Die Sache mit der Kommentarmoderation

Blogs sind deshalb so lebendig und interessant, weil sie Kommentare nicht in einem Hinterzimmer verstecken, sondern zu einem elementaren Bestandteil des Postings machen. Sind deshalb viele Kommentare besser als wenige oder gar keine Kommentare? Nein, denn sie können im Gegenteil sogar die Stimmung auf einem Blog vergiften. Wie man mit Störenfrieden umgeht und die anderen Leser vor ihnen beschützt, wie man eine positive Atmosphäre schafft und mit Kommentarkrisen fertig werden kann – darum soll es hier gehen.

Symbolbild Wut

„Guten Tag! Mir scheint, wir sind da unterschiedlicher Ansicht.“ – „Oh ja?“ – „Ja.“ – „Ach, das finde ich jetzt aber schade.“ – „Nein, nein: Das ist in Ordnung.“ – „Tatsächlich?“ – „Aber ja.“ – „Gut.“ – „Schön!“ – Foto: Phototom – Fotolia.com

Am Beispiel „Design Tagebuch“

Auslöser für den Artikel ist dieser Beitrag von Achim Schaffrinna auf seinem Design Tagebuch und die daran anschließende Diskussion. Das Design Tagebuch hat im Monat gut 300.000 Seitenabrufe und gehört in seinem Bereich nach meiner Wahrnehmung zu den Standards. Wenn man sich für das Design von Logos und Websites interessiert, ist das Design Tagebuch eine Pflichtlektüre. Vor allem merkt man, dass sich hier Fachleute treffen – jedenfalls meistens.

Entsprechend lebendig geht es in den Kommentaren zu. Aber das ist nicht immer gut.

Was gelegentlich fehlt, ist die Qualität, die Tiefe. Auf Kommentare à la „Griff ins Klo“ ohne weitere Erläuterung kann (und möchte) Achim am liebsten verzichten. Vielen Lesern geht es ebenso. Aber deshalb alles löschen, was einem nicht in den Kram passt? Oder sollte man eine Hürde installieren wie die Anmeldung zum Kommentieren? Oder sollten Kommentare generell moderiert werden – also erst nach einer Sichtung freigeschaltet werden? Oder wäre es eine Lösung, andere Nutzer die Kommentare bewerten zu lassen?

Alles das wurde im Design Tagebuch diskutiert. Letztlich hat Achim aber eine andere (und wie ich finde sehr interessante) Lösung gefunden. Wie die aussieht, erkläre ich gleich. Wer es nicht abwarten kann, schaut hier mal schnell nach ;-)

Aber warum ist es überhaupt ein Thema, mit dem man sich beschäftigt?

Der Vandalismus-Effekt

Es gibt eine entscheidende Gefahr: Das Phänomen kann zu einer Negativspirale werden. Dümmliche Kommentare ziehen weitere dümmliche Kommentare an und verschrecken die intelligenten, differenzierten Leser. So verschlimmert sich die Situation immer weiter, bis man ganz am Ende das Niveau der YouTube-Kommentare erreicht hat.

Befördert wird das Phänomen durch den Vandalismus-Effekt: Ist in einem leerstehenden Haus erst einmal eine Scheibe eingeschlagen, sind bald alle eingeschlagen. Ähnlich kann man es in Foren und Kommentarbereichen beobachten: Kümmert sich niemand darum, ufert es aus.

Dass Achim richtig liegt und das Thema auf seinem Blog zum richtigen Zeitpunkt gebracht hat, zeigt sich in den Kommentaren auf seinen ersten Beitrag zum Thema. Darin melden sich Leser, die keine Lust mehr aufs Kommentieren haben, weil das Niveau im Kommentarbereich zu sehr gesunken sei.

Wem das wichtig ist, der kümmert sich drum. Wem das unwichtig ist, der lässt es eben bleiben. Logisch.

Aber nehmen wir mal an, es wäre wichtig: Was kann ein Blogger oder anderer Website-Betreiber tun?

Lösungen und ihre Vor- und Nachteile

Folgende Ansätze sind mir begegnet:

  • Die Community sich selbst reinigen lassen. Das kann funktionieren, vor allem wenn es eine starke Basis an loyalen Nutzern einer Seite gibt. Gute Erfahrungen kenne ich im Bereich der Foren und Chats. Aber das sind Plattformen, die nicht auf eine bestimmte Person gemünzt sind. Ein Blog ist hingegen meistens das „Wohnzimmer“ des Bloggers und ein Aushängeschild für ihn. Entsprechend ist das aus meiner Sicht keine gute Lösung. Die Nutzer erwarten, dass die Bloggerin oder der Blogger lenkend eingreift – außer natürlich es gehört zum Wesen der Seite, gerade das nicht zu tun. Klar. Was der Blogger tut oder unterlässt nehmen jedenfalls alle Nutzer wahr und beurteilen ihn und sein Blog danach.
  • Kommentare generell nur nach Freischaltung veröffentlichen. Auf diese Weise hat man jederzeit im Griff, was auf der eigenen Seite erscheint. Nachteile: Zum einen kann auf diese Weise keine lebendige Diskussion zustandekommen, denn naturgemäß wird es immer dauern, bis alle Kommentare gesichtet sind. Zum anderen ist man (meines Wissens nach) dann sofort in rechtlicher Hinsicht verantwortlich für die Kommentare.
  • Kommentare nur für angemeldete Nutzer. Diese Hürde sollte die größten Plagen wie manuellen Spam eindämmen. Könnte man denken. Spammer sind allerdings sehr hartnäckig. Auf jeden Fall wird diese Hürde das Kommentieren an sich eindämmen. Aber will man das? Sind die Leute, die erst einen Anmeldeprozess über sich ergehen lassen, diejenigen, die ich als einzige Kommentatoren haben will? Schon ohne diese Hürde nutzen viele Leser nicht die Möglichkeit, eine Anmerkung zu hinterlassen, obwohl sie etwas Interessantes beizutragen hätten. Eine Anmeldung würde das noch verschärfen. Die Profi-Diskutierer wären unter sich.
  • Kommentare durch die Nutzer bewerten lassen. In der Theorie eine gute Idee, die (wie so oft) in der Praxis keinen Bestand hat. Denn schließlich wird das auf Seiten wie heise.de oder YouTube eingesetzt – erfolglos, wie man immer wieder erleben kann. Hier werten sich vor allem Gruppen von Nutzern gegenseitig ab (heise) oder viele haben es längst aufgegeben, die Kommentare überhaupt noch anzusehen (YouTube). Eine Variante wäre es, Kommentare nur positiv bewerten zu können. Aber auch das würde der Gruppenbildung unter den regelmäßigen Lesern Vorschub leisten.
  • Unpassende Kommentare rigoros löschen. Das kann helfen, ist allerdings sehr mühsam. Die Frage ist auch: Was soll mit Kommentaren passieren, die sich bereits auf einen solchen Kommentar beziehen? Aufzuräumen sehe ich allerdings schon als ein probates Mittel an. Für die Transparenz ist es eine gute Idee, darauf hinzuweisen, dass ein Kommentar gelöscht wurde.
  • Mit einem eigenen Kommentar deutlich machen, was man von der Diskussion und einzelnen Beiträgen hält. Mit anderen Worten: freundlich aber bestimmt Präsenz zeigen. Auf diese Weise signalisiert man den positiv auffallenden Diskussionsteilnehmern, dass man ihre Beiträge schätzt und den dümmlichen, dass ihre Kommentare nicht gefragt sind. Aus meiner Sicht sehr wichtig – auch unabhängig davon, ob die Diskussion gerade entgleist.
  • Positive Beispiele hervorheben. Und damit kommen wir zu dem Modell, das Achim Schaffrinna auf dem Design Tagebuch ausprobieren möchte: Er will gelungene Kommentare mit einem eigenen Symbol hervorheben. Alle so ausgezeichneten Kommentare werden auf einer eigenen Seite gesammelt und nach einem Jahr gibt es zudem eine Verlosung. Für mich der beste Ansatz. Gute Beispiele werden belohnt, die schlechten ignoriert. Die flüchtigen Leser finden auf diese Weise in den vielen Kommentaren außerdem gleich die Beiträge, die Achim besonders lesenswert findet. Möglicher Nachteil: Wahrscheinlich werden ihn einige nicht ausgezeichnete Kommentatoren ganz schön plagen…

Generell gilt: Eine klare Linie haben und sie ohne lange Statements vertreten. Wer auf „Trolle“ eingeht, begibt sich in eine endlose Diskussions-Spirale – denn genau das macht diesen Nutzern ja Spaß. Sie wollen provozieren. Es gibt ihnen einen Kick, wenn jemand darauf anspringt.

Gut ist es aus meiner Sicht, die eigenen Grundsätze einmal zusammenzufassen und dann darauf zu verweisen. So halte ich es bei UPLOAD mit den Kommentar-Richtlinien. Dann muss man nicht immer wieder von Neuem erklären, was man meint.

Aber was ist nun ein „positiver“ Kommentar?

Es war jetzt viel vom Gegensatz „positiv“ und „dümmlich“ die Rede. Das klingt auch in meinen eigenen Ohren arrogant und überheblich. Es ist damit auch nicht gemeint, dem Blogger immer nach dem Munde zu reden. Widersprechen ist erlaubt, für mich sogar ausdrücklich gewünscht. Gemeint ist stattdessen „tiefgehend“, „konstruktiv“, „begründet“, „respektvoll“ und vieles mehr. Ich möchte hier gern auf einen sehr interessanten Text verlinken, den Achim in seinem Beitrag ebenfalls verlinkt hat: „Wie man widerspricht“ von Paul Graham. Er teilt Kommentare in mehrere Stufen ein – sehr interessant zu lesen und in der Folge einmal im Hinterkopf zu behalten. Man erkennt sehr schnell, wer nur stänkern will und wer tatsächlich Argumente auf seiner Seite hat.

Inwieweit man eingreift, ist eine Frage des Geschmacks, der eigenen Persönlichkeit und der Intentionen. Vielleicht möchte man, dass die Fetzen fliegen. Dann lässt man eben die Fetzen fliegen. Möchte man sich aber vor allem mit Gleichgesinnten austauschen, muss man gelegentlich eingreifen, um das auch zu erreichen. Nur darum geht es hier.

Eine andere Gefahr: der elitäre Club

Was auch schnell passieren kann: Manch einer traut sich gar nicht mehr, etwas beizutragen, weil es ja eventuell unter dem angestrebten Niveau sein könnte. Oder aber die Kommentatoren kennen sich bereits so gut, dass auch in einem digitalen Raum so etwas wie Gruppeneffekte auftreten. Statt einer lebendigen Diskussion hat man dann einen elitären Club, der sich bei einer virtuellen Zigarre und einem virtuellen Whiskey ins virtuelle Kaminzimmer zurückzieht und dort bitte nicht gestört werden möchte.

Das kann ebenso gewollt sein. Natürlich. Aber in den meisten Fällen lässt man sich dadurch ganz schön was entgehen.

Und wie sehe ich das für UPLOAD?

Auf UPLOAD finde ich die Diskussionskultur sehr gut und ich freue mich, wie oft hier sehr interessante ergänzende Informationen zu finden sind. Natürlich gilt das nicht für jeden Beitrag und wenn schon wieder irgendwo jemand einen Einzeiler hinterlässt, um seine Website zu verlinken – nun gut, dann entferne ich den Link oder den ganzen Kommentar. Und wenn einer mich angreift, ohne Argumente zu haben – dann ist das mehr sein Problem als meins. Denn sein Kommentar mit dem Link auf seine Seite ist auch noch in Jahren hier so zu lesen, wie er hinterlassen wurde. Wer von uns beiden hat damit eventuell das größere Problem? Eben. Grobe Beleidigungen werden hingegen wortlos entfernt.

Wenn ich die zweieinhalb Jahre UPLOAD Revue passieren lasse, dann hat sich die Zahl der Kommentare immer weiter gesteigert und aus meiner Sicht hat das Niveau beständig zugenommen. Ich bin geradezu begeistert, wer hier alles liest und diskutiert und auf welch hoher Ebene das passiert. Ich versuche mich dafür zu bedanken, in dem ich zumindest in einer eigenen Reaktion zeige, dass ich den Kommentar gelesen habe und die Ergänzung wertschätze. Im Idealfall entwickelt sich ein Zwiegespräch, das manchmal auch per Mail und auf anderen Wegen fortgesetzt wird. Das finde ich klasse. Immer schaffe ich das nicht, obwohl aus meiner Sicht die Diskussion mit den Lesern einen mindestens so großen Stellenwert haben sollte wie das Schreiben von Postings und das Lesen auf anderen Blogs.

Wie geht es Euch dabei? Welchen Eindruck habt Ihr? Oder kommentiert jetzt keiner mehr, weil ich Euch alle verschreckt habe? :-D Und, noch wichtiger: Wie haltet Ihr es auf Euren Seiten mit dem Thema Kommentarmoderation?

Artikel vom 24. März 2009