WordPress 5.0 und Projekt Gutenberg: Wozu der neue blockbasierte Editor?

Mit dem Update auf WordPress 5.0 wurde ein blockbasierter Editor eingeführt. Dies ist jedoch nur die erste Phase eines kompletten Umbaus von WordPress wie wir es bislang kannten. Der Name dieses Projekts ist Gutenberg, da es nicht nur WordPress von Grund auf erneuern soll, sondern die Art des Publizierens auch für technisch nicht affine Menschen möglich machen, das Publizieren damit weiter demokratisieren und so die Welt verändern soll. Wie es dazu kam und was uns noch erwartet, fasst Annette Schwindt in diesem Artikel zusammen.

Symbol Gutenberg
(Foto: © saax, depositphotos)

Bereits bei der Veröffentlichung von WordPress 4.9.8 war auf die kommenden Veränderungen im Zusammenhang mit Version 5.0 und das Plugin Classic Editor hingewiesen worden, mit dem der neue Editor vorerst unterdrückt werden kann. Wer dieses Plugin vor dem Update auf 5.0 installiert und aktiviert hat, ist jetzt erst mal auf der sicheren Seite und kann WordPress mit dem gewohnten Editor Tiny MCE weiter nutzen. Inzwischen sollen die Fehler im Gutenberg-Editor (angefangen mit WordPress 5.0.1 und folgende) schrittweise behoben und die nächste Phase des Projekts eingeläutet werden. Aber warum macht WordPress das auf diese Weise?

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Einfach verständlich: Der alte Editor

Etwas, das gerade Anfänger bei der Nutzung von WordPress bisher zu schätzen wussten, war die Ähnlichkeit des alten Editors Tiny MCE mit der Oberfläche von Microsoft Word. Damit konnte jeder, der Word beherrscht, auch schnell ins Editieren in WordPress reinfinden. Für ausgeklügeltere HTML-Sequenzen konnten Fortgeschittene von der Visuellen in die Text-Variante wechseln. Weniger versierte Nutzer mussten sich mit den vorgegebenen Optionen begnügen, oder mit Plugins Abhilfe schaffen.

Der alte Editor von WordPress namens Tiny MCE
Abb.1: Der alte Editor von WordPress namens Tiny MCE

Das Gestalten einer ganzen Website ließ sich mit all den schönen Themes ebenfalls leicht regeln, wenn man zu Kompromissen hinsichtlich der vorgefertigten Layouts bereit war. Wer gestalterische Details updatesicher ändern wollte, musste bis zur Einführung des Customizers in Version 3.4. erst ein Child Theme dafür erstellen. Und das ist nichts, was der normale Nutzer mal eben nebenbei macht. Mit der Einführung von Custom CSS in Version 4.7. Anfang Dezember 2016 wurde das zwar für rein gestalterische Änderungen unnötig, aber wer kein CSS kann, dem nützt auch das nichts.

Abhilfe können da bisher nur kostenpflichtige Premiumthemes mit vielen Anpassungs-Optionen und eingebauten Pagebuildern (wie z.B. Avada oder Enfold), oder das Hinzuziehen von themeunabhängigen Pagebuildern (wie Elementor oder Beaver Builder) schaffen. Siehe dazu Peter Müllers UPLOAD-Artikel über WordPress-Pagebuilder. Gleichzeitig wird die Konkurrenz durch Drag&Drop- und WYSIWIG-Systeme wie jimdo, Squarespace oder Wix immer größer.

Gutenberg als Jungbrunnen für WordPress

Warnung zu WordPress 5.0 in 4.9.8
Abb.2: Hinweis auf Gutenberg-Editor in WordPress 4.9.8

Das von WordPress-Chef Matt Mullenweg erdachte Elixier gegen all diese Malaisen sollte nun Projekt Gutenberg werden. So jedenfalls der Plan.

Dabei handelt es sich wie erwähnt nicht nur um einen veränderten Editor, der die Word-ähnliche Oberfläche zugunsten eines im Folgenden noch vorzustellenden Block-Systems völlig hinter sich lässt. Dieser neue Editor soll es den Nutzern ermöglichen, beim Schreiben im Backend den Beitrag bereits so zu sehen, wie er sich nachher auch im Frontend präsentiert und bisher knifflige Konstellationen wie das Umfließen von Bildern leichter umsetzbar machen. (Wie geschickt die Bezeichnung „blocks“ im Zusammenhang mit Blogs gewählt ist, bleibt dahin gestellt. Vielleicht wäre die Bezeichnung „boxes“ oder „content elements“ unmissverständlicher gewesen, aber nun ja…)

Blöcke in Gutenberg
Abb.3 Block-Auswahlfenster im neuen WordPress-Editor

Aber Projekt Gutenberg muss, wenn es eine Antwort auf Squarespace und Co. werden möchte, mehr bieten als nur einen veränderten Editor. Als zweite Phase ist daher eine Erweiterung der allgemein verfügbaren Optionen im Customizer geplant. Damit sollen Anpassungen an Themes, Widgets und Menüs ermöglicht werden wie sie bisher nur in Premiumthemes oder mit einem zusätzlich verwendeten Pagebuilder oder Plugins umgesetzt werden konnten. Weitere Entwicklungsphasen sind geplant bis mit Gutenberg schließlich ganz WordPress von Grund auf umgebaut sein wird.

Das klingt alles erst mal richtig spannend, erweist sich aber in der Umsetzung als problematisch, da WordPress damit in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Gutenbergs Vorgeschichte

Bereits 2014 kündigte WordPress-Mitbegründer Matt Mullenweg an, dass die „technological foundation“ von WordPress grundlegend überarbeitet werden müsse, wolle man Marktführer bleiben. (Derzeit nutzen 32,4% aller Websites WordPress als CMS, das entspricht einem Marktanteil von 59,5%.)

2015 wurde mit der Einführung des User Interfaces „Calypso“ in wordpress.com eine Überarbeitung versucht, die sich danach auch in wordpress.org etablieren sollte. Dort blieben die Nutzer aber lieber bei ihrem bewährten wp-admin-System. Die Folge: wordpress.com und wordpress.org drifteten auseinander. Vorhaben gescheitert.

Also startete man Projekt Gutenberg unter direkter Einbeziehung von wordpress.org. Das Ganze lief jedoch überhaupt nicht nach Plan und musste immer wieder verschoben werden.

Nun hatte WordPress aber schon in Version 4.9.8 angekündigt, dass beim großen Update 5.0 der neue, auf Blöcken basierende Editor fest mit eingeführt wird. Und das trotz so mancher Fehlfunktionen. Die sollen dann sukzessive behoben werden. Man könne sich ja übergangsweise das Plugin Classic Editor installieren, um weiter wie im bisherigen WordPress arbeiten zu können, hieß es als Antwort auf die Bedenken. Dieses Plugin soll allerdings nur bis Ende 2021 technisch aktuell gehalten werden. Spätestens dann muss Gutenberg also ausgereift und für alle nutzbar sein.

WordPress-Plugin Classic Editor
Abb. 4: WordPress-Plugin Classic Editor

Der Aufschrei in der WordPress-Gemeinde war jedoch groß, zumal die Änderungen alles andere als demokratisch abliefen.

Das Ganze passiert übrigens mit Blick auf die Nutzererfahrung für künftige WordPress-Neulinge. Aber was macht das Ganze mit den bestehenden Nutzern? Um die Open-Source-Software hat sich über die Jahre ein florierendes Dienstleistungs-Universum entwickelt, das nicht zuletzt zum großen Erfolg von WordPress beiträgt.

Die von maßgeblichen Kritikern wie Morten Rand-Hendriksen angeregte Abzweigung, für die alten Nutzer das bisherige WordPress weiter zu entwickeln, und nur für neue Nutzer Gutenberg als Alternative anzubieten, wurde seitens der Macher nicht erhört. Also hat sich statt dessen eine Gruppe von Fachleuten weltweit zusammengetan, die aus WordPress 4.9.8 das CMS „Classic Press“ entwickeln und dies als Alternative zu Gutenberg zur Verfügung stellen und aktuell halten wollen.

Der Gutenberg-Editor

Wer sich inzwischen mit dem neuen Editor anfreunden möchte, kann sich WordPress 5.0 ohne das Classic Editor Plugin in einer Testumgebung installieren. Wer zusätzlich das Gutenberg-Editor-Plugin nutzt, kann die Entwicklung der weiteren Phasen betatesten. Mit einer laufenden, etablierten Website sollte man das besser nicht tun.

Rein theoretisch ist der neue Editor einigermaßen intuitiv bedienbar, wären da nicht einige Änderungen gegenüber dem alten WordPress, die es unnötig kompliziert machen. Weitere Details gibt es auf der Infoseite zum Projekt und auf Websites wie der Gutenberg-Fibel.

Der Gutenberg-Editor in WordPress
Abb.5: Der Gutenberg-Editor von WordPress (Stand Ende November 2018)

Die grundlegende Neuerung für den Nutzer besteht darin, dass er kein Word-ähnliches Interface mehr vor sich hat, sondern eine leere Seite, die er mit Blöcken füllen kann. Jedes Inhaltselement wird als eigener Block angeboten: Überschriften, Textabsätze, Bilder, Zitate usw. (Wer HTML beherrscht, wird erkennen, dass es sich dabei um nichts anderes als die bekannten Boxen, oder bei komplexeren Blöcken um Container handelt.)

Sobald man eine Art von Block ausgewählt und eingefügt hat, bekommt man dazu in der rechten Spalte die passenden Optionen zur weiteren Definition eingeblendet (ähnlich wie im alten WordPress die Metaboxen nur eben dynamisch statt statisch). Über dem jeweils zu bearbeitenden Block und links davon erscheinen außerdem bei Mausberührung weitere Kontextoptionen. Und die sind bei jeder Art Block anders.

WordPress Guenberg-Block Kontextmenü
Abb.6: Ein Textblock im Gutenberg-Editor von WordPress mit Kontextmenü oben und der Möglichkeit links, ihn per Drag&Drop oder blockweise zu verschieben.

Was man dabei wo findet, ist nicht immer wie aus dem alten WordPress gewohnt geregelt. An anderer Stelle fehlen manche Optionen komplett. Außerdem sind die Optionen pro Block und die für das jeweilige ganze Dokument (also Seite bzw. Beitrag) nur durch Hin- und Herschalten erreichbar.

Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, wird sich vermutlich bald zurecht finden, solange er in der visuellen Variante bleibt. Das Wechseln in den HTML-Editor ist etwas versteckt im Kontextmenü pro Block und funktioniert intuitiv ersichtlich nur blockweise. Wer in die HTML-Ansicht des gesamten Dokuments wechseln will, muss das über das Menü ganz oben rechts tun. Veränderungen in diesem Bereich werden jeoch nicht unbedingt akzeptiert. So produzierte zum Zeitpunkt meines letzten Tests das Hinzufügen von einfachen eigenen Anweisungen wie clear:left eine Fehlermeldung bei der Rückkehr in den visuellen Editor.

Schlimm ist, dass das Thema Accessibility nicht von vornherein mitbedacht wurde, sondern nun mühsam nachgerüstet werden muss.

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Was ist mit Themes und Plugins?

Natürlich wirkt sich das neue System auch auf die Funktionsfähigkeit bereits vorhandener Themes und Plugins aus. Wer lange keine Updates eingespielt hat, und wer Themes oder Plugins nutzt, die mit der aktuellen WordPress-Version nicht getestet sind, wird mit Gutenberg Probleme bekommen. Da macht es auch keinen Unterschied, ob man seinerzeit viel Geld dafür bezahlt hat. Ohne Anpassung von Entwicklerseite läuft da gar nichts.

Am sichersten dürfte man mit einem WordPress-eigenen oder einem schlank programmierten und kürzlich aktualisierten Theme (wie z.B. GeneratePress oder denen von Anders Norén) sein. Plugins, die auf dem neuesten Stand sind, führen meiner Erfahrung nach zumindest nicht zu Abstürzen, könnten aber in ihrer Funktionalität eingeschränkt sein. Da erwartet uns wohl noch ein längeres Schrauben und Nachbessern…

Oder man wechselt zum neuen Standardtheme Twenty Nineteen, das Gutenberg voll unterstützt. (Eigentlich hätte erst mal Twenty Eighteen kommen müssen, aber das hat man im Hinblick auf die Umstellung ausfallen lassen.) Dieses neue Theme ist allerdings relativ unspektakulär einspaltig und über den Schrifttyp lässt sich wahrlich streiten. Aber wem es genügt, Blöcke nur untereinander zu setzen, dem dürfte dieses Theme erst mal genügen.

Fazit und Ausblick

Während WordPress selbst nun erst mal mit dem Beheben von Fehlfunktionen und der Entwicklung von Phase 2 des Projekts Gutenberg beschäftigt sein wird, müssen sich Theme- und Plugin-Entwickler bemühen, mit diesen Änderungen Schritt zu halten. Dazu gibt es bereits ein Verzeichnis mit neuen Plugins, die weitere Blockvarianten zur Verfügung stellen. Mit komplexeren Blöcken, die bestimmte Inhaltselemente kombinieren, oder das Einbetten weiterer externer Dienste zulassen, soll dann mehr Abwechslung in Beiträge und Seiten kommen. Spannende Zeiten also für WordPress-Entwickler.

Wenn Projekt Gutenberg erst einmal reibunglos funktioniert, könnte es der nächste große Wurf im Web-Publishing sein. Der Weg dorthin hat sich bisher allerdings als reichlich steinig erwiesen. Ob WordPress langfristig das erhoffte Ziel erreicht, seine Marktführung im Bereich CMS auszbauen, werden die Nutzer entscheiden…

Weiterführende Links:

Mein spezieller Dank beim Verfassen dieses Artikels geht an Peter Müller für die Privatvorlesung in Sachen Gutenbergs Vorgeschichte und das gemeinsame fortwährende Testen.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 66

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