Erfolgsmodell "Glam": Redaktion + Blogs + Werbenetzwerk

„Glam“ ist ein überaus erfolgreiches Projekt aus den USA, das sich an klassischen Modezeitschriften orientiert und das Modell ins Internet überträgt. Es ist interessant zu beobachten, wie hier ein branchenfremdes Team den Verlagen zeigt, was eigentlich ihre ureigenste Aufgabe im Internet wäre: medienadäquate, zielgruppenspezifische und vor allem wiedererkennbare Angebote schaffen, Werbekunden ein interessantes Umfeld bieten und dabei das Internet als Chance betrachten und nicht etwa als Gefahr für Print. Was den Erfolg von Glam ausmacht, soll dieser Artikel aufzeigen. Inwiefern sich das Modell auf andere Themen übertragen ließe, ist eine weitere Frage.

Screenshot Glam.com

Glam.com: Kristallisationspunkt eines Medienprodukts neuer Art. Als Besucher mit deutscher IP wird man allerdings sofort auf Glam.de umgeleitet.

Grundlagen des Erfolgs

Gerade dieser Tage hat Hubert Burda Media seine Anteile am deutschen Glam-Ableger weiter erhöht. Wenn es der Burda-Verlag wie viele seiner Wettbewerber bislang auch kaum geschafft hat, sein Wissen und seine Erfahrungen aus der Printwelt aufs Netz zu übertragen, so erkennt man doch zumindest ein Webprojekt mit Potenzial – oder investiert jedenfalls darin.

Zur Vorgeschichte: Glam wurde 2003 vom früheren NetObjects-Chef Samir Aurora gegründet. An seiner Seite hatte er viele Mitstreiter, die im Silicon Valley bereits bestens bekannt waren.

Ihr Ziel: Eine Website zum Thema Mode starten, um die entsprechenden Werbekunden ins Netz zu bringen. Denn die Zielgruppe, die mit gedruckten Modemagazinen zuhauf bedient wird, fand im Netz kaum entsprechend aufbereitete Angebote. Im Netz ist heute noch vieles lieblos und eintönig. Kein Wunder, dass man damit nur „ein paar lausige Pennys“ (Hubert Burda) verdienen kann. Glam wollte und will es anders machen.

Bei der Gestaltung der Seite orientierte man sich ganz klar am Auftreten der gedruckten Vorbilder. Beim grundlegenden Konzept ging man hingegen neue Wege.

Drei wesentliche Elemente

Glam besteht im Wesentlichen aus drei Elementen:

  • 1. Die zentrale Website. Glam.com ist der zentrale Anlaufpunkt des gesamten Konstrukts. Hier findet man die interessantesten und neuesten Artikel, Fotostrecken und mehr.
  • 2. Das Blognetzwerk. Glam erschöpft sich nicht in dieser Seite. Zugleich verzweigt es sich weit ins Netz hinein, in dem es ein Netzwerk von thematisch passenden Blogs betreibt. Deren besten Inhalte werden auf Glam.com verlinkt.
  • 3. Das Werbenetzwerk. Damit die teilnehmenden Blogs einen Anreiz haben und es auch für die Betreiber lohnend wird, gibt es ein Werbenetzwerk, das das komplette Angebot vermarktet. Auf diese Weise erreichen die Anzeigenkunden eine klar umrissene Zielgruppe und dabei eine vergleichsweise hohe Reichweite. Ergänzend gibt es Angebote wie die „GlamTV Plattform“ u.a. in Zusammenarbeit mit Sony BMG und MTV: Wer Videos daraus auf seinem Blog einbindet, wird an den Einnahmen beteiligt.

Kurzum: Für alle scheint das Unternehmen ein Gewinn. 110 Millionen Nutzer erreicht Glam weltweit. Innerhalb weniger Monate hat auch das deutsche Glam den Markt erobert und sich mit immerhin 3,3 Millionen Nutzern an die Spitze der deutschsprachigen Frauenangebote gesetzt, ist zu lesen. Nachgezählt habe ich das nicht.

Warum das Modell funktioniert

Das Modell funktioniert, weil die Macher bereit sind, an mehr als ein in sich geschlossenes Portal zu denken. Stattdessen sind sie der Kristallisationskern von etwas viel Größerem – und an allem Wachstum, der auch ohne ihr direktes Eingreifen geschieht, beteiligt.

Die Glam-Macher geben also Kontrolle ab, lassen Inhalte auf anderen Seiten zu und bekommen dafür mehr Inhalte, Leser und somit Werbereichweite zurück.

Das ist vielleicht der entscheidende gedankliche Schritt, den Verleger alter Schule heute noch machen müssen. Zeitungen und Zeitschriften sind ein in sich geschlossenes Produkt. Dieses Modell funktioniert im Internet aber nur in seltenen Ausnahmefällen. Ansonsten ist der Standard: Offenheit. Offen sein nach allen Seiten. Andere fördern und dabei ein Netzwerk bilden – ob das nun ein gemeinsames Logo hat oder nicht. Und das ist kein Risiko, sondern eine ungeheure Chance.

CEO Samir Arora sieht Glam selbst als „distributed media company“. Inhalte werden selbst produziert, im Netz gefunden, miteinander verknüpft und so den Leserinnen und Anzeigenkunden etwas geboten. Am Ende des Tages ist Glam weder ein Portal noch ein Netzwerk, sondern eher eine Plattform. Dass die Entwicklung in diese Richtung geht, zeigen auch die „GlamApps“: nützliche kleine Tools, die man in die eigene Seite integrieren kann. Dazu muss man künftig kein Mitglied des Glam-Netzwerks mehr sein. Hier wächst Glam also sogar über seine sowieso weit gesteckten Grenzen hinaus (mehr zu den GlamApps hier bei t3n).

Screenshot Glam.de

Glam.de: Die deutsche Seite kann vom Umfang her (noch?) nicht mit dem US-Original mithalten.

Übertragbarkeit auf andere Themen

Ob das Modell auf jeden Bereich übertragbar ist? Aus meiner Sicht schon – im Prinzip. Vor allem sind unglaublich viele Themen noch nicht entsprechend im Netz besetzt. Man vergleiche das Angebot am Kiosk (wo Print doch angeblich bereits tot ist) mit dem im Internet. Was man online findet sind oft Mosaiksteine, die man sich als Leser selbst zusammensetzen muss und am Ende doch kein vollständiges Bild hat. Manche mögen das. Ich finde es auch faszinierend, mich über alle möglichen Nischenthemen informieren zu können, über die man früher ohne Internet nur wenig bis gar nichts erfahren hat. Aber das reicht mir nicht. Meine Idealvorstellung wäre, dass es für jeden Bereich jemanden gäbe, der die besten und interessantesten Informationen für mich zusammenstellt und ansprechend präsentiert.

Voraussetzung ist allerdings, dass es genügend gut gemachte Inhalte z.B. in thematisch spezialisierten Blogs gibt. Und da habe ich zumindest für den deutschsprachigen Raum noch so meine Bedenken. Aber das wird kommen. Und falls solche Modelle wie Glam zeigen sollten, dass man mit einigen guten und konsequent umgesetzten Ideen doch etwas im Internet auf die Beine stellen kann, wird es dem sicherlich helfen.

Ist Glam nun das perfekte Vorbild, bei dem alles wunderbar ist und man sich nichts Besseres vorstellen kann? Nein, sicher nicht. So etwas gibt es auch gar nicht. Aber es zeigt aus meiner persönlichen Sicht in eine vielversprechende Richtung.

Links zum Thema

Auf UPLOAD habe ich mich in der Vergangenheit schon häufig mit Blognetzwerken auseinandergesetzt. Hier einige Beispiele:

Artikel vom 23. März 2009