Interview zu Gründerinnen in Hamburg: „Es geht um eine generelle Veränderung in der Gesellschaft“

Während es in der Digitalbranche allgemein einen vergleichsweise hohen Frauenanteil gibt, sieht das bei Gründungen noch ganz anders aus. Ich habe mich dazu mit Sanja Stankovic und Sina Gritzuhn von Hamburg Startups unterhalten. Die bestätigen diesen Eindruck durchaus, sehen aber zugleich in den letzten Monaten auch viel Bewegung bei diesem Thema.

Sanja Stankovic und Sina Gritzuhn
Sanja Stankovic und Sina Gritzuhn

Erklärt doch am Anfang vielleicht erst einmal, was Hamburg Startups eigentlich ist und wie es dazu kam.

Sina:

Unser großes Ziel ist es, die Hamburger Gründerszene zu vernetzen und auch nach außen hin sichtbarer zu machen. Das lösen wir aktuell vor allem über drei Säulen: unsere Events, die redaktionelle Arbeit und den Hamburg Startup Monitor.

Entstanden ist das ursprünglich aus zwei unabhängigen Projekten, dem „Startups@Reeperbahn“-Pitch und der Idee einer Umfrage zur Startupszene in Hamburg. Letztere sollte zeigen, welchen wirtschaftlichen Impact die Szene in der Hansestadt eigentlich hat. Letztendlich haben wir uns zusammengetan und es wurde am Ende Hamburg Startups geboren.

Der Pitch fand erstmalig im September 2013 statt und unser Blog ging im Dezember an den Start. Und die offizielle Firmierung folgte dann am 26. März 2014.

Unser Startup Monitor wiederum ist jetzt seit September 2014 live und inzwischen sind dort knapp 360 Unternehmen verzeichnet. In Kürze starten wir die nächste Umfrage, um wesentliche wirtschaftliche Kennzahlen abzufragen.

Wie hat sich das Projekt entwickelt? Und wie hat die Startupszene in Hamburg darauf reagiert?

Sina:

In den letzten anderthalb Jahren hat sich das immer mehr verselbständigt. Inzwischen ist daraus eine umfassende Plattform geworden. Neben den drei ursprünglichen Säulen gibt es weitere Bereiche. Dazu gehört beispielsweise das „Who is Who“ mit den Köpfen der Startupszene oder das neue Jobboard.

Sanja:

Auch die Veranstaltungen haben sich klasse entwickelt. Als wir gestartet sind, hatten wir einfach die Idee, Startups zum gemeinsamen Networking beim Glühweintrinken einzuladen. Wir nannten es „Hamburg Startups Mixer“, das kam super an und inzwischen ist daraus eine feste Reihe entstanden. Beim zweiten Event war das Interesse so groß, dass wir mit den Leuten spontan in eine neue Location umziehen mussten.

Letztlich werden wir heute durchaus als Sprachrohr der Szene angesehen. Manchmal kommen wir uns ein bisschen vor wie die Pressestelle des Hamburger Startup-Ökosystems. Das ist natürlich toll, aber auch nicht immer einfach zu handhaben. Wir sind ja kein Team mit 20 Leuten. Aber dafür kennen wir viele Leute, auf die wir verweisen können.

Sina:

Es hat sich definitiv einiges entwickelt in den letzten anderthalb Jahren. Es gibt viele Leute, die daran mitgewirkt haben. Aber wir merken am Feedback, dass wir selbst auch schon viel erreicht haben.

Startseite von Hamburg Startups
Startseite von Hamburg Startups

Mit Blick auf unser Schwerpunktthema „Digitale Macherinnen“: Wie stellt sich die Situation für Gründerinnen aus eurer Sicht dar und wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert?

Sanja:

Man muss eines ganz klar sagen: Das ist eine Hardcore-Männerszene. Im Vergleich zur Digitalszene generell finde ich es schon erstaunlich, wie männerlastig der Startupbereich ist. Schaut man bei uns in den Startup Monitor, haben wir aktuell einen Frauenanteil von 14 Prozent.

Sina:

Ein bisschen besser als der Rest ist Hamburg schon

Tatsächlich haben wir aber auch einen Anstieg in den letzten drei Monaten von 12 auf 14 Prozent. Das mag vielleicht daran liegen, dass mehr gegründet wird, dennoch liegen wir damit über dem Bundesdurchschnitt. Ich weiß natürlich nicht, wie repräsentativ das für ganz Hamburg ist. Aber ich glaube: Ein bisschen besser als der Rest ist Hamburg schon.

Aber Sanja hat Recht damit, dass es eine sehr männerlastige Szene ist. Es kommt viel Geld aus einer wiederum männerlastigen Investorenszene. Zudem erfordert das Thema Wachstum für ein Startup viel Risikobereitschaft. Man muss schon „Eier haben“, um sich vernünftig zu verkaufen, entsprechend wachsen zu wollen und das nötige Kapital einzusammeln. Das fällt einigen Frauen eben nicht leicht. Die bleiben dann meist eine One-Woman-Show, haben vielleicht zwei oder drei Mitarbeiter und sind damit dann auch ganz zufrieden.

Sanja:

Frauen haben weniger dieses überproportionierte Selbstbewusstsein, das man bei Männern gelegentlich beobachten kann. Die stellen sich hin und sagen: Ich mache das jetzt. Ein ähnliches Verhalten beobachte ich seit Jahren bei den Digital Media Women und dem Thema „Frauen auf der Bühne“: Es reißen sich eben nicht viele Frauen darum, eine große Show auf der Bühne abzuziehen. Für dein Startup musst du aber Pitches machen und dich laufend präsentieren. Und ich glaube schon, dass das weiterhin nicht zu den liebsten Aufgaben der meisten Frauen gehört.

Auch hört man immer wieder, dass es weiterhin schwerer ist, als Frau bei Investoren ernst genommen zu werden.

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Woran glaubt ihr liegt es, dass Frauen oftmals nicht genauso ernst genommen werden?

Sina:

Es geht nicht darum, Mann oder Frau zu sein, wenn man ein guter Entrepreneur sein will

Das Auftreten von Männern ist wahrscheinlich anders. Sie geben einen anderen ersten Eindruck ab. Ich glaube, dass wir Frauen noch nicht verinnerlicht haben, dass wir das auch können. Es geht nicht darum, Mann oder Frau zu sein, wenn man ein guter Entrepreneur sein will. Sondern es geht darum: Wie trete ich auf und wie verkaufe ich meine Vision so, dass ich dafür Geld bekomme und das Ganze schnell wachsen kann? Und das ist etwas, was man lernen kann und muss. Bei ganz vielen Frauen ist noch nicht angekommen, dass sie das auch können.

Sanja:

Letztlich darf man nicht vergessen: Wir haben eben nur 14 Prozent Gründerinnen. Insofern ist die absolute Zahl der Männer, die beispielsweise auf der Bühne besser performen, nun einmal höher. Es ist zugleich natürlich nicht so, dass alle Männer das automatisch auch gut können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es den Deutschen generell nicht so liegt, sich zu präsentieren. In den USA ist das nach meiner Erfahrung ganz anders. Männer und Frauen performen auf der Bühne perfekt. Das ist sicherlich eine kulturelle Geschichte.

Seht ihr weitere Hürden, die noch abgebaut werden müssen?

Sanja:

Was aus meiner Sicht schwierig ist: Gremien, Beiräte und Jurys sind weiterhin zu weiten Teilen ausschließlich männlich besetzt.  Und ich glaube, dass das manchmal die Frauen hindert, sich frei auf Events zu bewegen oder sich für Pitches zu bewerben.

Es hat einfach viel mit Vorbildern zu tun

Beim Startups@Reeperbahn Pitch hatten wir im ersten Jahr fast ausschließlich Bewerbungen von Männern, deshalb haben wir uns dann im letzten Jahr aktiv darum gekümmert, Gründerinnen anzusprechen und in den entsprechenden Gruppen gezielt darum geworben. So war die Zahl der Bewerberinnen deutlich höher. Es hat einfach viel mit Vorbildern zu tun, wie ich finde. In den letzten Monaten ist in der Richtung einiges passiert. Ich denke da an das Startup Weekend Women oder auch viele Inhalte auf der Social Media Week: Gründerinnen sind ein Thema und es gibt immer mehr Männer, die das ebenfalls unterstützen. Es geht um eine generelle Veränderung innerhalb der Gesellschaft, denn es ist wichtig, dass das gemeinsam getragen wird und nicht immer nur von einer Seite kommt. Ich habe das Gefühl, dass es da in der Szene ein Umdenken gibt. Dabei muss man natürlich zugleich realistisch bleiben. Man kann z.B. nicht eine Startup-Konferenz machen und dann 50 Prozent Frauen auf der Bühne haben wollen. Das ist eben nicht die Wirklichkeit. Aber die tatsächlich vorhandenen 14 Prozent sollten schon vertreten sein.

Sina:

Ich denke ebenfalls, dass Vorbilder ganz wichtig sind. Es gibt schließlich erfolgreiche Gründerinnen, die damit auch nach außen auftreten. Auf diese Weise machen sie Frauen und jungen Mädchen Mut. Sie zeigen, dass es ganz normal sein kann, dass eine Frau an der Spitze eines Unternehmens steht. Das ist ein wichtiger Lernprozess, der bei uns in der Gesellschaft noch stattfinden muss. Deshalb versuchen wir, Gründerinnen hervorzuheben, damit sie als Vorbild ihre Bühne haben.

Wachsendes Verzeichnis der Szene: der Hamburg Startups Monitor
Wachsendes Verzeichnis der Szene: der Hamburg Startups Monitor

Das ist ein gutes Stichwort: Was macht ihr denn im Rahmen von Hamburg Startups, um Frauen mehr Sichtbarkeit zu geben?

Sina:

Erst einmal sind wir natürlich für alle Gründer da. Wir wollen uns nicht auf ein Geschlecht oder andere Kriterien einschießen. Wir unterstützen aber aktiv Events wie z.B. das Startup Weekend Women oder das von Sanja organisierte Ladies Dinner. Das hat gezeigt: Hamburg hat ganz viele spannende Gründerinnen.

In Hamburg passiert allgemein relativ viel. Gerade die Digital Media Women haben da viel im Angebot oder die Mompreneurs. Diese Gruppen sorgen dafür, dass sich Gründerinnen kennen lernen und sich besser vernetzen können.

Sanja:

Und das unterstützen wir natürlich, z.B. weisen wir über unsere Kanäle auf die Veranstaltungen hin. Außerdem leben wir die Sache mit den Vorbildern, denn bei uns gibt es keine Listen oder ähnliches, wo nur Männer vertreten sind.

Sina:

Genau. Das fängt bei uns mit dem Kuratorium für den Startups@Reeperbahn Pitch an und endet bei Expertenmeinungen in einem redaktionellen Bericht. Für uns ist es ganz normal, dass immer ein gewisser Prozentsatz an Frauen dabei ist. Und es geht nicht darum, dass wir zwanghaft immer Frauen auswählen. Unternehmerinnen und Expertinnen sind vielmehr ein fester Bestandteil des Ökosystems.

Sanja:

Auf der Social Media Week haben wir jetzt zum zweiten Mal in Folge den Startup Day gemacht. Und ich würde nie eine Session kuratieren, wo ich keine Frauen auf der Bühne sitzen habe. Wir müssen übrigens dabei das Frauenthema überhaupt nicht immer so hervorheben, denn kompetenten Frauen sind eben einfach präsent und „normal“ – auch wenn das für viele anderen Veranstalter seltsamerweise noch schwierig ist.

Das ist der Teil, den wir dazu beitragen. Ich denke, da sind wir als Startup-Medium schon ziemlich einzigartig, einen so hohen Frauenanteil zu haben.

Und zum Schluss: Welche Anknüpfungspunkte empfehlt ihr denn Gründerinnen und solchen, die es werden wollen?

Sina:

Wenn es um Netzwerke geht, haben wir beispielsweise schon die Digital Media Women genannt und die Mompreneurs. Außerdem gehören hier die Geekettes dazu. Bei She Works gibt es außerdem Übersichten mit weiteren Tipps. Meine Beispiele beziehen sich auf Hamburg. Aber viele davon sind in ähnlicher Form auch an anderen Orten zu finden.

Events in Hamburg gibt es eine ganze Menge. Ich werfe hier mal einige ein: Dine & Discuss, DMW Themenabende und Meetups, Ladies Dinner, Beta Breakfast, 12min.me, Gründergrillen, Gamecity Treff, Webmontag, Spätschicht, unsere Hamburger Startups Mixer und viele mehr.

Dazu auch die Möglichkeiten, einen Pitch abzuliefern. Dazu gehört Startups@Reeperbahn, Webfuture Award, Betapitch, aber auch Events wie 12min.me und Dine & Discuss.

Weitere Informationen auf der Website von Hamburg Startups…


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 26

Gemeinsam mit den Digital Media Women haben wir mit der Nummer 26 eine ganz besondere Ausgabe des UPLOAD Magazins auf die Beine gestellt: Wir schwenken das Rampenlicht auf „digitale Macherinnen“. Dazu haben wir beispielsweise 24 profilierte Frauen der Digitalszene im Kurzinterview. Wir beleuchten die Gründerinnenszene in Hamburg. Und wir geben praktische Tipps und Tricks rund ums Netzwerken.

Jan Tißler ist auch bekannt als jati. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist, die meiste Zeit davon digital. 2006 hat er das UPLOAD Magazin aus der Taufe gehoben. Er ist fasziniert von den Freiheiten des digitalen Publizierens und erklärt gern, wie Unternehmen, Organisationen oder auch Selbstständige mit ihren Botschaften im Netz gehört werden. Immer mit einem Bein fest in der Zukunft. Der gebürtige Hamburger lebt inzwischen in Santa Fe, New Mexico.