Interview: Wie wird man eigentlich Reiseblogger?

Der Vermarkter Transit Media will die Reiseblogger-Szene professionalisieren. Wir haben uns mit Sebastian Canaves unterhalten, der die Unternehmung gemeinsam mit Conni Biesalski gegründet hat. Beide sind selbst erfahrene und etablierte Reiseblogger. Für so manchen ist dieser Job ein Traum. Aber wie ergreift man ihn eigentlich? Und wie muss man beschaffen sein, damit daraus kein Alptraum wird?

Sebastian Canaves

Sebastian Canaves

2012 saß Sebastian Canaves in Thailand am Strand und überlegte, wie es weitergehen sollte. Der Gedanke war ihm nicht neu. Schon als er den Job als Marketingberater angenommen hatte, der ihn nach Bangkok gebracht hatte, war er ihm durch den Kopf gegangen. Nun lief sein Vertrag aus. Er könnte ihn erneuern. Aber wollte er das wirklich?

Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits mit dem Reisebloggen angefangen. Vorsichtig noch und nebenher. „Aber ich wusste nicht: Will ich mich damit selbstständig machen oder nicht? Soll ich es wirklich wagen?“ erzählt er mir im Gespräch.

Ein Fischer an jenem Strand sagte dann die entscheidenden Worte zu ihm: Wenn du wirklich eine Leidenschaft für etwas hast, kommt der Erfolg von allein. Er traf eine Entscheidung und ging zurück nach Berlin um Vollzeitblogger zu werden. Es wurde ein Erfolg: Sein „Abenteuer-Reiseblog“ Off-the-Path.com ist heute sein Hauptjob.

Gemeinsam mit Conni Biesalski hat er zudem die Blogcamps aus der Taufe gehoben, bei denen es ums erfolgreiche Bloggen geht. Nun wollen sie auch konkreter beim Geld verdienen helfen und Unternehmen, Institutionen und Blogger zusammenbringen. Dazu dient ihnen Transit Media.

Via Skype konnte ich Sebastian einige Fragen zum Reisebloggen und zum neuen Vermarkter stellen.

Screenshot Transit Media

Screenshot der Website zu Transit Media

Wie schätzt du die deutschsprachige Reiseblogger-Szene ein? Wie muss man sich die vorstellen?

Es gibt alles – vom klassischen Blog in Tagebuchform bis hin zur Seite im Magazin-Style. Meine Seite ist zum Beispiel mehr wie ein Magazin aufgebaut, obwohl es noch ein Blog ist.

Was ist dir wichtig? Was ist ein gutes Reiseblog?

Das Design ist da jedenfalls nicht unbedingt so wichtig, denn letztlich ist Content noch immer King. Hier haben Blogger ihre Stärken. Sie können, was viele Journalisten nicht können, weil sie machen und schreiben dürfen, was sie wollen. Sie müssen keine Richtlinien befolgen, die ihnen ein Verlag vorgibt. Das Storytelling ist hier aus meiner Sicht wichtig, also Geschichten zu erzählen. Wenn man dann noch hochwertige Beiträge liefert und den Lesern einen Mehrwert bietet, hat man schon fast alles richtig gemacht.

Bloggen ist eine Leidenschaft, wie du selbst sagst. Wie schaffst du es, diese Leidenschaft zu behalten und gleichzeitig davon zu leben?

Ich bin einfach unglaublich leidenschaftlich, was dieses Thema angeht. Ich reise unheimlich gerne. Und ich muss sagen: Das was ich mache, empfinde ich nicht als Arbeit. Ich habe so gesehen seit zwei Jahren fast nicht mehr gearbeitet. Dabei arbeite ich heute an Stunden wahrscheinlich sogar mehr als früher, es fühlt sich nur nicht mehr so an. Ich stehe stattdessen jeden Tag auf und tue etwas, was mir Spaß macht. Und am Ende des Tages kann ich davon leben. Das gilt für den Reiseblog ebenso wie jetzt für die Agentur oder das Blogcamp. Ich habe meine Berufung gefunden.

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Wie wird man denn Reiseblogger? Fängt man einfach damit an?

Ja, am besten man fängt einfach an. Ich habe lange überlegt, ob ich es machen soll und dann habe ich mir gesagt: Hör auf nachzudenken und mach einfach mal. Ich habe das eine Weile neben meinem damaligen Beruf gemacht und habe herausgefunden: Hey, das macht wirklich Spaß, ich mache das jetzt Vollzeit.

Wie muss man denn beschaffen sein, wenn man Reiseblogger werden möchte?

Man muss unglaublich diszipliniert sein. Wenn man schon bei einem normalen Bürojob morgens Probleme hat, aus dem Bett zu kommen, kann das sehr schwer werden. Schließlich muss man dann ja plötzlich gar nicht mehr zwingend aufstehen. Wer beispielsweise Routine möchte oder wer braucht, das in seinem Tag alles strukturiert ist, hat ein Problem. Als Reiseblogger ist Vieles unstrukturiert.

Aber für manchen ist das genau was man sucht.

Genau. Wenn man ein Freigeist ist, der schlecht mit Normen und Regeln leben kann, aber dann diszipliniert genug ist, jeden Morgen aufzustehen und sich hinzusetzen, dann passt das. Ich könnte natürlich an den Strand gehen und surfen. Aber auch wenn ich in Thailand am Strand bin, setze ich mich zehn Stunden in den Bungalow und arbeite. Die Versuchung ist immer da. Dem zu widerstehen, muss man auch hinbekommen.

Wie lebst du denn konkret davon?

Die beste Bezahlung, die ich bekommen kann, ist eigentlich das Feedback meiner Leser. Leider kann ich davon nicht leben und deshalb mache ich beispielsweise Affiliatemarketing. Ich empfehle also Produkte. Aber das mache ich nur mit Dingen, zu denen ich stehen und mit denen ich mich identifizieren kann.

Jetzt wirst du als Reiseblogger natürlich auch eingeladen. Wie hältst du es damit?

Ich bin da ganz transparent. Wenn ich eingeladen worden bin, dann steht das am Ende des Beitrags. Das ist ganz wichtig. Ich habe dann selbst nicht viel bezahlt, sondern habe hauptsächlich meine Zeit investiert, um etwas anschauen zu können. Wenn man das offen kommuniziert, finde ich das in Ordnung. Ich finde das im Gegenteil sogar positiv, weil alle Seiten gewinnen: Die Fremdenverkehrsämter beispielsweise erreichen damit meine Leser und ich freue mich, wenn ich einen interessanten Inhalt habe.

Du bekommst doch sicher auch unmoralische Anfragen? Beispielsweise eine Bezahlung zu verschweigen und Ähnliches?

Ja, die bekomme ich fast täglich. Man muss da professionell genug sein, solche Dinge abzusagen. Kurios ist, wie oft ich Anfragen von Unternehmen bekomme, die sich als Blogger ausgeben, dabei aber den Text ihrer Anfrage gar nicht ändern. Die wollen mir dann einen „hochwertigen Artikel“ liefern. Das fällt sofort auf und auf solche Angebote gehe ich nicht ein.

Waren solche Erlebnisse der Anlass, jetzt den Blogvermarkter zu gründen? Oder wie kam es zu der Idee?

Conni und ich hatten vorher Blogcamp gegründet und schon fünf davon in Deutschland gemacht. Wir zeigen den Leuten dort, wie sie erfolgreich bloggen können. Da kam man auf uns zu, ob wir so etwas nicht auch in einer Urlaubsregion machen wollten. Zugleich haben wir gemerkt, dass viele Unternehmen und Institutionen nicht wissen, wie sie mit Bloggern arbeiten sollen. Da kamen wir auf die Idee: Wir haben dieses Wissen, das bieten wir jetzt an.

Was ist euer Ansatz? Auf eurer Seite sprecht ihr von „außergewöhnliche Kampagnen“. Was ist damit gemeint?

Wir haben beispielsweise die größte Reisekampagne Nordeuropas organisiert. Unser Kunde war die finnische Reisemesse Matka in Helsinki. Die wollten für ihre Aussteller mehr Blogger anziehen. Daraufhin haben wir  einen großen Aufruf gemacht und haben Blogger nach Finnland eingeladen. Um die Messe herum haben wir verschiedene Aktivitäten organisiert. Eine Gruppe haben wir beispielsweise nach Lappland geschickt, eine andere nach Stockholm und einiges mehr. In Zusammenarbeit mit VisitFinland haben wir auf diese Weise einen Mehrwert für die Blogger geschaffen. Die Blogger haben dabei über das Land geschrieben und die Aussteller haben Kontakt zu weltweit führenden, erfolgreichen Bloggern bekommen. Über solche Kampagnen versuchen wir uns zu positionieren, weil die einzigartig und innovativ sind. So etwas gab es vorher einfach noch nicht.

Mit Asus Deutschland wiederum haben wir die Einführung des Asus Transformer Book T100 begleitet. Wir haben es dabei als sehr reisefreundlich platziert. Fünf Blogger weltweit haben eines bekommen und sie haben es auf verschiedene Aspekte wie Flexibilität, Akkulaufzeit, Schnelligkeit, Leichtigkeit etc. getestet. Conni beispielsweise hat es bei -30 Grad mit nach Finnland genommen, jemand anderes hatte es in Singapur bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent im Einsatz. Mit den Aktionen wollten wir zeigen, wie standfest dieses Gerät ist.

Was wäre denn jetzt gewesen, wenn das Gerät nicht standfest gewesen wäre?

Dann hätte der Blogger darüber schreiben müssen. Ich denke, dass Asus schon ziemlich überzeugt war von seinem Gerät. Wir sagen trotzdem immer: Wir organisieren das alles, wir haben die Kontakte zu Bloggern, aber wenn etwas nicht so funktioniert wie erwartet, dann können wir nichts machen. Die Blogger haben da vollkommene Freiheit.

Das ist für die Unternehmen doch sicherlich nicht einfach zu akzeptieren?

Ich glaube schon, dass dem einen oder anderen Marketeer dadurch ein graues Haar gewachsen ist. Er musste schließlich darauf vertrauen, dass alles gut geht und dass dem Blogger kein Montagsprodukt zugeschickt wird. Man kann das nicht alles absichern und das sagen wir unseren Kunden auch. Was uns stattdessen ausmacht, ist der direkte Kontakt zu den Bloggern. Ich kenne alle in unserem Netzwerk persönlich. Die Blogger vertrauen uns und die Unternehmen vertrauen uns. Wir sind der Mediator dazwischen.

Wir möchten gern, dass die Professionalisierung der Reiseblogs vorangeht und dass Blogger davon leben können. Wir wissen einfach, dass Blogs ein gutes und erfolgreiches Tool sind, um Produkte bekannt zu machen. Letztlich geht es damit um  Empfehlungsmarketing. Aber ebenso klar muss sein: Wenn es gut ist, empfehle ich. Wenn nicht, dann nicht. Am Ende steht und fällt das Blog mit seinen Lesern und man hat nichts davon, wenn man sie an der Nase herumführt.

Artikel vom 31. März 2014