Was ist denn jetzt das „Metaverse“ schon wieder, bitteschön?

Facebook ist jetzt Meta und statt im Social Web will sich CEO Mark Zuckerberg künftig lieber im Metaverse tummeln. Aber was soll das eigentlich sein? Jan Tißler taucht in seiner Kolumne mit uns ein in fiktive und real existierende virtuelle Welten.

Mark Zuckerberg im Metaverse, wie die Bild-AI Hypnogram es sieht. (Quelle: hypnogram.xyz)

Alles so meta …

Facebook ist so ätzend, selbst Mark Zuckerberg hat keine Lust mehr darauf. Das könnte man jedenfalls denken. Schließlich ist die Dachmarke nun „Meta“ und das neue Unternehmensziel lässt schnöde Dinge wie soziale Netzwerke oder Messenger weit, weit hinter sich. So etwas ist schließlich viel zu klein gedacht fürs Silicon Valley. Viel zu alltäglich. Viel zu … 2007.

Nein, nein. Wir sprechen nun stattdessen über die Zukunft. Über das nächste große Ding, das mindestens so groß wird wie das Mobile Web. Mindestens!

Und Facebook … äh … „Meta“ ist dann mittendrin statt nur dabei.

Diesmal will man richtig abschöpfen – Nutzerdaten sicherlich, wobei Mark tatsächlich in seiner Präsentation sagt, dass Privatsphäre im Metaverse total wichtig sei. Ich möchte zu gerne wissen, wie viele Anläufe sie brauchten, bis er bei dieser Aussage nicht in schallendes Gelächter ausgebrochen ist. Er sagt es in der Aufzeichnung so ernsthaft, dass man es ihm fast glauben könnte, würde man ihn nicht besser kennen.

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Das heißt: Falls er es überhaupt selbst im Video war. Es könnte auch sein Avatar gewesen sein. Oder ein Roboter. Oder der Avatar eines Roboters. Man weiß das schon heute nicht mehr so genau und künftig wird das alles noch viel verschwommener.

Denn wenn’s nach Mark geht, dann haben wir alle bald mehrere Avatare, die wir je nach Lust und Laune einsetzen – für Freizeit, Spiel und Beruf.

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Aber was ist das eigentlich?

Aber gut, was soll das denn nun sein, dieses „Metaverse“, von dem plötzlich so viele Unternehmen reden und mit dem Facebook … äh … „Meta“ eventuell auch davon ablenken möchte, was für ein qualmender Haufen brennender Autoreifen die eigenen Angebote sind?

Wie so oft ist es an sich keine neue Idee. Aber es wird gehofft, dass die Zeit dieser Idee nun endlich gekommen ist.

Sie geht u.a. zurück auf den Science-Fiction-Autor Neal Stephenson, der den Begriff Metaverse für sein Buch „Snow Crash“ erfunden hat (übrigens sehr lesenswert, man muss es nur durch das erste Kapitel schaffen, denn das Buch dreht sich tatsächlich nicht allein um Hochgeschwindigkeits-Pizzalieferdienste). Unnötig zu erwähnen, dass sich Neal Stephenson so weit wie nur möglich von Facebook … äh … „Meta“ distanziert hat, sobald die seinen Begriff adoptiert hatten. Mit deren Machenschaften möchte er so gar nichts zu tun haben. Außerdem arbeitet er als „Chief Futurist“ für das einst heiß gehandelte Startup Magic Leap, das an Hardware für solche Anwendungen schraubt.

In seinem Buch jedenfalls ist das Metaverse eine komplette, virtuelle Parallelwelt. In die kann man eintauchen und dabei aussehen, wie auch immer man möchte. Es gibt nicht nur Straßen und Gebäude, sondern sogar öffentlichen Personennahverkehr – eine sehr utopische, exotische und geradezu gewagte Zukunftsthese für einen US-amerikanischen Autor.

Es gibt andere Varianten des Metaverse wie die „Oasis“ aus „Ready Player One“ von Ernest Cline (der Film stellt es in vielen Szenen deutlich anders dar als das Buch übrigens). Oder auch der „Cyberspace“ in William Gibsons „Neuromancer“-Büchern. Dessen virtuelle Welt ist aber nebulöser und weniger greifbar. 

Die Grundidee ist also: Das Metaverse ist ein Ort, an dem wir viele Dinge machen, die wir heute über das Internet machen – aber eben in einer virtuellen, dreidimensionalen Umgebung. Hinzu kommen neue Aktivitäten und Dienste, die es in dieser Form heute noch gar nicht gibt. Welche das sein könnten, werden wir dann sehen.

Und, ja: Falls das alles ein wenig wie „Second Life“ klingt, dann liegst du vollkommen richtig. Das war schon ein erster Anlauf, so etwas auf die Beine zu stellen.

Und wie realistisch ist es?

Um dieses Metaverse nutzen zu können, werden wir mit Sicherheit sehr viel Hardware benötigen und vor allem eine schnelle und stabile Internetverbindung. Das schließt dann schon einmal große Teile der Welt aus.

Mark Zuckerbergs Präsentation zeigt uns zudem eine idealisierte Fassung dieser Welt – ohne jede Ladezeiten, ohne technische Probleme und ohne Werbung, Cookie-Banner und Newsletter-Bestellfenster.

Mit anderen Worten: Wenn man wissen möchte, wie das Metaverse definitiv nicht aussehen wird, dann kann ich dieses Video nur empfehlen.

Und dabei spreche ich noch gar nicht über die enormen technischen Herausforderungen, die es zu meistern gilt, damit Interaktionen und Aktivitäten in dieser virtuellen Welt auch nur annähernd so aussehen, wie sie dort dargestellt wurden.

Ich sage nicht, dass das unmöglich ist. Alles, was dort zu sehen ist, ist grundsätzlich möglich. Die Frage ist aber: In welchem Verhältnis werden Aufwand und Nutzen stehen? Wann wird es soweit sein? Warum sollte man dort dabei sein wollen?

Denn die große Frage ist doch immer: welche Probleme werden gelöst, welche Bedürfnisse erfüllt?

Denn Facebook … äh … „Meta“ tut ja so, als sei dies der Nachfolger des heutigen Internets. Und das ist etwas, was ich mir bei aller Liebe zur Technik heute nur schwer vorstellen kann.

So ein Metaverse kann sicherlich eine zusätzliche Plattform sein. Und, ja, wenn es wirklich gut und zuverlässig funktioniert, werden es auch viele nutzen. Aber wenn ich mal eben eine Nachricht schicken möchte, will ich doch nicht erst ins Metaverse gehen. Oder sollen wir da dauerhaft „drin sein“, wie wir heute online sind?

Ansonsten klingt es nach Lösungen, die nach Problemen suchen. Oder nach Leuten, die nicht abstrahieren können. Mark Zuckerbergs Metaverse erinnert in seiner aktuellen Form an die Visionen von Electronic Commerce aus den Internet-Urzeiten, wo man als Käufer:in an virtuellen Regalen vorbeischlendern sollte, um die virtuellen Produkte zu greifen und zur virtuellen Kasse zu bringen. Das ist alles ganz hübsch, aber die Wirklichkeit ist Amazon: klick, fertig. Das sieht weniger aufregend aus, funktioniert aber viel besser. Zugegeben: Für manche Waren wäre es schon toll, sie zunächst virtuell erleben zu können – aber eben nur für manche. Wenn ich mein Toilettenpapier nachbestellen will, möchte ich nicht erst ein Headset aufsetzen müssen.

Insofern darf man schon skeptisch sein, dass wirklich alles durch virtuelle Räume und Aktivitäten ersetzt wird. Da wollte Mark Zuckerberg vielleicht auch einfach die Phantasie gelangweilter Investoren anregen.

Das Meta-Gedrängel geht schon los

Für Facebook … äh … „Meta“ kommt erschwerend hinzu, dass es nicht das einzige Unternehmen ist, das sich das Metaverse auf die Fahnen geschrieben hat.

Die meisten Wettbewerber haben dabei eines gemeinsam: Sie kommen aus der Welt der Computerspiele. Und das ergibt auch eine Menge Sinn: Hier ist die Idee des Metaverse so sinnvoll, dass sie in Ansätzen bereits heute umgesetzt ist. Man denke an Spielewelten wie Minecraft, Roblox, Fortnite: Sie alle bringen Menschen als virtuelle Avatare in einer künstlichen Welt zusammen. 

Facebook … äh … „Meta“ hat hingegen wenig Metaversiges vorzuweisen. Ja, ihnen gehört Oculus – eine Unternehmung, der es bislang nicht gelungen ist, Virtual Reality zu einem Massenphänomen zu machen. Aber immerhin: Einen Teil der Hardware hat Mark damit bereits unter seinem Metadach.

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Allerdings hat Oculus keinen nennenswerten technologischen Vorsprung. Sollte Virtual Reality plötzlich zum Kassenschlager werden, wären schnell andere (wieder) am Start. Und in Sachen Augmented Reality ist Oculus noch nicht besonders hervorgetreten. Microsoft arbeitet dagegen schon länger an seinem HoloLens-Headset. Apple werden seit vielen Jahren Ambitionen in diesem Bereich nachgesagt und angeblich werden wir 2022 ein erstes sündhaft teures High-End-Headset mit dem Apfel drauf sehen. Das ist wohl weniger für Konsumenten gedacht – ähnlich wie das schon erwähnte Startup Magic Leap inzwischen auf Unternehmen als Kunden schielt.

In den Jahren danach wird die Technik sicher erschwinglicher. Bei alldem gebe ich zu: Die Idee von Virtual Reality, Augmented Reality, Mixed Reality etc.pp. finde ich enorm interessant – wenn sie denn gut funktioniert. Was wir heute auf vielen verschiedenen Bildschirmen tun, könnte aus diesen begrenzenden Rahmen herausbrechen und Teil unserer alltäglichen Wirklichkeit oder einer virtuellen Realität werden. Das eröffnet in der Tat viele spannende Möglichkeiten. 

Nur warum Facebook meint, hier eine neue Welt erschaffen zu können, das ist mir beim besten Willen nicht klar.

Aber gut. Vielleicht existieren Dinge in Facebooks „Reality Labs“ (die heißen wirklich so), das uns alle zum Staunen bringen wird.

Kann gut sein.

Allerdings kommt es dann noch immer von Facebook. Wie auch immer sich das Unternehmen dann nennt.

Und da muss es schon sehr, sehr interessant sein, damit ich mir so etwas anschaffe.

Wir werden es erleben …


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 98

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