer zu hinterfragen. Doch werden wohl nur die wenigsten wegen ein paar Zeilen auf einem Blog ihre Such- und Schreib-Gewohnheiten umstellen. Im Angesicht einer hohen Quote von Texten, bei denen offensichtlich wenig oder gar keine Informationssuche oder -überprüfung in welcher Form auch immer stattfindet, bin ich schon zufrieden, wenn als Mindestziel wenigstens das eine oder andere Mal häufiger auf die oben genannten zwei Dienste zugegriffen wird. Ich bin nämlich optimistisch, dass es dann bei den meisten nicht dabei bleibt, sondern von Link zu Link der Recherchehunger und der Wissensdurst wachsen werden.

Recherche mit Wikipedia

Für deutschsprachige Recherchen sei das kostenlose Angebot von Meyers Lexikon erwähnt und auch die Encyclopedia Britannica lässt einen gewissen Teil ihrer Informationen auf Englisch frei durchsuchen. Was Wikipedia auszeichnet, sind der komplett freie Zugang, der unpolitische und unkommerzielle Ansatz und eine besonders für Online-Recherchen praktische, überschaubare Zahl an ausgewählten, weiterführenden Links.

Eines soll jedoch betont werden: Natürlich darf niemand einen Artikel allein auf Basis von Wikipedia-Informationen schreiben. Dafür ist gerade bei neuen und unbekannten Themen die Gefahr zu groß, dass Fehler enthalten sind. Außerdem eignet sich Wikipedia schlecht zum Zitieren, da bereits wenige Momente nach einer Recherche der Inhalt eines Beitrages ja schon komplett verändert sein könnte. Als erster Ausgangspunkt für Recherchen ist das Projekt jedoch gut geeignet und als solcher möchte ich es auch hier empfehlen. Außerdem es gibt noch mehr positive Aspekte, die vielleicht nicht für jeden auf Anhieb erkennbar sind.

Wie es in amerikanischen Rocky- oder Karate-Kid-Filmen immer so schön gepredigt wird, ist es ratsam, im Leben Nachteile als Vorteile zu begreifen und sich zu Nutzen zu machen. Im Falle der Wikipedia bedeutet dies, dass sich an den oftmals als Schwachpunkt gesehenen, ellenlangen Änderungs-Diskussionen wertvolle Einblicke in Debatten zu Thema erhalten lassen.

Ein Beispiel aus dem Bereich der Südslawistik: Wer sich die serbische, kroatische, bosnische und serbokroatische Wikipedia-Seite zum Schriftsteller Ivo Andric betrachtet und der dort verwendeten Sprache ein bisschen mächtig ist, wird schnell erkennen können, welche Widersprüche bereits um die simple Bestimmung der Volkszugehörigkeit des Literatur-Nobelpreisträgers von 1961 existieren.

Ebenfalls von Interesse für ein Thema kann die Art und Weise sein, in der Vertreter gewisser Institutionen oder Parteien sie selbst betreffende Seiten verändern. Dank der Seite Wikiscanner lassen sich mittlerweile viele der interessensgesteuerten Änderungen nachverfolgen und können ihrerseits Grundlage eines Erkenntnisgewinns sein.

Während ein klassischer Lexikonbeitrag nichts von den dahinter stehenden Diskussionen der Autoren vermuten lässt, ist Wikipedia relativ transparent. Wer sich einen Eindruck davon machen möchte, muss nur den Wikipedia-Eintrag zum Projekt selbst lesen, in dem auch die Argumente der Kritiker enthalten sind.

Etwas problematisch ist die zurzeit noch suboptimal gelöste Suche innerhalb des Systems. Es gibt allerdings bereits mehrere externe Suchmaschinen für den Wikipedia-Korpus wie wikiwix.com, Yodl, Wikiseek und zudem wird mit Wikiasearch gerade ein offizielles verbessertes Suchinstrument erarbeitet.

Richtig suchen mit Google

Jeder kann Google bedienen. Suchwort, Knopf, fertig. Doch wer gezielt recherchieren möchte, kommt damit nicht aus und sollte sich über Methoden informieren, sein Vorgehen zu perfektionieren.

Zum Beispiel betreibt Google Rechenzentren auf der ganzen Welt, die jeweils für ihre Region die aktuellsten und besten Ergebnisse anzeigen und von über ihre individuelle IP -Adresse gezielt aufgerufen werden können. Ein Suchprofi würde nun bei seiner Recherche je nach Kontinent nicht Google.de oder Google.com, sondern direkt die IP eines im betreffenden Gebiet befindlichen Data Center ins Adressfeld des Browsers eingeben. Wer dies vertiefen möchte, sollte sich unter anderem den Beitrag „Google Basics: Alles was man (mindestens) wissen muss“ auf dem ausgezeichneten Blog Recherche-Info durchlesen oder es mit diesem 150-seitigen, englischsprachigen Tutorial versuchen.

Kern einer vernünftigen Arbeit mit Suchmaschinen sind die verfeinerten Möglichkeiten der Abfrage direkt im Eingabefenster. Hier nun ein paar einfache und simple Frage-Varianten für den Hausgebrauch:

  • Bei der Eingabe Horst Schlämmer
    erhalte ich alle Treffer für „Horst“ und für „Schlämmer“.
  • Bei „Horst Schlämmer“
    in Anführungszeichen erhalte ich alle Treffer für die konkrete Wortkombination „Horst Schlämmer“.
  • Bei site:upload-magazin.de „Horst Schlämmer“
    erhalte ich alle Treffer für die konkrete Wortkombination „Horst Schlämmer“ unter der Domain upload-magazin.de.
  • Bei „Horst Schlämmer“ -VW -Auto
    erhalte ich alle Treffer für die konkrete Wortkombination „Horst Schlämmer“ auf Seiten, auf denen weder der Begriff „VW “ noch „Auto“ gefunden wird. Wozu das gut ist? Wer einmal nach nach den klassischen „Tomahawks“ für Indianer sucht, kann mit „-Militär“ und „-Computer“ sämtliche Raketen und Computerspiele aus den Treffern ausschließen.
  • Bei „Horst Schlämmer“ filetype:pdf
    erhalten wir automatisch sämtliche PDF-Dateien, in denen die konkrete Wortfolge „Horst Schlämmer“ enthalten ist. Dies lässt sich auch mit vielen anderen Dateitypen wie avi- oder jpg-Dateien anwenden und kann sogar Dokumente zugänglich machen, die der Seiteninhaber bereits nicht mehr auf seiner Seite verlinkt hat.
  • Wenn wir „Horst Schlämmer * toll“
    eingeben und somit ein Wort durch einen Stern ersetzen, nennt sich das „Trunkieren“. Als Ergebnis erhalten wir alle Treffer, in denen die Wortfolge vorkommt, wobei sich er Inhalt des Sternchens von „ist“, „war“ über „ist gar nicht“ oder „is sooooo“ erstrecken kann.
  • Und zum Schluss noch ein Beispiel für eine Kombination: Bei site:upload-magazin.de „Horst Schlämmer“ -VW -Auto filetype:pdf würden alle auf der Domain upload-magazin.de befindlichen PDF-Dateien angezeigt, in denen „Horst Schlämmer“ erscheint, aber nicht „VW“ und auch nicht „Auto“.

Ein Großteil dieser Befehle und einige mehr lassen sich auch über das Feld „Erweiterte Suche bzw. Advanced Search“ aufrufen.

Wer mit Google sucht, sollte sich natürlich der damit verbundenen Vor- und Nachteile bewusst sein. So bietet das US-Unternehmen zwar am laufenden Band praktische Extras an, hat mittlerweile jedoch eine Monopolstellung erlangt, die nach aufmerksamer und kritischer Beobachtung verlangt. Für mehr Informationen empfiehlt sich ein Blick auf die hier verlinkte, ironischer Weise auf Google-Video gehostete, Arte-Dokumentation.

Die Suche mit der Maschine

Ein Großteil der oben genannten Befehle funktioniert auch bei alternativen Suchmaschinen. Deren Zahl ist aber begrenzt, da teilweise mehrere von Ihnen auf gleiche Datenbestände zurückgreifen. Somit bleiben als relativ unabhängig voneinander die Angebote von Ask.com, Altavista, MSN Livesearch, Exalead und als kleiner Farbtupfer Ms. Dewey (nutzt Datenbestand von MSN). Da es aber mittlerweile eine größere Anzahl an Suchmaschinen und Datenbanken gibt, die sich teilweise sehr detailiert aber fokussiert um ein bestimmtes Thema kümmern, empfiehlt sich bei groß angelegten Recherchen der Einsatz von sogenannten Metasuchmaschinen. Genannt sei hier für den deutschsprachigen Raum Metager und den englischsprachigen Metacrawler und Search.com.

Praktisch für Norbert-Normaluser sind Netzdienste, mit denen sich aus einer Oberfläche heraus, gleich verschiedene Suchmaschinen abfragen lassen. Zu nennen sind Exalead und Sputtr.com, die sich nebenbei bemerkt hervorragend als voreingestellte Startseite für den Computer eignen. Bei letzterem werden außer den klassischen Suchmaschinen noch weitere Recherchemittel sichtbar. Sogenannte Social-Bookmarking-Dienste wie Digg, Reddit oder für den deutschen Raum Yigg und Webnews eignen sich weniger für eine fundierte Hintergrundinformation als zum Ausgangspunkt für Recherchen, welche Online-Themen wann aufkamen und wie darauf im Netz reagiert worden ist.

Gezielte Suche bei Medien-Diensten

Während die klassischen Suchmaschinen auch mit steigender Tendenz die Inhalte von Video- oder Bilderplattformen indizieren, kann sich bei der Recherche nach einem bestimmten Medium oder Medienart immer noch die direkte Suche lohnen. Hier eine kleine unverbindliche Liste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Werkzeuge

Das wichtigste Instrument für jegliche Suche im Netz ist der Browser. Ich selbst nutze lange und gerne den Mozilla Firefox, der als Freeware kostenlos zum Download zur Verfügung steht. Dieser bietet unter anderem ab Werk ein kleines Fenster im oberen rechten Bereich, in dem sich nach Plugin-Installation diverse Dienste direkt durchsuchen lassen.

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Wer sich viel im Internet bewegt, sollte zudem in der Lage sein, Lesezeichen/Bookmarks anzulegen und zu verwalten. Mein Tipp ist, sich die Hauptkategorien direkt auf die sogenannte Symbolleiste zu legen. Wie auf dem Bild ersichtlich ist, kann so schnell und direkt auf die Links zugegriffen werden.

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Ein geniales Plugin, um ganze Seiten mit einem Klick als Bilddatei zu speichern, ist der Page Saver von Pearl Crescent, der sich in Form eines kleinen Fotoapparates am oberen Bildschirmrand sichtbar macht.

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Dies ist gerade mal ein Bruchteil an nützlichen und kostenlosen Plugins für den Firefox. Weitere finden sich in einer umfassenden Zusammenstellung auf dem Blog Recherche-Info.

Links, Links, Links

Fast alle Internet-Browser bieten das Speichern und Sortieren von Seitenadressen als Bookmark an. Wer es nicht so gerne stationär möchte, kann auch Online-Bookmarkingdienste wie Mr Wong, Delicious oder Linkarena verwenden. Diese Sammlungen können (und sollten) ab und zu als Einzeldatei exportiert und gesichert werden und so praktisch ein digitales Leben lang mit ihrem Nutzer wachsen und reifen.

Eine Sammlung an qualitativen und guten Adressen erleichtert jede zukünftige Suche. So lassen sich zum Beispiel unter Handelsregister.de ein Großteil der deutschen Vereins- und Handelsregister abfragen. Die Seite wer-zu-wem.de bietet interessante Einblicke in den Dschungel der deutschen und internationalen Firmenverbunde und ihrer Investoren. Ebenso sollte abgeordnetenwatch.de als Pflichtseite bei allen an deutscher Politik interessierten Personen nicht in den Bookmarks fehlen. Das Projekt Gutenberg bietet die größte Volltextsammlung klassischer deutscher Texte im Netz. Oder wie wäre es mit einem deutschen Synonym-Wörterbuch? Als Englisch-Deutsch-Wörterbuch gibt es ja das legendäre Leo, ich selbst nutze allerdings Dict.cc, weil es sich via Plugin direkt über das kleine Firefox-Suchfenster abfragen lässt. Zum Übersetzen von Wörten, Passagen oder ganzen Webseiten lässt sich Babelfish einsetzen.

Das eigene Online-Archiv

Bei einem Lesezeichen/Bookmark wird nur die Adresse zu einem bestimmten Inhalt gespeichert. Manchmal ist man aber darauf angewiesen, Inhalte auch ohne Internetanschluss einzusehen oder kann davon ausgehen, dass ein problematischer Inhalt in Kürze von der Seite verschwinden wird. Wer es also mit Recherche besonders ernst meint, wird beginnen, relevante Daten offline auf seiner Festplatte oder online in einem eigenen Archiv-System zu speichern.

Online-Archivsysteme lassen sich bereits mit einem eigenen Server-Zugang und einer simplen Blogsoftware realisieren. Der Vorteil ist, dass der Inhalt jederzeit zugänglich ist und dass auch andere Nutzer darauf zugreifen und mit entsprechenden Rechten Veränderungen vornehmen können. Zu bedenken ist, dass bei der Archivierung von kommerziellen Inhalten wie Artikeln das eigene Online-Archiv mit einem Passwortschutz versehen und gegen Suchmaschinen-Indizierung gesperrt werden sollte, damit es zu keinen Urheberrechtsverletzungen kommt. Denn ohne Passwortschutz wäre das eigene Online-Archiv nicht mehr persönlicher sondern öffentlicher Natur.

Das eigene Offline-Archiv

Solange Computer noch Festplatten haben, wird es wahrscheinlich auch der Klassiker sein, wichtige Daten in einem nach logischen Kriterien gewählten System mit nach Themen benannten Ordnern und Unterordnern zu speichern. Etwas moderner ist die Methode, Informationen chronologisch als einfache Textdateien zu speichern und dann mit einem Indizierungsprogramm wie Copernic den Überblick über die vorhandenen Informationen zu behalten. Etwas „faulere“ Gestalten, die sich zudem nicht so viel Gedanken über Datenschutz machen, können auch einfach Google Desktop auf ihrem Rechner installieren und dann ihre gesamte Festplatte indizieren lassen. Sie müssen sich aber bewusst sein, dass bei einer der Einstellungen ein kompletter Spiegel ihres Festplattenindexes auf einem fremdem Server gespeichert wird. Ein weiterer sinnvoller Weg bei vor allem komplexen, textlastigen Themen kann der Einsatz von Programmen wie Zettelkasten oder dem ohne Zusätze in Browsern funktionierenden TiddylWiki (Homepage, Wikipediaeintrag) sein.

Datenschutz – Chancen und Risiken

Es passiert mir regelmäßig. Ich nenne einem Kollegen irgendwo in Deutschland die Adresse meines Blogs. Kurz darauf sehe ich in meiner Statistik, dass von den jüngsten Besuchern nur ein einziger über einen Provider aus Heimatstadt des betreffenden Kollegen gekommen ist. Wenn ich ihm nun bei nächster Gelegenheit auf die Minute genau sagen kann, wann er bei mir gewesen ist und welche Einzelseiten er angesehen hat, fällt mein Gesprächspartner meist aus allen Wolken, weil er schlichtweg nicht wusste, welche Informationen er bei jedem Besuch auf Internetseiten hinterlässt.

Für den normalen Journalisten wie auch Blogger hat dies zwei Konsequenzen. Einerseits es für wirklich jeden ratsam, sich einmal näher mit dem Thema Datenschutz zu beschäftigen (was man selbst beim Surfen preisgibt, lässt sich hier oder auch hier testen) und anderseits lässt sich dieses Wissen auch zum eigenen Vorteil einsetzen. Denn natürlich weiß jemand, der selbst seine Informationen versteckt, auch am besten, wo er sie bei anderen finden kann:

Ich selbst würde allerdings bei allzu technischen Dingen abwägen, inwiefern es für die Einzelperson sinnvoll ist, hier in die Tiefe zu gehen. Nicht jeder Blogger und nicht jeder Journalist muss eine IP-Adresse zurückverfolgen können, aber zumindest das Identifizieren einer deutschen Domain mit denic.de und einer internationalen Domain mit whois.net sollte im Jahr 2007 schon bekannt sein.

Und was den eigenen Schutz angeht: Das Verschlüsseln von Festplatte und USB-Stick mit TrueCrypt zum Beispiel ist unkompliziert, schnell, sicher und kostenlos, so dass ich jedem wärmstens empfehlen möchte, es mal auszuprobieren. Das anonyme Surfen über den Dienst Tor ist ebenfalls schnell installiert, im Vergleich zum ungesicherten Surfen jedoch etwas langsamer, so dass es wohl nicht viele Personen geben wird, die es ohne konkreten Anlass im Dauerbetrieb nutzen. Der Mailversand mit dem Verschlüsselungsprogramm PGP funktioniert in der Regel problemlos. Wichtig ist nur, gut mit seinen Schlüsseldateien und Passwörtern zu haushalten, da bei deren Verlust auch die verschlüsselten Mails nicht mehr zu dechiffrieren sind. Dafür bietet sich der Passwortsafe KeePass an. Nach dem herkömmlichen Löschen bleiben Dateien ja bis zum Überschreiben mit neuen Informationen auf dem Speichermedium erhalten. Mit dem Eraser lässt sich hier Abhilfe schaffen.

Eine Recherche strukturieren

In den meisten Fällen dürften Recherchen für Blogger nicht so aufwendig sein, dass sie einer besonderen Struktur und gar einen richtigen schriftlichen Rechercheplan benötigen würden. Es empfiehlt sich grundsätzlich auch bei kleinen und kurzen Suchen schnell eine Textdatei mit einem logischen Namen anzulegen (Zum Beispiel für das heutige Datum „071203_thema-recherche.txt“), in der sämtliche entwickelten Gedanken und gefundenen Seitenadressen protokolliert werden können. Wenn es sich um ein etwas heißeres Thema handelt, sollten wichtige Suchergebnisse am besten gleich als eigene Textdatei und/oder Bilddatei (s. o.) gespeichert werden. Der Vorteil einer Textdatei ist, dass sie sich später auf bestimmte Schlüsselwörter durchsuchen lässt. Der Vorteil des Screenshots ist, dass sich mit ihm besser belegen lässt, dass ein bestimmter Inhalt auch auf einer bestimmten Seite gestanden hat.

Wer sich zu Anfang der Recherche gezielte Fragen stellt und sich danach an ihnen orientiert, wird besser mit seiner Zeit und Energie wirtschaften können. Wer sich auf die Suche begibt, aber gar nicht genau weiß, was er eigentlich erfahren möchte, setzt sich der Gefahr aus, sich zu verzetteln und den Faden zu verlieren.

Wenn aus den Ergebnissen nur ein einzelner Beitrag entstehen soll, dürfte dieses Vorgehen mit einer Textdatei ausreichen. Wer sich aber länger mit einem Thema beschäftigen und über Jahre Querverbindungen zwischen Personen und Institutionen erkennen und aufzeigen möchte, sollte sich die Nutzung der bereits oben beim Punkt Offline-Archiv empfohlenen Programme Zettelkasten und TiddlyWiki überlegen.

Epilog

Nun sind wir schon fast am Ende, aber ein weiteres Recherchemittel, das sogar dem Medium Blog vorbehalten ist, habe ich noch gar nicht erwähnt: Die Interaktion mit den Lesern, mancherorts auch als Schwarmintelligenz bekannt. Wenn das Thema interessant genug ist und über die Bekanntheit des eigenen Blogs oder die Hinweise von anderen Blogs genügend Leser auf einen Beitrag aufmerksam werden, können sich in den Kommentaren schöne Rechercheprozesse ereignen.

Es wäre mir eine Freude, wenn der eine oder andere Leser in den oberen Ausführungen etwas für ihn nützliches finden würde. Die Beschäftigung mit dem Thema lohnt sich auf jeden Fall. Letztendlich lässt sich mit ein paar Minuten Aufwand so eine Geschichte für das eigene Blog entdecken, oder so eine, so eine, so eine, so eine, so eine, so eine, so eine oder auch so eine.

Weiterführende Lektüre im Netz

Über den Autor

Joachim Dethlefs studiert nach einem Volontariat zurzeit Osteuropastudien sowie Süd- und Westslavistik an der Universität Hamburg. Er bereist regelmäßig die südosteuropäischen Länder und berichtet von dort für deutsche Tageszeitungen und Magazine mit den Schwerpunkten Soziales, Religion und Politik. Zudem bloggt er auf Deutsch unter journalist-und-optimist.de und auf Englisch unter optimistic-journalist.com.

Alle Beiträge der Serie „Basiswissen Journalismus“ auf einen Blick

Artikel vom 03. Dezember 2007