Zukunft gestalten: Von Perspektivwechseln, Mindsets und neuen Narrativen

Wer mitten in einer Krise steckt, kann sich manchmal kaum vorstellen, dass die Welt danach viel besser aussehen könnte als vorher. Viel größer ist oft die Angst vor dem Verlust des Bekannten und Vertrauten. Christiane Brandes-Visbeck zeigt in diesem Beitrag, wie machtvoll Geschichten sein können, um diesem Phänomen entgegenzutreten. Sie erklärt, wie wichtig Perspektivwechsel sind und wie stark die eigene Einstellung zur Welt beeinflusst, ob wir neue Chancen wahrnehmen oder nicht.

(Foto: © agsandrew, depositphotos.com)

Einführung

„In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.“ Das hat Loriot gesagt. Angeblich. Derzeit, da ich dies hier schreibe, bin ich in der siebten Corona-Woche und es zeigt sich mehr denn je, dass an dem Spruch wohl etwas dran sein könnte: Während tausende auf „Hygienedemos“, in Talkshows und dem Wochenmarkt ihren Unmut über die Einschränkung ihrer Freiheiten und den Verlust von liebgewonnen Sicherheiten in die Welt schreien, suchen andere nach Lösungen.

Auch bei mir und in meinem Umfeld bleiben die Einschränkungen des Corona-Lockdowns nicht folgenlos. Viele sorgen sich um die Gesundheit von Freunden und Verwandten, um ihre berufliche Existenzgrundlage bei massenweise abgesagten Aufträgen, Kurzarbeit und drohenden Kündigungen. Andere erleben einen hohen Stresslevel im persönlichen Umfeld, dem sie durch Reisen oder Ausgehen nicht wie üblich entkommen können.

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Doch über all den Herausforderungen, die der Corona-Alltag mit sich bringt, liegt eine befreiende Ruhe. Der Himmel ohne Flieger strahlt blau, die Luft ohne Abgase duftet nach Frühling und Flieder und die Uhren scheinen etwas langsamer zu gehen. Geschenkte Zeit. Zum Nachdenken.

Die Corona-Krise wirft viele Fragen auf. Aktuell treiben mich persönlich die großen, weltbewegenden Themen um:

  • Warum waren wir auf die Pandemie weltweit so schlecht vorbereitet?
  • Was können wir aus den unterschiedlichen Szenarien über den Umgang mit Covid-19 lernen?
  • Wie wird die Zeit „danach“ aussehen?
  • Was können wir bis dahin tun?
  • Was ist uns wirklich, wirklich wichtig?
  • Was brauchen wir zum Leben und wie viel davon?
  • In was für einer Welt möchten wir leben?
  • Was haben wir während des Lockdowns tatsächlich vermisst? Worauf können wir auch weiterhin verzichten?

Fakt ist, dass jede*r auf diese Fragen sehr persönliche Antworten geben wird. Ich finde es dennoch spannend zu überlegen, wie wir unsere individuellen Antworten finden und durch gemeinsame Narrative wirksam in die Welt tragen können. In diesem Text möchte ich dazu Anregungen geben.


Schluss mit dem Status-quo-Bias

Sicherlich hat fast jeder von uns die notwendigen Veränderungen in der Covid-19-Pandemie als eher negativ empfunden. Wie viele haben Angst um ihre Gesundheit und ihr Leben? Wer verzichtet schon gern darauf, seine Liebsten zu besuchen und sie beim Wiedersehen freudig in den Arm zu nehmen? Wer bleibt schon gern zu Hause, wenn die Urlaubstage so günstig liegen wie in diesem Jahr und geplante und zum Teil gebuchte Reisen häufig ohne Erstattungen abgesagt werden müssen? Wer zerreißt sich schon gern zwischen Homeoffice, Homeschooling und Homecooking, wenn doch eines oft auf Kosten des anderen geht? Wer kann es sich schon leisten, auf Einkommen zu verzichten und vor lauter Sorgen nicht schlafen zu können?

Die Sorgen, die viele von uns umtreiben, sind von der Wahrnehmung getragen, dass das, was vor Corona war, auf jeden Fall besser ist als das, was wir jetzt erleben oder zukünftig erleben werden. Dieses Phänomen lässt sich als „Status-quo-Bias“ beschreiben, also das Vorurteil, dass der Status quo (vor Corona) besser ist als das, was wir erzwungenermaßen jetzt erleben, diesen unangenehmen Zwischenzustand, der in eine ungewisse Zukunft überleitet.

Ihren Status quo ändern wir Menschen nur ungern. Das hat mit unserer kognitiven Wahrnehmung zu tun:

  • Erstens nehmen wir wahr, dass wir alles das, was wir im Moment haben, besser nicht verlieren sollten („Verlust-Aversion“).
  • Und zweitens erscheint alles das, was wir im Moment besitzen, wertvoller als alles, was wir aktuell nicht haben („Endowment-Effekt“).

Beide kognitiven Wahrnehmungen sind nicht sachlich motiviert, steuern aber intuitiv unser Denken und Handeln.

Wenn wir also den Status quo vor Corona als „besser“ wahrnehmen als den nach Corona, dann bedeutet dies implizit, dass aus unserer Sicht die Zukunft nur schlechter werden kann.

Wer das Vorurteil, die neuen Zeiten können nur schlechter werden, überwinden will, benötigt ein positives, der Zukunft zugewandtes Mindset. In der New-Work-Bewegung wird dies „Growth Mindset“ genannt, als Gegenpol zu einem „Fixed Mindset“. Jemand mit einem Growth Mindset ist offen für Neues und lernt gern dazu.

Da Zukunft immer auch Neuland ist, hilft es, etwas mehr quer zu denken und wie ein professioneller Futurist, soziale, politische und technische Entwicklungen zu beobachten, um zu verstehen, was sie für die Zukunft bedeuten können.

(Illustration: Stephanie Kowalski für Ahoi Innovationen)

Übung: „Denken wie ein Futurist“

Dem Status-quo-Bias können Sie mit einem Growth Mindset begegnen, in dem Sie eine Neubewertung des Status quo vornehmen. Sie können dieses Gedankenspiel am Beispiel des Corona-Lockdowns durchführen, in dem Sie sich fragen: „Welche der von mir erlebten Veränderungen können zukunftsweisend sein?“

Beispiel: Arbeiten aus dem Homeoffice

Ein „Fixed Mindset“ denkt: „Hoffentlich ist es bald vorbei. Ich muss meine Mitarbeiter endlich wieder zur Arbeit antreiben, ihre Ergebnisse korrigieren und wieder alles fest im Blick haben.“

Ein „Growth Mindset“ denkt: „Das Homeoffice spart Zeit, Geld und Nerven. Ich muss weniger reisen, weniger unterwegs essen und trinken und mich weniger über dysfunktionale Verkehrsmittel aufregen.“

Beispiel: Kommunikation über virtuelle Applikationen wie Zoom, Teams, Mural, Conceptboard, Slack oder Messenger 

Ein „Fixed Mindset“ denkt: „Das schaffe ich nie. Die Technik ist außerdem zu unsicher. Und die Arbeitsergebnisse werden auch darunter leiden. Wird Zeit, dass wir wieder alle im Büro beieinandersitzen.“

Ein Growth Mindset denkt: „Das wollte ich immer schon ausprobieren. Jetzt können wir testen, welche Art von Kommunikationsmittel in meinem beruflichen Umfeld auch virtuell funktioniert und was wir ändern müssen, damit der Spaß bei der Arbeit nicht durch die Online-Kommunikation leidet“.

Ich will mit dieser Übung auf keinen Fall sagen, dass der Status-quo-Bias und alle Argumente für das Beibehalten des Bekannten keine Berechtigung hat. Doch möchte ich Sie anregen, mit dieser einen Perspektivwechsel vorzunehmen, der Sie positiv auf die Zukunft einstimmt.


Wir sind, was wir denken

Natürlich ist die Vorstellung, dass die Zukunft nur schlechter werden kann (und wir ihr hilflos ausgeliefert sind), ein sehr mächtiger Gedanke. Menschen, die der Zukunft „trotz allem“ etwas Positives abgewinnen und sie gestalten wollen, können ihre Zuversicht aus einer Weisheit ziehen, die Buddha zugeschrieben wird: „Wir sind das, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht durch unsere Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.“

Wenn viele Menschen auch in Deutschland das Vertrauen in die Regierung und die Medien verloren haben, dann wird dieses Misstrauen ebenso zu einer weit verbreiteten Verhaltensveränderung führen wie das der Menschen, die mit einem Growth Mindset die Zukunft positiv gestalten wollen.

Wer auf „Hygienedemos“ protestiert, verändert sein Verhalten ebenso wie der Unternehmenslenker, der nach bestimmten Regeln Homeoffice erlaubt in der Erwartung, dass diese Form der Zusammenarbeit die Produktivität erhöht und die Zufriedenheit der Arbeitnehmer*innen ebenso.

Der Mechanismus, der dafür sorgt, dass das Erwartete eintritt, beschreibt der US-amerikanische Soziologe Robert King Merton als „self-fulfilling prophecy“, deutsch „selbsterfüllende Vorhersage“.

Wenn wir uns die psychologisch-soziologische Erkenntnis von der erwartbaren Prophezeihung in Krisenzeiten vor Augen führen, können Verhaltensänderungen auf jeden Fall etwas bewirken. Ob es zum „besseren“ oder zum „schlechteren“ passiert, können wir sogar steuern.

Wer also das, was wir gerade erleben, dankbar annimmt und sich sagt: „Danke für die Lernerfahrungen. Die Situation ist in Ordnung – ich denke dennoch, wir können noch vieles besser machen,“ wird die Zukunft positiv beeinflussen.

Übung: „Selfempowerment im Denken“

In dieser Übung geht es um den Perspektivwechsel. Damit wir lernen, Dinge neu zu denken, damit uns selbst zu stärken, um dann Veränderungen bewirken zu können. Es geht um „Selfempowerment“.

In meiner Ausbildung zum Systemischen Coach habe ich diese Übung auf das Thema schlechte Angewohnheiten angewendet. Es sollte darum gehen, mit dem Rauchen aufzuhören:

  1. Wir haben uns bewusst gemacht, dass wir „das sind, was wir denken“. Wenn ich mich also als Raucherin als ein schwache, der Sucht ausgelieferte Person wahrnehme, die alle Menschen wegen ihrer schlechten Angewohnheit verachten, sehe ich mich selbst eines Tages auch so. Damit nahm ich mir jedes Handlungsfeld, habe mich als Opfer in die ausweglos erscheinende Situation gefügt.
  2. Wir haben überlegt, warum wir uns dieses Handeln angewöhnt haben. Als ich jung war, galt Rauchen als cool. Man hatte immer einen Vorwand, fremde Menschen in einer Disco anzusprechen („Hast du was zu rauchen“) oder konnte stolz darauf sein, zu der ausgewählten Gemeinschaft in der verbotenen Raucherecke hinter der Sporthalle zu gehören.
  3. Mir kam die Erkenntnis: „Ich bin kein schlechter Mensch, sondern ich habe mich an etwas gewöhnt, das mir zu einem Zeitpunkt einen gewissen Coolness-Faktor eingebracht hat, gleichzeitig aber meiner Gesundheit schadet.“
  4. Wir haben gelernt, dass ich mir eine solche Angewohnheit dann abgewöhnen kann, wenn ich mir verzeihe und sagen kann: „Das Rauchen hat am Anfang großen Sinn ergeben. Ich habe mit seiner Hilfe Unsicherheit und Stress überwunden. An vielen Orten wie Discos, Bars und auf Konferenzen habe ich zu den coolen Menschen gezählt.“ Ich habe mich also an etwas gewöhnt, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt hilfreich war.
  5. Erst nach der Anerkennung des Guten im Schlechten entwickelte ich (Jahre später) die Kraft, mit dem Rauchen aufzuhören. Niemand muss sich selbst dafür bestrafen, bisher zu blöd oder zu schwach dazu gewesen zu sein.

Gibt es eine Einsicht, die Sie während der Corona-Zeit gewonnen haben, die Sie gern ändern möchten? Versuchen Sie es mit dieser Übung.


Nichts kann verändert werden, ohne dass wir unser Denken verändern

„Wir sind, was wir denken“ trifft auf so viele Bereiche des Lebens zu. Und wenn wir umdenken, können wir auch anders handeln, das hat die Übung eben gezeigt. Albert Einstein führte den Gedanken den Buddhas auf den nächsten Level, indem er sagte: „Die Welt, wie wir sie geschaffen haben, ist das Ergebnis unseres Denkens. Sie kann nicht verändert werden, ohne unser Denken zu verändern.“

Diese Erkenntnis ermöglicht die Annahme: Wenn wir umdenken und deshalb anders handeln als bisher, können wir Veränderungen bewirken.

Wem das zu sehr nach Allgemeinplatz klingt, dem*derjenigen möchte ich das Konzept des „Circle of Influence“ und des „Circle of Concern“ vorstellen. Dieses Modell adaptiert Stephen R. Corveys Bestseller „The Seven Habits of Highly Effective People” (1992) mit dem Ziel, Menschen zu motivieren, ihr Handeln nach den Möglichkeiten priorisieren.

Proaktive Menschen, die Veränderungen bewirken und damit Selbstwirksamkeit erleben wollen, übernehmen Verantwortung für ihr eigenes Leben. Ihr Verhalten ist ein Ergebnis ihrer Entscheidungen und nicht der „Umstände“. Sie fokussieren sich auf den „Circle of Influence“, also auf die Themen, in denen sie Einfluss nehmen und etwas bewirken können.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt übrigens das Prinzip „Pilot in the Plane“, der von Startup-Gründer*innen bevorzugten Entscheidungslogik „Effectuation“, die ich in meinem Buch „Netzwerk schlägt Hierarchie. Neue Führung mit Digital Leadership“ vorgestellt habe: Die Energie dieser Menschen ist positiv, geht über sie selbst hinaus. Sie wirkt wie ein Vergrößerungsglas, das die Handlungen größer erscheinen lässt, als sie vielleicht sind.

Menschen, die hingegen im „Circle of Concern“ gefangen bleiben, machen sich Sorgen, fühlen sich ohnmächtig und unbedeutend, verharren in ihrer Angst vor dem Neuen und finden immer wieder Gründe dafür, dass sie wirklich „nichts machen können“.

Brian Tracy, ein US-amerikanischer Berater für Selbstentwicklung, beschreibt das Phänomen so: „Leaders think and talk about the solutions. Followers think and talk about problems.”

Treffen problematisierende Menschen jedoch auf proaktive Menschen, kann es sein, dass sie von ihnen inspiriert werden und sich mitnehmen lassen. John Kotter, der Großvater der Wissenschaften über betriebliche Veränderungsprozesse, beschreibt das so: „Leadership defines what the future should look like, aligns people with that vision and inspires them to make it happen despite the obstacles.“.

Die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Menschen anderen Menschen und ihren Ideen ins Ungewisse folgen, sind übrigens „Psychological Safety“ und Vertrauen. An dieser Stelle können soziale Medien großes bewirken.

Gerade auf Twitter lese ich häufig, wie „Influencer“, also Menschen, die ihren Circle of Influence kennen und nutzen, ihre neuen Erkenntnisse oder ihre veränderten Handlungen aufgrund von Umdenken und Neudenken teilen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist dieser Tweet der Feministin und Journalistin Teresa Bücker, die unter ihrem Twitternamen @fraeulein_tessa, dieses Insight zum Muttertag gepostet hat:

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Übung: „Neudenken like a Pro”

Überlegen Sie, ob es in Ihrer persönlichen Corona-Zeit Menschen gab, deren Handeln Ihnen imponiert hat. Und ob Sie ihnen so sehr vertraut haben, dass auch Sie sich an etwas Neues gewagt haben. Welche Auswirkungen wird dieses Umdenken und anders Handeln auf Ihr Leben in der Zukunft haben?


Your mind beliefs everything you tell it

Unsere Fähigkeit umzudenken und neu zu denken, kann Dinge zum Besseren und zum Schlechteren bewirken. Deshalb warnen Menschen wie der Achtsamkeits-Coach Lisa Hayes ihre Leser*innen: „Pass auf, was du dir selbst über dich erzählst, denn dein Gehirn wird alles glauben, was du ihm erzählst. Also füttere es mit Vertrauen. Füttere es mit Wahrheit. Und füttere es auf eine liebevolle Weise.“

Diese Erkenntnis wird vor in der New-Work-Filterblase gern zitiert. Die Aufforderung an mich selbst, einmal erlerntes Denken und Verhalten zu verlernen und dann neu zu lernen, heißt auf Englisch: „Learn. Unlearn. Relearn.“

Wenn also Teresa Bücker erlebt, dass Frauen beides haben können, einen erfüllenden Beruf und eine glückliche Familie, dann hat sie die Überzeugung gewonnen, dass das „Entweder-oder“-Denken überholt ist. Sie hat gelernt: „Ich kann beides haben, ich muss mich nicht entscheiden.“

Wenn ich beispielsweise während des Corona-Shutdowns gelernt habe, dass ich virtuell Geschäfte anbahnen, Workshops geben und Vorträge halten kann, dann lerne ich auch, dass ich in Zukunft weniger reisen muss und mich damit im Business-Kontext umweltfreundlicher verhalten kann.

Wenn der Starpianist Igor Levit kochen lernt und sich darüber freut, dass seine Schokotorte mit viel Butter mega lecker ist, wird er vielleicht auch in Zukunft häufiger backen und weniger Gebäck einkaufen. Eine Erkenntnis, die Igor Levit durch die 52 Hauskonzerte aus seiner Berliner Wohnung gewonnen hat ist, dass ihm seine politischen Einstellungen und sein gesellschaftspolitisches Engagement nicht schaden. Im Gegenteil. In seinem Podcast-Gespräch mit der Journalistin Eva Schulz hat er betont, dass immer um die 10.000 Menschen seine gestreamten Konzerte über Twitter und Instagram verfolgt haben unabhängig vom Programm mit Werken von Beethoven, Bach und Bartok bis zu den wütenden Werken von politisch aktiven Komponisten aus der Neuzeit.

Während der Corona-Zeit wurde offensichtlich, dass es auch Experten als entlastend empfinden, wenn sie zugeben dürfen, dass sie Suchende und Lernende sind. Dass sie nicht immer so tun müssen, als ob sie Allwissend und Unfehlbar sind.

Wenn ein international angesehener Virologe wie Professor Christian Drosten in seinem Podcast zugibt, dass er als Wissenschaftler täglich dazulernt und damit seine Einschätzung der Lage entsprechend anpassen muss, können auch andere Menschen von der Fähigkeit profitieren, dass unsere Erkenntnisfähigkeit aus dem resultiert, was wir unseren Gehirnen füttern.

Übung: „Mein Circle of Influence“

Während der Corona-Zeit habe ich Situationen gemeistert, mit Fähigkeiten, von denen ich gar nicht wusste, dass sie etwas Besonderes sind. Welches sind diese Fähigkeiten? Wer in Ihrem Umfeld hat Sie darauf aufmerksam gemacht? Und welche Rolle wird diese Superkraft in Ihrem zukünftigen Leben spielen?

Schreiben Sie auf, wie Sie mit diesen Reflektionen Ihren persönlichen Circle of Influence definieren.


Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen damit sie aufwachen

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen. Erwachsenen damit sie aufwachen.“ Dieser Satz des argentinischen Autors Jorge Bucay bringt auf den Punkt, warum wir in unserem „Circle of Influence“ besonders dann erfolgreich sind, wenn wir unsere neuen Erkenntnisse in Form von Geschichten weitererzählen.

Leider wird der Weckruf „Wachet auf!“, der übrigens auch der Titel einer der berühmtesten Bach-Kantaten ist, von Rechtspopulisten in den sozialen Medien über Gebühr strapaziert.

Doch grundsätzlich ist es nun einmal so, dass man Menschen, die aus Angst oder Bequemlichkeit vor Umdenken, neu lernen und Zukunft gestalten lieber im Nichtstun verharren, nur mit deutlichen Worten zum aktiv werden antreiben kann. Die Mehrheit der Bürger in unserem wohlhabenden Deutschland hat sich gemütlich eingerichtet in ihrer selbst erdachten Welt. Ihre Geschichten vom hart erarbeiteten Wohlstand und dem verdienten Ruhestand sind ebenso überholt wie ihre Social-Media-Posts von rastlosen Reisen in sehr ferne Länder als Attribute eines erfolgreichen Lebens.

Denn wiederkehrende Pandemien, der drohende Klima-Kollaps und der kaum noch zu steuernde Turbo-Kapitalismus mahnen deutlich, dass wir eine Welt erschaffen müssen, in der die Natur beschützt und Menschen gut behandelt werden unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft, ihres Einkommens und ihrer Kultur. Wenn wir nicht bald beginnen, unsere Leben selbst zu steuern, werden das andere für uns tun: machthungrige Manager, fehlgefütterte Algorithmen und politische Hetzer, die vor nichts zurückschrecken, um ihren Einfluss zu sichern.

Die Corona-Krise wirkt dabei wie ein Brennglas: Sie verstärkt das Streben vieler Menschen, die die Mechanismen unserer globalisierten und digitalisierten VUKA-Welt (VUKA wie volatil, unsicher, komplex und ambigue) nicht mehr verstehen, einfache Erklärungen zu finden. Extrem rechte und linke Kräfte spinnen vielsprachig Verschwörungstheorien und schütten diese weltweit über soziale Medien aus. Chinas Auswärtiges Amt ist verstärkt auf FB unterwegs, um die Ursachen und Folgen der Pandemie so vielfältig zu erklären, dass die Menschen schon gar nicht mehr wissen, was sie denken sollen. Russland streut über Russia Today. Vegane Köche, wenig reflektierende Showgrößen und B-Liga-Sternchen, die etwas Aufmerksamkeit benötigen, verführen mit kruden Theorien, die plausibel klingen, zum Widerstand.

Innere Bilder wie die Angst vor der zerstörerischen Zukunft geben ebenso Kraft wie die, die Erlebnisse, die zum menschenorientierten, liebevollen Handeln anleiten und damit eine positive Zukunftsgewandtheit bewirken. Diese Art von Geschichten gilt es zu erzählen. Als Weckruf.

(Illustration: Stephanie Kowalski für Ahoi Innovationen)

Übung: „Tu-was-Geschichten“

  • Was für Geschichten kenne ich, die mein persönliches Handeln positiv beeinflusst haben?
  • Habe ich schon einmal jemanden mit einer Geschichte zum Umdenken motiviert?
  • Welche Bestandteile braucht so eine Story, damit sie wirken kann?

Neue Narrative braucht das Land

(Illustration: Stephanie Kowalski für Ahoi Innovationen)

Während der Corona-Krise haben wir vielfältige Akteure kennengelernt, die dazu beitragen, dass wir in einer menschenfreundlichen Welt leben können. Zu den Bekanntesten in Deutschland gehören sicherlich der Virologe Christian Dorsten, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Pianist Igor Levit und Bundespräsident Walter Steinmeyer. Doch es sind auch die vielen ungenannten Menschen in „systemrelevanten Berufen“, von denen über die Hälfte übrigens weiblich sind.

Sehr viele Medien wie die New York Times haben berichtet, dass die Länder, in denen Covid-19 bisher relativ wenig Schaden angerichtet hat, von Frauen regiert werden. Solche Erfolgsmeldungen zahlen auf die Forderungen mancher Wissenschaftler*innen ein, dass die Welt durch „Sheconomics“ zu einem besseren Ort werden könnte, also durch eine Wirtschaftsform, die von weiblichen Perspektiven geleitet wird.

Auch die hier bereits mehrfach erwähnte New-Work-Initiative von Godfather Frithjof Bergmann passt dazu. Er plädiert seit den 1970er-Jahren dafür, dass Menschen, deren Jobs wegen der zunehmenden Digitalisierung wegfallen, die neu gewonnene Freizeit vom Unternehmen bezahlt bekommen, um sie in ihre persönliche Weiterentwicklung zu ihrem eigenen Vorteil zu investieren und zum Nutzen des Unternehmens. Bis heute motiviert Bergmann Menschen dazu, herauszubekommen, was sie „wirklich, wirklich wollen“.

Die simple Methode und die Bücher dazu hat der US-Amerikaner Simon Sinek geliefert. Der Marketingfachmann und Generation-Y-Influencer hat eine neue Version vom „Goldenen Kreis“ entwickelt, bei der zuerst nach dem „Warum“ gefragt wird, dann nach dem „Wie“ und erst zuletzt nach dem „Was“. Wer mit dieser Methode sein Leben und sein Business entwickelt, das sind sich Bergmann und Sinek einig, findet seinen „Purpose“, seinen Sinnzweck, und damit wirtschaftliche und spirituelle Erfüllung.

(Illustration: Stephanie Kowalski für Ahoi Innovationen)

Beide Beispiele verdeutlichen, dass wir neue Geschichten brauchen, die diese Erkenntnisse und Vorgehensweisen in die Welt tragen. Wir brauchen „Neue Narrative“. Narrative sind musterhafte Geschichten, die davon erzählen, dass der Wandel zu schaffen ist. Sie berichten von Menschen, die sich mit Erfolg mit der neuen Zeit auseinandersetzen und Lösungen für unsere Herausforderungen finden. Die so glaubwürdig sind, dass wir ihnen vertrauen und uns zum Anders-Handeln motivieren lassen. Die auf ihrer Lernreise in die Zukunft durch kritisches Hinterfragen Einsichten gewonnen haben, die uns dazu bewegen, Erfolg und Lebensqualität anders zu bemessen als früher.

Damit sind Narrative sinnstiftende Erzählungen, die Einfluss darauf haben, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Sie transportieren starke Werte und Emotionen. In der Regel sind sie auf einen bestimmten Kulturkreis bezogen und unterliegen in ihrer Bedeutung dem zeitlichen Wandel. Narrative setzen Verhaltensweisen in einen bestimmten Kontext und beeinflussen damit, wie Menschen eine Tatsache wahrnehmen und beurteilen. Sie formen die Wahrnehmung von Realität. Und damit auch die Welt, in der wir leben.

Wenn sie von einer großen Anzahl von Menschen eines Kulturkreises als gültig und „wahr“ angenommen werden, sind sie keine beliebigen Geschichten mehr. Narrative sind damit eine durch eine Vielzahl von Menschen als wahr legimitierte Erzählungen.

Ein Beispiel für ein neues Narrativ aus der Vor-Corona-Zeit: Microsoft-CEO Satya Nadella, der das IT-Unternehmen seit 2014 Jahre leitet und vom „Time Magazine“ zu einem der einflussreichsten Menschen unseres Zeitalters gekürt wurde, sagte einst sinngemäß über die VUKA-Welt: „We are moving from a culture of a group of people who know it all to culture of a group of people who want to learn it all.“

Diese soziologische Aussage sollte sich auf alle Menschen unserer Welt beziehen. Um in unsicheren Zeiten zurechtzukommen, ist es wichtig, sich von einer Gesellschaft der Alleswisser zu einer Gesellschaft der Ewig-Lernenden zu entwickeln. Vom Fixed Mindset zum Growth Mindset.

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Die von Nadella genannte erste „group of people“ ist eine freundliche Umschreibung von Menschen, deren Haltung von Regeln geprägt sind aus einer Zeit, in der Macht und Einfluss weißen Männern vorbehalten waren. Deren Perspektive auf die Welt soll heute überkommen werden, weil sie uns zum Backlash, zu Rückschritten, auffordert und nicht zum Weitergehen in die sich verändernde Zukunft animiert. Diese Gesellschaft der alten, weißen Männer fordert, dass alles so bleibt, wie es ist. Die alte Ordnung habe sich doch bewährt. Doch die VUKA-Welt will einfach nicht auf diese Männer hören. Sie ist unartig wie ein schlecht erzogenes Kind und macht einfach, was sie will!

Für ein gutes Leben in unsicheren Zeiten benötigen wir mächtige Bilder. Eines davon ist, dass wir Menschen uns gemeinsam in die Zukunft begeben und unterwegs miteinander und voneinander lernen. Das heißt nicht, dass wir keine Angst vor der Zukunft haben dürfen. Aber wir sollten mutig sein und weitergehen. Es macht keinen Sinn, sich auf das Negative zu konzentrieren und in Angst und Sorgen zu verharren. Unsere Aufgabe ist, Geschichten über unsere Stärken, unsere Gedanken und Bilder von der Welt zu erzählen und damit den Lead für die Gestaltung unserer Zukunft zu übernehmen. Wie appellieren Menschen an der kollektiven Intuition und laden sie ein, mit uns reisen von der bekannten in die neue, unbekannte Welt.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 81

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