Wir aggregieren uns zu Tode

Lifestreaming ist die Zukunft des Bloggens las ich diese Woche. In endlosen Strömen ziehen bei Diensten wie FriendFeed die Inhalte an mir vorbei: große Brocken, kleine Dinge, Schnippsel, Traktate, Filme, Schnappschüsse… Man selbst sitzt je nach Temperament und Ressourcen im Kanu, auf einem Floß oder einem Tretboot im reißenden Strom. Manche schwimmen direkt in den Fluten, rudern heftig mit den Armen, gehen unter.


Symbolfoto "Erste Hilfe"
Ertrunken im Lifestream? Foto: kallejipp/photocase.com

Die Idee von FriendFeed ist ja nett gemeint: Auf einer Seite wird gesammelt, was mit meiner Person im Web verknüpft ist. Jeder gespeicherte Link, jeder Blog-Artikel, jedes favorisierte Video, jedes Foto landet nicht nur im Netz, sondern auch im Lifestream.

Die Inhalte anderer kann ich abonnieren. Sie vereinigen sich zu einem Strom, der immer mehr anschwillt.

Ich kann diesen Strom eindämmen, in dem ich Inhalte grundsätzlich entferne. Wozu brauche ich z.B. die Twitter-Meldungen, wenn ich denjenigen sowieso bei Twitter verfolge? Oder mache ich alles über FriendFeed? Aber dann müsste ich alle Twitter-Kontakte auch dort haben. Nicht jeder ist bei FriendFeed. Und wenn doch – schwillt der Strom ins Unermessliche an. Aber den kann ich doch eindämmen? Aber wenn ich dann etwas nicht mitbekomme? usw.

Und das soll die Zukunft sein? Sieht mir mehr nach Untergang aus.

Sind Blogs bald Schnee von gestern, weil wir alle nur noch aggregieren und lifestreamen, bis die Leitung platzt? Oder befreit Lifestreaming das Bloggen von Ballast, so dass wir nun ganz befreit loslegen können?

Mag sein, dass Lifestreams Blogs entschlacken. Der schnelle “Guck mal hier”-Linktipp muss nicht mehr sein. Auf YouTube-Videos kann man nun auch anders hinweisen. Und für manchen reicht es sicher aus, sich über das zu zeigen, was man selbst im Netz macht.

Ich zitiere einmal Christiane Schulzki-Haddouti hier in den Kommentaren bei UPLOAD zum Thema “Lifestreaming – die Zukunft des Bloggens?”:

Wenn ich so etwas lese, denke ich mir immer: Welcher Art von Blogger werden das wohl als Ersatz nehmen? Doch wohl nicht diejenigen, die gerne selbst Inhalte bereit stellen. Eher diejenigen, die sich schon immer hauptsächlich als Linkschleudern verstanden haben, oder täusche ich mich da?

Nein, hoffentlich nicht. Denn wo bleiben die eigenen Gedanken? Wo bleibt die Meinung? Für sie ist im reißenden Strom des Lifestreams kein Platz.

Ihr Platz ist im Blog. Eigentlich.

Lifestreaming ist dafür kein Ersatz. Es ist eine Ergänzung. Es ist ein Service. Es sind digitale Brotkrumen, die ich im Informationswald fallen lasse – aber im Gegensatz zu Hänsel und Gretel will ich nie mehr zurück. Ich will nach vorn. Immer weiter.

So sehe ich das. Und ich kann diese Gedanken in die Welt hinausposaunen, weil es Blogs gibt. Und jetzt könnt Ihr diesen Artikel in Euren Lifestream einfließen lassen und vergessen. Oder Ihr könnt Euch Gedanken machen und selbst etwas dazu schreiben. Was ist Euch lieber?

Sind meine Accounts bei Twitter, FriendFeed, Lifestream.fm und Mento dasselbe wie diese Seite? Sind sie besser als diese Seite? Braucht man dieses ganze Gerede und dieses Ding namens “eigene Meinung” überhaupt?

Oder reicht es, sich zu amüsieren?

Du sagst, man könne auch im Lifestream seine Meinung äußern, Kommentare schreiben und diskutieren? Ja, das stimmt. Du kannst bei Twitter diskutieren, bei FriendFeed, natürlich auf deinem Blog und auch bei Facebook und an tausenden weiteren Orten. Du kannst es überall und damit letzten Endes: nirgends.

Deine Stimme wird übertönt – vom allgegenwärtigen Rauschen des Lifestreams.

Lifestreaming und Blogs
Und hier der ganze Artikel in weniger als 140 Zeichen. Geht doch!

P.S.: Ist es nicht total absurd, Lifestreaming zu verdammen und selbst mitzumachen? Eigentlich nicht.
P.P.S.: Und die Überschrift? Ist die nicht total übertrieben? Ja. Aber sie ist ja auch nur so ein dummes Spielchen.

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(Illustration: © gorbachlena, depositphotos.com)

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5 Gedanken zu „Wir aggregieren uns zu Tode

  1. Es gibt eben Menschen die das Netz so nutzen, wie sie es vom Fernseher gewohnt sind, passiv; sie haben lediglich die Couch mit dem Bürosessel vertauscht, Chipstüte und Bier sind geblieben. Mutation von der Couchpotato zur Sesselqualle.

    Und dann gibt es die anderen, sie haben sich das Netz aktiv erorbert: nutzen seine Chancen, loten Grenzen aus und surfen mit Gewinn.

    Was den einen der Aggregator, ist den anderen der Browser. Wobei es natürlich manchmal nützlich ist, über den Aggregator hinwegzubrowsen…

  2. Ich sehe für mich persönlich eher eine Entmüllung des Blogs. Ich stand dem ganzen erstmal skeptisch gegenüber, aber letztendlich fange ich doch an gezielt Inhalte aus meinem Blog zu lassen.

    Klar verliert es eigene Inhalte, aber warum sollte ich für jeden Link und jede kleine Aktion noch weiterhin einen Blogpost bemühen? Ich finde, dass es den Inhalt wunderbar auf das wesentliche zusammenschnürrt. Es spart auch einfach Zeit sich auf wesentliches zu konzentrieren. Kurze Kommentare zu einem Link brauchen keinen ganzen Blogpost.

    Meinungen und Gedanken bleiben, aber eben in ihrer puren Form. Lifestreams hängen ähnlich Literaturverzeichnissen in Büchern an den Blogs, sie sind nicht mehr ihr ständiger Bestandteil.

    Richtig eingesetzt wird Lifestreaming es zur guten Ergänzung. Ich sehe die Chance Informationsweitergabe und eigene Gedanken konsequent zu trennen.
    Warum News neuschreiben, ohne wirklich Informationen oder lange Gedanken hinzuzufügen? Dann klickt man sich von einem Blog zum anderen durch und sieht, dass im Endeffekt viele einfach nur voneinander abschreiben.

    Soweit meine Gedanken …

  3. “… das ist wie Fernsehzeitschrift statt Fernseher.”

    Sehr schön, eine echte Alternative, man spart außerdem die Rundfunkgebühren (GEZ).
    Aber wer weiß, demnächst wird dann bestimmt auch die Fernsehzeitschrift als neuartiges Empfangsgerät eingestuft.

  4. So mache ich das eigentlich fast von Anfang an – Links kommen in del.icio.us mit kurzen Kommentaren. Nur was am Ende des Tages übrig bleibt und Bestand hat, das wird zum Post. Vielleicht könnte man auch sagen: Streaming ist eine Art Gedankenfilter, aber Ersatz niemals.

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