Netzeitung: Chefredakteur wechselt zu Web-2.0-Projekt

Michael Maier, bisher Chefredakteur der Netzeitung, wechselt am 1. Januar zur Readers Edition. Diese Zeitung wird ausschließlich von Lesern gemacht. „Sieben Jahre Netzeitung waren eine tolle Zeit. Ich möchte nun den Wandel des Journalismus begleiten, wie er sich durch die neuen Möglichkeiten im Internet ergibt“, sagte Michael Maier gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de. Hat der ehemalige Chefredakteur von Berliner Zeitung und Stern wieder einmal die Zeichen der Zeit erkannt?

Screenshot der Reader's EditionAls im Jahr 2000 die Netzeitung in Deutschland startete, glaubten wohl nur wenige an eine Tageszeitung, die nur online erscheint. Auch heute hat es das Projekt noch schwer. Das aber nicht, weil die Leser auf jeden Fall gedruckte Informationen bevorzugen, sondern weil Spiegel Online so erfolgreich ist. Der Internet-Ableger des Wochenmagazins ist der Prototyp der Internet-Tageszeitung und baut sein Programm mit Audio und Video konsequent weiter aus. Die Netzeitung wiederum bietet mehr Service speziell für angemeldete Nutzer.

Als Michael Maier die Netzeitung startete, hatte er so gesehen den richtigen Riecher. Das Internet etabliert sich dieser Tage tatsächlich als Informationsquelle und macht anderen Medien das Leben in diesem Bereich schwer. Nirgends sonst bekomme ich so aktuelle und ausführliche Informationen zugleich. Seitdem namhafte Journalisten und Verlage sich bei solchen Projekten engagieren ist auch der etwas skeptische Blick verschwunden. Informationen aus dem Internet gelten nicht mehr generell als wenig glaubwürdig. Zitate aus der Netzeitung tauchen auch in unbestreitbar anerkannten Medien wie dem Deutschlandradio auf.

Michael Meier wendet sich nun einem neuen Projekt zu, als sich sein vorheriges als richtige Wette herausstellt. Sollte er auch diesmal richtig liegen?

Die Readers Edition ist vor gut einem halben Jahr als Seitenprojekt der Netzeitung gestartet. Sie soll in einer neuen Version mit dem Projektnamen „Phase Zwei“ wesentlich verbessert werden. Vor gut einem Monat wurde bekannt, dass das Projekt vom erfahrenen Publizisten und Berater Hugo E. Martin unterstützt wird. Gemeinsam mit ihm wird an einer neuen Version der Leserzeitung gearbeitet. Am Ende soll sie „die führende deutschsprachige Citizen-Journalism-Plattform“ werden. Es soll mehr Beiträge geben, der Prozess bis zur Freischaltung wird beschleunigt und Autoren sollen mehr Hilfe bei der Recherche und beim journalistischen Schreiben bekommen. Michael Maier hat die Readers Edition von Orkla ASA gekauft und bringt sie nun mit seiner neuen Firma Blogform Verlagsges. mbH heraus. Über den Kaufpreis wurde nichts bekannt. Die Readers Edition soll eng mit der Netzeitung verknüpft bleiben.

Aus meiner persönlichen Sicht gibt es tatsächlich eine Lücke zwischen den großen, etablierten Online-Medien, die meist aus entsprechenden Verlagen stammen und den bislang kleinen Projekten wie beispielsweise Weblogs, die aus der Lust ihrer Macher heraus entstehen.

Gelernte Journalisten wissen oft mit den Mechanismen des Internets nichts anzufangen. Und Internetprofis wie die meisten Blogger haben die journalistische Ausbildung nicht. Beides ist in Ordnung – nicht, dass man mich hier falsch versteht. Jedes hat seine Berechtigung. Aus meiner Sicht gibt es zwischen beiden aber eine Lücke und eine bislang unversorgte Leserschaft: Menschen, die an den vielfältigen und unkonventionell aufbereiteten Informationen der Weblogs interessiert sind, trotzdem aber an die etablierten Medien gewöhnt sind und sich nicht umgewöhnen möchten.

Insofern könnte eine Online-Zeitung, die von Lesern gemacht, aber von Profis betreut wird, durchaus eine Chance haben.

Quellen:
Netzeitung.de: Neue Chefredaktion in der Netzeitung
DWDL.de: Gründer Michael Maier verlässt die „Netzeitung“
medienrauschen: Michael Maier verläßt Netzeitung
onlinejournalismus.de: Maier setzt ganz auf die Bürger

Artikel vom 19. Dezember 2006