Das Internet als Werkzeug für Wissen und Mitgestaltung

Das Internet ist ein Werkzeug, das helfen kann, „die Gesellschaft gebildeter, weniger autoritär und letztendlich freier zu machen“. Das schreibt Annika Kremer in diesem Artikel. Sie zeigt, wie sich damit Entfernungen und Grenzen überwinden lassen, dass es ein Ort des Wissens und des Lernens sein kann, wie es Zensur erschwert und politische Partizipation ermöglicht. Und wir finden: Diese guten Dinge sollten trotz aller berechtigter Kritik nicht vergessen werden.

(Illustration: © sdecoret, Fotolia)

Von Anfang an war das Internet vor allem ein Medium, über das Informationen zusammengetragen und ausgetauscht werden konnten. Das hat sich bis heute nicht geändert: Das internationale Datennetz ist, so mancher Kontroverse zum Trotz, nach wie vor ein Hort des Wissens, eine Anlaufstelle für diejenigen, die mehr lernen oder sich mit anderen Interessierten austauschen wollen. Dadurch und durch seine dezentrale, von Hierarchien weitgehend freie Struktur und Kultur, wirkt das Internet demokratisierend: Die Zeiten, in denen Dritte ohne weiteres bestimmen konnten, was und wie viel wir lernen, wie, wo und über was wir uns informieren, sind vorbei.

Auch als Werkzeug für Aktivistinnen und Aktivisten ist das Internet von großem Wert. Es ermöglicht nicht nur den Austausch von Meinungen und das (großflächige?) Erreichen interessierter Menschen auch über Grenzen hinweg. Es ist auch eine wertvolle Hilfe bei der Vernetzung und bei Planung und Organisation von Aktionen  unabhängig von physischen Entfernungen.

All das macht das Internet zu einem Werkzeug, das, richtig eingesetzt, helfen kann, die Gesellschaft gebildeter, weniger autoritär und letztendlich freier zu machen.

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Entfernungen und Grenzen überwinden

Mit der zunehmenden Nutzung von Telekommunikation, insbesondere der rasanten Verbreitung und Weiterentwicklung des Internets, hat sich unsere Wahrnehmung von Entfernungen und geographischen Grenzen grundlegend gewandelt. In Sekundenbruchteilen können wir mit Hilfe dieser Kommunikationsmittel Menschen an jedem beliebigen Punkt der Erde erreichen.

Waren die ersten Formen elektronischer Kommunikation noch größtenteils textbasiert (wie E-Mails und die ersten, einfachen Instant Messenger) lassen sich mittlerweile auch Sprachnachrichten, Telefongespräche und, einigermaßen schnelle Hardware und eine gute Netzabdeckung vorausgesetzt, sogar hochauflösende Video-Chats übertragen.

All das erleichtert Menschen nicht nur, den Kontakt zu Freunden und Verwandten zu halten und die geliebten Menschen so mehr am eigenen Leben und Erleben teilhaben zu lassen. Es schafft außerdem zusätzliche Möglichkeiten, mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen in Kontakt zu treten. Ganz selbstverständlich finden sich für Hobbies und Interessen im Netz Gleichgesinnte, die womöglich tausende von Kilometern entfernt leben. Im Idealfall werden so Vorurteile abgebaut und vermeintliche Unterschiede zwischen Nationalitäten und Kulturen weniger wichtig – die Welt rückt zusammen.

Ein Ort des Wissens und Lernens

Schon vor langer Zeit hieß es, das Internet sei ein Ort des Lernens, Motor und auch Treffpunkt der erwachenden Wissensgesellschaft. Die optimistischen Prognosen bewahrheiteten sich nicht ganz: Andere Inhalte wie Unterhaltung und Kommerzielles verdrängten teilweise die informativen Internet-Angebote. Viele Menschen entdeckten nicht oder nur langsam, wie sie das Wissen im Netz sinnvoll nutzen können. Auch stellte sich bald heraus, dass sich im Internet nicht nur fundierte und verlässliche Informationen schnell und weit verbreiten (auf diesen Aspekt geht dieser Artikel später noch ausführlicher ein).

Trotz dieser Einschränkungen stehen uns heute mit Hilfe des Internet aber dennoch zweifelsfrei mehr Informationen zur Verfügung als jemals zuvor, und diese sind zudem leichter und schneller auffindbar. Das bietet viele Chancen. Einerseits ist natürlich Wissen und breit zur Verfügung stehende Bildung an sich ein Wert, der nicht unterschätzt werden sollte und der eine Gesellschaft auf Dauer zum Besseren verändern kann. Andererseits lassen sich so aber auch konkrete Probleme (seien sie technischer, juristischer, gesellschaftlicher oder noch anderer Natur) einfacher lösen – durch das Abrufen bereits zur Verfügung stehenden Wissens oder die Kooperation der Online-Gemeinde.

Ein positives Beispiel, wie gut die im Internet mögliche Kooperation interessierter Amateure auf freiwilliger Basis funktionieren kann, ist die Online-Enyklopädie Wikipedia. Mittlerweile ist bei der Genauigkeit der Informationen auf dem Niveau traditioneller Nachschlagewerke angekommen. Die Wikipedia bietet darüber hinaus eine Aktualität und einen Umfang, den die gedruckte, von traditionellen Verlagen herausgegebene Konkurrenz nicht bieten kann. Zudem ist Wikipedia für die Nutzer kostenlos und kann – Mobilgeräten sei dank – jederzeit und von fast überall genutzt werden. So ist Wikipedia, gelegentlicher Kritik zum Trotz, eine Erfolgsgeschichte und ein Beispiel dafür, was das Internet im besten Fall sein und leisten kann.

Dem Beispiel von Wikipedia folgend haben sich mittlerweile zahlreiche kleinere Projekte gebildet. Auch sie halten Informationen über bestimmte Themenbereiche in Form eines Wikis bereit. Das reicht von ernsten wissenschaftlichen und medizinischen Themen über die Dokumentation technischer Projekte bis hin zu popkulturellen Phänomenen wie Filmen, Comics, Mangas oder so genannten Fandoms.

Zensur: Dank dezentraler Struktur ein schwieriges Unterfangen

Immer wieder in der Geschichte haben einflussreiche Personen aller Art versucht, durch Zensur ihren Einfluss zu festigen. Allen voran natürlich Staatsoberhäupter, aber auch Wirtschaftsbosse, Behörden-Offizielle, religiöse Autoritäten und allerlei Personen mit, wie auch immer gearteten, Machtpositionen. Unliebsame Meinungen werden bei einer Zensur unterdrückt, Fakten manipuliert und die Verbreitung von missliebigen Publikationen verhindert.

Das Internet macht derlei Eingriffe ungleich schwieriger. Natürlich existieren auch dort Zensur-Bemühungen. Diese reichen von staatlichen Infrastruktur-Konstruktionen wie der „Großen Chinesischen Firewall“ über die gezielte Verbreitung von Propaganda bis hin zu privaten Infrastruktur-Betreibern, die in vorauseilendem Gehorsam kontroverse Inhalte von ihren Plattformen entfernen, um staatlichem Druck zu entgehen und so ihre Geschäfte nicht zu gefährden. Allerdings ist das Internet weitgehend dezentral aufgebaut: Es haben also nicht einige Wenige die Kontrolle, die an strategischen Knotenpunkten sitzen. Das Netz neigt daher dazu, Zensur als Defekt in der Infrastruktur zu behandeln und Informationen um diesen herum zu schleusen.

Zudem gibt es zahlreiche technische Hilfsmittel, die gezielt dabei helfen, Zensur im Internet zu umgehen. So ist beispielsweise das Anonymisierungs-Netzwerk „Tor“ nicht nur dazu geeignet, im Internet seine Identität zu verschleiern. Dadurch, dass es den Datenverkehr auf inoffiziellen Wegen und ohne Möglichkeit einer Rückverfolgung transportiert, eignet es sich auch hervorragend zum Umgehen der meisten technischen Zensurmaßnahmen und wird von den Entwicklern beispielsweise auch mit Hinblick auf die „Große Chinesische Firewall“ verbreitet. Wir hatten Tor bereits einmal in einem früheren Artikel behandelt.

In der Summe ist es somit wesentlich leichter, im Internet auch jene Informationen abzurufen, die aus irgendeinem Grund unterdrückt werden sollen. Zudem können diejenigen, die diese Informationen verbreiten, mit einem Mindestmaß an technischem Sachverstand recht zuverlässig anonym bleiben und so die Gefahr für sich selbst und ihr Umfeld minimieren.

Auch jede Form von Whistleblowing hat mit dem Internet einen Schritt vorwärts gemacht: Insider, die aus Gewissensgründen interne Informationen veröffentlichen, haben mittlerweile eine Reihe von Möglichkeiten, dies online zu tun. Nicht nur ist es einfacher, über das Internet schnell und einigermaßen sicher Kontakt zu „klassischen“ Journalistinnen und Journalisten aufzunehmen, wie es beispielsweise der bekannte NSA-Whistleblower Edward Snowden tat. Auch von Aktivisten betriebene Plattformen wie WikiLeaks bieten Whistleblowern eine Möglichkeit, ihre brisanten Informationen zu veröffentlichen und verbreiten.

Es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren zahlreiche Informationen über behördliche Machtüberschreitungen an die Öffentlichkeit gelangten, von der Tötung von Zivilisten im Irak über Folter in Guantanamo bis hin zu den von Edward Snowden aufgedeckten massiven, sich verdachtsunabhängig gegen alle Nutzer von Telekommunikation richtenden Überwachungsprogrammen der NSA. Das Internet ist im Begriff, eine neue Ära der Offenheit einzuleiten, in der Transparenz im besten Fall eine weitaus größere Rolle spielen wird, als es bislang der Fall war.

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Demokratisch – mit allen Herausforderungen

Im Internet können nicht mehr nur wenige Autoritäten, Fachpersonen und Medienprofis ihre Inhalte veröffentlichen, sondern alle Nutzerinnen und Nutzern können dies tun, beispielsweise über Social Media und Blogs.

Das hat viele Vorteile: Formale Hierarchien stehen der Verbreitung von Informationen und Meinungen nicht mehr im Wege und auch finanzielle Unterschiede werden weniger wichtig. Zudem fördert es eine Kultur des Austauschs von Wissen und Meinungen, die im besten Fall für eine größere Wertschätzung des Wissens und Lernens sorgen kann.

Zugleich werden aber bisweilen durchaus sinnvolle Auswahlkriterien für Informationen und Inhalten ignoriert, allen voran die Sachkenntnis des Urhebers oder der Urheberin und die Plausibilität der Aussagen. Denn nicht nur Fachleute können zu einem Thema Informationen verbreiten, sondern ebenso Menschen, die sich eine Sachkenntnis allenfalls einbilden – so fehlerhaft diese auch sein mögen. Sogar betrügerische Inhalte, Propaganda und geschmacklose Scherze finden so ihren Weg auf die Internet-Plattformen und sind auf den ersten Blick oftmals schwer von der Wahrheit zu unterscheiden.

Lesetipp: Das UPLOAD Magazin hatte bereits einen Themenschwerpunkt rund ums Thema Fakes. Darin u.a.: Wie Sie Falschmeldungen erkennen. Wie Unternehmen ganze Massenbewegungen erfinden. Das große Geschäft mit der gekauften Reputation.

Die aktuelle „Fake News“-Diskussion zeigt, wie real diese Problematik ist. Allerdings lehrt die Erfahrung, dass ein autoritäres Eingreifen – wie von einigen Politikerinnen und Politikern gefordert – der falsche Weg wäre, dieses Problems Herr zu werden. Nicht nur ist dergleichen im Internet selten effektiv – dezentral, anonym und auf die Umgehung von Sperren und Eingriffen ausgelegt, wie es eben ist. Es würde auch genau jene Freiheiten gefährden, die das Internet erst zu einem solchen Instrument der Wissensgesellschaft und möglicher sozialer Verbesserungen machen.

Wichtig wäre vielmehr, die Menschen besser im Umgang mit Informationen und der Überprüfung von Fakten und Quellen zu unterrichten. Es ist leider kaum zu übersehen, dass deutsche Schulen hier größtenteils nicht mit der Zeit gehen und das Thema Medienkompetenz derzeit noch sehr vernachlässigt wird. Das muss sich dringend ändern.

Aber auch diejenigen, die die Schulzeit bereits hinter sich haben, müssen beispielsweise durch Aufklärungskampagnen in diesem Bereich weitergebildet werden. Sobald „Fake News“ und andere manipulative oder schlichtweg unwahre Aussagen auf Menschen treffen, die dergleichen kritisch bewerten können, ist die Problematik weitaus geringer.

Ein Bewertungssystem für Nachrichten könnte ebenfalls von Nutzen sein, bei dem das kritische Beurteilungsvermögen und der Sachverstand der Netzgemeinde die Verlässlichkeit der Aussagen Dritter einschätzt und so anderen Nutzerinnen und Nutzern bei einer Einschätzung hilft.

Das Internet als Instrument der politischen Partizipation

Nicht nur bei Lernen, Wissen und Bildung eröffnet das Internet neue Möglichkeiten, auch die politische Partizipation wird so anders gestaltet. Teilweise können sich dadurch auch Menschen beteiligen, die es sonst sehr viel schwerer hätten.

Dies kann einerseits die offizielle politische Seite ermöglichen und fördern – Stichwort „eGovernment“. Hierbei werden politische Entscheidungen verstärkt online kommuniziert und die Politikerinnen und Politiker nehmen über das Internet Kontakt mit der Bevölkerung auf, beantworten Fragen und erklären im besten Fall ihre Entscheidungen. Auch lassen sich beispielsweise Petitionen mittlerweile online einreichen. Das ist ein großer Vorteil für Leute, denen es schwer fällt, andere offizielle Wege zu beschreiten, die häufig nur vor Ort möglich sind. Gründe sind hier beispielsweise Krankheit, Behinderung oder schlicht die Lebensumstände.

Daneben können aber auch und gerade Bewegungen, die von den Bürgerinnen und Bürgern selbst ausgehen, von der Internet-Nutzung sehr profitieren. Menschen, die weit voneinander entfernt wohnen, aber gemeinsame Meinungen und Interessen haben, können sich online vernetzen und so gemeinsame Kampagnen auf die Beine stellen.

Ein bekanntes und beeindruckendes Beispiel dafür ist etwa die Massen-Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung im Dezember 2007. Die Datenschützerinnen und Datenschützer, die diese Aktion ins Leben riefen, hatten sich von Anfang an über Blogs, Foren und Mailinglisten vernetzt. Auch viele der Menschen, die sich an der Aktion beteiligten, erfuhren über das Internet davon (auch wenn die Suche nach Gleichgesinnten durch „klassische“ Methoden wie Mahnwachen, Infostände und ähnliches ergänzt wurde). Am Ende beteiligten sich 30.000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger an der Verfassungsbeschwerde. Diese führte 2010 schließlich zur Aufhebung des bis dahin gültigen Gesetzes durch das Bundesverfassungsgericht.

International gibt es sogar noch weitaus auffälligere Beispiele für die Nutzung des Internets durch aktivistische Gruppen. Sowohl die Occupy-Bewegung als auch der Arabische Frühling wären ohne das Internet und insbesondere soziale Medien nicht in dieser Form möglich gewesen.

Schlusswort

Das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten zum Lernen, zum Austausch und zur gesellschaftlichen Mitgestaltung. Unerfreuliche Phänomene wie Flame Wars, Trolle und Fake News, übertriebene Werbung oder technische Schwierigkeiten lassen diese bedeutungsvollen Chancen manchmal in den Hintergrund treten. Umso mehr sollten wir sie im Blick behalten, wenn es um den Umgang mit dem Internet geht. Die Politik sollte diesen Möglichkeiten stärker Rechnung tragen, statt das Internet entweder als rein kommerzielles Phänomen oder aber als vage bedrohliches „Neuland“ anzusehen, das möglichst streng kontrolliert werden muss.

Und auch die Nutzerinnen und Nutzer des Internets täten mitunter gut daran, sich stärker auf diese Werte zu besinnen. Dann kann das Internet sein ganzes Potential für gesellschaftliche Verbesserung entfalten.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 46

In dieser Ausgabe konzentrieren wir uns einmal auf die Dinge im Internet, die helfen, die voranbringen, die verbinden. Sie lesen darin, wie die virtuelle Gemeinschaft anderen Menschen hilft oder sich gegenseitig unterstützt. Sie erfahren, wie Sie selbst per App und Web Gutes tun können. Und wir erklären, woher eigentlich der Hass im Netz kommt und wie Sie ihm begegnen können.

Annika Kremer

Annika Kremer ist freie Journalistin und schreibt vor allem über IT-Themen. Einer ihrer Schwerpunkte ist der Bereich IT-Sicherheit. Insbesondere befasst sie sich mit digitaler Selbstverteidigung und Möglichkeiten, private Daten gegen unbefugte Zugriffe abzusichern.