Peinlich, peinlich: "Süddeutsche Zeitung" kauft sich lobende Blogposts (Update)

Wie wenig überzeugt selbst überregionale deutsche Tageszeitungen noch von ihren eigenen Produkten sind, zeigt ein aktuelles Beispiel: Über den Schweizer Dienstleister Trigami kauft sich die Süddeutsche Zeitung derzeit Lob für ihre iPhone-App in Blogs und im iPhone-AppStore. Sicherheitshalber hat die Zeitung bei der entsprechenden Ausschreibung gleich mitgeliefert, was man an ihr besonders gutfinden sollte – könnte ja schließlich sein, dass man das selbst gar nicht bemerkt. Hinweis: Update am Ende des Artikels. Laut Trigami war es ein interner Fehler.

Über Trigami habe ich auch hier im Blog bezahlte Postings veröffentlicht – wenn sie thematisch passend waren und ich die Freiheit bekam, selbst über den Inhalt zu entscheiden. Das ist jetzt schon fast zwei Jahre lang nicht passiert, weil es schlichtweg keine passenden Ausschreibungen mehr gegeben hat.

Das Angebot der Süddeutschen hat mich in seiner Peinlichkeit dann doch noch mal überraschen können. Eine „Qualitätszeitung“ kauft sich Bloggerlob? Ja, so ist es tatsächlich.

Bei Trigami nennt sich diese Werbeform „Advertorial“. Auf Deutsch heißt das schlicht: Der Kunde bestimmt, was im Posting des Bloggers steht. Oder wie Trigami es so treffend selbst beschreibt: „… redaktionelle Werbetexte, geschrieben von Bloggern, 100% positiv durch Inhaltskontrolle Ihrerseits.“ Das muss die Zuständigen bei der Süddeutschen wohl überzeugt haben.

Wer als Blogger das Angebot der Süddeutschen annimmt, soll zunächst die iPhone-App der Zeitung herunterladen. Wozu das genau notwendig sein sollte, war mir auf den ersten Blick nicht so recht klar, denn nicht nur ein praktischer Lobeshymnen-Baukasten wird dem Blogger frei Haus geliefert (s.u.), auch passende Screenshots sind gleich dabei. Im Prinzip reicht das schon aus, um den gekauften Bericht zusammenzuschreiben. Eine eigene Meinung ist ja sowieso nicht gefragt. Aber es gibt diesen bemerkenswerten Hinweis im Beschreibungstext der Trigami-Ausschreibung:

Nach dem Runterladen der Gold Applikation müsst Ihr bitte einen möglichst positiven Kommentar im App Store hinterlassen

Interessant. Was Apple wohl dazu sagt? Ich werde mal nachfragen. Update: Pressesprecher Georg Albrecht hat mitgeteilt, dass es von Apple keinen Kommentar dazu gibt.

Damit die Blogger nicht lange rumrätseln müssen, was sie an der Süddeutschen und ihrer App bloß toll finden könnten, sind die Vorzüge der Zeitung, der Website sueddeutsche.de und der iPhone-App auch gleich schreibgerecht aufbereitet. Folgende „Vorteile des Produktes“ soll man „aufzeigen“:

  • Die bekannt hohe journalistische Qualität von SZ und sueddeutsche.de kann jetzt auch komfortabel mit dem iPhone genutzt werden
  • sueddeutsche.de hat eine Meinung
  • sueddeutsche.de bezieht Stellung
  • sueddeutsche.de berichtet nicht nur, sondern kommentieret (sic!) das Geschehen sachkundig und professionell
  • die Autoren von sueddeutsche.de sind ihre Stärke
  • gutes Mittel zum Komplettieren des Informationsbedürfnisses des interessierten, modernen Menschen von heute
  • Man kann seinen Kollegen/Bekannten zeigen, dass man auf Qualität setzt

Erstaunlich bei alldem, dass sich ausgerechnet die Süddeutsche Bloggerlob einkauft, die mir in der Vergangenheit nicht gerade als internetfreundlich oder auch nur ansatzweise internetkompetent aufgefallen ist. Man denke da nur an den Ausspruch „Seuche Internet“ oder die verblüffte Feststellung, dass Besucher einer Internetkonferenz Laptops dabei haben und auch nutzen.

Ich jedenfalls interpretiere die Trigami-Ausschreibung so, dass ein Blogger nicht auf den ersten Blick erkennen kann, was für eine überragende Qualität er mit der Süddeutschen geliefert bekommt, wenn man ihm die entsprechenden Lobhudeleien nicht ins Blog diktiert. Dafür gibt es zwei mögliche Ursachen wie mir scheint: Blogger sind zu dumm oder die Süddeutsche ist zu schlecht. Entscheidet selbst.

Wer sich für die Ergebnisse der Trigami-Ausschreibung interessiert, kann dieser Tage bei Google einfach nach süddeutsche iphone trigami suchen. Hier einige Beispiele:

Damit will ich nicht die Blogger bloßstellen, die das Angebot angenommen haben. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Und immerhin müssen schon aus rechtlichen Gründen alle gekauften Texte mit einem „Anzeige“-Hinweis versehen sein, so dass Leser sehen können, womit sie es zu tun haben. Peinlich finde ich solche Postings aber für die „Qualitätszeitung“ Süddeutsche, die sich auf diese Weise offenbar Blogposts und Bewertungen in Apples AppStore einkauft.

Update

Wie Remo Uherek von Trigami in diesem Kommentar schreibt, war es ein interner „Kommunikations-Fehler“, dass die Kampagne der Süddeutschen als „Advertorial“ gestartet wurde. Ein Advertorial verspricht „100% positiv“ zu sein. Freie Meinungsäußerung ist hingegen in der „Text-Review“ möglich. Zuvor hatte Peter Bilz-Wohlgemuth von der Süddeutschen in diesem Kommentar darauf hingewiesen, „dass wir mitnichten „lobende Blogposts“ haben wollen“.

Einen Überblick zu aktuellen Reaktionen und dem Verlauf der Geschichte gibt es übrigens hier im Blog von Trigami.

Artikel vom 18. Januar 2010