Von Chancen und Möglichkeiten

In einer Art Grundsatzrede hat sich Geschäftsführer Michael Maier zum Projekt “Readers Edition” zu Wort gemeldet. Hat eine solche “Bürgerzeitung” aber tatsächlich die Chance, ein wichtiges Informationsmedium zu werden? Oder liegen die Möglichkeiten nicht doch ganz offensichtlich woanders?

Aus meiner Sicht gibt es im Informationsbereich im deutschsprachigen Internet derzeit vor allem zwei Arten von Angeboten:

  1. Angebote der klassischen Medien, die sich am namensgebenden Produkt orientieren und vielfach nur der Zweitverwertung und Reichweitenverlängerung dienen. Dementsprechend haben sie wenig mit dem zu tun, was im Internet möglich wäre. Echte Online-Angebote sind selten. Aber selbst dann werden die Denkmuster und Mechanismen der klassischen Medien aufs Internet übertragen. Kurz gesagt: Diese erste Gruppe weiß zwar im Prinzip, wie man ein journalistisches Produkt erstellt, hat vom Internet aber wenig Ahnung. Spiegel Online bspw. ist erfolgreich, aber vernetzt sich nur widerwillig, kommentiert nicht und lässt Diskussionen in einem Hinterzimmer stattfinden. Es ist aber eine solide, zuverlässige Nachrichtenseite.
  2. Angebote engagierter Privatleute, Selbstständiger, kleiner Gruppen, die sich darstellen, etwas mitteilen oder anderen helfen möchten. Sie wiederum kennen sich mit dem Internet prima aus – wissen nur leider wenig darüber, was ein erfolgreiches journalistisches Produkt ausmacht. Entsprechend versauern interessante, fundierte und engagiert geschriebene Informationen in den Weiten des Internets.

Dazwischen bleibt eine große Lücke: Professionell gemachte Angebote, die mit Leidenschaft und neuen Ideen die Besonderheiten des Internets für sich ausschöpfen. Angebote, die kein gequälter Abklatsch eines anderen Angebots sind, sondern originelle und kreative Neuschöpfungen. Angebote, die aber dennoch von vielen Menschen verstanden werden und nicht nur von einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Ich bin mir sicher, dass es dafür viele Leser gibt.

Ob nun der geführte Bürgerjournalismus á la Readers Edition, professionalisierte Blogger oder wagemutige Journalisten diese Lücke füllen, ist zum heutigen Zeitpunkt offen. Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus allem sein. Manchmal werden vielleicht sogar die klassischen Medien die Lücke füllen, weil sie im entscheidenden Moment den richtigen Mitarbeiter bei seiner Idee unterstützen.

Der Erfolg oder Misserfolg eines Projekts wie der Readers Edition ist unberechenbar. Wahrscheinlich deshalb bleibt Michael Maiers Text beispielsweise beim Thema “Geschäftsmodell” nebulös. Was möglich ist, hängt von den Autoren und Mitarbeitern ab, die er gewinnt. Und da eine Bezahlung zunächst nicht generell möglich ist, wird er nur mit dem Argument hoher Aufmerksamkeit und Reichweite locken können. Das wiederum ist nur gegeben, wenn es viele Leser gibt. Die kommen nur bei interessanten Artikeln. Die interessanten Artikel bekommt die Readers Edition vor allem, wenn sie viele Leser hat.

Diesen Teufelskreis aus Reichweite und Qualität muss das Projekt durchbrechen.

Andere Modelle, wie ein professionell und engagiert geführtes Blognetzwerk hätten es da aus meiner Sicht leichter. Es gibt bereits viele gute Autoren, die sich mit ihrem Weblog ein eigenes Medium zur Veröffentlichung geschaffen haben. Sie schreiben bereits, zeigen ihre Kompetenz und ihr Engagement und sie haben ihre Leser. Sie könnten deutlich mehr Leser gewinnen, würden sie sich mit thematisch verwandten Blogs zusammenschließen, hätte dieses Blognetzwerk außerdem eine journalistisch aufbereitete zentrale Seite als Einstiegspunkt zu allen Blogs und würden die Blogger gelegentlich gemeinsam Schwerpunktthemen behandeln. Die Blogs selbst blieben gleichzeitig bestehen.

Wie das konkret ablaufen und organisiert werden könnte, behandle ich demnächst in einem eigenen Artikel. Hier sehe ich jedenfalls mehr Chancen, weil die Geschäftsgrundlage des Netzwerks, die lesenswerten Inhalte, bereits Tag für Tag entstehen. Autoren müssen nicht erst mühsam gewonnen und angeleitet werden.

So oder so bleibt die Readers Edition aber ein spannendes Objekt der kritischen Beobachtung. Hat Bürgerjournalismus in Deutschland eine Chance? Gibt es Leser? Gibt es Autoren? In einigen Jahren sind wir schlauer.

siehe Michael Maiers Artikel: Von Risiken und Nebenwirkungen

Nachtrag: freche Kommentarfälscher und Trackback-Löscher

Wie ich eben (12.02.) bei einem erneuten Blick auf den Artikel von Michael Maier festgestellt habe, wurden zwei Trackbacks von Bloggern durch die Readers Edition-Redaktion mit dem Hinweis auf “Missbrauch” entfernt. Mein Trackback-Text wurde durch ein paar laienhaft aus meinem Artikel zusammengeschnippelte Sätze ersetzt und noch mein voller Name dazugeschrieben. Nun sieht es aus, als hätte ich diesen Stammelkommentar dort veröffentlicht.

Die “Redaktion” scheint leider keine Ahnung von den Gepflogenheiten im Internet zu haben. Wer sich zu fein ist, Links zu geben, sollte sich nicht wundern, wenn er nicht verlinkt wird. Und Kommentare umzuschreiben, ohne das kenntlich zu machen, ist das absolut hinterletzte.

Für mich ist die Readers Edition jedenfalls bis zu einer öffentlichen Kehrtwende in dieser Sache gestorben. Sobald man sich dort wieder als Teil des Internets begreift, schaue ich mal wieder rein. Bis dahin kann ich gut drauf verzichten.

2. Nachtrag

Respekt: Alle Beteiligten haben sehr schnell reagiert, schon kurz nach meinem Kommentar bei der Readers Edition hatte ich entsprechende Rückmeldungen. Mir gegenüber hat man sich für den Fehler entschuldigt und Besserung gelobt. Für mich ist dieses Vorkommnis somit abgehakt und erledigt. Was sich in Zukunft wirklich ändert, warten wir mal einfach ab. In den nächsten Wochen und Monaten warten sicher noch viele Bewährungsproben auf das Team der Readers Edition. Ihnen sei jedenfalls mal ganz altklug aus meiner Erfahrung gesagt: Kritik ist immer ein Zeichen für Interesse und eine Chance, sich zu verbessern. Wenn mir jemand sagt, mein Podcast sei langweilig oder meine Seite zu unübersichtlich, dann nehme ich das sehr ernst, auch wenn derjenige nur ein, zwei Sätze geschrieben hat. Immerhin hat er sich die Zeit genommen, mir das mitzuteilen. Und das ist nicht selbstverständlich.

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3 Gedanken zu „Von Chancen und Möglichkeiten

  1. Der Beitrag vom Maier ist zunächst nichts mehr als eine Ansammlung lose zusammenhängender Argumente.

    Zudem gehört zu einem partizipativem Projekt wie der RE ein fairer Umgang mit dem mitarbeitenden Moderatoren – hier hat es bei der Entlassung der “alten Garde” einen enormen Imageschaden gegeben.

    Regelmäßige Informationen und ein fairer Umgang sind Grundelemente, wenn man etwas derartiges umsetzen will. Das Vertrauen hat die RE bei einigen verloren – und der Beitrag von Maier ist sicherlich kein Meilenstein dies zurückzugewinnen.

    Zur Vernetzung und der Etablierung von Projekten des Bürgerjournalismus im Netz – es gibt eine neue Studie (Blogstudie2007) der Uni Leipzig. Eines der Ergebnisse war, dass sogar “heavy user” eher zufällig an interessante Bloginhalte geraten. Gewünscht wurden spezielle Blogsuchmaschinen oder eine Art Blogmagazin, dass eine Übersicht über interessante Blogs beitet.

    So etwas wäre vielleicht eine Grundvoraussetzung. Ohne derartige Orientierung konkurieren die unterschiedliche Angebote und es können sich keine qualitativ hochwertigen “Leitmedien” herauskristallisieren.

  2. Hallo Limited, vielen Dank für die interessante Ergänzung. Die Idee des Blogmagazins geht in die Richtung, die ich meine. Sie wäre allerdings mit einer Menge Arbeit verbunden und bräuchte zumindest ein wenig journalistisches Basiswissen darüber, was Nutzer von einem Informationsmedium erwarten, wie man zufällige Leser zu Stammlesern macht und wie man im Stimmengewirr der Blogosphäre und des übrigen Internet überhaupt gehört wird. Testen könnte man sowas mit Themen, die heute schon viel behandelt werden und bei denen die Leserschaft entsprechend aufgeschlossen für experimentelle neue Informationswege ist. Also eher Computer, Spiele, Internet, Musik als Politik, Wirtschaft.

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